Freitag, 6. August 2004

Hasta la victoria siempre




Wenn durch die Fenster im achten Stock mal wieder Sprechchöre in das Büro von Amnistía dringen, reagiert inzwischen kaum mehr jemand von uns. Wir haben uns daran gewöhnt, dass an manchen Tagen drei verschiedene Demonstrationen im Abstand weniger Stunden über die 10 de Agosto in Richtung Kongress ziehen. Vor einigen Wochen war das täglich der Fall. Die Indígenas wollten wie vor zwei Jahren einen Regierungswechsel erzwingen. Im ganzen Land sperrten sie die Hauptverbindungsstraßen, organisierten Protestmärsche und Arbeitsniederlegungen – dieses Mal allerdings ohne Erfolg. Da der Präsident, dem sie 2002 ins Amt verholfen hatten, schlauerweise Vertreter der Indígenas in seine Regierung geholt hat, sind sie inzwischen so zerstritten, dass sie es nicht mehr schaffen, ihre eigenen Leute, geschweige denn das ganze Land zu mobilisieren. Und wenn nicht die Indígenas über die 10 de Agosto ziehen, fordern dort die Revolutionäre Jugend Ecuadors mit roten Che-Guevara-Fahnen einen besseren Bustransport zur Schule oder die Rentner eine Erhöhung ihrer monatlichen Zuwendung. Die Alten kämpfen inzwischen sogar mit Hungerstreik für mehr Geld, in den vergangenen zwei Wochen sind 14 von ihnen an der Aktion gestorben.

Wenn es also irgendwo Protestkultur gibt, dann hier in Ecuador und in ganz Lateinamerika. Das haben die Latinos in den vergangenen zehn Tagen in zwei Veranstaltungen noch einmal gesondert unter Beweis gestellt. Zuerst haben sich vier Tage lang Vertreter der Indígenas von Alaska bis Feuerland in Quito getroffen, ihre Einheit beschworen, obwohl sie sich im Grunde nicht ausstehen können, und ordentlich mobil gemacht für Chavez und Cuba und gegen Rassismus, Neoliberalismus, Imperialismus, Kapitalismus, die Vereinigten Staaten, Transnationale Firmen, TLC und Globalisierung. Täglich um 5.30 Uhr entzündeten sie auf dem Dach einer katholischen Mädchenschule das heilige Feuer und grüßten die Sonne, Norden und Süden, Osten und Westen, Erde und Himmel und Berge und Bäume und alles, was es sonst noch gibt – jeden Tag nach dem Ritual eines anderen Teil des Kontinents. Dann wurden gemeinsam Erbsen für das Frühstück gepult. „Wer nicht hilft, isst nicht“, schrie Organisatorin Blanka Chancoso und achtete darauf, dass sich keiner der mehreren hundert Teilnehmer und Journalisten drückte.







Anschließend – mit ordentlicher Verspätung von durchschnittlich zwei Stunden – wurde über Autonomie und Selbstbestimmung, Plurinationalität und nachhaltige Entwicklung, über geistiges Eigentum, die Rechte der Indígenas, ihre Teilhabe an Politik und Gesellschaft und deren Militarisierung gesprochen. Was in der Resolution zum Abschluss exakt steht, weiß ich allerdings nicht. Als sich am letzten Tag spätnachmittags die Teilnehmer zu einer Protestkundgebung sammelten, hatten sie die Pressekonferenz einfach ohne Erklärung ausfallen lassen. Auf das Mail, das mir fest versprochen wurde, warte ich bis heute. So sind sie, die Latinos – wenn man denn die Indígenas als Latinos bezeichnen kann. Dafür habe ich jetzt eine Kontaktadresse in Chiapas/Mexiko, kenne den Chef der größten Indígena-Bewegung in Ecuador und eine der indigenen Führerinnen im Kampf Venezuelas für Chavez.








