Mittwoch, 16. März 2005

War da was?

Trotz meines Schweigens in den vergangenen Wochen: Es gibt mich noch. Und so schicke ich Euch diesmal ein paar Schlaglichter aus dem Leben guatemaltekischer Bauern und den Straßenschlachten der vergangenen Tage in der Hauptstadt.

In einem kleinen Weiler nahe Chichicastenango, vier Stunden von der Hauptstadt entfernt, werden demnächst Opfer von Massakern der 80er Jahre exhumiert. Militärs und ihre Helfer löschten zum Teil ganze Dörfer aus, wenn sie den Verdacht hatten, dass diese auf der Seite der Guerillas stehen könnten.


Die Initiative für die Exhumierung in Lacamá geht auf José zurück, dessen Bruder entführt, erschossen und irgendwo verscharrt wurde. Der Mittvierziger stockt immer wieder in seinem Bericht, blickt weg und hält nur mühsam die Tränen zurück. Drei geheime Gräber wurden in diesem Quiche-Dorf im letzten Jahr schon ausgehoben: einmal zwei Frauen und zwölf Kinder, ein andermal ein Mann mit seinen drei Kindern, schließlich sieben weitere Leichen. Die Überreste von Josés Bruder waren nicht darunter.


Einige der Mörder, Mitglieder einer paramilitärischen Patrouille, leben heute noch im Dorf. Mit einer Mischung aus Schmerz und Wut erzählt José, dass diese wissen, wo sein Bruder verscharrt wurde. Aber sie wollen es nicht sagen. Sie haben Angst vor einem Prozess. Dabei will José gar niemanden verklagen. Er will nur, dass sein Bruder wenigstens in einem ordentlichen Grab bestattet wird. Dass sein Schmerz nach so vielen Jahren des Schweigens einen Ausdruck findet.


In einem kleinen Dorf nördlich der Hauptstadt treffen sich seit zwei Jahren einmal im Monat unter sozialpsychologischer Führung zwanzig Katecheten aus den umliegenden Weilern und versuchen sich fortzubilden. Sie analysieren auf lebensnahem Niveau Probleme, die von der blutigen Geschichte oder der jetzigen schwierigen sozialen und politischen Situation herrühren. Versuchen, für ihre kleine Welt Lösungen zu finden.

An diesem Samstagnachmittag sprachen die zwanzig Bauern zwei Stunden lang über Selbstwertgefühl. Wie sie behandelt wurden in ihrer Kindheit, wie sie behandelt wurden während der Militärregime, wie sie ihre Kinder heute behandeln. Was ihnen Selbstwertgefühl gibt. „Wenn der Mais gut wächst, sind wir glücklich“, sagte einer von ihnen. Der Mais hat eine besondere Bedeutung: „Mit der Erde handelt man nicht. Die Erde ist unsere Mutter, und wir sind der Mais.“

Die Kolonialherren hat das nicht interessiert, bis heute besitzen ein paar wenige Finceros praktisch die Gesamtheit der Flächen, zumindest der fruchtbaren. Viele Titel basieren auf gefälschten Dokumenten. Oft grasen auf Riesenfeldern zwei Kühe, manchmal wird das Land auch gar nicht genutzt. Die Bauern sterben derweil an Unterernährung, weil sie kein Fleckchen finden, auf denen sie ihren Mais und ihre Bohnen anbauen könnten. Manche kommen ab und an als Tagelöhner auf einer der Ländereien unter – für 2,50 Euro am Tag.


Wenn eine Gemeinde gar nicht mehr weiter weiß, besetzt sie manchmal eine Finca. Wenn sie Glück hat und die jahrelangen Verhandlungen durchhält, kauft ein Staatsfond den Grund und verkauft ihn dann an die Bauern weiter. Die rechtliche Vertretung übernimmt die Bauernorganisation CUC, die im Bürgerkrieg Teil der Guerillabewegung war. Regionalvertreter Abelardo macht seinen Job ehrenamtlich, er hat nicht einmal ein Budget für seine Fahrten durch die drei Bezirke, für die er zuständig ist. Sein Posten lässt ihm keine Zeit, seinen Unterhalt für sich und seine Familie zu verdienen. Abgesehen davon, dass er regelmäßig Morddrohungen erhält, ist er darauf angewiesen, dass ihm die Bauern hier einen, dort zwei Euro zustecken.


In der Umgebung der Kleinstadt Morales im Bezirk Izabal im Osten des Landes habe ich mit Abelardo sieben solcher Gemeinden besucht, die um eigenen Grund kämpfen. Die Gegend könnte ein Paradies sein. Weiter Blick in einem breiten Tal zwischen zwei Gebirsgszügen, die sanft in Hügeln auslaufen, grüne Weideflächen, feuchtwarmes Klima. Aber alleine in diesen sieben Weilern wurden in den vergangenen Jahren im Kampf um Land mehr als 30 Bauern ermordet. In den meisten Fällen gibt es Zeugen, wurde Anzeige erstattet. Es kam nicht zu einem einzigen Prozess. Immerhin zwei Haftbefehle wurden ausgeschrieben – und nie vollzogen.


Scheint die Gegend schon idyllisch, die Bauern könnte man geradezu als pitoresk bezeichnen: Cowboyhut und –stiefel, ausgewaschene alte Jeans, offene Hemden, gegerbte Gesichter, athletische Körper. Der Eindruck verfliegt schnell, wenn sie von ihrem Leben erzählen. Der Speiseplan besteht zu weiten Teilen aus Tortilla mit Salz. Wegen des besonderen Anlasses hatten die Frauen an diesem Tag ein paar fleischlose, fettreiche und flacksige Rinderknochen gekocht, die sie mit Reis servierten. „Bitte nur einen kleinen Löffel“, sagte ich und hatte übersehen, dass es mehr ohnehin für keinen gab.


