Sonntag, 8. Juli 2007

Sonne im Winter




Gestern öffnete ich meine Schreibtischschublade. Ich stellte fest, dass auch mein Pass und der letzte Euro-Schein begonnen haben zu schimmeln.




Posada Ursula















Herzlich willkommen!

Samstag, 30. Juni 2007

Lima im Juni

Der Vollmond scheint ueber der Bucht, ein frischer Wind weht vom Strand, und der Sand knirscht zwischen den Zaehnen. Waehrend Ihr von Eurem Pfingsturlaub zurueck seid, habe ich mir jetzt drei Tage Auszeit gegoennt. In Máncora nahe der ecuadorianischen Grenze, wohin es der Humoldtstrom nicht schafft und deshalb auch im Winter das Meer schoen warm ist. Drei Tage Ferien, um meine mueden und wehen Knochen auszuruhen. Wie alle Monate bisher hat der Juni sehr geruhsam angefangen - und gegen Ende hin ein solches Tempo entwickelt, dass mir fast schwindlig wurde.

Was tu ich hier eigentlich, war die Frage gewesen. Ich schaue natuerlich nicht taeglich zu, wie ein 80 Hektar grosses Terrain mit Traenengas geraeumt wird, wie ich es das letzte Mal beschrieben hatte. Tatsaechlich gehe ich jeden Tag in dieses Kabuff, das sich Buero nennt, und schreibe an einem Konflikt-Handbuch fuer die ueber 400 Defensoría-Mitarbeiter. Das kriegen die im Herbst, wenn ich sie in zweitaegigen Fortbildungen zum selben Thema schule.

Das ist eine von mehreren Aufgaben, und das klingt jetzt so einfach, und tatsaechlich habe ich schon 50 Seiten geschrieben. In Wirklichkeit aber brauche ich dafuer erstmal den Defensoría-Blick. Um den zu kriegen, mache ich in meiner eigenen Abteilung zweimal die Woche einen Mini-Workshop. Der erfuellt gleichzeitig den Zweck, schon mal meine direkten Kollegen fortzubilden: wie man soziale Konflikte systematisch analysieren und Strategien fuer eine Intervention entwickeln kann, wie man interveniert, wie man die Einhaltung der ausgehandelten Vereinbarungen kontrolliert, wie man das alles dokumentiert – und zuletzt auch noch gut an die Presse verkauft.

Dass jetzt keiner denkt, das ginge alles automatisch und nach Plan. Ja, ja, es gibt einen Plan – mit Datum und Uhrzeit und Thema fuer Besprechungen bis in den August hinein. Tatsaechlich muss ich aber um jeden Termin, um jede halbe Stunde kaempfen, und wenn ich montags mit dem Chef ausmache, dass wir uns Dienstag und Freitag zusammensetzen, dann weiss ich erst in dem Moment, in dem der Chef in unser Kabuff kommt (in der Regel nach dreimaliger Aufforderung meinerseits und mit dreiviertelstuendiger Verspaetung und am Schluss meistens an einem anderen Tag als ausgemacht), dass die Besprechung auch wirklich stattfindet.

Also bis vor kurzem tat mein Chef eigentlich so, als wuerde ich den Betrieb aufhalten und als haette man mich ihm vor die Nase gesetzt und nicht er jemanden fuer seine Abteilung beantragt. Bis vor kurzem. Es hat mich verdammt viel Nerven, Gehirnschmalz und Schweiss gekostet, ihn zu knacken – und nun muss ich aufpassen, dass das Pendel nicht in das andere Extrem ausschlaegt.

Wie das kam, keine Ahnung. Bei einem unserer seltenen gemeinsamen Mittagessen zwang er mich kuerzlich in ein Gespraech ueber das Thema Loyalitaet, das unausgesprochen nur um uns ging und wie wir zueinander stehen. Also um genau zu sein: wie ich zu ihm stehe. Ich kam mir vor, als wuerde ich auf einem Nagelbrett tanzen. Und dann habe ich die Gratwanderung gewagt, diese ganzen theoretischen Analysehilfsmittel anhand eines Konflikts anwenden zu lassen, der von Seiten meines Chefs als beendet und als sein Paradestueck gilt - aber noch lange nicht ausgestanden ist. Er hat dabei nicht sein Gesicht verloren und trotzdem ploetzlich was kapiert. Er war wie elektrisiert, ist seither viel freundlicher und schickte mich ausserdem – quasi ueber Nacht - auf zwei Reisen.