Die Protestkundgebung der Indígenas am letzten Tag ihrer Zusammenkunft führte zur Plaza San Francisco in der Altstadt, wo übergangslos gerade der nächste Gipfel begann, das Foro Social de las Américas, das Weltsozialforum für den Kontinent, das unter dem Motto stand: „ein anderes Amerika ist möglich“. Nach einem eher kulturellen Auftakt trafen sich mehrere tausend Menschen von Alaska bis Feuerland täglich in drei Universitäten Quitos und im Casa de la Cultura, um dort über Demilitarisierung, Auslandsschulden, Alternativen zur neoliberalen Globalisierung, Welthandel, Menschenrechte, sexuelle Diversität, soziale Bewegungen, Plan Colombia, ALCA, Gleichberechtigung, Weltbank, Friede, Freiheit und Eierkuchen zu reden. Höhepunkt war ein mehr als dreistündiger Marsch durch die gesamte Stadt mit kommunistischen, antikapitalistischen und -imperialistischen Parolen und Sprechgesängen wie „Hu, ha, Chavez no se va“ (Chavez tritt nicht ab) oder „Coca Cola asesina“ (Coca-Cola tötet). Am Anfang gab es an der amerikanischen Botschaft ein bisschen Trubel mit der Polizei, am Ende ein bisschen Reizgas. Aber insgesamt verlief doch alles friedlich. Allerdings ist die Demo-Route nun an den Schmierereien an den Hauswänden zu erkennen.







Von den vielen interessanten Themen und ebenso vielen Sprechblasen, die in den Seminaren, Konferenzen und Workshops des Foros von sich gegeben wurden, habe ich leider nur den kleinsten Teil mitbekommen. Auch am Stand von Amnestía in der Universidad Salesiana war ich eher selten Gast, und wenn dann eher, um mir an den angrenzenden Ständen Ceviche, Empanadas oder Fisch-Kroketten und Schokoladenkuchen zum Mittagessen zu kaufen. Ich war voll und ganz damit beschäftigt, die AI-Delegation aus London, Paraguay, Uruguay, Peru und Argentinien medial zu vermarkten und die Termine zu koordinieren und kämpfte dabei unter anderem ordentlich gegen die Angewohnheit der sieben Frauen, die extra beschafften Mobiltelefone nicht einzuschalten, und ihren Unwillen, jeden Tag um sechs Uhr oder noch früher aufzustehen. Aus irgendeinem Grund machen Radios und Fernsehstationen ihre Interviews immerzu morgens zu fast nachtschlafener Zeit. So verging also kein Tag, an dem ich nicht spätestens um sieben im Hotelfoyer stand, um die Damen zu diversen Studios zu begleiten. Während ich dann untertags unzählige 10-Dollar-Karten mit meinem Handy vertelefonierte, besuchten die Delegierten eine Veranstaltungen nach der anderen, um Kontakte zu sammeln. Abends um neun gab es noch mal Besprechung. Und hinterher wollte die Gruppe natürlich etwas essen oder gar ausgehen.



So habe ich es außer zu einem Seminar und einer Videovorführung über den Plan Colombia und einer Versammlung zu dem Thema Frauen in der Indígena-Bewegung nur mit dem Chef von „Opción“ ins Nationaltheater geschafft, um am Festabend für Kuba teilzunehmen. Dort wurden vor 2000 Zuhörern Texte von Fidel und Che gelesen, Reden gehalten, die mit „hasta la victoria siempre“ endeten, rote Fahnen geschwungen, Solidaritätsadressen für die fünf inhaftierten Cubaner in den USA abgegeben, und dazwischen durften ein paar alte cubanische Barden schmonzige Lieder singen. Auch wenn eher nüchterne Zeitgenossen in Deutschland jetzt lachen mögen, aber nach all dem Zynismus in Europa ist so ein bisschen linker Idealismus in Lateinamerika doch sehr erfrischend. Ehrlich gesagt, der Abend war richtig ergreifend. Hier muss man sich nicht für sein bisschen laues Links-Sein schämen, hier muss man sich höchstens für seinen Mangel an Radikalität genieren.




Zum Abschluss des Foros am vergangenen Freitag habe ich es schließlich noch fertiggebracht, dass der deutsche Botschafter den Stand von Amnistía besuchte und dort seine Unterstützung für unsere Kampagne „Stoppt Gewalt gegen Frauen“ zum Ausdruck brachte, indem er unter diesem Slogan seinen Handabdruck in Farbe auf einem großen Leintuch verewigte – neben vielen anderen farbigen Handabdrucken. Und ein Gespräch mit einer der Delegierten aus London führte, das diese in den siebten Himmel versetzte. „Zum ersten Mal ist es passiert, dass jemand anbietet: Sag, was ich machen soll, und ich mache es“, schwärmte die Spanierin. Einziges Manko der Aktion: Trotz hoch und heiliger Versprechungen sämtlicher Tageszeitungen in Quito ist natürlich kein einziger Journalist erschienen. Wie auch – als Redakteurin hätte mich das auch nicht interessiert.




