
Der erste Advent ist schon um, und ich habe Weihnachten bisher nicht einmal erwähnt. Dabei waren schon in Quito, noch im Oktober, die ersten Jingle-Bells-Lieder und Weihnachts-dekorationen in den Geschäften aufgetaucht. Ich fühle mich allerdings immer noch nicht danach, wie auch, bei mindestens 30 Grad statt Eiseskälte, höchstens mal einem nächtlichen Regenschauer statt Schneetreiben. Und statt der ersten Sorte Weihnachtsplätzchen, die meine Mama an meinem Geburtstag um den ersten Advent herum immer schon gebacken hatte, stand in diesem Jahr eine rosarote Geburtstagstorte mit drei Blumen aus buntem Eischnee obendrauf auf dem Mittagstisch. Eine gelungene Überraschung. Gottseidank hatten sich Dayra und Douglas aus Taktgefühl die vielen Kerzen verkniffen, die inzwischen nötig gewesen wären – mit meiner Raucherlunge würde ich die ohnehin nicht mehr auf einmal schaffen. Und dankenswerterweise haben sie auch darauf verzichtet, nicaraguanische Geburtstagsbräuche an mir zu exekutieren: Mich morgens mit gekochten Eiern zu bewerfen und mein Gesicht hinterher mit buntem Eischaum von der Torte zu beschmieren.
Den Geburtstag werde ich außer wegen der riesigen Torte auch aus anderem Grund nicht so schnell vergessen. An diesem Tag stellten wir im Haus der Carcaches den Weihnachtsbaum auf. Während mein Vater in Deutschland für gewöhnlich nicht vor Mittag am 24. Dezember losgezogen ist, um für einen Fünfer aus den nicht verkauften Resten eine krüppelige dürre kleine Fichte zu fischen, die hinterher immer ganz pasabel aufgemotzt wurde, blinken in der Nachbarschaft in Bello Horizonte schon seit Wochen aus allen Fenstern blaue, rote, grüne und gelbe Lichter und stehen kunterbunt leuchtende überladene Dinger auf den wohnzimmer-artigen Terrassen. Solche Weihnachtsbäume kenne ich nur aus Werbesprospekten und nordamerikanischen Filmen.
„Unser“ Weihnachtsbaum, also der von Dayra und Douglas und Kathleen, hatte in meinem Zimmer im oberen Schrankfach gelegen, ohne dass ich es bemerkt hätte. Es ist schon seine dritte Saison. Das Drahtgestell mit grünen Kunststoffnadeln passt zum Übersommern in eine Plastiktüte und überragt mich ineinandergesteckt und ausgefaltet um einen ganzen Kopf. Wenn er wie die Bäume, die mein Vater immer anschleppte, irgendwo ein allzugroßes Loch zwischen den Zweigen zeigt, biegt man einfach ein bisschen herum. Das hat meine Mutter mit den echten Bäumen nie geschafft – das letzte Mal hat sie ihm deshalb einfach an einer Stelle einen Ast abgeschnitten und den an einer anderen Stelle angetackert. Aber wer meint, er müsste jetzt umsteigen, dem sei gesagt: Auch ein Kunststoffbaum nadelt mit der Zeit.
Dayra also holte Lichterkette nach Lichterkette aus dem Schrank, bärtige kugelrunde kleine Santa-Klaus-Figuren, Weihnachtskugeln in allen Farben und aus allen Materialien, rote Äpfel, goldfarbene Plastikperlenketten und den in Barcelona erworbenen Oster-Schmuck. Der passte gerade noch an die Zweige, obwohl zwei der acht Lichterketten ohnehin für die Krippe reserviert sind. Die steht noch nicht, aber ich habe schon gesehen, was reinkommt: unter anderem eine Giraffe, ein Zebra, ein Puma und Mickey Mouse.
Das Häuschen aus getrocknetem Schilfrohr für die Krippe sowie ein paar graue Bärte, die als Schmarotzer an Bäumen wachsen, hatten wir am Vortag bei einem Ausflug in den Norden des Landes gekauft. Dort bei Jinotega, der höchstgelegenen Stadt Nicaraguas, mutet es manchmal richtig alpenländisch an, obwohl es höchstens auf 1500 Meter raufgeht und außer Nadelbäumen und Erdbeeren auch Kaffee und Bananen wachsen. Dayra, Douglas und Kathleen zitterten ob der Eiseskälte, die sie dort empfanden. Die Temperatur fiel etwa auf den Durchschnitt eines verregneten deutschen Sommertags ab. Aber mir wurde versichert, dass dort manchmal auch die Sonne durch die Regenwolken hindurchscheint. Das Hotel, in dem wir zu Mittag aßen, heißt „Selva Negra“ (Schwarzwald). Es wird von Nachfahren deutscher Einwanderer betrieben und ist Teil einer absolut autark wirtschaftenden Öko-Farm. Die Besitzerin lässt sich von ihrem Mann und ihren 280 Arbeitern „Mausi“ nennen und könnte in ihrer Resolutheit auch gut auf einem schwäbischen Bauernhof wirtschaften. Tatsächlich aber spricht sie besser nordamerikanisch denn deutsch.
