Einen Stadtplan? Die Frau blickt verstört von ihrem Waschzuber auf. Nein, damit kann sie nicht aushelfen. Sie schreit nach einem ihrer Kinder in dem zugestellten und überdachten Durchgang, der gleichzeitig als Küche, Bad, Trockenraum, Fernsehecke, Kinderzimmer und Eingang zu den fensterlosen Hotelzimmern dient. Eine Buchhandlung? Sie schaut kurz von der Waschbrühe auf, in der sie Babywindeln schrubbt. Ein verständnisloser Blick. Nein, Buchhandlung weiß sie auch keine. Auf der frisch geduschten Haut ihres Pensionsgastes beginnt sich in der schwülen Hitze schon wieder ein Schmierfilm aus Schweiß zu bilden, da ruft sie ihm in die Schmachtfetzen der morgendlichen Telenovela noch etwas hinterher: das Einkaufszentrum, das Plaza Inter, ein Häuserblock zum See, sechs nach Osten. Sie fuchtelt mit den nassen Händen in eine unbestimmte Richtung. Oh mein Gott. Wo ist der See? Wo ist Osten? Wo bin ich hier?
Für Neulinge ist Nicaraguas Hauptstadt Managua ein Albtraum. Und daraus gibt es auch mit einem Stadtplan kein Erwachen – wenn überhaupt einer aufzutreiben ist. Straßennamen existieren nicht. Von dort, wo einmal das Kino Dorado stand, sollen es drei Häuserblocks zum See, zwei nach Westen und ein halber nach Süden sein – eine normale Adressenangabe. Dumm nur, dass der Ort, an dem früher das Kino stand, im Stadtplan nicht als solcher auftaucht, genauso wenig wie andere geheimnisvolle Orientierungspunkte. Es gibt sie nicht mehr, seit das Erdbeben von 1972 die mittelamerikanische Hauptstadt verwüstete.
Und überhaupt: Wo ist der See? Neuankömmlingen bleibt bei der Adressensuche nur ein Taxi. Fahrgäste sollten sich aber nicht wundern, wenn erstens im Auto schon drei Passagiere sitzen, die zuerst abgeliefert werden. Wenn zweitens der Preis von 20 Cordoba (etwa ein Euro) vorher zu entrichten ist, damit der Fahrer tanken kann – ein paar Tropfen für exakt 20 Cordoba. Wenn dieser dann, drittens, versucht, seinen Kunden zum Protestantismus zu bekehren, während ein Radioprediger in voller Lautstärke von der Liebe Christi salbadert. Und wenn der Fahrer viertens an der übernächsten Straßenecke einem Passanten durch das Autofenster die Frage zuruft, die Orientierungslose durch die ganze Stadt verfolgt: In welcher Himmelsrichtung liegt hier der See?
Ja, wo liegt er nun, der See? Wenn Reisende endlich am Ufer stehen, am Rand des Stadtzentrums, wo früher sonntags Dienstmädchen spazierten und flirteten, beginnen sie zu verstehen, dass diese Frage – die Orientierung einmal ausgenommen – vollkommen unerheblich ist. Von der Uferpromenade ist praktisch nichts und vom Zentrum nur eine halb verfallene Kathedrale übrig; außerdem das Nationaltheater, das frühere Parlament und Brachflächen, die bis heute niemand bebaut hat – wenn man mal vom neuen Präsidentenpalast absieht. Baden kann man im Managua-See ohnehin nicht. Die Wasserqualität überleben schon die Fische nicht.
Managua ist keine Stadt zum Besichtigen von Sehenswürdigkeiten. Höchstens Linksnostalgiker dürften ihren Gefallen finden an den Überbleibseln der sandinistischen Revolution. Die bereitete vor 26 Jahren einem diktatorischen Familienclan sein Ende, wurde 1990, nach einem zermürbenden Bürgerkrieg gegen die von den USA finanzierten Contras, durch Wahlen in die Knie gezwungen und versucht seither vergeblich, auf demokratische Weise an ihre einstigen Erfolge anzuknüpfen.
Von denen zeugen ein paar Überbleibsel auf einem Hügel inmitten Managuas: Zwei verrostende Panzer und eine Statue des Namenspatrons Augusto Cesar Sandino, eines Minenarbeiters, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts den bewaffneten Aufstand gegen die nordamerikanischen Besatzer anführte und 1934 hinterhältig ermordet wurde. Vom Hügel bietet sich ein schöner Blick auf die Weitläufigkeit der Stadt, ihren See, viel Grün und einen mit Wasser gefüllten Vulkankrater, die Laguna de Tiscapa.
Managuas Schönheit ist eher herb; sie offenbart sich dem, der sich treiben lässt: zum Straßenverkäufer, der schwarz kopierte CDs mit Revolutionsliedern und dazu gleich seine eigenen Erlebnisse feilbietet; im Gewusel des größten zentralamerikanischen Marktes, des Mercado Oriental, der für sich gesehen schon ein Stadtteil ist und in dessen verrufenen Kern sich sogar manche Nicas nicht hineintrauen; an die Fritanga-Buden, die aus schwarz verkrusteten Blecheimern tatsächlich Essbares zaubern.
Oder ins Nachtleben: In eine Bar am Rande eines städtischen Kreisverkehrs, in der sich Mariachi-Musiker ein Zubrot verdienen und sich vornehmlich männliche Gäste mit Rum und Cola bis zum nächsten Morgen retten. In eine der überdachten und vergitterten Freiluft-Kneipen im Stadtteil Bolonia, wo Journalisten bei vielen Litern Bier an blanken Resopaltischen Berufstratsch weitergeben und die Tatsache feiern, dass sie sich wegen politischer Differenzen nicht mehr gleich niederschießen. In eine der Salsa-Diskotheken, natürlich, auch die gibt es.
Einkaufszentren im nordamerikanischen Stil schießen aus dem Boden, üblicherweise mit einer Etage Fast-Food-Restaurants, die ohnehin jede größere Kreuzung markieren. Besserverdienende heben ihr Geld am Drive-in-Schalter ab. Wer kann, verbringt die Wochenenden am Meer. Wenn der See nichts hergibt, dann wenigsten die See. Welche? Die karibische ist von der Hauptstadt aus nur durch logistische Höchstleistung oder im Flugzeug zu erreichen. Also die pazifische. Lieblingsausflugsziel der Nicas, besonders zu Ostern ist das kleine Nest San Juan del Sur.
Wer in der Hauptstadt, wie die große Masse, vom Mercado Roberto Huembes im ausrangierten US-Schulbus dorthin aufbricht, wird auf dem schmalen Bänkchen kaum den Platz finden, auch nur seinen Blick auf die draußen vorbeiziehende Landschaft zu wenden; geschweige denn in seinen Hosentaschen nach dem Fahrgeld zu kramen, das der nach hinten durch die Leiber turnende Busbegleiter verlangt. Da ist es dann doppelt schön, wenn man Freunde mit einem eigenen Auto gefunden hat. Darin genießt man die Bewegungsfreiheit und trällert die inoffizielle Nationalhymne mit. „Ay Nicaragua, kleines Nicaragua, schönste Blume meiner Liebe“, singt Carlos Mejia Godoys zu Recht.
So herb sich die Hauptstadt gibt, so lieblich präsentiert sich das Land. Auf der Strecke in das Fischerdorf San Juan del Sur im äußersten Südosten wartet es auch noch mit touristischen Höhepunkten auf: Masaya, wo der Held Sandino geboren wurde, mit dem Vulkan, dem Kratersee und dem Naturpark gleichen Namens. Oder der gemütlichen Kolonialstadt Granada am Ufer des Nicaraguasees mit seinen Inselgrüppchen und der Vulkaninsel Ometepe.
Zwischen den touristischen Stationen lohnt ein Stopp an einer Imbissbude mit gekochten oder gegrillten Maiskolben, frischem Obst oder warmen Tortillas mit Sahne-Zwiebel-Füllung. Eine schwere, feuchte Schwüle vertreibt die Klimaanlagenluft aus den Lungen, die Milch der Kokusnuss löscht den Durst. Am Straßenrand oder auf einem Dorfplatz entzündet sich schnell einmal eine Debatte über die Neugestaltung der Ortsmitte, den Sinn von Entwicklungshilfe, die Pflanzenvielfalt des Landes oder seine Probleme.