Aber ich war zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon nicht mehr ganz Herr meiner Sinne. Die Woche war ziemlich anstrengend gewesen. Unter anderem habe ich – außerhalb des Foros – ein Interview mit der Tochter von Che Guevara geführt. Und zu allem Überfluss war ich am Vortag bis sechs Uhr morgens unterwegs gewesen, um nach drei Stunden Schlaf aufzustehen und einen Artikel für „Opción“ zu schreiben. Als sich dann am Freitagabend in der Disko die 24-jährige Amelie schon um eins verabschiedete und ich – inzwischen wieder topfit – eine dumme Bemerkung machte, von wegen Jugend und so, antwortete die französische Kollegin frech: „Wenn Du so weitermachst, wirst Du dieses Jahr in Lateinamerika nicht überleben.“ Ich hoffe natürlich schon.

Mittwoch, 21. Juli 2004

La Mariscal

So schrecklich ich den Kern des Viertels Mariscal, an dessen Rand ich wohne, am Anfang fand, inzwischen habe ich mich mit Gringolandia angefreundet. Wie das kommt? Ich hatte in den vergangenen zwei Wochen erstmals abends nicht wirklich etwas zu tun und bin deshalb nachts so ausgiebig unterwegs gewesen, dass ich tagsüber beim Arbeiten kaum die Augen aufgebracht habe und mir beim Termin mit dem deutschen Botschafter gar vor Müdigkeit fast die Tränen gekommen sind. Der deutsche Botschafter ist in Gringolandia nachts sicher nicht zu finden. Dafür aber angetrunkene Asesores aus dem ecuadorianischen Kongress, Schwarze auf der Suche nach Gringas, die ihnen eine Zeitlang den Lebensunterhalt finanzieren, Latinos und Gringos auf der Suche nach einem Abenteuer für eine Nacht, Prostituierte, Reisende aus der ganzen Welt, Provinz-Ecuadorianer auf Hauptstadtausflug und – auch das – ganz normale Quiteñer aller Altersklassen.

Im Prinzip handelt es sich um exakt eine Straßenkreuzung und ihre Ausläufer, an der sich das Nachtleben der Neustadt ballt. Es ist die Kreuzung des Internetcafés „Papayanet“, an der sich Gott und die Welt verabredet. Während die Ecke tagsüber eher verschlafen und ausgestorben wirkt, sammeln sich dort ab sieben Uhr abends, wenn es schon dunkel ist, Gruppen und Grüppchen, stauen sich auf der Straße plötzlich die Autos, postieren sich Polizisten für den Nachtdienst, tauchen aus allen Winkeln Kinder auf, die Chiglets (Kaugummi) und rote Rosen verkaufen, und weiter unten baut einer täglich seinen Grill auf, dessen nackte Glühlampe später nicht nur die nach Fabrik aussehenden Hotdog-Würstel, sondern auch eine Schlange hungriger Nachtschwärmer in gleißendes künstliches Licht tauchen wird.

„Adonde vamos?“, ist die Standardfrage zu Anfang eines Abends. Dabei ist sie eigentlich überflüssig. An den zwei Straßen ballen sich zwar Diskotheken, Bars, Kneipen und Restaurants. Aber da wir ohne Ausnahme mit unserem Geld haushalten müssen, steht alles, was mehr als drei Dollar Eintritt kostet, praktisch nicht zur Diskussion. Wegen Überteuerung der Getränke steuern wir einige andere Orte nur selten an: Das „Bodegin“ ist ein historisches altes Haus mit gemackvollem Ambiente und Gästen meines Alters und aufwärts, wo die Kellner mitunter die weiblichen Gäste zum Tanzen auffordern und der Wirt gerne selbst zur Gitarre greift, wenn er eine Band zu Gast hat. Das „Varadero“ und „La Bodeguita de Havanna“ bieten jedes Wochenende cubanische Livemusik auf und verwandeln sich dann in dampfende Hexenkessel mit dicht an dicht tanzenden und hopsenden Gästen, die mit einer halb mit Sand gefüllten Plastikwasserflasche den Rhythmus in die Luft schlagen. Etwas gediegener geht es in einer Salsothek im Untergeschoss eines Hochhauses zu, wo sich auf der Tanzfläche die Könner treffen.