Am vergangenen Montag querte ich die Anden, um auf der anderen Seite in La Merced einen Konfliktworkshop mit lokalen Autoritaeten zu halten. Als ich Mittwoch zurueck wollte, gab es nach Lima keinen Transport. Die einzige Strasse war von Minenarbeitern blockiert worden, die schon seit zwei Wochen fuer ihr gutes Recht streiken. Statt also in einem Rutsch sieben Stunden durch Steinriesen, kahle Hochflaechen und verseuchte Minensiedlungen zu tuckeln, begann eine muehevolle Reise in kleinen Schritten.


(La Merced vom Hotelzimmer aus)


In La Merced nahm ich einen Bus nach Tarma. Dort wartete ich an einem Sammeltaxi, bis genuegend Passagiere beisammen waren fuer den Weg nach La Oroya, wo ich eine Stunde spaeter in ein anderes Sammeltaxi wechselte, das mich dorthin brachte, wo der LKW-Stau anfing. Dann ging ich ein Stueck zu Fuss einen Abhang hinunter, bis mich ein Lastwagenfahrer mitnahm, der auf diesem Ziegenpfad am Stau vorbei ueber Stock und Stein hinunterschepperte bis zur eigentlichen Blockade. Dort begann der Marsch - immer in Deckung und mit Blick auf die Hoehen rechts, von denen die Minenarbeiter aus Protest gegen Blockadebrecher mit Gebruell Steinbloecke hinunterrauschen liessen.

Nach einer Stunde Fussweg - auf 4200 Metern Hoehe und im Militaerschritt, ich hatte mich der Sicherheit halber einem sympathisch aussehenden jungen Mann angeschlossen, der, wie sich dann herausstellte, Soldat war – kam ich mit zwei riesigen Blasen an den Sohlen auf der anderen Seite der Blockade an. Dort lief ich weiter an den aufgestauten Lkws vorbei, bis ich mit sieben anderen einen Kombi fand, der uns auf Sitzen und im Kofferraum bis ins naechste Dorf fuhr. Da taten wir einen Lastwagen auf, der gerade aus dem Stau ausscherte, umdrehte und Fahrgaeste mit nach Lima nahm.

Als der Fahrer die Klappe der Ladeflaeche aufmachte, sassen da schon 30 Erwachsene mit nochmal so vielen Kindern drin, die alle heftig maulten, uns aber dann doch raufliessen. Zweieinhalb Stunden in Schweinekaelte im offenen Lastwagen – da half mir auch mein Wintermantel nichts mehr. Ich kuschelte mich in der Hocke (Platz fuer die Beine war nicht) unter die Decke zu den Hochlandindiandern, zog mir das gute Stueck bis zur Nase und die Kaputze ueber die Augen. Alle halbe Stunde stand ich auf, um die eingeschlafenen Beine zu strecken. Dann hielt ich mich notduerftig an einem Metallhaken an der wackeligen Holzwand fest, waehrend der Wucherer am Steuer ohne Ruecksicht auf Verluste die Serpentinen Richtung Lima hinunterschoss.

In einem Aussenbezirk schmiss er uns raus. Dort nahm ich einen Mikrobus in die Innenstadt. Ich schlief auf meinem Sitz ein, obwohl die fast zweistuendige Fahrt durch ein paar sehr unangenehme Bezirke fuehrte. Am Rand der Altstadt, wo ich auch bei Dunkelheit ohne Gefahr aussteigen konnte, nahm ich ein Taxi. Als ich die Tuer von meiner Wohnung aufsperrte, hatte ich den ganzen Tag noch nichts gegessen und getrunken, hatte keine Zeit gehabt, zum Pieseln zu gehen und war zwoelf Stunden unterwegs gewesen. Am anderen Tag las ich in der Zeitung, dass ein Polizist der Sondereinheiten, die gerade ankamen, als ich die Blockade passiert hatte, bei der versuchten Raeumung gestorben war – durch einen Stein.

Aber ich hatte nicht viel Zeit, darueber nachzudenken, denn da stieg ich schon in das Flugzeug nach Piura. Drei Stunden noerdlich der Stadt geniesse ich jetzt am Strand die Feiertage mit ein bisschen Sonne. Am Montag kommt mein Kollege nach, dann muessen wir hier im Hinterland in Tambogrande einen anderen Minenkonflikt recherchieren. Aber worum es bei all diesen Konflikten geht, das erzaehle ich ein andermal...