Politisch und sozial liegt vieles im Argen. Einige wenige genießen unglaublichen Reichtum, die Masse aber schlägt sich mit weniger als einem Dollar pro Tag durch. Die großen Parteien üben sich in Posten- und Pöstchengeschachere, der Politikbetrieb lebt von der Korruption, die Auslandsschulden ersticken alle Bemühungen um Besserung.
In einem der weißen Dörfer bei Masaya leuchtet das frisch gemalte Porträt von Sandino von einer Hausmauer. Ein kleiner stämmiger Mann kommt aus der Tür, holt zu einem Vortrag über die Wahlkampfstrategie der Sandinisten aus und schwärmt: „In Nicaragua muss niemand verhungern.“ Letztlich landet aber auch der Dorffunktionär bei den Realitäten. „Die Bauern“, sagt er dann, „die bekommen doch heute fast kein Geld mehr für ihren Mais, ihre Bohnen, ihren Kaffee.“
Das lässt sich ein paar Kilometer weiter beobachten. Dort wurde die Bushaltestelle vor dem Friedhof zum Kaffeemarkt umfunktioniert. Bauern verkaufen am Straßenrand ihre Ernte an Zwischenhändler. Die lassen Bohnen aus den Plastiksäcken in einen Holzkasten schütten, um Maß zu nehmen. Pro Holzkasten ein Pfund Bohnen, pro Pfund Bohnen 25 Cordoba. Auf 40 Säcke schätzt der Bauer seine Ernte in diesem Jahr. Zufrieden setzt er sich in seinen demolierten Pick-up und rumpelt über die schlaglochübersäte Straße davon. Aber die wenigsten haben wie er ihren eigenen Grund und Boden, viele schlagen sich als Tagelöhner durch.
Davon ist am Ziel der Reise, in San Juan del Sur, wenig zu merken. Der schmucke Ort mit einer Hand voll Herbergen, Geschäften, zwei Internet-Cafés und einem kleinen Markt ist gerade dabei, sich zu einem feinen Touristenziel zu mausern. An der einfachen Strandpromenade werben luftige Restaurants mit Fischgerichten, abends lädt die Bar zu einem stimmungsvollen Ron Añejo, an Wochenenden vergnügen sich Dorfjugend und Besucher aus der Hauptstadt bei Reggaeton in der Freiluftdisko. Und neuerdings legen im Ort sogar Kreuzfahrtschiffe an.
Von der Professionalität des nur wenige Kilometer entfernten Nachbarstaates Costa Rica, in jeder Beziehung der Streber des Isthmus, ist man hier im Dorf allerdings noch weit entfernt – wie in ganz Nicaragua. Auf der anderen Seite der Grenze gibt es Adventure-Parks, in denen ein ehemaliger Fleischbaron 200 000 neue Bäume pflanzen ließ, von US-Investoren organisierte Wasserfalltouren, in denen die Begegnung mit Kolibris nicht dem Zufall überlassen wird, und ein von ausländischen Partnern finanziertes Institut, das darauf hinarbeitet, dass die Ökologie nicht den ökonomischen Interessen geopfert wird.
In San Juan del Sur hingegen ist man schon stolz auf den Bau einer Öko-Lodge mit zwölf Zimmern – und speist ausländische Gäste noch nicht mit geschulter Professionalität ab. „Das Geld reicht nicht? Dann zahlst Du eben morgen“, sagt die Frau im Tante-Emma-Laden. Sie reicht eine Tüte mit Pulver über die Theke. „Und nimm das noch mit, mein selbst gemachter Kakao hat Dir doch beim letzten Mal so geschmeckt.“
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Donnerstag, 23. Februar 2006
Montag, 7. November 2005
Der Mut von Managua
Immerhin, seit Montag vergangener Woche gibt es ein Urteil: Der Taxifahrer, der im August den Journalisten Ronny Adolfo Olivas nächtens auf offener Straße erschossen hat, muss für 25 Jahre ins Gefängnis. Die Hintergründe der Tat in der nicaraguanischen Provinzstadt Estelí aber klärte das Gericht nicht: Olivas hatte wenige Tage zuvor drei telefonische Todesdrohungen erhalten. Der 47-Jährige war den Geschäften einer Drogenmafia auf der Spur und hatte mehrere Artikel darüber in La Prensa, der größten Tageszeitung des mittelamerikanischen Landes, veröffentlicht. Seine Recherchen legen nahe, dass auch die lokale Polizei in die illegalen Machenschaften verwickelt ist.
„Gewalt gegen Journalisten war in Nicaragua nie eine Konstante wie etwa in Guatemala oder anderen lateinamerikanischen Ländern“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Guillermo Cortés aus Managua. Das hat sich inzwischen allerdings geändert – Ronny Adolfo Olivas war bereits das dritte Opfer innerhalb von 18 Monaten.
Im Februar 2004 erschoss ein militanter Sandinist in Managua den Parteikollegen Carlos Guadamuz, der als Fernsehmoderator wiederholt die eigene Parteiführung kritisiert hatte. Neun Monate später wurde im Zentrum des Landes die 26-jährige Journalistin María José Bravo umgebracht, während sie für die Tageszeitungen La Prensa und Hoy Vorwürfen des Wahlbetrugs nachging. In der aktuellen Rangliste der Journalistenvereinigung Reporter ohne Grenzen zum weltweiten Zustand der Pressefreiheit landete Nicaragua trotzdem im besseren Mittelfeld – auf Platz 67.
Die Organisation Reporter ohne Grenzen tritt für den Schutz von Journalisten in Kriegs- und Krisengebieten ein. Ihr diesjähriger Bericht von Ende Oktober dokumentiert die Situation in 166 Ländern und beruht auf einer Befragung von Journalisten, Rechercheuren, Juristen und Menschenrechtlern zu gewalttätigen Übergriffen, Morden und Verhaftungen sowie zu politischen, rechtlichen und ökonomischen Einflüssen. Das Ergebnis: Während sich die Situation zwischen September 2004 und August 2005 in einigen westlichen Ländern (vor allem in den USA) verschlechterte, verbesserte sie sich in Lateinamerika.
Aber wie sieht diese Verbesserung in der Realität aus? Die Militärdiktatoren herrschen zwar nicht mehr auf dem Kontinent. Doch abgesehen davon, dass Journalisten in Lateinamerika selbst für dortige Verhältnisse ausgesprochen miserabel verdienen, brauchen sie immer noch sehr viel Mut. Ihre Arbeit ist nach wie vor gefährlich. Dabei sind die Arten der Bedrohung mindestens so unterschiedlich wie die einzelnen Länder.
El Salvador zum Beispiel rangiert in der Rangliste von Reporter ohne Grenzen unter den Besten, auf Platz 28 – und damit noch vor Frankreich und Australien. In dem mittelamerikanischen Land kam im vergangenen Jahr kein Reporter um. Allerdings regiert dort die Selbstzensur. Während des Wahlkampfes 2004 spotteten viele über „Saca-Televisión“: Präsidentschaftskandidat Elías Antonio Saca, Vertreter der Wirtschaftsoligarchie und Medienunternehmer, gewann die Wahl, kleinere Oppositionsparteien waren praktisch totgeschwiegen worden. Unter den Schlusslichtern des amerikanischen Kontinents findet sich Peru: In dem Andenstaat kam ebenfalls kein Reporter um. Allerdings weiß die Vereinigung dort von mehr als 60 Fällen, in denen Journalisten eingeschüchtert, bedroht oder angegriffen wurden.
Aufgeklärt werden solche Angriffe in vielen Ländern nicht. Auch nicht in Guatemala. Deshalb recherchierte der Chef der dortigen Tageszeitung El Periódico, José Ruben Zamora, notgedrungen selbst, wer ihn im Juni 2003 attackiert hatte: Zwölf schwer bewaffnete und unmaskierte Männer hatten ihn und seine Familie zu Hause überfallen und waren erst nach drei Stunden wieder abgezogen – mit dem Rat, keine Artikel mehr gegen „die da oben“ zu veröffentlichen. Zamora hatte über Korruption in der Regierung und über parallele Machtstrukturen aus Militärs und organisiertem Verbrechen geschrieben. Der Zeitungschef identifizierte vier Täter, immerhin zwei wurden aufgrund seiner Hartnäckigkeit verhaftet und angeklagt. Doch das Gericht verurteilte im Februar dieses Jahres nur einen. Die zwölf Männer waren frühere Mitglieder des Geheimdienstes.