Damit sich auch diese armseligen Bauern aus ihrer Misere befreien und an der Globalisierung teilhaben können, hat die neoliberale und unternehmensnahe Regierung mit den USA ein Freihandelsabkommen (TLC oder CAFTA) geschlossen. Im Effekt werden die Kleinbauern in ihren Dörfern ohne ordentliche Wasserversorgung, Schulen, Gesundheitsversorgung und Strom mit ihren Bohnen und ihrem Mais nicht gegen die staatlich subventionierten Produkte aus Nordamerika konkurrieren können.


Deshalb gab es eine ganze Woche voller Demonstrationen hier in der Hauptstadt, an denen sich außer Bauern auch Indígenas und Sozialorganisationen, Studenten und Gewerkschaften, Fraueninitiativen und Lehrer beteiligten. Am ersten Tag gelangten die Protestierenden noch bis zum Kongress hier in der Altstadt, wo sie ohne Erfolg um ein Gespräch mit der Regierung baten. Aber schon am zweiten Tag wurde das Gebäude großräumig abgesperrt, damit die Abgeordneten drinnen ungestört und in aller Eile den Vertrag ratifizieren konnten. Zum Wohl des Volkes.

Das rief für vergangenen Montag den Generalstreik aus und sperrte im ganzen Land Straßen. Die Massendemonstration hier in der Hauptstadt wurde mittags ohne Ankündigung durch Tränengasbomben, Wasserwerfer, Gummi- und Nagelgeschosse sowie Schüsse in die Luft aufgelöst. Daraufhin entwickelte sich ein Straßenkampf zwischen kleinen Gruppen gewalttätiger TLC-Gegner sowie Spezialkräften der Polizei und des Militärs. Einer der Brennpunkte verlagerte sich wie schon in der Vorwoche in meine Straße, wo Studenten zwei Busse kaperten und gegen Hausmauern sausen ließ.


Nachmittags gegen vier schließlich hatte die Polizei wieder alles unter Kontrolle: Ein Pulk von Spezialkräften auf 40 nagelneuen und auf Hochglanz polierten Motorrädern patrouillierte in Höchstgeschwindigkeit und mit heulenden Sirenen bis in die Nacht durch die Straßen der Innenstadt und stoppte nur, um Menschen festzunehmen. Eine Gruppe von friedlichen Bauernanführern entging diesem Schicksal nur, weil sie Zuflucht beim Regierungsbevollmächtigten für Menschenrechte fand. Ich verzog mich derweil endgültig in meine Wohnung.


Immer wieder breiten Journalisten in allen möglichen Zeitungen ihre Besorgnis darüber aus, dass Lateinamerika wieder bedenklich nach links rutscht. Wen wundert das? In Guatemala allerdings braucht sich keiner davor zu fürchten, dass aus dem Protest gegen den Freihandelsvertrag eine Guerrillabewegung wächst, wie es 1994 in Chiapas geschah. Die Menschen hier sind des Blutvergießens müde. Und das Potential an Oppositionsführern ist in über 30 Jahren Bürgerkrieg ohnehin so systematisch ermordet worden, dass es lange dauern wird, bis sich diese Lücke wieder schließen wird.




Freitag, 25. Februar 2005

Flores im Petén











Dienstag, 22. Februar 2005

Lago Atitlán










Montag, 21. Februar 2005

Nur mit Schutzengel

Also wenn ich das letzte Mal geschrieben habe, in meine Wohnung drängen manchmal Musikfetzen, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Und weil Wasti nach seinem Kurzbesuch hier ohnehin einiges erzählen wird, macht es auch keinen Sinn, die andere Hälfte zu verschweigen. Gerade eben wieder, als ich die Zeitungen von heute durchblätterte, fielen draußen in der Nacht Schüsse. Guatemala ist mit Sicherheit das gefährlichste Land, in das ich je gereist bin, und die gemeine und die politische Kriminalität, zwischen denen nicht einmal eine Grenze auszumachen ist, verursachen mir jeden Tag mehr Gänsehaut.

Dazu tragen nicht nur die Bücher über die reichlich blutige Vergangenheit des Landes bei, die sich auf meinem Nachttisch stapeln, sondern auch meine Besuche bei Menschenrechtsorganisationen und anderen Institutionen. Dort erzählen mir die Menschen von Drohanrufen und ständiger Überwachung, sprechen von den immer noch existenten geheimen Killer- und Überfallkommandos, die wie in Bürgerkriegszeiten auf Befehl von oben agieren, und pflegen dann abzuschließen mit Sätzen wie: „Pass auf, vertrau keinem, es könnte ein Militär sein.“ Davor schützt mich ja hoffentlich, dass ich absolut unbedeutend bin. Allerdings frage ich mich jeden Tag mehr, wieso hier niemand wieder anfängt, sich zu bewaffnen. Was man so wiederum gar nicht formulieren kann, denn bewaffnet ist die Mehrheit bereits. Die AK47 ist absolute Durchschnittsausruestung.

Jeden Tag lese ich die Seite in den Zeitungen mit den übelsten Vergewaltigungen, Folterungen, Überfällen, Entführungen und Morden, derer so vieler sind, dass sie in der Regel in einem Sammelartikel jeweils nur mit einem Satz abgehandelt werden. Für eine Erklärung der Motive im Einzelfall ist da kein Platz mehr. Nur wenn eine Frau umgebracht wurde, vergessen die Redakteure nie die Gesamtzahl der weiblichen Opfer zu erwähnen: In den ersten Wochen des Jahres waren es bereits 55, was darauf schließen lässt, dass der traurige Rekord vom vergangenen Jahr heuer noch übertroffen wird. In einem besonders grauslichen Fall tauchte der abgeschnittene Frauenkopf in einem öffentlichen Bus auf. Hier um die Ecke.

Kommentare über die Unsicherheit im Land, in dem elf Millionen Menschen leben, füllen auch täglich die Meinungsspalten. Ich lese das alles nicht gerade zum Vergnügen, sondern um zu sehen, wo und zu welcher Uhrzeit die Verbrechen stattgefunden haben, um ein Gefühl zu kriegen für die Gegenden, wo ich genau aufpasse, wer vorne in den Bus einsteigt, oder wo ich besser erst gar keinen Fuß reinsetze.