Unsere Abende beginnen meist in einer kleinen Kneipe im ersten Stock über einer Diskothek, wo am Wochenende nachts gerne eine grauenhafte Combo ihre Instrumente auspackt, die Getränke billig, die Barmänner zu späterer Stunde ordentlich betrunken und die Hamburger nicht zu empfehlen sind – die verursachen manchmal Probleme mit der Verdauung, und das hat bei mir bisher nicht einmal das Leitungswasser hier geschafft. Wo es dann auch hingeht, am Ende landen wir doch immer im „Sasha“, einer kleinen Hiphop-Diskothek mit grauenhaften Caipirinhas und einem Balkon für diejenigen, denen das alles zuviel geworden ist. Der Ort ist nebenbei auch der Treffpunkt der Schwarzen Quitos. Und wer auch immer nur einen Schwarzen in Ecuador kennen gelernt hat, kann sich sicher sein, dass alle anderen Schwarzen an allen anderen Orten des Landes diesen kennen. Ecuador ist klein, die Gemeinde der Schwarzen noch kleiner.

Wer nun nach einem Donnerstagabend im „Sasha“ anderntags mit dem Nachtbus für das Wochenende an die Küste nach Atacames fährt, wo ich nun nach drei dort verbrachten Wochenenden so schnell nicht mehr hin muss, trifft dort mitunter die gleichen Gesichter wieder. Was auch daran liegt, dass die Küste die Heimat der Schwarzen ist. Atacames ist eine Kopie des Mariscal und gleichzeitig ein bisschen wie Tollwood am Meer: eine Strandkneipe mit tropischen Cocktails und ohrenbetäubender Musik neben der anderen, dazwischen Stände mit Ethno-Artikeln, Fleischspießchen, gebratenen Maiskolben und Kokossüßigkeiten und eine Unzahl von Frauen, die Haare flechten, und Männer, die tätowieren oder piercen. Zwischen Rikscha-Taxen bummeln Unmengen urlaubender Ecuadorianer und in diesen Tagen zusätzlich Horden von Jugendlichen, die dort ihre Abschlussfahrt verbringen. Da kann es dann passieren, dass eine 34-jährige Gringa eine halbe Stunde lang mit einem halbwüchsigen Schüler tanzen muss.

Gewöhnungsbedürftig, aber nicht zu vermeiden in Lateinamerika: Der Mann fordert die Frau zum Tanzen auf, allein rumhopsen ist an vielen Orten eher nicht angesagt, oder zumindest bleibt man selten lange alleine beim Tanzen. Für einen Korb muss man schon einen triftigen Grund finden. Zu empfehlen ist, lieber mit einem Kotzbrocken ein Lied in Ehren hinter sich zu bringen, dann gibt der wenigsten Ruhe für den Rest des Abends. Aber natürlich nicht, ohne vorher die fünf W-Fragen losgeworden zu sein: Woher kommst Du, wie heißt Du, wie lange bleibst Du, was machst Du hier, hast Du einen Freund? Variationen gibt es nicht, nicht einmal in der Reihenfolge.

In Quito könnte man seine Nächte natürlich auch außerhalb des Mariscal verbringen. Allerdings kostet das zusätzlich die Taxifahrt, während ich in der Neustadt zu Fuß nach Hause gehen kann. In der Altstadt ist es hingegen nachts so gefährlich, dass jeder Meter zu Fuß das Leben kosten kann. Dort steigt man nachts sogar erst dann in ein Taxi, wenn der Fahrer den Namen der Person gesagt hat, die ihn telefonisch gerufen hat. Taxiklau ist nicht selten – nicht wegen der Autos, sondern als Mittel zum Zweck. Dabei gibt es auch in der Altstadt nette Orte, etwa das „Casa de la Peña“, ein verwinkeltes Kolonialgebäude mit Patio und langer Geschichte, das eine Gruppe junger Kolumbianer hergerichtet hat und nun betreibt. Das Lokal bietet nicht nur hervorragende Livemusik an den Wochenenden, sondern immer auch wieder so etwas wie Kabarett. Sozusagen das alte kino von Quito – allerdings mit erheblich gesalzeneren Preisen.