Bis zur Anklage kam es im Fall des ecuadorianischen Journalisten Fernando Oña Pardo erst gar nicht. Der Mitherausgeber des Zweiwochenblattes Opción hatte sich im April in der Hauptstadt Quito in einem Restaurant an einen Tisch gesetzt, als drei Männer hereinkamen, eine Waffe zogen und ihn davor warnten, weiter gegen die Regierung zu schreiben. Die hatte sich da schon so unbeliebt gemacht, dass Präsident Lucio Gutiérrez kurz darauf des Amtes enthoben wurde und ins Ausland flüchtete. Während der vorausgegangenen Massenproteste war in den Tränengasschwaden des Militärs ein chilenischer Reporter ums Leben gekommen.
Aber nicht nur Selbstzensur und direkte Angriffe – von staatlicher Seite oder aus Kreisen des organisierten Verbrechens – behindern die Arbeit von Journalisten in Lateinamerika. In Brasilien stammt das Pressegesetz zum Beispiel noch aus der Zeit der Militärdiktatur, und das Recht auf den Zugang zu Informationen ist nur in den wenigsten Ländern gesetzlich festgeschrieben.
Neben der juristischen Gängelung gibt es die ökonomische: Regierungen bestimmen über Sendelizenzen und die Vergabe staatlicher Werbung, die gerade bei kleinen Medien über Leben oder Tod entscheidet. Und auch wenn Reporter ohne Grenzen zu dem Schluss kommt, dass Länder wie der fragile Andenstaat Bolivien Beleg dafür seien, dass Demokratie und die Achtung der Menschenrechte nicht zwingend von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängen, so beeinträchtigen wirtschaftliche Strukturen doch ganz erheblich die Pressefreiheit.
Wie zum Beispiel in Nicaragua: Das Wirtschaftsleben dort wird vom Familienkonzern Pellas bestimmt. Für den Bau des monströsen Unternehmenssitzes in Managua wurden der Firmengruppe – mit fadenscheiniger Begründung – Steuern in Höhe von drei Millionen Dollar erlassen. Der freie Journalist Carlos Fernando Chamorro, jahrelang einer der beliebtesten Fernsehmoderatoren im Land, hatte das Thema als Einziger aufgegriffen – und sich damit fast ruiniert. Der Konzern zog nach der Veröffentlichung seine Anzeigen aus Chamorros Fernsehsendung und Wochenzeitung zurück. „Wenn Pellas in einem Medium seine Anzeigen storniert, kann das zusperren“, sagt Medienwissenschaftler Cortés.
Damit nicht genug: Die Firmengruppe Pellas ist selbst eine Größe in Nicaraguas Medienlandschaft. Ihr gehören neben einem Dutzend anderer marktbeherrschender Unternehmen auch eine bedeutende PR-Agentur, ein Fernsehsender und der Monopolist im Kabelfernsehen – und obendrein verantwortet ein Pellas-Manager als Verbandsfunktionär die Erhebung der TV-Quoten.
Ein Thema ist das in Nicaragua natürlich nicht.
„Gewalt gegen Journalisten war in Nicaragua nie eine Konstante wie etwa in Guatemala oder anderen lateinamerikanischen Ländern“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Guillermo Cortés aus Managua. Das hat sich inzwischen allerdings geändert – Ronny Adolfo Olivas war bereits das dritte Opfer innerhalb von 18 Monaten.
Im Februar 2004 erschoss ein militanter Sandinist in Managua den Parteikollegen Carlos Guadamuz, der als Fernsehmoderator wiederholt die eigene Parteiführung kritisiert hatte. Neun Monate später wurde im Zentrum des Landes die 26-jährige Journalistin María José Bravo umgebracht, während sie für die Tageszeitungen La Prensa und Hoy Vorwürfen des Wahlbetrugs nachging. In der aktuellen Rangliste der Journalistenvereinigung Reporter ohne Grenzen zum weltweiten Zustand der Pressefreiheit landete Nicaragua trotzdem im besseren Mittelfeld – auf Platz 67.
Die Organisation Reporter ohne Grenzen tritt für den Schutz von Journalisten in Kriegs- und Krisengebieten ein. Ihr diesjähriger Bericht von Ende Oktober dokumentiert die Situation in 166 Ländern und beruht auf einer Befragung von Journalisten, Rechercheuren, Juristen und Menschenrechtlern zu gewalttätigen Übergriffen, Morden und Verhaftungen sowie zu politischen, rechtlichen und ökonomischen Einflüssen. Das Ergebnis: Während sich die Situation zwischen September 2004 und August 2005 in einigen westlichen Ländern (vor allem in den USA) verschlechterte, verbesserte sie sich in Lateinamerika.
Aber wie sieht diese Verbesserung in der Realität aus? Die Militärdiktatoren herrschen zwar nicht mehr auf dem Kontinent. Doch abgesehen davon, dass Journalisten in Lateinamerika selbst für dortige Verhältnisse ausgesprochen miserabel verdienen, brauchen sie immer noch sehr viel Mut. Ihre Arbeit ist nach wie vor gefährlich. Dabei sind die Arten der Bedrohung mindestens so unterschiedlich wie die einzelnen Länder.
El Salvador zum Beispiel rangiert in der Rangliste von Reporter ohne Grenzen unter den Besten, auf Platz 28 – und damit noch vor Frankreich und Australien. In dem mittelamerikanischen Land kam im vergangenen Jahr kein Reporter um. Allerdings regiert dort die Selbstzensur. Während des Wahlkampfes 2004 spotteten viele über „Saca-Televisión“: Präsidentschaftskandidat Elías Antonio Saca, Vertreter der Wirtschaftsoligarchie und Medienunternehmer, gewann die Wahl, kleinere Oppositionsparteien waren praktisch totgeschwiegen worden. Unter den Schlusslichtern des amerikanischen Kontinents findet sich Peru: In dem Andenstaat kam ebenfalls kein Reporter um. Allerdings weiß die Vereinigung dort von mehr als 60 Fällen, in denen Journalisten eingeschüchtert, bedroht oder angegriffen wurden.
Aufgeklärt werden solche Angriffe in vielen Ländern nicht. Auch nicht in Guatemala. Deshalb recherchierte der Chef der dortigen Tageszeitung El Periódico, José Ruben Zamora, notgedrungen selbst, wer ihn im Juni 2003 attackiert hatte: Zwölf schwer bewaffnete und unmaskierte Männer hatten ihn und seine Familie zu Hause überfallen und waren erst nach drei Stunden wieder abgezogen – mit dem Rat, keine Artikel mehr gegen „die da oben“ zu veröffentlichen. Zamora hatte über Korruption in der Regierung und über parallele Machtstrukturen aus Militärs und organisiertem Verbrechen geschrieben. Der Zeitungschef identifizierte vier Täter, immerhin zwei wurden aufgrund seiner Hartnäckigkeit verhaftet und angeklagt. Doch das Gericht verurteilte im Februar dieses Jahres nur einen. Die zwölf Männer waren frühere Mitglieder des Geheimdienstes.
Bis zur Anklage kam es im Fall des ecuadorianischen Journalisten Fernando Oña Pardo erst gar nicht. Der Mitherausgeber des Zweiwochenblattes Opción hatte sich im April in der Hauptstadt Quito in einem Restaurant an einen Tisch gesetzt, als drei Männer hereinkamen, eine Waffe zogen und ihn davor warnten, weiter gegen die Regierung zu schreiben. Die hatte sich da schon so unbeliebt gemacht, dass Präsident Lucio Gutiérrez kurz darauf des Amtes enthoben wurde und ins Ausland flüchtete. Während der vorausgegangenen Massenproteste war in den Tränengasschwaden des Militärs ein chilenischer Reporter ums Leben gekommen.
Aber nicht nur Selbstzensur und direkte Angriffe – von staatlicher Seite oder aus Kreisen des organisierten Verbrechens – behindern die Arbeit von Journalisten in Lateinamerika. In Brasilien stammt das Pressegesetz zum Beispiel noch aus der Zeit der Militärdiktatur, und das Recht auf den Zugang zu Informationen ist nur in den wenigsten Ländern gesetzlich festgeschrieben.