Ihr Mann, der immerhin einen deuschen Großvater aufzuweisen hat, tourte zu Anfang der sandinistischen Revolution 1979 zwei Wochen lang als Botschafter Nicaraguas durch Europa, wie er auf der Terasse des Restaurants stolz und auch etwas ausschweifend erzählte. Er hat unter anderem ein Buch über die Deutschen in Matagalpa geschrieben. Darin ist nachzulesen, wie sich der Brauch des Weihnachtsbaums in Nicaragua verbreitete. Zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts hatte sich eine der Töchter deutscher Einwanderer aus Jinatega nach Managua verheiratet. Weil ihr dort aber das Heimweh nach der Familien-Finka zusetzte, ließ ihr der Vater auf seinem Grund einen Baum schneiden, den ein Indianer dann zu Fuß in die doch einige Kilometer entfernte Hauptstadt trug. Heute allerdings glauben die meisten Nicaraguaner, der Brauch stamme wie Santa Claus und vieles andere aus den USA.
Wie eine alte Märchentante erzählte ich also die Geschichte vom richtigen Bischof Nikolaus, während Kathleen mit den goldfarbenen Plastikperlenketten zwischen den leeren Tüten herumtanzte und Disko-Queen spielte, Douglas sich mit einer Ausrede in sein Arbeitszimmer verkrochen hatte und ich Dayra beim Schmücken der Äste half. Sie sang mir nicaraguanische Weihnachtslieder vor und erzählte von ihrer Kindheit in Chontales im Zentrum Nicaraguas. Ich wiederum berichtete von Adventskranz und Weihnachtsplätzchen, schwärmte vom Glitzern der Schneekristalle an einem sonnigen eisigkalten Wintertag und wunderte mich insgeheim darüber, wie so ein einfaches Ding wie ein Weihnachtsbaum so viele Erinnerungen an die Kindheit heraufbefördert – auch wenn man zu dem Fest steht wie man will.
Aber mit solchen Geschichten will ich Euch jetzt nicht auch noch langweilen. Auch deshalb nicht, weil ich nach einer höllischen Termintour durch die Medien gestern wie angekündigt ans Meer gefahren bin, wo von Weihnachten noch nicht die Bohne zu spüren ist. Bei meiner Ankunft gestern Abend in San Juan del Sur nahe der Grenze zu Costa Rica in einem klapprigen knallgelben US-amerikanischen Schulbus, eingequetscht zwischen meinem Rucksack auf den Knien, dem Fenster und meinem Nachbarn, also nach drei Stunden Fahrt ohne die Möglichkeit, auch nur meinen kleinen Finger zu bewegen, begrüßten mich in der hereinbrechenden Dämmerung ein flammender Himmel und ein kurzer tropischer Regenschauer. Ich legte mein Gepäck in der nächstbesten Unterkunft ab und gönnte mir auf der Terasse eines Strandlokals zwei Bier und ein Krabben-Ceviche. Heute morgen bin ich schließlich in eine angenehme Hospedaje umgezogen, in deren schattigen Innenhof ich bis gerade eben gearbeitet habe.
Zum Aschluss des ersten Tages bin ich schließlich die paar Meter zum fast pisswarmen Pazifik marschiert und dort einmal durch die Bucht geschwommen. Anschließend trank ich mit Blick auf den Sonnenuntergang am Horizont einen dieser herrlichen eisgekühlten Kakaos. Kakao ist seit meiner Ankunft in Nicaragua mein neues Lieblingsgetränk und hat überhaupt nichts mit dem zu tun, was uns in Deutschland unter diesem Namen serviert wird. Statt mit leicht bitterer Süße füllt sich der Mund mit einem zarten Hauch von Kardamon und Vanille. Ich glaube, dass das eine ziemlich angenehme Art ist, die Vorweihnachtszeit gut hinter sich zu bringen. Ich hoffe, das gelingt Euch auch.




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