Während Ihr also gerade Weihnachtsfeiern mit Glühwein und Plätzchen hinter Euch bringt und Euch zu Hause auf dem Sofa in Wolldecken einwickelt, schlappe ich abends im ärmellosen T-Shirt, Jeans und Sandalen an die Strandbar „Ricardo“, um dort einen Cuba Libre oder ein Bufalo zu heben, und schaue dabei durch die von tropischen Blumen umrankte offene Frontwand auf das Meer, die in der Bucht schaukelnden Boote und den unglaublichen Sternenhimmel über dem Pazifik. Alleine in einer Nacht habe ich kürzlich neun Sternschnuppen gezählt. Das wären dann ziemlich viele Wünsche frei, oder?
Also einer meiner Wünsche hat sich, wie man sehen kann, ohnehin schon erfüllt: Ich gehe wieder aus, seitdem ich mich in San Juan del Sur einquartiert habe – aber nicht zu oft, damit ich mit meiner Studie hier auch nochmal fertig werde. Die 50 Seiten über die Medien in Nicaragua sind fast zu Ende geschrieben, und am Montag muss ich sie abgeben. Sie haben mich ziemlich viel Schweiß gekostet, weshalb habe ich das urlaubsartige Ambiente in San Juan del Sur um so mehr genieße.
Der Ort ist für so einen Aufenthalt geradezu ideal: nicht so groß, dass man sich darin verlieren würde, aber groß genug, dass man immerhin zwischen einigen Tante-Emma-Läden, Internet-Cafes und Strandbars auswählen kann. Das Geschäft an der Ecke spendiert mir nachmittags hin und wieder einen Kakao aus selbst gerösteten und gemahlenen Bohnen, die Leute grüßen mich auf der Straße, und überall sagen sie – wenn ich`s gerade nicht passend oder gar nicht habe: „Dann zahlst Du halt morgen.“ Ein Mädel hier im Hostal fragte mich kürzlich ungläubig: „Sind die zu Dir auch alle so freundlich?“ Ja, die sind hier so freundlich.
Das gilt auch für die Mädchen, die im Hostal arbeiten. Administradora ist die 25-jährige Tanja, mit der ich mich angefreundet habe, während wir beide an der Straßenecke standen und auf die Purísima warteten. Die Heilige Jungfrau wurde Anfang Dezember zehn Tage lang jeden Abend auf einem Traktor-Anhänger durch den Ort gezogen. Jedes Mal gab es eine andere Dekoration zu bestaunen, und die kleinen hübschen Mädchen an der Seite der Figur trugen jeden Tag Engelsgewänder in anderen Farben. Angekündigt hatte sich die Prozession immer schon von Ferne durch den unglaublichen Lärm und Rauch eines ganzen Arsenals von Silvesterkrachern, gegen das die mitmarschierenden Trommel- und Trompeten-Spieler nur schwer ankamen.
Die Nicas haben eine absolute Vorliebe für Knaller. Schon Anfang November in Managua lernte ich diese lautstarke Art zu feiern kennen, als die Sandinisten bei den Kommunalwahlen fast alle Rathäuser im Land eroberten. Bei den ersten Krachern damals in Managua dachte ich noch, eine Straße weiter gäbe es eine Schießerei. Dabei war das noch gar nichts im Vergleich dazu, was hier in San Juan del Sur zu jeder Tages- und Nachtzeit in die Luft gejagt wird. Ich kann mir inzwischen vorstellen, wie sich ein Guerillakrieg anhört. Vielleicht ist den Nicas diese Lust am Krach ja auch von ihren Bürgerkriegszeiten aus den 80ern geblieben, als die Sandinisten ihre Revolution gegen die von den Nordamerikanern finanzierten Contras verteidigten, bis sie 1990 ihre Macht durch demokratische Wahlen verloren und auf Landesebene seither auch nicht wieder zurückerobert haben.
An San Juan del Sur kann das übrigens nicht liegen, der Ort ist fest in Sandinistenhand. Von jedem dritten Haus weht die schwarz-rote Fahne, und auf dem Fest vergangene Woche zu Ehren eines im Kampf gefallenen marxistischen Märtyrers war ordentlich was los. Auch der neue Bürgermeister ist Sandinist, und das, obwohl er aus der vermögenden Familie Holmann stammt und verschwägert ist mit dem Clan der antisandinistischen Nachkriegs-Präsidentin und Chefin der größten nicaraguanischen Tageszeitung, Violeta Barrios de Chamorro. Die Holmanns haben einen guten Stand im Ort, vor einigen Jahren verschenkten sie aus ihrem reichlichen Grundbesitz Bauparzellen an arme Familien. So sind sozusagen in nicaraguanischer Form des Einheimischen-Baurechts gleich zwei neue Viertel im Dorf entstanden.