Neben der juristischen Gängelung gibt es die ökonomische: Regierungen bestimmen über Sendelizenzen und die Vergabe staatlicher Werbung, die gerade bei kleinen Medien über Leben oder Tod entscheidet. Und auch wenn Reporter ohne Grenzen zu dem Schluss kommt, dass Länder wie der fragile Andenstaat Bolivien Beleg dafür seien, dass Demokratie und die Achtung der Menschenrechte nicht zwingend von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängen, so beeinträchtigen wirtschaftliche Strukturen doch ganz erheblich die Pressefreiheit.
Wie zum Beispiel in Nicaragua: Das Wirtschaftsleben dort wird vom Familienkonzern Pellas bestimmt. Für den Bau des monströsen Unternehmenssitzes in Managua wurden der Firmengruppe – mit fadenscheiniger Begründung – Steuern in Höhe von drei Millionen Dollar erlassen. Der freie Journalist Carlos Fernando Chamorro, jahrelang einer der beliebtesten Fernsehmoderatoren im Land, hatte das Thema als Einziger aufgegriffen – und sich damit fast ruiniert. Der Konzern zog nach der Veröffentlichung seine Anzeigen aus Chamorros Fernsehsendung und Wochenzeitung zurück. „Wenn Pellas in einem Medium seine Anzeigen storniert, kann das zusperren“, sagt Medienwissenschaftler Cortés.
Damit nicht genug: Die Firmengruppe Pellas ist selbst eine Größe in Nicaraguas Medienlandschaft. Ihr gehören neben einem Dutzend anderer marktbeherrschender Unternehmen auch eine bedeutende PR-Agentur, ein Fernsehsender und der Monopolist im Kabelfernsehen – und obendrein verantwortet ein Pellas-Manager als Verbandsfunktionär die Erhebung der TV-Quoten.
Ein Thema ist das in Nicaragua natürlich nicht.
Sonntag, 19. Dezember 2004
Schall und Rauch
Während Ihr also gerade Weihnachtsfeiern mit Glühwein und Plätzchen hinter Euch bringt und Euch zu Hause auf dem Sofa in Wolldecken einwickelt, schlappe ich abends im ärmellosen T-Shirt, Jeans und Sandalen an die Strandbar „Ricardo“, um dort einen Cuba Libre oder ein Bufalo zu heben, und schaue dabei durch die von tropischen Blumen umrankte offene Frontwand auf das Meer, die in der Bucht schaukelnden Boote und den unglaublichen Sternenhimmel über dem Pazifik. Alleine in einer Nacht habe ich kürzlich neun Sternschnuppen gezählt. Das wären dann ziemlich viele Wünsche frei, oder?
Also einer meiner Wünsche hat sich, wie man sehen kann, ohnehin schon erfüllt: Ich gehe wieder aus, seitdem ich mich in San Juan del Sur einquartiert habe – aber nicht zu oft, damit ich mit meiner Studie hier auch nochmal fertig werde. Die 50 Seiten über die Medien in Nicaragua sind fast zu Ende geschrieben, und am Montag muss ich sie abgeben. Sie haben mich ziemlich viel Schweiß gekostet, weshalb habe ich das urlaubsartige Ambiente in San Juan del Sur um so mehr genieße.
Der Ort ist für so einen Aufenthalt geradezu ideal: nicht so groß, dass man sich darin verlieren würde, aber groß genug, dass man immerhin zwischen einigen Tante-Emma-Läden, Internet-Cafes und Strandbars auswählen kann. Das Geschäft an der Ecke spendiert mir nachmittags hin und wieder einen Kakao aus selbst gerösteten und gemahlenen Bohnen, die Leute grüßen mich auf der Straße, und überall sagen sie – wenn ich`s gerade nicht passend oder gar nicht habe: „Dann zahlst Du halt morgen.“ Ein Mädel hier im Hostal fragte mich kürzlich ungläubig: „Sind die zu Dir auch alle so freundlich?“ Ja, die sind hier so freundlich.
Das gilt auch für die Mädchen, die im Hostal arbeiten. Administradora ist die 25-jährige Tanja, mit der ich mich angefreundet habe, während wir beide an der Straßenecke standen und auf die Purísima warteten. Die Heilige Jungfrau wurde Anfang Dezember zehn Tage lang jeden Abend auf einem Traktor-Anhänger durch den Ort gezogen. Jedes Mal gab es eine andere Dekoration zu bestaunen, und die kleinen hübschen Mädchen an der Seite der Figur trugen jeden Tag Engelsgewänder in anderen Farben. Angekündigt hatte sich die Prozession immer schon von Ferne durch den unglaublichen Lärm und Rauch eines ganzen Arsenals von Silvesterkrachern, gegen das die mitmarschierenden Trommel- und Trompeten-Spieler nur schwer ankamen.
Die Nicas haben eine absolute Vorliebe für Knaller. Schon Anfang November in Managua lernte ich diese lautstarke Art zu feiern kennen, als die Sandinisten bei den Kommunalwahlen fast alle Rathäuser im Land eroberten. Bei den ersten Krachern damals in Managua dachte ich noch, eine Straße weiter gäbe es eine Schießerei. Dabei war das noch gar nichts im Vergleich dazu, was hier in San Juan del Sur zu jeder Tages- und Nachtzeit in die Luft gejagt wird. Ich kann mir inzwischen vorstellen, wie sich ein Guerillakrieg anhört. Vielleicht ist den Nicas diese Lust am Krach ja auch von ihren Bürgerkriegszeiten aus den 80ern geblieben, als die Sandinisten ihre Revolution gegen die von den Nordamerikanern finanzierten Contras verteidigten, bis sie 1990 ihre Macht durch demokratische Wahlen verloren und auf Landesebene seither auch nicht wieder zurückerobert haben.
An San Juan del Sur kann das übrigens nicht liegen, der Ort ist fest in Sandinistenhand. Von jedem dritten Haus weht die schwarz-rote Fahne, und auf dem Fest vergangene Woche zu Ehren eines im Kampf gefallenen marxistischen Märtyrers war ordentlich was los. Auch der neue Bürgermeister ist Sandinist, und das, obwohl er aus der vermögenden Familie Holmann stammt und verschwägert ist mit dem Clan der antisandinistischen Nachkriegs-Präsidentin und Chefin der größten nicaraguanischen Tageszeitung, Violeta Barrios de Chamorro. Die Holmanns haben einen guten Stand im Ort, vor einigen Jahren verschenkten sie aus ihrem reichlichen Grundbesitz Bauparzellen an arme Familien. So sind sozusagen in nicaraguanischer Form des Einheimischen-Baurechts gleich zwei neue Viertel im Dorf entstanden.
Das ansonsten eher überschaubar ist. Wenn Tanja abends um acht Schluss macht, begleite ich sie manchmal die zwei Häuserblocks bis zum Park an der Kirche, wo wir uns dann auf eine der Bänke setzen und zwischen herumtollenden Kindern, abendspazierenden Pärchen und sich langweilenden Jugendlichen unterhalten: über Männer (was sonst), die Bibel (na ja, nicht freiwillig) und das Leben an sich.Tanja hat zwölf Geschwister und sich ihr Studium mühsam durch Arbeiten finanziert: Ihre einzige Beziehung hat sie kürzlich beendet, weil ihr Freund mit ihr zusammenziehen wollte. Sie ist bildhübsch und Jungfrau, wohnt bei ihrer Mutter, glaubt fest an Gott, raucht nicht, trinkt nicht (nicht einmal Coca Cola ohne Rum), und wir verstehen uns trotzdem prächtig. Kürzlich waren wir zusammen aus, was für mich ein besonderes Erlebnis war.