Aber auch das hilft nicht immer. Als Wasti und ich vergangene Woche hier in der Hauptstadt kurz nach Dunkelwerden in ein Taxi einstiegen, nahm der Fahrer unnötigerweise eine unübliche Route. Sie führte durch üble Viertel. Am Straßenrand ließen sich zwischen nächtlichen Feuern Gruppen von Jugendlichen mit Pumpguns und allerhand andere unangenehme Gestalten ausmachen. Wir insistierten mehrmals, dass das der falsche Weg sei und landeten schlussendlich dann doch heil an meiner Haustür. Ob der Taxifahrer in böser Absicht oder aus Naivität handelte, wir werden es nie herausfinden.

Meine Haustüre ist gottseidank immer verschlossen, zur Kontrolle sitzt ein Portier am Eingang. Den Luxus genießen natürlich die wenigsten Guatemalteken, und deshalb leiden sie gerade unter einer neuen Welle von Gewalt durch jugendliche Banden-Mitglieder, so genannte mareros, die viele Viertel beherrschen und täglich Schutzzoll von Anwohnern und Busfahrern kassieren. Neuerdings klingeln sie an der Tür, schauen sich die Wohnung oder das Haus an und entscheiden dann, ob sie bleiben – für immer. Aus Angst traut sich kaum jemand zu protestieren oder gar Anzeige zu erstatten. Manchmal dürfen die Besitzer ein bisschen persönliche Habe (natürlich keine Wertgegenstände) zusammensuchen, bevor sie aus ihren vier Wänden rausgeschmissen werden, manchmal dürfen sie die Behausung sogar mit den ungebetenen Gästen teilen

Auch meine Gegend ist nicht gerade die sicherste. Aber dafür herrscht hier bis abends um acht Trubel, was wiederum auch Schutz ist. Zu dieser Uhrzeit ist nämlich der Rest der Stadt schon ausgestorben, bereiten sich die Obdachlosen in ruhigeren Ecken und Hauseingängen schon ihre Pappbetten. Mit Wasti traute ich mich nachts sogar bis zur Bodeguita del Centro, einer Musikkneipe vier Häuserblocks weiter, wo die Straße schlecht beleuchtet ist und abgesehen von den Prostituierten nachts immer leer zu sein scheint. Allein gehe ich allerdings nach acht zu Fuß nicht weiter als bis zum nächsten Häuserblock, wo in Bar Europa Chef Cesar immer rührend um mich bemüht ist. So habe ich also meinen Tagesablauf völlig umgestellt. In der Regel gehe ich tagsüber raus, nachts arbeite ich zu Hause am Computer.

Die vergangenen zwei Wochen waren da eine Ausnahme. Wasti und ich haben uns aber nicht nur in Hauptstadt umgeschaut, wir sind auch nach Antigua, an den Atitlan-See und zu den Maya-Ruinen nach Tikal gefahren. An diesen touristischen Punkten scheint die Welt halbwegs in Ordnung – aber die Gefahr lauert auch dort oder zumindest auf dem Weg dazwischen. Busüberfälle sind tägliche Routine, die können sogar hier in der Innenstadt zweieinhalb Stunden dauern, bis endlich die Polizei kommt. Die ist oft genug selbst in die Verbrechen involviert und deshalb nicht gerade vertrauenswürdig. Und dass es in den viel besuchten Touristenorten wie Antigua keine richtigen Maras gibt, zeigt am offensichtlichsten, dass diese Jugendbanden „von oben“ gesteuert werden. Die 14- bis 30-Jährigen werden von den Bossen, die das Land regieren, als Drogen- und Waffenkuriere beschäftigt. Von den Verbindungen zwischen Maras, Killer- und Überfallkommandos, Präsidentenpalast und anderen politischen und wirtschaftlichen Institutionen weiß jeder. Es ist sogar in der Zeitung nachzulesen. Es hilft nur nicht.

Man gewöhnt sich an vieles, habe ich festgestellt. Deshalb haengt neuerdings ein grosses Poster in meiner Wohnung: die uebelsten mareros als lustige Comicfiguren. Ansonsten vertraue ich auf meine Vorsichtsmaßnahmen und meinen Schutzengel.

Samstag, 12. Februar 2005

Gift für die Bauern

Wer nicht in San Francisco II wohnt, fährt dort auch nicht freiwillig hin. Der Weg in das kleine ecuadorianische Dorf am Rande des Amazonas an der Grenze zu Kolumbien wird in der Gegend Koka-Straße genannt und ist eine grobe, einsame, einspurige Schotterpiste aus faustgroßen Steinen und einer Aneinanderreihung von Schlaglöchern. Sie führt durch steiles hügeliges Waldgelände. Eine Straße, auf der man besser niemandem begegnet. Nicht nur, weil sich dort Schmuggler und Guerillakämpfer herumtreiben. Die größte Gefahr kommt dort aus der Luft.

„Hier sterben die Menschen, sie sterben einen langsamen Tod, und niemanden interessiert es“, klagen die Kichua-Bauern auf dem Dorfplatz in einer Mischung aus Verzweiflung und Wut. Alle zwei bis drei Wochen tauchen über der Gemeinde Flugzeuge auf, die Pflanzen, Tieren und Menschen Krankheit und Tod bringen. Die Gefahr droht entlang der kolumbianischen Grenze nicht nur in Ecuador, sondern auch in Peru und Brasilien.

Die Flugzeuge versprühen Unkrautvernichtungsmittel, Hauptbestandteil der Mischung ist Glifosat, ein toxischer Stoff. Es wird verkauft mit dem Hinweis, dass Menschen damit nicht in Berührung kommen sollen, es drohten Reizungen von Haut und Augen, Übelkeit und Atemnot. Doch im Drogenkrieg gelten andere Regeln. Der Giftcocktail soll auf kolumbianischem Terrain illegale Mohn-, Koka- und Marihuana-Anpflanzungen zerstören. Die Herbizide machen allerdings nicht an der Grenze Halt und landen auch direkt auf ecuadorianischem Gebiet.