Wer nun allerdings meint, in Quito die Nacht durchzechen und -tanzen zu können, der irrt gewaltig. Während in München erst kürzlich die Aufhebung der Sperrstunde beschlossen wurde, muss hier in der ecuadorianischen Hauptstadt jedes Lokal punkt zwei Uhr schließen. Aber natürlich wäre das nicht Lateinamerika, wenn es nicht auch dafür eine Lösung gäbe. Die ein oder andere Bar sperrt ihre Gäste ein. Und wenn selbst dort kein Bleiben mehr ist, gibt es immer noch die „clandestinos“, die sich in der Regel hinter unscheinbaren heruntergezogenen Rolläden verbergen und die man frühestens zum Frühstücken verlässt. Zu empfehlen ist dann nach durchzechter Nacht eines der beiden Nationalgerichte: Encebollada (deftig gewürzte dunkle Fischsuppe) oder Ceviche (mit Essig, Öl und Zitronensaft marinierte und mit Tomaten, Kräutern und Zwiebelringen garnierte rohe Meeresfrüchte). So etwas schmeckt natürlich am besten an der Küste, etwa in Sua, dem etwas familiäreren und ruhigeren Nachbarort von Atacames. Ein solches Frühstück am „Volksküchen“-Tisch mitten auf der staubigen Straße mit Blick auf das Meer - und auch dieser Tag ist Dein Freund.

Freitag, 9. Juli 2004

Mindo
















San Vincente bei Nacht









Atacames













Baños







Otavalo

















Unterwegs






Frische Luft, weite Sicht, Stille und Andenleben am Ende der Welt: Am vergangenen Wochenende bin ich mit drei Kolleginnen und einem durchreisenden Franzosen aus dem Hostal der Mädels aus dem Abgaskessel Quitos in den Nationalpark des Cotopaxi geflohen - auch als Vorbereitung auf die Besteigung des fast 6000 Meter hohen Berges. Zwar mögen die jeweils mehr als fünf Stunden für Hin- und Rückfahrt für eine fünfstündige Wanderung etwas aufwendig erscheinen, aber es hat sich trotzdem gelohnt. Zum einen glaube ich jetzt: Die Höhe des höchsten freistehenden aktiven Vulkans ist zu bewältigen. Zum anderen ist die Anreise allein schon ein Abenteuer – jedenfalls für uns Gringas. Und zum dritten weiß ich nun, dass ich auf jeder noch so holprigen Strecke und in jeder Stellung und selbst mit einer Pobacke auf der Abdeckung des Busmotors, der anderen in der Luft und dem Kopf auf der Armlehne des nächsten Sitzes tief und selig schlafen kann.


Samstagnachmittag um drei haben wir uns nach einem Workshop mit Studenten auf den Weg gemacht: Nach einem Wechsel der Buslinie in der 80 Kilometer oder zwei Stunden entfernten Provinzhauptstadt Latacunga erreichten wir gegen 20 Uhr ein Dorf in den westlichen Andenkordilleren namens Zumbahua – gut durchgerüttelt, etwa als wären wir die letzten drei Stunden der Strecke auf einer schleudernden Waschmaschine gesessen. In dem Nest stiegen wir mit einigen Bauern bei absoluter Dunkelheit auf die offene Ladefläche eines Kleinlasters, von der aus wir bei Eiseskälte dick eingemummelt den Sternenhimmel und den über den Bergspitzen aufgehenden Vollmond bewunderten – wenn uns angesichts der Steigungen, Kurven und Abgründe, der rasanten Geschwindigkeit und des ausfallenden Scheinwerferlichts nicht gerade der blanke Schrecken in die Glieder fuhr.