Tanja holte mich mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Alejandra und ihrem Schwager im Hostal ab. Das Mädel hatte einen superkurzen Rock an und ein Oberteil, das gerade mal den Busen bedeckte. So zog sie denn im Licht der Straßenlaternen alle Blicke auf sich, als wir gemütlich hinternwackelnd, wie es hier üblich ist, zu viert bis zu der Bar schlenderten, die an diesem Abend die schlaglochübersäte Straße abgesperrt und zur Tanzfläche umfunktioniert und eine Videoleinwand und eine Bühne organisiert hatte. Dort standen wir dann erst einmal, gegenüber der Pulperia „Die drei Brüder“, in gebührendem Abstand vor dem Eingang - wie alle anderen, die nicht eintreten wollten, weil noch nichts los war. Der Discjockey animierte die Wartenden erst erfolgreich, als er den ersten Gästen über Mikrophon Freibier versprach.
Wer nun glaubt, die Latinos hätten sich sofort auf die Tanzfläche gestürzt, irrt. Da standen sie denn am Rand des kleinen Karrees, tranken Bier aus Pappbechern und taxierten die anderen Gäste – bis Tanja und ich die Vortänzer spielten, was allein schon deshalb peinlich genug ist, weil ich ja immer noch nicht tanzen kann. Aber zu meinem Glück schallte aus den 30 übereinandergestapelten Boxen erst einmal kein reiner Salsa, sondern Reggaeton, der einfacher zu tanzen ist und den ich schon aus Ecuador kenne. Musik dieser Richtung habe ich inzwischen sogar im Gepäck, weil erstens gewöhnt man sich an alles, und zweitens finde ich sie inzwischen richtig gut. Reggaeton ist ein latino-eigene Salsa-Mischung mit Techno-Beats (oder was auch immer) mit möglichst schmutzigen Texten, die es vor allem den Männern erlauben, ihre Bewegungen beim Tanzen mit möglichst eindeutigen Posen zu kombinieren. Weh dem, der da einen unangenehmen Tanzpartner hat.
Das konnte mir vergangenen Samstag nicht passieren, ich hatte Aufpasser dabei. Die 27-jährige kugelrunde Schwester, die ihre Fettschwarten in einer aufreizenden Art zur Musik bewegte, dass einem das Sehen verging, wimmelte mit Eiseskälte im Blick jeden ab, der ihr für Tanja oder mich nicht geeignet erschien. Wenn sie einen ihr nicht genehmen Aspiranten nicht rechtzeitig genug entdeckt hatte und ich meine Absage in ganz freundliche Worte zu packen versuchte oder gar zusagte, packte sie einfach resolut meinen Arm und zog mich weg. Und damit sich auch sonst keiner heimlich anschleichen konnte, begleitete der Schwager uns Mädels immer bis vor die Klotür, wo er brav wartete, bis wir auch wieder herauskamen. Und am Ende des Abends wurde ich natürlich erst an der Hostal-Tür verabschiedet. So funktioniert das also.
Angesichts solcher Überwachung und der Tatsache, dass man hier praktisch schon verheiratet ist, wenn man einmal mit einem Jungen ausgeht, finde ich Bismara noch unglaublicher. Die 25-Jährige arbeitet ebenfalls hier im Hostal und lebt, was ohnehin schon unerhört ist, in wilder Ehe mit ihrem „compañero“, wie sie ihn nennt. Was sie nicht davon abhält, sich seit zwei Wochen heimlich mit einem Verehrer zu treffen. Mag das in einer europäischen Großstadt schon schwierig sein, in einem mittelamerikanischen Dorf ist das ein Meisterstück. Um zu erklären, wie sie das managt, bräuchte ich wahrscheinlich ziemlich viel Platz. Bismara ist „bandida“, wie man hier sagt. Auch das gibt es.

Wenn ich also morgens um neun vom Schwimmen zurück bin und mich hier im schattigen Innenhof des Hostals mit meinem Computer, den Unterlagen und dem reichlich zerfledderten Wörterbuch am Tisch niedergelassen habe, Bismara mit Besen und Putzzeug um mich herum werkelt und Tanja sich für eine Pause neben mich in den Schaukelstuhl setzt, haben wir drei immer etwas zum Lachen und Tratschen. Und so wenig wie uns dabei der Stoff ausgeht, so wenig ist mir bisher die Lust an diesem Kontinent vergangen. Weshalb ich Weihnachten hier verbringe und Euch aus der Ferne schöne Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr wünsche. Wo ich diese Tage verbringen werde? Immer noch keine Ahnung. Die Auswahl ist einfach zu groß.
Donnerstag, 2. Dezember 2004
Santa Claus in Nicaragua

Der erste Advent ist schon um, und ich habe Weihnachten bisher nicht einmal erwähnt. Dabei waren schon in Quito, noch im Oktober, die ersten Jingle-Bells-Lieder und Weihnachts-dekorationen in den Geschäften aufgetaucht. Ich fühle mich allerdings immer noch nicht danach, wie auch, bei mindestens 30 Grad statt Eiseskälte, höchstens mal einem nächtlichen Regenschauer statt Schneetreiben. Und statt der ersten Sorte Weihnachtsplätzchen, die meine Mama an meinem Geburtstag um den ersten Advent herum immer schon gebacken hatte, stand in diesem Jahr eine rosarote Geburtstagstorte mit drei Blumen aus buntem Eischnee obendrauf auf dem Mittagstisch. Eine gelungene Überraschung. Gottseidank hatten sich Dayra und Douglas aus Taktgefühl die vielen Kerzen verkniffen, die inzwischen nötig gewesen wären – mit meiner Raucherlunge würde ich die ohnehin nicht mehr auf einmal schaffen. Und dankenswerterweise haben sie auch darauf verzichtet, nicaraguanische Geburtstagsbräuche an mir zu exekutieren: Mich morgens mit gekochten Eiern zu bewerfen und mein Gesicht hinterher mit buntem Eischaum von der Torte zu beschmieren.
Den Geburtstag werde ich außer wegen der riesigen Torte auch aus anderem Grund nicht so schnell vergessen. An diesem Tag stellten wir im Haus der Carcaches den Weihnachtsbaum auf. Während mein Vater in Deutschland für gewöhnlich nicht vor Mittag am 24. Dezember losgezogen ist, um für einen Fünfer aus den nicht verkauften Resten eine krüppelige dürre kleine Fichte zu fischen, die hinterher immer ganz pasabel aufgemotzt wurde, blinken in der Nachbarschaft in Bello Horizonte schon seit Wochen aus allen Fenstern blaue, rote, grüne und gelbe Lichter und stehen kunterbunt leuchtende überladene Dinger auf den wohnzimmer-artigen Terrassen. Solche Weihnachtsbäume kenne ich nur aus Werbesprospekten und nordamerikanischen Filmen.
„Unser“ Weihnachtsbaum, also der von Dayra und Douglas und Kathleen, hatte in meinem Zimmer im oberen Schrankfach gelegen, ohne dass ich es bemerkt hätte. Es ist schon seine dritte Saison. Das Drahtgestell mit grünen Kunststoffnadeln passt zum Übersommern in eine Plastiktüte und überragt mich ineinandergesteckt und ausgefaltet um einen ganzen Kopf. Wenn er wie die Bäume, die mein Vater immer anschleppte, irgendwo ein allzugroßes Loch zwischen den Zweigen zeigt, biegt man einfach ein bisschen herum. Das hat meine Mutter mit den echten Bäumen nie geschafft – das letzte Mal hat sie ihm deshalb einfach an einer Stelle einen Ast abgeschnitten und den an einer anderen Stelle angetackert. Aber wer meint, er müsste jetzt umsteigen, dem sei gesagt: Auch ein Kunststoffbaum nadelt mit der Zeit.
Dayra also holte Lichterkette nach Lichterkette aus dem Schrank, bärtige kugelrunde kleine Santa-Klaus-Figuren, Weihnachtskugeln in allen Farben und aus allen Materialien, rote Äpfel, goldfarbene Plastikperlenketten und den in Barcelona erworbenen Oster-Schmuck. Der passte gerade noch an die Zweige, obwohl zwei der acht Lichterketten ohnehin für die Krippe reserviert sind. Die steht noch nicht, aber ich habe schon gesehen, was reinkommt: unter anderem eine Giraffe, ein Zebra, ein Puma und Mickey Mouse.