Kolumbien versprüht im Kampf gegen den Drogenanbau schon seit den siebziger Jahren Herbizide aus der Luft, verstärkt haben sich die Einsätze allerdings erst im Jahr 2000, als der damalige US-Präsident Bill Clinton und sein kolumbianischer Kollege Andres Pastrana den umstrittenen Plan Colombia entwarfen. Aus dem südamerikanischen Land stammen 80 Prozent des weltweit hergestellten Kokains, und Washington glaubt, den Anbau mit militärischen Mitteln drosseln zu können. Dafür stellte der US-Kongress im selben Jahr 1,3 Milliarden Dollar bereit.

Der Plan läuft in diesem Jahr aus, aber bereits im vergangenen November sagte US-Präsident George W. Bush seinem kolumbianischen Kollegen Alvaro Uribe bei einem Kurzbesuch weitere Hilfe für die nächsten Jahre zu. Bush und Uribe hoffen, damit gleichzeitig linksgerichtete Guerillagruppen wie die Fuerzas Armadas Revolucionarias Columbianas (Farc) auszuschalten, die sich wie die rechten Paramilitärs hauptsächlich aus dem Kokaingeschäft finanzieren.

In San Fransisco II will man weder mit Guerillas noch mit Drogen etwas zu tun haben. Dort hat man andere Sorgen. Bei der Rundfahrt durch die Felder zeigt Delia Prieto auf die Bananenstauden. Vertrocknete Blätter, schwarze krumpelige Früchte. Sie zieht Maniok aus der Erde. Die Wurzel zerbröselt ihr in der Hand. „Mais, Kaffee, Maniok, Banane, alles tot“, sagt die Bäuerin. „Viele bauen hier überhaupt nichts mehr an, denn sie wissen ja nicht, wann die Flieger das nächste Mal auftauchen.“

Nicht nur die Pflanzen sterben, auch die Tiere. „Von meinen 15 Katzen blieb mir nicht eine“, erzählt Delia Prieto. Auch Hunde, Hühner, Schweine und Kühe starben. Was überlebt hat, lässt sich nicht verkaufen. So wurde den Bauern im Grenzstreifen durch die regelmäßigen Besprühungen aus der Luft die Lebensgrundlage entzogen. Aber das ist nicht alles. Die 52-jährige Bäuerin Victoria Ribadenaira zeigt auf die schwarzen Flecken auf ihrem Bauch, sie leidet unter Kopfschmerzen, Fieber und Erbrechen. Der Arzt diagnostizierte eine akute Vergiftung. Aber wer sollte den verordneten Blutaustausch bezahlen?

Bauer Julio Diez nimmt seinen Hut ab. Der Hinterkopf ist voll von daumengroßen Geschwüren. Kein Medikament hat geholfen. Jose Macario Bones Körper ist von Hautausschlägen übersät. Seine Frau behandelt sie mit Öl, das verschafft etwas Linderung. Segundo Rocendo Andrade holt das Foto seines Sohns aus der Hütte. Der Neunjährige starb im vergangenen Jahr innerhalb von drei Monaten. Allein in San Fransicso II starben in Folge der Herbizid-Besprühungen acht Kinder.

Was die Bauern erzählen, hat der spanische Arzt Alfredo Maldonado für die ecuadorianische Umweltinitiative Accion Ecologica und für Menschenrechtsgruppen wissenschaftlich untersucht. Sein Ergebnis: Während der Besprühungen leiden die Einwohner unter akuten Vergiftungserscheinungen. Langfristige Folgen sind eine zerstörte Erde und kontaminiertes Wasser, Magen-, Darm-, Nerven- und Hautkrankheiten, Abgänge in der Schwangerschaft, Zerstörung der roten Blutkörperchen, Krebs, Missbildungen, genetische Schäden.

Der Tropenmediziner hat die Ergebnisse seiner Untersuchungen in langen Berichten zusammengefasst. Er glaubt, wie viele im Land, hier gehe es vor allem um die Interessen der USA. Die Strategie zur Drogenbekämpfung sei aber längst gescheitert, sagt er. Auf Hilfe der Regierung brauchen die Bauern in San Fransisco II nicht zu hoffen.

Präsident Lucio Gutierrez ließ zwar eine Kommission zur Untersuchung der Gesundheitsschäden einrichten. Aber an deren Glaubwürdigkeit zweifeln sogar seine eigenen Abgeordneten, und im Zweifelsfall ist ihm der Applaus aus Washington oder Bogota wichtiger als seine Bauern. Auch Ecuador erhält immer wieder Brosamen aus dem Milliardenbudget der USA für den Plan Colombia, dafür patrouillieren einige tausend ecuadorianische Soldaten im Grenzstreifen zu Kolumbien.

Wer kann, geht deshalb weg von dort. In der Region wurden in den vergangenen Jahren 25 Schulen geschlossen. Eduardo Olmedo Aviles ist geblieben. Er hat keine Verwandten anderswo, die ihn aufnehmen könnten. Und er sieht nicht ein, warum er gehen sollte: „Ich bin schließlich Ecuadorianer. Ich habe ein Recht auf ein würdiges Leben in meinem Land.“

Dienstag, 8. Februar 2005

La Reina del Camino




Manchmal dringen untertags in meine verschrobene 50-er-Jahre-Wohnung Musikfetzen von draußen. Aber das ist nur ein leiser Abklatsch des Trubels auf der Straße. Wenn ich das Haus verlasse, bin ich mitten drin: dort wo die Stadt am lautesten, am chaotischsten ist.

Die sechste Avenida ist geäumt von mobilen Händlern mit schwarz kopierten CD, Videofilmen, DvD, Jeans und Schuhen, dort schlägt mir ein Lärm aus Techno-Musik, Reggaeton, Salsa und Kampffilm-Geräuschen entgegen, finden sich zwischen schwarzen Abgaswolken Grillstände und Straßen-Volksküchen, Zeitungsverkäufer und Zigarettenhändler. Auf dem zu einem schmalen Pfad zugestellten Gehsteig ist kein Durchkommen. Sieben Tage die Woche.