Das ansonsten eher überschaubar ist. Wenn Tanja abends um acht Schluss macht, begleite ich sie manchmal die zwei Häuserblocks bis zum Park an der Kirche, wo wir uns dann auf eine der Bänke setzen und zwischen herumtollenden Kindern, abendspazierenden Pärchen und sich langweilenden Jugendlichen unterhalten: über Männer (was sonst), die Bibel (na ja, nicht freiwillig) und das Leben an sich.Tanja hat zwölf Geschwister und sich ihr Studium mühsam durch Arbeiten finanziert: Ihre einzige Beziehung hat sie kürzlich beendet, weil ihr Freund mit ihr zusammenziehen wollte. Sie ist bildhübsch und Jungfrau, wohnt bei ihrer Mutter, glaubt fest an Gott, raucht nicht, trinkt nicht (nicht einmal Coca Cola ohne Rum), und wir verstehen uns trotzdem prächtig. Kürzlich waren wir zusammen aus, was für mich ein besonderes Erlebnis war.
Tanja holte mich mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Alejandra und ihrem Schwager im Hostal ab. Das Mädel hatte einen superkurzen Rock an und ein Oberteil, das gerade mal den Busen bedeckte. So zog sie denn im Licht der Straßenlaternen alle Blicke auf sich, als wir gemütlich hinternwackelnd, wie es hier üblich ist, zu viert bis zu der Bar schlenderten, die an diesem Abend die schlaglochübersäte Straße abgesperrt und zur Tanzfläche umfunktioniert und eine Videoleinwand und eine Bühne organisiert hatte. Dort standen wir dann erst einmal, gegenüber der Pulperia „Die drei Brüder“, in gebührendem Abstand vor dem Eingang - wie alle anderen, die nicht eintreten wollten, weil noch nichts los war. Der Discjockey animierte die Wartenden erst erfolgreich, als er den ersten Gästen über Mikrophon Freibier versprach.
Wer nun glaubt, die Latinos hätten sich sofort auf die Tanzfläche gestürzt, irrt. Da standen sie denn am Rand des kleinen Karrees, tranken Bier aus Pappbechern und taxierten die anderen Gäste – bis Tanja und ich die Vortänzer spielten, was allein schon deshalb peinlich genug ist, weil ich ja immer noch nicht tanzen kann. Aber zu meinem Glück schallte aus den 30 übereinandergestapelten Boxen erst einmal kein reiner Salsa, sondern Reggaeton, der einfacher zu tanzen ist und den ich schon aus Ecuador kenne. Musik dieser Richtung habe ich inzwischen sogar im Gepäck, weil erstens gewöhnt man sich an alles, und zweitens finde ich sie inzwischen richtig gut. Reggaeton ist ein latino-eigene Salsa-Mischung mit Techno-Beats (oder was auch immer) mit möglichst schmutzigen Texten, die es vor allem den Männern erlauben, ihre Bewegungen beim Tanzen mit möglichst eindeutigen Posen zu kombinieren. Weh dem, der da einen unangenehmen Tanzpartner hat.
Das konnte mir vergangenen Samstag nicht passieren, ich hatte Aufpasser dabei. Die 27-jährige kugelrunde Schwester, die ihre Fettschwarten in einer aufreizenden Art zur Musik bewegte, dass einem das Sehen verging, wimmelte mit Eiseskälte im Blick jeden ab, der ihr für Tanja oder mich nicht geeignet erschien. Wenn sie einen ihr nicht genehmen Aspiranten nicht rechtzeitig genug entdeckt hatte und ich meine Absage in ganz freundliche Worte zu packen versuchte oder gar zusagte, packte sie einfach resolut meinen Arm und zog mich weg. Und damit sich auch sonst keiner heimlich anschleichen konnte, begleitete der Schwager uns Mädels immer bis vor die Klotür, wo er brav wartete, bis wir auch wieder herauskamen. Und am Ende des Abends wurde ich natürlich erst an der Hostal-Tür verabschiedet. So funktioniert das also.
Angesichts solcher Überwachung und der Tatsache, dass man hier praktisch schon verheiratet ist, wenn man einmal mit einem Jungen ausgeht, finde ich Bismara noch unglaublicher. Die 25-Jährige arbeitet ebenfalls hier im Hostal und lebt, was ohnehin schon unerhört ist, in wilder Ehe mit ihrem „compañero“, wie sie ihn nennt. Was sie nicht davon abhält, sich seit zwei Wochen heimlich mit einem Verehrer zu treffen. Mag das in einer europäischen Großstadt schon schwierig sein, in einem mittelamerikanischen Dorf ist das ein Meisterstück. Um zu erklären, wie sie das managt, bräuchte ich wahrscheinlich ziemlich viel Platz. Bismara ist „bandida“, wie man hier sagt. Auch das gibt es.

Wenn ich also morgens um neun vom Schwimmen zurück bin und mich hier im schattigen Innenhof des Hostals mit meinem Computer, den Unterlagen und dem reichlich zerfledderten Wörterbuch am Tisch niedergelassen habe, Bismara mit Besen und Putzzeug um mich herum werkelt und Tanja sich für eine Pause neben mich in den Schaukelstuhl setzt, haben wir drei immer etwas zum Lachen und Tratschen. Und so wenig wie uns dabei der Stoff ausgeht, so wenig ist mir bisher die Lust an diesem Kontinent vergangen. Weshalb ich Weihnachten hier verbringe und Euch aus der Ferne schöne Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr wünsche. Wo ich diese Tage verbringen werde? Immer noch keine Ahnung. Die Auswahl ist einfach zu groß.

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