Das Häuschen aus getrocknetem Schilfrohr für die Krippe sowie ein paar graue Bärte, die als Schmarotzer an Bäumen wachsen, hatten wir am Vortag bei einem Ausflug in den Norden des Landes gekauft. Dort bei Jinotega, der höchstgelegenen Stadt Nicaraguas, mutet es manchmal richtig alpenländisch an, obwohl es höchstens auf 1500 Meter raufgeht und außer Nadelbäumen und Erdbeeren auch Kaffee und Bananen wachsen. Dayra, Douglas und Kathleen zitterten ob der Eiseskälte, die sie dort empfanden. Die Temperatur fiel etwa auf den Durchschnitt eines verregneten deutschen Sommertags ab. Aber mir wurde versichert, dass dort manchmal auch die Sonne durch die Regenwolken hindurchscheint. Das Hotel, in dem wir zu Mittag aßen, heißt „Selva Negra“ (Schwarzwald). Es wird von Nachfahren deutscher Einwanderer betrieben und ist Teil einer absolut autark wirtschaftenden Öko-Farm. Die Besitzerin lässt sich von ihrem Mann und ihren 280 Arbeitern „Mausi“ nennen und könnte in ihrer Resolutheit auch gut auf einem schwäbischen Bauernhof wirtschaften. Tatsächlich aber spricht sie besser nordamerikanisch denn deutsch.
Ihr Mann, der immerhin einen deuschen Großvater aufzuweisen hat, tourte zu Anfang der sandinistischen Revolution 1979 zwei Wochen lang als Botschafter Nicaraguas durch Europa, wie er auf der Terasse des Restaurants stolz und auch etwas ausschweifend erzählte. Er hat unter anderem ein Buch über die Deutschen in Matagalpa geschrieben. Darin ist nachzulesen, wie sich der Brauch des Weihnachtsbaums in Nicaragua verbreitete. Zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts hatte sich eine der Töchter deutscher Einwanderer aus Jinatega nach Managua verheiratet. Weil ihr dort aber das Heimweh nach der Familien-Finka zusetzte, ließ ihr der Vater auf seinem Grund einen Baum schneiden, den ein Indianer dann zu Fuß in die doch einige Kilometer entfernte Hauptstadt trug. Heute allerdings glauben die meisten Nicaraguaner, der Brauch stamme wie Santa Claus und vieles andere aus den USA.
Wie eine alte Märchentante erzählte ich also die Geschichte vom richtigen Bischof Nikolaus, während Kathleen mit den goldfarbenen Plastikperlenketten zwischen den leeren Tüten herumtanzte und Disko-Queen spielte, Douglas sich mit einer Ausrede in sein Arbeitszimmer verkrochen hatte und ich Dayra beim Schmücken der Äste half. Sie sang mir nicaraguanische Weihnachtslieder vor und erzählte von ihrer Kindheit in Chontales im Zentrum Nicaraguas. Ich wiederum berichtete von Adventskranz und Weihnachtsplätzchen, schwärmte vom Glitzern der Schneekristalle an einem sonnigen eisigkalten Wintertag und wunderte mich insgeheim darüber, wie so ein einfaches Ding wie ein Weihnachtsbaum so viele Erinnerungen an die Kindheit heraufbefördert – auch wenn man zu dem Fest steht wie man will.
Aber mit solchen Geschichten will ich Euch jetzt nicht auch noch langweilen. Auch deshalb nicht, weil ich nach einer höllischen Termintour durch die Medien gestern wie angekündigt ans Meer gefahren bin, wo von Weihnachten noch nicht die Bohne zu spüren ist. Bei meiner Ankunft gestern Abend in San Juan del Sur nahe der Grenze zu Costa Rica in einem klapprigen knallgelben US-amerikanischen Schulbus, eingequetscht zwischen meinem Rucksack auf den Knien, dem Fenster und meinem Nachbarn, also nach drei Stunden Fahrt ohne die Möglichkeit, auch nur meinen kleinen Finger zu bewegen, begrüßten mich in der hereinbrechenden Dämmerung ein flammender Himmel und ein kurzer tropischer Regenschauer. Ich legte mein Gepäck in der nächstbesten Unterkunft ab und gönnte mir auf der Terasse eines Strandlokals zwei Bier und ein Krabben-Ceviche. Heute morgen bin ich schließlich in eine angenehme Hospedaje umgezogen, in deren schattigen Innenhof ich bis gerade eben gearbeitet habe.
Zum Aschluss des ersten Tages bin ich schließlich die paar Meter zum fast pisswarmen Pazifik marschiert und dort einmal durch die Bucht geschwommen. Anschließend trank ich mit Blick auf den Sonnenuntergang am Horizont einen dieser herrlichen eisgekühlten Kakaos. Kakao ist seit meiner Ankunft in Nicaragua mein neues Lieblingsgetränk und hat überhaupt nichts mit dem zu tun, was uns in Deutschland unter diesem Namen serviert wird. Statt mit leicht bitterer Süße füllt sich der Mund mit einem zarten Hauch von Kardamon und Vanille. Ich glaube, dass das eine ziemlich angenehme Art ist, die Vorweihnachtszeit gut hinter sich zu bringen. Ich hoffe, das gelingt Euch auch.
Mittwoch, 1. Dezember 2004
Nicaragua in Bildern
Dienstag, 23. November 2004
Gute Ratschläge
So viele gute Ratschläge wie in den ersten Tagen in Managua habe ich mir noch an keinem Ort anhören müssen. Die Nicas, wie sie sich nennen, glauben, dass sie im gefährlichsten Land der Welt leben, vor allem wenn sie noch nie im Ausland waren, und dass ich zum ersten Mal in meinem Leben mein Elternhaus verlassen habe. Gleich bei meinem ersten Treffen mit dem freien Journalisten und Uni-Dozenten Fernando Centeno erhielt ich viele gute Empfehlungen, was mein Benehmen auf der Straße, den Umgang mit Taxifahrern und den Inhalt meiner Handtasche angeht...
Zum Abschluss seines Vortrags sagte er etwas mitleidig: „Offene Schuhe, eine leichte Hose und ein T-Shirt, das genügt.“ Währenddessen wickelte ich mich mit meiner Nebenhöhlenentzündung noch ein bisschen mehr in mein dickes Schultertuch und nickte nur ergeben. Seine Klimaanlage verbreitete Eiseskälte in seinem kleinen Büro und ihr Lärm bereitete mir Mühe, ihn mit meinen noch vom Flug verstopften Ohren zu verstehen. Ich merkte schon, dass ihm mein Aufzug gar nicht geheuer war und er mich eher in seinen Uni-Kurs stecken wollte als sich von mir ausquetschen zu lassen.
Als ich ihn ein paar Tage später bei einer Veranstaltung der Stiftung in einem der Luxus-Hotels in der Stadt wieder traf, hatte ich mich präpariert: Ich trug spitze Stöckelschuhe statt meiner bequemen Camper-Latschen und einen leichten Leinenanzug statt Jeans, die Sachen eben, die in Quito nie zum Einsatz gekommen waren – mangels Gelegenheit und wegen der Kälte. Das Resultat war prompt zu hören. „Heute kommst Du mir schon eher vor wie eine Journalistin“, sagte Centeno zur Begrüßung. Als wäre ich plötzlich jemand anders.
Bei unserem dritten Treffen schließlich fragte mich der etwa 50-Jährige, der auch ehrenamtlich für die Stiftung arbeitet, vollkommen ohne Zusammenhang: „In wie vielen Ländern warst Du schon?“ Die Antwort hat mir dann endgültig den Respekt eingebracht, den ich, wenn schon, dann eigentlich eher wegen anderer Dinge verdiene. Den Schluss, den ich aus diesen Episoden gezogen habe: Seither stöckle ich also in die Chefetagen und vergesse bei meiner Vorstellung neben den vielen anderen Dingen nie zu erwähnen, dass ich schon ein paar Monate in Lateinamerika unterwegs bin, was ich in Quito gemacht habe und was ich in Guatemala vorhabe. Damit lässt sich wenigstens ein bisschen der erste Eindruck revidieren.
Zum Abschluss seines Vortrags sagte er etwas mitleidig: „Offene Schuhe, eine leichte Hose und ein T-Shirt, das genügt.“ Währenddessen wickelte ich mich mit meiner Nebenhöhlenentzündung noch ein bisschen mehr in mein dickes Schultertuch und nickte nur ergeben. Seine Klimaanlage verbreitete Eiseskälte in seinem kleinen Büro und ihr Lärm bereitete mir Mühe, ihn mit meinen noch vom Flug verstopften Ohren zu verstehen. Ich merkte schon, dass ihm mein Aufzug gar nicht geheuer war und er mich eher in seinen Uni-Kurs stecken wollte als sich von mir ausquetschen zu lassen.