Mittwoch, 30. Mai 2007

Lima im Mai

„Du musst einen Rock anziehen“, hatte Hilde gesagt. Den Rat kapiere ich erst, als mich die junge Wachfrau in die schummrige Umkleidekabine Größe XS winkt.

Dort beginnt das Mädchen in Uniform, zaghaft in meiner Tasche zu kramen. Sie fischt ein Tampon heraus, schaut das weiße Ding auf ihrer Hand von allen Seiten an, dann mich. „Was ist das?“ Ich fühle mich veräppelt. „Na ja, wenn Du die Regel kriegst.“ Sie schaut wieder dieses Ding in ihrer Hand an. „Ach, das ist ein Tampon?“ Sie legt es zurück. Dann kommen die Anweisungen: Mantel ausziehen, Pullover hoch, T-Shirt hoch, BH hoch, Rock hoch. Sie schaut lange meine knallbunte Unterhose an. Ich muss sie nicht runterziehen. Stattdessen einmal umdrehen, fertig. Ich ziehe mich wieder ordentlich an, greife nach den fünf Plastiktüten und stürme raus. Also eigentlich rein. Ins Gefängnis Sarita Colonia in Callao. Ein Männergefängnis.

Dorthin begleitete ich Hilde. Sie lebt seit acht Jahren in Lima und war von einer Schweizerin gebeten worden, dem Bruder Winterklamotten ins Gefängnis zu bringen. Ein Wochenendausflug sozusagen, am Frauenbesuchstag.

Er begann im Staub vor der Knastmauer mit Schlangestehen. Schlüssel und Handys sind drinnen nicht erlaubt, die geben wir gegen Gebühr bei einer Marktfrau in der Nähe ab. Dann reihen Hilde und ich uns zwischen all die anderen Frauen, die wie wir Unmengen von Tüten mit Essen und Kleidung mitgebracht haben. „Und wofür sitzt Deiner ein?“, das ist so die Eröffnungsfrage für einen Plausch. Nach einer Stunde sind wir bis zum Eingang vorgerückt. Ausweis vorzeigen und Ärmel hochkrempeln – für zwei Stempel und eine Unterschrift auf dem Unterarm. Hinter dem Eingang kringelt sich die Frauenschlange in einem kleinen Raum um eine Autoreparaturgrube. Am anderen Ende: Ausweis abgeben. Wir bekommen eine Nummer neben die zwei Stempel auf den Unterarm. Noch eine Tür. Dahinter Gepäckkontrolle: fünf Wachmänner an einem Tresen. Geschrei, Gedrängel und Gekeife.




Unsere zwei Wachmänner öffnen jede Tüte, holen alles heraus, entfalten jedes T-Shirt, jedes Paar Socken, den Schlafsack, öffnen die Kekstüten, alles, was Hilde für den Häftling eingekauft hat. Dann sehen sie die Stange Zigaretten. „Zehn Schachteln? Das ist nicht erlaubt“, erklärt der Ältere. „Aber wir sind doch zu zweit”, sagt Hilde bittend. „Nein, das ist viel zu viel“, raunzt er zurück. Schaut auf die Schachteln. „Also, vier darf jede mit reinnehmen.“ Gibt Hilde vier Schachteln, nimmt nochmal vier in die Hand für mich – und legt dann doch noch eine fünfte obendrauf. Ohne Erklärung.

Wir packen alles wieder ein und warten vor der Umkleidekabine auf die Körperkontrolle. Als ich da rausstürme, bin ich wirklich drin im Knast.

Wir marrschieren durch schmale Gänge zwischen hohen Metallgitterzäunen. Als uns die Männer im Pavillon für Ausländer und Drogendelikte sehen, herrscht sofort Aufregung unter ihnen. Wir warten am Eingang, bis der Schweizer herauskommt und uns mitten durch den Pulk hindurch in den betonierten Innenhof führt. Dort sitze ich bestimmt schon eine Viertelstunde an einem kleinen Holztischchen, als ich mich zum ersten Mal traue, den Blick vom Boden zu heben und mich umzusehen. Ich komme mir vor, als säße ich nackt da.