Nach einer halben Stunde setzte uns der Fahrer auf 4500 Metern im zehn Häuser großen Quilotoa an einer einfachen Unterkunft ab: In der Mitte eines großen Raumes bullerte ein kleiner Ofen, daneben ein langer Holztisch mit Bänken, an den Wänden hingen naive Indigena-Malereien, mit denen sich der Hausherr ein Zubrot verdient und die in exakt dieser Art in Quito an jeder Straßenecke verramscht werden. Außer einer karg ausgestatteten Küche gab es noch einen Trakt mit zwei Dutzend Doppelbetten und ein Plumpsklo auf dem Hof. Nach einem Abendessen mit Gemüsesuppe, trockenem Reis und Spiegelei legten wir uns bald schlafen, während das halbe Dutzend Kinder des Hauses immer noch Rambo bewunderte. Ein Stereoturm mit Fernseher, DVD-Player, Videorekorder, CD-Spieler und allem, was sonst so dazugehört, war der einzige Luxus dieser Cabaña.


Anderntags machten wir uns früh auf den Weg. Wir wanderten am Grat eines erloschenen Vulkans entlang, von dem wir eine herrliche Aussicht auf den unter dicker Wolkendecke ständig die Farbe wechselnden Kratersee hatten. Dann stiegen wir mit Blick auf eine fast monochrom anmutende grün-braune Landschaft und weite Bergzüge viele Hunderte Meter über versandete Pfade, Wiesen und Blumenmeere, Felsschluchten und Steinkamine ab und erreichten nach einem steilen Aufstieg durch Felder und einige Ansammlungen von strohgedeckten Lehmhütten mit Horden kläffender Köter fünf Stunden später unser Ziel, das Dorf Chugchilán.


Auf dem Dorfplatz fielen wir wenig auf, dort herrschte Markttreiben. Da wir mangels Busse allerdings die Heimfahrt organisieren mussten, kümmerten wir uns wenig um die Stände mit Gemüse, Obst und Fleisch, um ratschende Bauern, zum Verkauf stehende Kühe, Schafe, Lamas und Hühner und schäkernde junge Frauen. Stattdessen füllten wir unsere leeren Mägen mit Hühnersuppe und Reis (vor dem servierten Fleischfetzelchen ungenauer Herkunft und eigentümlicher Konsistenz kapitulierten nicht nur die Messer) und wurden schnell mit dem Herbergsbesitzer über unsere Rückreise nach Latacunga einig. Er verschaffte uns eine Mitfahrgelegenheit im Wagen seines Bruders.


Der kleine Laster transportierte zwei Bullen auf der Ladefläche; ein lebendes Huhn, drei von uns und zwei Ecuadorianer auf einer kniehohen offenen Kanzel über Ladefläche und Fahrerkabine; und schließlich zwei von uns mit dem Fahrer und seinem Vater, einer Frau und ihrem Sohn sowie unsere Rucksäcke in der dreisitzigen Fahrerkabine. Die Rückfahrt in die Provinzhauptstadt dauerte mehrere Stunden, unterbrochen von einer längeren Panne und einer Durchfallattacke meiner belgischen Kollegin Claude, die den Fahrer noch am Ziel in Lachsalven ausbrechen ließ. Nach einem Wechsel in einen ordentlichen Bus landeten wir nachts um halb neun müde und zufrieden wieder am Busbahnhof in Quito.

Auf unserer Wanderung waren wir nur durch eine größere Ansiedlung gekommen, ein Dorf mit etwa einem Dutzend Häuser und einem Fußballplatz. Dort im Laden versorgten wir uns mit Kokoskeksen und Wasser und konnten hautnah erleben, was Indigena-Kultur ist. Am berühmtesten sind die Otovaleñer, die auch in Quito häufig zu sehen sind. Sie gelten als stolz, arrogant und pflegen ihre Tracht. Das wertvollste Stück des Mannes sind seine langen Haare, die er zu einem Pferdeschwanz bindet. Darüber ein dunkler Hut, dazu weiße, weite Leinenhosen und ein dunkelfarbener Poncho. Die Frau trägt einen knöchellangen Rock aus zwei Stoffbahnen in schwarz und blau, eine weiße handbestickte Bluse und darüber eine weiteres Tuch, das sie an einer Schulter zum Knoten bindet. Männer wie Frauen laufen in sandalenartigen Schuhen, die früher aus einer Pflanze gefertigt wurden, heute aber aus Stoff und Gummi sind. Aber die Otovaleñer sind in der Rangordnung der Indigenas nicht deshalb ganz oben, weil sie ihre Kultur bewahren, sondern vor allem, weil sie verhältnismäßig reich und erfolgreiche Geschäftsleute sind – in Ecuador und auf der ganzen Welt.