Als ich ihn ein paar Tage später bei einer Veranstaltung der Stiftung in einem der Luxus-Hotels in der Stadt wieder traf, hatte ich mich präpariert: Ich trug spitze Stöckelschuhe statt meiner bequemen Camper-Latschen und einen leichten Leinenanzug statt Jeans, die Sachen eben, die in Quito nie zum Einsatz gekommen waren – mangels Gelegenheit und wegen der Kälte. Das Resultat war prompt zu hören. „Heute kommst Du mir schon eher vor wie eine Journalistin“, sagte Centeno zur Begrüßung. Als wäre ich plötzlich jemand anders.
Bei unserem dritten Treffen schließlich fragte mich der etwa 50-Jährige, der auch ehrenamtlich für die Stiftung arbeitet, vollkommen ohne Zusammenhang: „In wie vielen Ländern warst Du schon?“ Die Antwort hat mir dann endgültig den Respekt eingebracht, den ich, wenn schon, dann eigentlich eher wegen anderer Dinge verdiene. Den Schluss, den ich aus diesen Episoden gezogen habe: Seither stöckle ich also in die Chefetagen und vergesse bei meiner Vorstellung neben den vielen anderen Dingen nie zu erwähnen, dass ich schon ein paar Monate in Lateinamerika unterwegs bin, was ich in Quito gemacht habe und was ich in Guatemala vorhabe. Damit lässt sich wenigstens ein bisschen der erste Eindruck revidieren.
Mehr noch aber kaempfe ich in diesem Land mit meiner politischen Positionierung. Der alte Haudegen Carlos Gadea Mantilla, der mit seinem Bruder den Radiosender Corporación betreibt, fragte mich mitten im Gespräch vollkommen unvermittelt und leicht drohend, ganz in der Manier eines bayerischen CSU-Bauern: „Bist Du Demokrat?“ Ich nickte schnell mit dem Kopf, damit er mich nicht aus seinem Müllhaufen von Büro hinausschmiss, wissend, dass er unter dem Wort ganz etwas anderes versteht als ich. Sein Radiosender ist berüchtigt für seine antisandinistischen Tiraden. Tags darauf bei La Nueva Radio Ya durfte ich mir dafür von Direktor Denis Shwartz einen propagandistisch-erzieherischen Vortrag über das Weltbild der Sandinisten anhören und hatte dabei immer wieder Mühe, ihn auf die Spur meiner Fragen zu leiten.
Am Samstag schließlich wurde mir klar, dass es ziemlich schwierig ist, in einem politisch so polarisierten Land eine zumindest nach außen hin neutrale Position zu bewahren. Ich nahm für die Arbeit an der Studie an einem Treffen der konservativ-liberalen Allianz APRE teil, die dort eine Woche nach den Kommunalwahlen ihre Wunden leckte. Angesichts der Dummheiten, die da zu hören waren, hatte ich Mühe, meinen Mund zu halten. .
Aber das Land ist nicht nur politisch gespalten, sondern auch sozial, viel mehr als etwa Ecuador, was zeigt, dass es wahrscheinlich wirklich das zweitärmste Land Lateinamerikas ist. In Managua stehst Du unvermittelt in einem absolut gefährlichen Viertel aus Wellblechhütten, wo sich ich im Staub der ungepflasterten Straße ein Betrunkener wälzt und sich zwielichte Gestalten herumtreiben. Oder umgekehrt in einem Viertel der gehobenen Mittelschicht mit Wachmann, Eisengittern und zwei Autos vor jeder Tür. So wie in Bello Horizonte, wo ich wohne.
Während die Wellblechhütten-Nicaraguaner ein Entwicklungsland-Leben führen, ist das der anderen absolut nordamerikanisiert. Geld abgeheben? Am Drive-In-Schalter der Bank. Bier kaufen in der Pulperia an der Ecke? Nicht ohne Auto. Essengehen? In einer der Fastfood-Ketten. Shoppen? In der hypersterilen Mall. Neue Schuhe? Aber die Marke aus den USA. Die zwei Welten treffen sich höchstens an der roten Ampel, wo die einen versuchen, die Windschutzscheiben der anderen zu putzen.
Das jedenfalls ist Managua. Auf dem Land wiederum scheint alles viel ruhiger, ungefährlicher, gleichgewichtiger. In Granada kann man ungestört durch die Straßen schlendern, die Kolonialhäuser bewundern und an einem Kiosk auf dem Hauptplatz im Schatten der Bäume einen herrlichen eisgekühlten Naturkakao trinken. In San Juan del Sur lässt sich wunderbar ein Tag am Strand vertrödeln mit Schwimmen, Ceviche, Tischfußball und Bier. Und in Tipitapa nahe Managua schließlich lockt ein Thermalbad inklusive Natur-Sauna mit Schwefelwasser aus dem nächsten Vulkan.
Eine leicht übergewichtige Dame, die dort seit Jahren jeden Samstagvormittag verbringt, erklärt dann im Holzverbau über dem Becken mit dem heißen Wasser gerne, wie man sich wie sie bis ins hohe Alter fit hält, gibt Tipps für die Ernährung und macht dann im Schwefeldampf auf den morschen Holzplanken gleich die empfohlenen Leibesübungen vor. Das mit den Übungen und den Ernährungstipps scheint durchaus angebracht. Die Nicas sind ziemlich übergewichtig, um nicht ehrlicherweise zu sagen fett. Aber in der Sauna sieht man das nicht so genau. Abgesehen davon, dass man sich dort natürlich nicht nackt aufhält, ist es ziemlich duster.
Es mag schwer vorstellbar sein, aber Sauna ist auch in einem tropischen Land ein Vergnügen. Deshalb werde ich meine Gastgeber Douglas und Dayra morgen wieder dorthin begleiten – und mir wünschen, dass das kalte Wasser aus der Dusche wenigsten ordentlich kalt wäre. Neid? Tröstet Euch: Immer schwitzen ist auch nicht schön.
Samstag, 13. November 2004
La Zora
Vor einer Woche bin ich hier in Nicaragua gelandet, in einer kuriosen Mischung aus USA und Afrika, und ich versuche mich immer noch an den abrupten Wandel meines Lebens zu gewöhnen. Nach den vielen studentischen Nächten in Quito und einem tränen- und alkoholreichen und tagelang gefeierten Abschied von vielen guten Freunden bin ich hier ohne mein Zutun in ein Familiennest gefallen. Und während die Zeitungen hier von einer Kältewelle sprechen, sitze ich mit dem Laptop auf den Knien bei Dunkelheit und annähernd 30 Grad im Licht einer Straßenlaterne auf dem Terassenboden eines hermetisch abgesperrten Einfamilienhauses in einem Mittelklasse-Wohnviertel von Managua. Der private Straßen-Wachmann schnorrt mich gerade durch die Gitter um eine Zigarette an und kommuniziert gleichzeitig mit seinem Kollegen durch die Trillerpfeife, die hier die ganze Nacht durch die Gegend gellt, und von irgendwoher bellen mindestens sieben Hunde. Aber ich will mich dieses Mal ausnahmsweise ein bisschen an die chronologische Reihenfolge halten.
Mit 15 Kilogramm Übergepäck bin ich in dieser Stadt angekommen, dazu mit einer neuen Nebenhöhlenentzündung und verstopften Ohren. Die Herberge „einen Block nördlich und einen Block östlich vom Ticabus-Terminal“, wie die offizielle Adresse lautet, war als solche eigentlich nicht zu erkennen und hat mich dann auch nicht lange überzeugt - obwohl ich das einzige Zimmer mit eigenem Bad und einem kleinen Beistelltisch kriegte. Der Raum roch stark nach Ölfarbe und hatte kein Fenster, nach wenigen Minuten legte sich mein T-Shirt in der tropischen feuchten Hitze, die in dem Zimmer stand, klitschnass an den Körper, und vom Vorraum, der der Herbergsfamilie als Küche, Baby-Schlafzimmer, Kramerladen, Restaurant und Waschzimmer gleichzeitig diente, drang außerdem Musik, Fernsehlärm, Kinderweinen und Muttergeschrei herein. Ich verzichtete darauf, dem noch das höllische Surren des Ventilators hinzuzufügen und machte mich erst einmal auf den Weg. Einige Straßenzüge weiter in einem Einkaufszentrum, an dessen Eingang darauf hingewiesen wurde, dass der Eintritt mit Waffen verboten ist, besorgte ich mir einheimische Währung, Cordobas. Und schon auf dem Heimweg fand ich ganz zufällig ein kuscheliges kleines möbliertes Apartement, in das ich anderntags auch gleich einziehen wollte.