Hans dürfte Mitte fünfzig sein. Er ist dürr und sieht aus wie einer, der eine Drogenbiografie hat und krank ist. Sie hatten ihn mit einem Koffer voller Koks am Flughafen in Lima erwischt. „Meine Geschäftspartner hatten nicht sauber gearbeitet“, sagt er. Er war schon öfter als Kurier für einen Schweizer Drogenring unterwegs gewesen. Von dem Geld wollte er sich diesmal die Zähne reparieren lassen. Aber nun sitzt er seit einem halben Jahr ein. Sieben Jahre gab ihm der Richter, und Hans hofft, dass er in anderthalb Jahren wieder rausdarf.

Das Gefängnis Sarita Colonia ist nicht das heftigste in Peru, es ist nur zu 208 Prozent überbelegt, und die ganz schweren Fälle kommen woanders hin. Im Pavillon für Ausländer mit Drogendelikten gibt es mehr als hundert Häftlinge und exakt sechs Zellen. Für ein Bett in einer Zelle verlangen die Wächter achthundert Dollar. Hans hat das Geld nicht, er erkaufte sich einen Platz im Gang, der ist billiger. Dort schläft er auf dem Boden. Knast ist Kapitalismus. Wer Geld hat, kriegt alles: Drogen, Essen, Alkohol, Zigaretten, Fernseher, Bett, Stuhl, Klamotten, sauberes Wasser, Seife, Waffen. Wer Geld hat, kann im Innenhof eine Garküche aufmachen. Es gibt zwei davon. Die Lebensmittellieferungen übernehmen die Wachleute. Die verdienen offiziell 200 Euro pro Monat. Das reicht für eine Familie nicht mal, wenn sie nur in einer Bretterbude lebt.

Die Häftlinge kommen aus allen Ecken der Welt: Europa, China, Afrika, Lateinamerika, Nordamerika, Australien, Neuseeland. Besuch haben nur wenige. 80 Prozent konsumieren selbst Drogen. Die Männer wählen regelmäßig ein dreiköpfiges Komitee. Das ist für die Ordnung im Pavillon zuständig. Wird einer beim Klauen erwischt, muss er sich nackt ausziehen, im Innenhof auf einen Tisch klettern, und die anderen schlagen mit Stöcken zu. Die letzte Schießerei unter Häftlingen in Sarita Colonia passierte im Dezember. Es starben fünf Menschen. Eine eigene Welt. Ich bin froh, als ich nach zwei Stunden wieder rausdarf. Körper- und Gepäckkontrolle entfallen diesmal. Und die Marktfrau rückt ohne Umstände Schlüssel und Handy raus.

Das zeigt einen Anruf vom Einsatzleiter meiner Behörde an. Mir wird ganz heiß. Habe ich den Einsatz verpasst? Nein, es war nur ein Kontrollanruf. Der Einsatz beginnt zwei Tage später. Montagmorgen sechs Uhr stehe ich bei Dunkelheit mit siebzig Kollegen im Lokalbüro der Defensoria im Osten der Stadt. In einem Viertel, in das man besser nicht geht. Jeder trägt die blaue Jacke mit dem Logo der Behörde und hält einen gelben Umschlag in der Hand. Darin die Notausrüstung gegen Tränengas: zwei Flaschen Wasser, Gummihandschuhe, Gazéstreifen. Für Essig hat´s offenbar nicht mehr gereicht.

Als meine Oberchefin hereinwatschelt, gibt es Lagebesprechung. Und plötzlich überschreit einer den Nachrichtenmoderator aus dem Fernseher: „In drei Minuten stürmt die Polizei das Gelände, los, sonst kommen wir zu spät!“ Ich springe mit sechs meiner Kollegen in einen Kleinwagen, in dem schon der Chauffeur sitzt. Als wir den ersten Absperrring mit mehreren Hundertschaften hochbewaffneter schwarzgekleideter Polizisten passieren, wird mir mulmig. Wir sind die Aufpasser. Wir sollen verhindern, dass Menschenrechte verletzt werden, dass Leute ungerechtfertigt festgenommen oder gar verschleppt werden, sollen Kinder und schwangere Frauen versorgen, Verletzte zählen. Na ja, und auch die Toten.