Eine Welt. Wenn ich den 82er Bus nehme, dann lande ich nach einer halben Stunde in der anderen, in zona 10 oder zona viva. Dort sammeln sich die modernen Bürotürme und Einkaufszentren mit europäischen und nordamerikansichen Modemarken, die teuren Hotels, Bars und Restaurants. Dort speisen selbst im McDonalds mittags nur Anzugträger mit Handy, tauchen Frauen in Tracht nur als Kaugummiverkäuferinnen auf, legen sich an der Kreuzung bei Rot kleine Jungs auf ihre ausgebreitete Jacke und zeigen in der Hoffnung auf ein paar Quetzales, das was wir im Turnunterricht die "Kerze" nannten. An den Laternenmasten kleben Handzettel von illegalen Abtreibungskliniken, jedes Haus ist durch Mauer und Stacheldraht und Sicherheitsleuten geschützt.

Noch irrealer aber ist die ehemalige Hauptstadt Antigua. Die kleine Provinzstadt liegt in lieblicher, manchmal fast toskanisch anmutender Landschaft, ist umgeben von ebenmäßigen, wie von Kinderhand gemalten Vulkankegeln. Die Straßen aus Kopfsteinpflaster sind gesäumt von Kolonialhäusern, hinter denen sich wunderbare Innenhöfe öffnen. Es finden sich ein paar jahrhundertealte Ruinen, die die Erdbeben dort hinterlassen haben. „Disneyland“ nannte es ein Einheimischer. Während ich in Guatemala-Stadt noch nicht einen Touristen gesehen habe, nicht einmal auf dem Hauptplatz oder in der Kathedrale, wimmelt es dort in Antigua nur so von Gruppen älterer Reisender und ausländischen Pärchen. Es gibt Pizza, Sushi, Thai, alles, nur keine Bohnen und keine Tortilla.


Nun gut, ich habe es natürlich genossen, mich zum Frühstück in die italienische Bar zu setzen und mit Blick auf die kolonialen Arkaden einen doppelten Espresso zu trinken. Alles andere wäre gelogen. Aber nach einer Nacht machte ich mich doch wieder auf den Heimweg.


Der Bus war ausnahmensweise nicht voll besetzt, das heißt man konnte noch manche Körperteile bewegen, und deshalb rutschte auf der rasanten Fahrt der jeweils Dritte auf der zweisitzigen Bank bei jeder Kurve in den Mittelgang. Auch die alte Frau neben mir plumpste regelmäßig ins Nichts und lachte dann schallend – wie alle anderen, die keinen Halt gefunden hatten.

Das Busfahren ist nicht immer so lustig, es ist vor allem anstrengend. Zum einen gibt es keinen ordentlichen Busbahnhof hier in der Hauptstadt, nur ein paar Straßenzüge, die sich so nennen. Dann ist der älteste Klapperkasten der „Reina del Camino“, einer wirklich üblen Bus-Kooperative in Quito, mit der ich einige nächtliche Horrorfahrten erlebte, im Vergleich immer noch ein Luxusgefährt. Und schließlich kann man sich nicht aussuchen, ob man seinen Sitz mit jemandem teilen möchte. Wenn zwei auf der Bank nicht Platz machen wollen für einen Dritten, dann wird der Kassierer ziemlich schnell ziemlich ungeduldig. Von den Leuten, die stehen, von den Kindern, die irgendwo ein Plätzchen finden, vom Gepäck, davon will ich gar nicht sprechen. Strecken über mehrere Stunden legt man hier zurück wie in der Münchner S-Bahn zu Stoßzeiten, wenn gerade zwei Züge ausgefallen sind.


Bei meinem jüngsten Ausflug hatte ich Glück. Ich ergatterte einen Fensterplatz. Neben mich setzte sich eine Mutter. Sie hatte abgearbeitete, geschwollene, runzlige Hände, aber glatte rote Pausbäckchen. Ich hätte sie auf mein Alter geschätzt, damit dürfte sie etwa fünf bis zehn Jahre jünger gewesen sein. Auf ihrem Schoss saß der Kleinste mit einem halben Jahr, dem sie hin und wieder die Brust gab. Auf das bisschen Bank, das noch frei war, hatte sich der Ehemann gequetscht, mit der Zweijährigen auf den Knien. Jenseits des Gangs hielten die Zehn- und der Achtjährige die zwei mittleren Geschwistern auf dem Schoss. Am Fenster schließlich saß ein Fremder. Diese achtköpfige Familie fuhr also nicht nur mit dem Bus zu einem Fest in ihr Heimatdorf, nein, sie tat das auf zweimal anderthalb Sitzplätzen. Während die Familie noch ein Stück Weg vor sich hatte, stieg ich nach vier Stunden in Chichicastenango aus.


Das Dorf im Departamento del Quiché mit 5000 Einwohnern ist berühmt für seinen Markt und als Zentrum der Maya-Religion. Der Hauptplatz und die angrenzenden Straßen verwandelten sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag in einen überdeckten Basar voller Trachtenstoffe, Huipiles, den bestickten Blusen der Indígenas, Touristen-Kram, Plastikeimern, Obst, Gemüse, Mais in allen Formen. Aber trotz dieses Gewimmels beherrschte immer noch die Kirche San Tomas den Platz. Auf den Steinstufen hinauf zum Eingang brannten in kleinen Feuern duftende Essenzen. Innen war es duster, spartanisch, rauchig. Alte Frauen rutschten murmelnd und auf Knien zum Altar und schwenkten dabei Weihrauchkessel.