Am Morgen machte ich mich allerdings erst einmal auf den Weg in das Büro der deutschen Stiftung, offizielle Adresse: Südliche Straße, Kilometer 14, 300 Meter linker Hand. Soviel konnte sogar ich erkennen: Das Büro befindet sich ab vom Schuss. Ich fand aber ohne Probleme Bus 118 und wechselte bei Kilometer sieben auf der südlichen Straße wie von der Herbergswirtin angwiesen in einen Minibus. Da stieg schon wieder dieses Glücksgefühl auf, das immer kommt, wenn ich in einem alten abgewetzten, durchgesessenen Sitz jeden Knochen meines Hinterns einzeln spüre, mir durch alle Fenster der Fahrtwind und die absurdesten Gerüche ins Gesicht wehen, die fliegenden Händler im Zwischengang abwechselnd Wasser aus Plastiktüten, Bananen-Chips, Batterien und Haargummis anbieten und ich überhaupt nicht weiß, wohin ich fahre. Was ich sah: üppige Vegetation, Wellblechhütten, Abwasser-Rinnsale, Mitsubishi-Vertretung, Mall im nordamerikanischen Stil, Hühnchen-Schnellimbiss, einen Vulkan und nach einem nächtlichen Wolkenbruch absolut klare und reine Luft, die der Sonne eine besondere Brillanz verlieh.
Dass mich der Busfahrer nicht an Kilometer 14, sondern schon bei 13.7 rausgeschmissen hatte, merkte ich erst, als nach 600 Metern in der Straßeneinfahrt immer noch kein Haus mit dem Schild der Stiftung aufgetaucht war. Ich latschte wieder zurück, vorbei an herrschaftlichen Heimen in großen Grundstücken, in denen gerade die Gärtner zuwege waren, die sich alle nicht auskannten im Viertel ihrer Herrschaft, und drei lange Straßeneinfahrten weiter wurde ich schließlich fündig. Inzwischen war ich total verschwitzt, ordentlich verspätet, hatte einen Sonnenbrand und die erste Bekanntschaft mit dem aufgeschlossenem Wesen nicaraguanischer Männer gemacht – um den Weg abzukürzen, war ich schlussendlich über eine Baustelle gelatscht, an der zwei Dutzend Maurer, Gärtner und Schreiner handwerkten. Die Dame von der Stiftung jedenfalls war entsetzt. Ob mehr über meinen Zustand oder darüber, dass ich mit dem Bus gekommen war, konnte ich nicht herausfinden.
Keine halbe Stunde später jedenfalls versicherte sie Douglas, Wastis Studienkollegen aus Barcelona, jefe de informacion bei der größten nicaraguanischen Tageszeitung La Prensa und ehemaliger Stipendiat der Stiftung, der ihr am Telefon meine Unterbringung angeboten hatte, dass ich mich darüber sicher wahnsinnig freuen würde, und nach meiner Rückfahrt und einem ersten Interview mit einem freien Autor und Uni-Professor landete ich mit Sack und Pack im Viertel Bello Horizonte bei dem 44-Jährigen Journalisten, seiner 30-jährigen Frau Dayra und der neunjährigen Tochter Kathleen sowie der Hausangestellten, die mich alle – obwohl sie mich gar nicht kannten – aufnahmen, als wären wir alte Freunde.
Schon am zweiten Tag packten sie mich ins Auto und wir fuhren ins 40 Kilometer entfernte Granada, besuchten dort die Oma und machten anschließend eine Rundfahrt durch die koloniale Altstadt. Anderntags lernte ich den großen Obst- und Gemüsemarkt kennen sowie die Lagune Apoyo, von deren Rand man einen wunderbaren Blick auf Granada, den Lago Nicaragua sowie den Vulkan Masaya hat. Und lernte dabei einiges über das Leben einer Mittelklassefamilie in Nicaragua, die sich von einer solchen in Ecuador wahrscheinlich höchstens dadurch unterscheidet, dass weniger Indianer-Blut in ihren Adern fließt. Worin sie sich nicht unterscheidet: in der fast schon als Manie zu bezeichenden Angst vor Kriminalität, Diebstahl, Raub und Mord.
Allerdings muss ich zugeben, dass man hier doch etwas handfest vorgeht. Diese Woche haben sie in der Heimatstadt Dayras, in den Bergen von Chantale, eine junge Journalistin erschossen, eine entfernte Verwandte meiner Gastgeberin. Das Mädel hatte etwas geschrieben, was dem Vize-Bürgermeister nicht passte, und da zückte er eben seine Waffe. Er ist nicht der erste, der ein Problem mit der Presse in diesem Jahr auf diese Art gelöst hat. Der Grund seiner Unzufriedenheit lag übrigens in der Berichterstattung über die Kommunalwahlen am vergangenen Sonntag, bei denen die Sandinisten praktisch alle Rathäuser des Landes zurückerobert hatten. Während die Linken immer noch feiern, befinden sich die Liberalen im Schockzustand und schreien Betrug und Fälschung.
Der abrupte Wechsel meines Lebens hat allerdings nicht nur damit zu tun, dass ich nun bei einer Familie in einem Viertel ab vom Schuss wohne, sondern natürlich auch mit der Stadt selbst. Managua fehlt jede Form von Urbanität, für Fußgänger ist die Stadt vollkommen ungeeignet, ein Zentrum im herkömmlichen Sinn scheint es überhaupt nicht zu geben, der öffentliche Busverkehr ist viel schlechter als in Quito und tatsächlich falle ich im Gegensatz zu dort hier fast so sehr auf wie in den Slums von Nairobi. Ohne Taxi kann ich mich praktisch nicht fortbewegen. Sobald ich nur einen Meter zu Fuß mache, werde ich als „mami“ oder „mamita“ (männlicherseits), in weniger freundlichen Fällen als „zora“ (weiblicherseits) angequatscht.
Und so habe ich es also nach einigen Versuchen aufgegeben, meine Termine mit Bus oder zu Fuß zu machen und kutschiere seit Dienstag, nach einigen Tagen Internet-Recherche hier in einem Ciber-Café um die Ecke, im Taxi von Zeitung zu Wochenblatt zu Radio zu Fernsehstation, um Chefs vom Dienst, Eigentümer und Direktoren zu interviewen. Mein nach einigen Tagen Suche erworbener Stadtplan ist mir dabei allerdings von wenig Nutzen, Metermaß und Kompass wären da schon hilfreicher. Die absurdesten Adressenangaben in dieser Stadt fast ohne Straßennamen beginnen mit dem Satz: „da wo einmal das Kino Dorado/die Fleischerei Gutiérrez/das Hotel ich weiß nicht mehr wie es heißt stand, davon drei Straßenzüge zum See und anderthalb nach Norden“. Selbstverständlich finden sich diese Fixpunkte aus der Zeit vor dem Erdbeben im Jahr 1972 in meinem Stadtplan nicht wieder.
Während ich mich also gerade an viele Neuerungen gewöhne, gibt es aber immerhin eine Konstante. Auch hier isst man mehrmals täglich Reis. Der hier täglich von roten Bohnen begleitet wird. Zwar lässt mich die hervorragende Köchin fast vergessen, dass ich Reis gar nicht mag. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich im Supermarkt wieder nicht an den Oliven, dem Weißbrot und den Würstel vorbeigekommen bin, die aussahen wie spanische Chorrizos. Und an denen werde ich mich jetzt noch schnell vergreifen. Ich habe zwar allein in dieser Woche hier schon mindestens drei Kilo zugenommen, aber das kann ja nicht schaden. Man weiß ja nie, was noch alles kommt.
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