Dort wo wir hingegen gelandet waren, lebt man von dem bisschen, was die Erde in dieser Höhe abwirft. Die Männer des Dorfes trugen alte, ausgebeulte Hosen und löchrige Pullover; die Frauen die Standardbekleidung aller traditionellen Indigena-Frauen, die keine besondere Tracht tragen: altmodische Slipper, dicke Kniestrümpfe, knielange Röcke, Blusen und Strickjacken, mitunter auch Hut. Sie standen etwas abseits in einer Gruppe beisammen und beäugten uns scheu aus der Ferne. Jeder Versuch, ein Gespräch mit ihnen zu beginnen, ist zwecklos.

In der Indigena-Kultur ist dem Mann die Initiative – auch die des Einladens – vorbehalten. Und damit dieser sich nicht am Ende dumm vorkommen könnte, sprechen die Frauen so gut wie nicht, nicht einmal auf Anfrage. Die Frau steht unter dem Mann, schleppt oft genug ein Kind im Wickeltuch auf dem Rücken und an jeder Hand ein weiteres und manchmal noch irgendwelche Lasten auf der Schulter. Früher durfte sie ihrem Mann in der Öffentlichkeit nur mit Abstand folgen – auch heute noch sieht man ältere Paare in dieser Konstellation in den Straßen Quitos. Während also jede Kontaktaufnahme mit den Frauen scheiterte, waren die Männer aufgeschlossener, als uns lieb war. Sie hatten auf dem Friedhof gerade einen der ihren unter die Erde gebracht, taten sich dort am Grab an einer hochprozentigen selbstgebrauten Flüssigkeit gütlich, die wir dankend ablehnten, und ließen uns nicht ziehen, ehe wir nicht zumindest jedem die dreckigen Hände geschüttelt hatten.

Allerdings ist Ecuador nicht überall so fremdartig, und nicht alle Ausflüge fielen so abenteuerlich aus. Auf der Busfahrt in das zwei Stunden entfernte Otavalo, das für seinen samstäglichen Ethno-Markt berühmt ist, staunte ich noch über die gigantischen Bergmassen, die Höhe und die ständig ein- und aussteigenden fliegenden Händler, die Getränke, Chips, Schokolade oder Fleischspieße anbieten und dabei manchmal einen halbstündigen Vortrag halten, der jedem Verkaufsseminar einer deutschen Versicherung zur Ehre gereichen würde. Im drei Stunden entfernten schmucken Naherholungsort Baños verzichtete ich auf ein Bad in den Schwefelbädern und radelte stattdessen mit meinem Kollegen durch eine Schlucht mit einer Reihe von tosenden Wasserfällen. Und im sieben Stunden entfernten Atacames an der Küste im Norden Ecuadors schlug ich mir mit meiner italienischen Kollegin Chiara zwei Nächte um die Ohren, ließ mir ohne Erfolg zeigen, wie man Salsa tanzt, frühstückte mittags Espresso und Pizza und schlief mich anschließend am Strand aus.

Aber nicht nur, dass der Ausflug in die Bergwelt bisher die beeindruckendste Exkursion war. Das Wochenende hinterließ auch die bleibendsten Erinnerungen. Zwar hat sich in meiner Wohnung bisher keine einzige Kakerlake blicken lassen. Dafür habe ich aus der Berghütte andere Tierchen mitgebracht. Am Montagmorgen glaubte ich noch, ich litte an Sehstörungen, als ich zwischen mir und meiner Kaffeetasse einen winzigen schwarzen Punkt Saltos in der Luft schlagen sah. Aber im Laufe des Tages mit zunehmendem Juckreiz an allen möglichen und unmöglichen Stellen verfestigte sich der Verdacht zur Gewissheit, dass ich Flöhe eingeschleppt hatte. Die chemische Keule, die ich nach stundenlangen Laufereien durch mehrere Dutzend Apotheken erwarb, hat aber inzwischen ihre Wirkung getan. Und mit meiner neuen toxischen Ausrüstung bin ich nun auch für alle anderen Ziele im Land gewappnet. Dieses Wochenende muss ich allerdings erst einmal verschnaufen: Zu viel unterwegs gewesen die vergangenen Nächte.