Insgesamt sind viertausend Polizisten im Einsatz. Sie sollen ein 82 Hektar großes Gelände räumen. Das hat die Regierung in den sechziger Jahren enteignet, um einen Großmarkt darauf zu bauen. Vor fünf Jahren, auf dem Grundstück war immer noch nichts passiert, besetzten mehr als tausend Markthändler aus allen Teilen Perus das Gelände. Es waren aber nicht die Händler, für die der neue Markt bestimmt war. Die Stadt strengte einen Prozess gegen sie an, und im April dieses Jahres bekam sie in zweiter Instanz Recht. Die Händler weigerten sich, freiwillig zu gehen und holten Verstärkung. Nach Schätzungen hielten sich zwischen 2000 und 10.000 Menschen auf dem Gelände auf. Von Kindern als menschliche Schutzschilde war die Rede. Der Anführer, der für viel Geld die Marktstände an Gutgläubige verkauft hatte, erklärte: „Nur tot verlasse ich dieses Grundstück.“ Die Stadt verweigerte jede Verhandlung. Was Recht ist, muss Recht bleiben. Da unterschrieb der Richter den Räumungsbefehl.

Alle erwarteten ein Blutbad. Deshalb gab es schon vor dem Einsatz Druck auf die Polizei. Der Innenminister verfügte schließlich, dass die meisten Einheiten keine Waffen mitnehmen durften. Eine Gruppe weiblicher Polizisten mit weißen Handschuhen war abgeordnet worden, sich um Frauen und Kinder zu kümmern. Den Leuten war schon ein paar Tage zuvor Wasser und Strom gesperrt worden, die Polizei hielt das Gelände unter Dauerbeschallung und darüber kreisten ununterbrochen Hubschrauber. Nicht wenige der Händler hielten es da schon nicht mehr aus und waren kurz vor der Räumung heimlich geflüchtet.

Der Einsatz selbst dauerte nur ein paar Stunden. Gegen Mittag kehrte ich müde in das Lokalbüro der Defensoria zurück. Ich hatte mir von weinenden alten Frauen ihre Geschichte erzählen lassen, Beschwerden über Polizisten entgegengenommen, im Auftrag meines Einsatzleiters zwei Dutzend Journalisten ein Interview über den Auftrag der Defensoria gegeben (ich war gerade die einzige an dem Fleck, an dem sich die gesamte Presse versammelt hatte), die Arbeit von Polizisten beobachtet, die Zahl der Händler notiert, die aus dem Gelände kamen. Meine Kollegen hatten Verhaftungen verhindert, Kinder aus Tränengaswolken geholt, Polizisten vom Plündern abgehalten. Die Bilanz: 18 Verhaftete, 12 Verletzte, keine Toten, kein einziger Schuss. Der Präsident und der Innenminister und die Polizei und die Zeitungen und die Defensoria feierten: ein Erfolg. So eine gewaltlose Räumung hatte es in Peru noch nie gegeben – trotz der Unmengen von Tränengas.

Für Polizei und Stadt und Zeitungen ist der Konflikt seither vorbei. Um die geräumten Menschen, die zum Teil auf dem Gelände gewohnt hatten, kümmert sich niemand mehr. Sie schlafen jetzt in einem Park. Von den Problemen, die dahinterstehen, spricht keiner. Und theoretisch ist es mein Job, dass sich das ändert – und dass es gar nicht erst zu einer polizeilichen Räumung kommt, bei der es dem Zufall überlassen ist, wie sie ausgeht.

Sonntag, 20. Mai 2007

Sonntagsausflug nach San Bartolo
















La Borrachera

Ein Floh ist etwa 1,5 bis 4,5 Millimeter groß und kommt zwei Monate ohne Essen aus. Steht in Wikipedia. Es soll 2400 verschiedene Arten geben. Meiner hat sich mir noch nicht vorgestellt, aber eines weiß ich: Er ist gefräßig.

Er überfällt mich etwa jede dritte Nacht, und damit ich mir beim Schreiben nicht die mehr als fünf Dutzend Stiche aufkratze, habe ich mich jetzt in eine dicke Decke gewickelt. Das hält praktischerweise auch warm, denn Südamerika leidet unter einer ungewöhnlich heftigen Kältewelle. Damit sich´s mein Floh nicht noch gemütlicher macht, verzichte ich mal probehalber darauf, meinen neue kleine Gasheizung anzuzünden - und dann schauen wir mal, wer länger durchhält: der Floh oder ich.


Es lag aber nicht an den Flohstichen, dass ich im Mai zur „Valentina del Munich“ gekürt wurde. Tatsächlich habe ich in der Altstadtkneipe namens Munich im fortgeschrittenen Zustand einer nächtlichen Sauftour mit zwei trinkfesten Kolleginnen zu den Rhythmen einer schwarzen Kombo einen Frauentanzwettbewerb gewonnen. Zu meiner Verteidigung möchte ich sagen, dass ich nicht freiwillig teilgenommen habe. Aber für den Preis hat sich´s dann doch gelohnt: ein Krug Bier.