San Tomas mag zwar eine katholische Kirche sein, so wie die Mehrheit der Bevölkerung katholisch sein mag. Aber in dieser Gegend mischt sich der Katholizismus in besonderer Weise mit den Riten der Mayas. Die Kirche wurde 1540 auf dem Platz eines Maya-Altars erbaut. Dort war es auch, dass ein spanischer Pfarrer den Popol Vuh „entdeckte“, ein Kompendium der Welt- und Lebensanschauung der Quichés, einer Untergruppe der Mayas. Die Schamanen arbeiten in der Kirche San Tomas genauso wie auf dem Friedhof oder auf dem Hügel Pascual Abaj außerhalb des Dorfs.

Am Sonntag standen Sonne und Mond gerade günstig, was etwa zweimal im Monat der Fall ist, und einige der 300 Shamanen des Ortes zelebrierten dort oben Bittriten, an einem 2000 Jahre alten Steinschrein auf einer Lichtung in einem Pinienwald. Sie rauchten dicke Zigarren, um sich zu reinigen, ordneten die Gegenstände, die sie je nach Auftraggeber für ihre Zeremonie brauchten, entzündeten kleine Feuer, in die sie Kerzen und Blumen warfen, die sie mit Essenzen mischten und mit Alkohol besprengten. Lebende Hühner wurden an diesem Tag nicht geopfert, aber es ist üblich. Die Shamanen, die Jeans und T-Shirt oder Anzug trugen, baten in ihrer Sprache murmelnd um Gesundheit, Liebe, Erfolg...


Das hätte ich vielleicht auch alles ganz gut gebrauchen können, aber eine junge Frau aus Chichi meinte, dass der Zauber nichts helfe. Sie hatte extra einen Shamanen engagiert, um einen ordentlichen Ehemann abzukriegen. Nach der Heirat entpuppte sich dieser als Säufer. Na danke. Ich hoffe, für mich gibt es da immer noch andere Wege.

Sonntag, 30. Januar 2005

El color de la sangre jamás se olvida





Gestern Nacht hatte ich mich schon ins Bett gelegt, als ich plötzlich ein Geräusch hörte. Ein sachtes pongpongpong auf dem Fensterbrett. Es regnete, das erste Mal seit Monaten. Herrlich. Ich kuschelte mich noch ein bisschen tiefer in mein Bett, und gerade beim Einschlafen kamen mir die Zeilen aus diesem Lied, das ich in Quito gekauft hatte. „Que triste suena la lluvia en los techos de carton.“ – „Wie traurig klingt der Regen auf den Dächern aus Pappe.“

Das Lied stammt von dem venezolanischen Sänger Ali Primera. Er war Kommunist, und das allein mag in München vielleicht reichen, um das Ganze für sozialkritisches Geschnulze zu halten. Aber das Lied hat Geschichte, man kennt es hier. Primeras erste CD war von der venezolanischen Regierung verboten worden, ein tödliches Vergehen war es, dieses Lied etwa während des Bürgerkriegs in El Salvador zu hören. Pappdächer gibt es auch heute noch mehr als genug auf dem Kontinent. Auch in Guatemala. Aber angesichts der Geschichte des Landes ist das Lied doch ein bisschen zu harmlos.

Gerade heute jährt sich zum 25. Mal der Brand in der spanischen Botschaft in Ciudad de Guatemala. Eine Handvoll Maya-Bauern aus den Bergen und Studenten hatte das Gebäude besetzt, um auf Massaker der staatlichen Militärs hinzuweisen, von denen niemand etwas wissen wollte. Obwohl die Bauern das Haus freiwillig wieder räumen wollten, stürmten Militärs das Gebäude, scheuchten die Menschen in ein Zimmer, sperrten es zu, zündeten es an. Bauern, Studenten und Botschaftsangehörige starben in den Flammen. Der Botschafter konnte sich retten. Er ist der einzige Überlebende. Ein anderer Überlebender war anderntags aus dem Krankenhaus entführt, gefoltert und umgebracht worden.





Angehörige der Toten wurden jahrelang verfolgt, sie kämpfen heute noch für Gerechtigkeit durch ein Gericht. „La lucha sigue, porque el color de la sangre jamás se olvida“, schrien sie am vergangenen Mittwoch, begleitet von harten Trommelwirbeln, in dem historischen Universitätssaal, in dem damals die Särge aufgebahrt worden waren. „Der Kampf geht weiter, weil die Farbe des Blutes niemals vergessen wird.“ Dazu Bilder eines neuen Dokumentarfilms: Angehörige und der damalige spanische Botschafter im Interview, das Dorf, aus dem die Bauern stammten, die Beerdigung, die mit 30.000 Teilnehmern zur Demonstration gegen die Diktatur geriet, Verhaftungsszenen, Massengräber.





Staatliche Militärs und Killerkomandos, ausgebildet durch die Nordamerikaner, brachten während des mehr als 30 Jahre dauernden Bürgerkriegs etwa 150.000 Menschen um, etwa eine Million floh. Bis heute wurde keiner der Täter verurteilt. Das Friedensabkommen, das 1996 geschlossen wurde, beinhaltet eine Amnestie für die Mörder und Folterer und die geistigen Urheber des Genozids an den Mayas.

Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú, deren Vater in den Flammen der Botschaft umkam, strengte deshalb in Spanien einen Menschenrechtsprozess nach dem Vorbild des Pinochet-Verfahrens an. Dort erließ man zur Jahreswende einen internationalen Haftbefehl gegen den Urheber des Brands in der Botschaft, den damaligen Innenminister Donaldo Álvarez Ruiz und Urheber von Todeslisten. Seither ist er verschwunden. Erst in diesem Monat hat außerdem ein Richter hier in Guatemala das Verfahren zum Botschaftsbrand wiedereröffnet, das damals nach nur 36 Tagen Gerichtsverhandlung und ohne Ergebnis geschlossen worden war. Neben Álvarez Ruiz müssten sich drei guatemaltekische Präsidenten verantworten.

Die Angehörigen der Toten aber warten nicht nur auf Gerechtigkeit, sie ziehen auch Parallelen zu heute. Immer noch ist das Land in der Hand von einigen wenigen, die anderen wohnen unter Pappdächern. Die großen Ländereien sind von privaten „Sicherheitsdiensten“ bewacht, die immer wieder in Selbstjustiz Bauern umbringen. So wie in der vergangenen Woche auf der Finca eines Ex-Präsidentschaftskandidaten.

Es gäbe viel zu schreiben aus diesem Land – wenn sich denn jemand dafür interessieren würde.

Donnerstag, 20. Januar 2005

Sonntag, 16. Januar 2005

Kakerlaken sind auch nur Tiere




Ihr würdet mich ordentlich auslachen, wenn Ihr mich gerade sehen könntet. Ich sitze an einem schmierigen Resopaltisch vor einer fleckigen Wand, mit den Füßen auf dem nächsten Stuhl, auf dem sich außerdem Teile meines Gepäcks stapeln. Ich kratze mich ständig an irgendwelchen Stellen und hoffe, dass ich diese Nacht nicht nochmal aufs Klo muss. Und dabei ist es erst kurz vor Mitternacht. Um die nervtötenden Auto-Alarmanlagen von draußen zu übertönen, habe ich passend zu Gioconda Belli, deren Erinnerungen von der nicaraguanischen Revolution ich gerade zu Ende lese, meine nicaraguanischen Rancheros in den Computer gesteckt. Kein Salsa und kein Reggaeton, denn die beschallen mich schon den ganzen Tag und den ganzen Abend bis zum Ohrkrebs von der guatemaltekischen Altstadtstraße unten, die gesäumt ist von weniger mobilen denn fest installierten CD-, Jeans-, Turnschuh-, DVD-, MP3- und anderen Raubkopie-Verkäufern.

Was also wäre so zum Lachen? Während ich von der mehr oder weniger sicheren Warte meines Stuhls aus dem schwarzen Treiben auf dem 60-er-Jahre Klofliessenboden hier im „Salon“ meiner neuen Wohnung in Ciudad de Guatemala zuschaue und aus Ekel wahrscheinlich auch den Rest dieser Nacht noch an genau diesem Fleck verbringen werde, hoffe ich, dass mir nicht noch mehr Kakerlaken von der Decke auf den Kopf und den Computerbildschirm fallen. Um zu duschen, hätte ich mindestens mit jedem Schritt in der Badewanne zehn von diesen Viechern zertreten, deshalb habe ich schließlich nach reiflicher Überlegung darauf verzichtet. Und für den Fall, dass mich diese Nacht doch noch ein Bedürfnis überfallen sollte – nach einer neuen Dose Bier oder Erleichterung – habe ich im Klo und in der Küche das Licht brennen lassen. Vielleicht hilft das, damit mir, wenn ich die Türe öffne, nicht wieder eine Armee von diesen Tieren in allen Größen entgegenrennt, -fliegt, - fällt.

Dabei hätte ich doch so gerne gesagt: Endlich wieder eine eigene Wohnung. Aber diese Wohnung ist leider ein Alptraum, wie ich gestehen muss. Mir ging erst nach einer Stunde putzen, als ich mich noch nicht wesentlich vorgearbeitet hatte, auf, dass mein Treiben überhaupt keinen Sinn hat. Gegen diesen Dreck, die Anzahl an Kakerlaken-Leichen und -Leibern komme ich mein Lebtag nicht an. Aber da war es leider schon zu spät, als dass ich mir für diesen Tag eine neue Bleibe hätte suchen können. Und das wirkliche Ausmaß ließ sich auch erst nach Einbruch der Dunkelheit erkennen, als die – ohnehin schon beträchtliche - Vorhut die eigentliche Armee aus den Spalten in der Asbestplatten-Decke und den Abflussrohren holte.

Dabei war ich wirklich überzeugt gewesen von meiner Wahl. Hatte mich bewusst für die Wohnung im schmuddeligen inhomogenen historischen Zentrum von Guatemala-Stadt entschieden und gegen „la Zona viva“, die Neustadt. Die bietet zwar moderne Hochhäuser, eine Unzahl an Bars und Restaurants, Super-Malls und bedeutend mehr Sicherheit, kommt mir aber wie eine Mischung aus Unterföhring und Gartenstadt Trudering vor, und die kann ich ja auch in München wieder haben.

Die Entscheidung hatte ich gestern Abend in Bar „Europa“, hier um die Ecke getroffen, genau in der selben Sekunde, in der sich das Indigena-Mädel im Geschäft gegenüber für den rosaroten Stoff entschied. Bar „Europa“ befindet sich im Erdgeschoss eines vielstöckigen Beton-Parkhauses, wird von dem außerordentlich netten und hilfsbereiten Guatemalteken Cesar betrieben, bietet Bratwürstel mit Kartoffelbrei und ähnelt auch sonst der Kaschemme, in der wir in Düsseldorf nach der Arbeit Skat zu kloppen pflegten. Wenn Andreas und Hubertus zur Tür hereingekommen wären, es hätte mich nicht gewundert. Nur die Indigenas draußen auf der Straße, die passten so gar nicht ins Bild.

Also, wenn Guatemala-Stadt jetzt hier wie ein Alptraum rüberkommt, das ist sie überhaupt nicht – trotz der vielen Horror-Erzählungen im Kopf, die mich auf meinem Flug von Quito hierher begleiteten. Der Empfang am vergangenen Sonntag war außerordentlich warm gewesen. Hatte nur meine Sachen in einem Hostal hier in der Altstadt abgelegt und war wie die Indigena-Familien zum Sonntagsvergnügen in den Parque Central geschlendert, habe mir dort an den Verkaufsständen für ein bisschen Geld den Magen mit Tacos, Tortillas und Horchata vollgeschlagen, ein bisschen den Wahrsagern, Heilsbringern, Halunken und Musikbands zugehört, zuletzt auch dem Pfarrer in der Kathedrale. Die Leute beobachtet und das sanfte Abendlicht, dass sich in den Wasserfontänen des Brunnens brach.

Der gleiche Kontinent, aber ein anderes Land. Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Auf den ersten Blick: Die Zeitungen sind hier im Gegensatz zu Nicaragua voller Werbung, was darauf schließen lässt, dass das Land weniger arm ist. Der öffentliche Verkehr besteht aber wie dort nur aus ausrangierten nordamerikanischen Schulbussen, die Abgaswolken in die Straßen pusten, die Quiteñer Luftverschmutzung wie unsichtbares, aber wohl duftendes Raumspray aussehen lassen. Was darauf schließen lässt, dass Eduador und vielleicht ganz Südamerika doch nicht ganz so arm ist wie Zentralamerika. Es gibt hier nicht wie in den anderen Ländern die Pulperías oder Licorerías, wo man spätnachts noch Zigaretten, Bier, Schokolade, Zahnpasta oder Brot kaufen kann. Stattdessen schließen all die kleinen Läden schon vor Einbruch der Dunkelheit, und aus Angst vor der Kriminalität flüchten sich dann sofort alle nach Hause. Die Männer sind hier noch zurückhaltender als in Ecuador (im Vergleich zu Nicaragua). Es gibt statt Reis auch Kartoffelbrei (nicht nur in Bar „Europa“). Ich habe ein neues Lieblingsgetränk, Horchata, das auf der Basis von Reis hergestellt wird. Ich weiß endlich wie Dulce de Leche schmeckt, von dem mir der Chilene Juan-Pablo schon seit Monaten vorschwärmt. Und schlussendlich gibt es in allen drei Ländern „Dragon“ zu kaufen, das ultimative Mittel gegen Flöhe – oder Kakerlaken. Aber in meinem Fall hilft nicht einmal das mehr, da hilft nicht einmal der Kammerjäger. Weshalb ich mich also morgen aufmache werde, eine neue Bleibe zu suchen.

Und nach einer festen und vor allem eigenen Bleibe ist mir inzwischen wieder, denn in Hostales habe ich schon einige Zeit in Nicaragua und auch die zwei Wochen über Weihnachten und Neujahr verbracht. Die ansonsten außerordentlich schön und entspannend waren. Zwei Tage vor dem 24. Dezember hatte ich kurzentschlossen ein Ticket nach Quito gekauft, das mir nach Managua fast so zivilisiert vorkam wie München (wie wird mir erst München vorkommen?).

Schon vor Monaten hatte mich Juan-Pablo eingeladen, Weihnachten im Haus seiner Schwester zu verbringen, die seit vielen Jahren mit einem Ecuadorianer verheiratet ist und mit ihm in Quito eine Metzgerei und eine Wurstfabrik betreibt. Gegen neun Uhr abends des 24. Dezember brachen Juan-Pablo, seine Freundin und ich in das Haus seiner Familie auf – reichlich früh, denn in Ecuador beginnt der Weihnachtsabend um Mitternacht mit dem Abendessen. Die Geschenke werden erst im Anschluss verteilt.

Dass ich mich am Flughafen von Managua beim Abflug mit Schweizer Schokolade und 18 Jahre altem Whiskey eingedeckt hatte sowie mit nicaraguanischem Kaffee, erwies sich als absoluter Pluspunkt. Juan-Pablos Eltern, die ich bereits im Okober kennen gelernt hatte, dankten es mir genauso wie das weitere chilenisch-ecuadorianische Ehepaar, das diesen Abend dort verbrachte – der ansonsten mit einer einzigen Flasche Wein doch ziemlich trocken ausgefallen wäre. Und so damit endete, dass die Eltern chilenische Volkstänze präsentierten.






Die anschließende Woche verbrachte ich mit Freunden an der ecuadoriansichen Küste in der Hängematte – das Nichtstun nur unterbrochen von der Happy Hour und den sporadischen Aufenthalten im Meer sowie der Silvesternacht. Zum Jahreswechsel tanzte ich mit meinen Badelatschen auf der Straße des Dorfes, das sich auch gut für einen Western eignen würde, bis in den frühen Morgen, so dass ich an jedem großen Zehe eine große Blase davontrug. Und bevor ich bei hellichtem Sonnenschein in mein spartanisches Zeltbett kroch, verleibte ich mir noch ein Frühstück aus Encebollado (Fischsuppe) ein. Dem ich mittags ein Viche de Pescado (Fischsuppe) und abends Camarones Encocados (Krabben in Kokossoße) folgen ließ.







Braungebrutzelt und gut ernährt kehrte ich zurück in die ecuadorianische Hauptstadt, wo ich noch ein paar Besuche absolvierte, etwas Kurzes für den vierten Geburtstag meines linken Zweiwochenblatts schrieb, den Cotopaxi bestieg (na ja, bis zu einer Höhe von 5000 Metern, also bis zum Beginn des Gletschers), bis ich schließlich vergangenen Samstagabend erneut einen feuchtfröhlichen Abschied zelebrierte und nach zweieinhalb Stunden Schlaf am Morgen in das Taxi stieg, auf dem Weg zum Flughafen eine ordentliche Abschieds-Attacke erlitt und schließlich hier landete, meiner letzten Station.









In der ich mich immer noch zu orientieren versuche, weshalb es also noch nichts Spannenderes als Kakerlaken-Geschichten zu schreiben gibt. Aber wenigstens eine richtige Kakerlaken-Geschichte sei mir erlaubt – da die Viecher in meiner Wohnung in Quito schlussendlich ja nie aufgetaucht sind. Am Ende habe ich ohnehin erfahren, dass die „Nachbarin“, die ich in einer Bar kennen gelernt und die mich eindringlich vor meiner Bleibe gewarnt hatte, gar nicht in meinem Haus wohnte, sondern im Block nebenan. So ist das Leben.


P.S. Inzwischen habe ich eine neue Wohnung. Billig. Ohne Lärm. Ohne Viecher. Ohne Sonne. Mit dem Charme einer Irrenanstalt aus dem letzten Jahrhundert. Und einer Verwalterin mit dem Aussehen einer englischen Gouvernante aus dem vorletzten Jahrhundert.