Mittwoch, 16. Mai 2007

Die deutschen Kollegen



Manchmal treffen sich alle Deutschen, die mit Konflikten, Menschenrechten oder den Folgen der politischen Gewalt in Peru arbeiten, zum Austausch. In der Mitte Sabine, die Koordinatorin, die im Juli das Land verlässt, links außen ihr Nachfolger Uli. Rechts außen Teresa aus Barcelona. Die anderen drei Mädels, Annamaria, Kerstin und Cordula, arbeiten in Ayacucho in der Sierra und sind nur manchmal zu Besuch in Lima. Der junge Mann ist neu, und seinen Namen habe ich leider gerade vergessen.

Samstag, 28. April 2007

Lima im April


Es ist endgültig Winter. Während Ihr in Deutschland in der frühsommerlichen Hitze brütet und in Ebersberg schon das erste Mal im Steinsee gebadet habt, krame ich jeden Morgen einen dickeren Pullover aus dem Schrank. Es ist kalt und feucht geworden hier in Lima. Nicht dass es regnen würde. In Lima regnet es NIE. Und nicht dass es grün wäre. Lima liegt in der Wüste. Aber Humboldtstrom und Mikroklima produzieren zwischen April und Weihnachten in der Stadt den berüchtigten Limeñer Nebel. Den Winter eben.

Im Moment verhüllt der Nebel nur die Sonne, macht einen bleiernen Himmel, der sich in seltenen Momenten öffnet und ein stecknadelgroßes Fleckchen Blau freigibt. Später im Jahr aber wird der Nebel zwischen die Hochhäuser sinken, sich etwa in der Höhe des zehnten Stockwerks festfressen und die Luft mit seinen kleinen schwebenden Tropfen sättigen. Brutstätte für Atemwegserkrankungen und Depressionen. Wer kann, flieht dann an jedem freien Tag aus der Stadt in die umliegenden Berge, wo es zu dieser Jahreszeit warm ist und die Sonne scheint.

Nun stehen wir am Anfang des Winters, aber ich hatte schon im April die Probleme, die ich eigentlich erst im August erwartet hatte. Ich kam mir in meiner Wohnung manchmal vor wie die tuberkulosen Trockenwohner im Berlin der dreißiger Jahre, die Hans Fallada in seinen Büchern beschreibt. Es trocknet nämlich überhaupt nichts. Das Bett wurde jede Nacht noch ein bisschen klammer, die Handtücher begannen nach einem Tag zu riechen, im Schrank ist mir die erste Jacke verschimmelt, und die Vorhänge krabbeln mir wahrscheinlich bald davon. Was für ein Glück also, dass der Mensch den Baumarkt erfunden hat.

Heizungen in den Wohnungen gibt es nicht, aber zum Grundprodukt eines ordentlichen Limeñer Baumarkts gehören Heizstäbe für den Schrank. Ich habe mich allerdings für die Generallösung entschieden: den Deshumecedor. Ein Luftentfeuchter, der mir beim ersten Einsatz aus dem Schlafzimmer in zwei Stunden drei Liter Wasser zog. Das Hochleistungsgerät lasse ich jetzt reihum in meinen Räumen laufen. Seither ist es wieder schön wohlig bei mir - wenn man mal von meinem zweiten Wasserschaden im Bad absieht. Aber den repariert der Handwerker gerade.

Angesichts dieses Winterwetters also kam mir meine erste Dienstreise gerade recht. Ich durfte nach San Ignacio fahren. Das liegt an der ecuadorianischen Grenze, tausendundeinpaarhundert Kilometer entfernt auf 1500 Metern Höhe, und die Anreise dauerte einen ganzen Tag: anderthalb Stunden Flug nach Chiclayo, sechs Stunden Busfahrt nach Jaén, drei Stunden im Pickup mit Vierradantrieb bis zum Ziel. Wenn dort nicht hin und wieder Palmen und anderes exotische Gestrüpp zu sehen wäre, könnte man sich in den österreichischen Voralpen wähnen. So war dann auch das Wetter - ich kam praktisch direkt, na ja, von der Traufe in den Regen.

Der Weg nach San Ignacio

In Jaén schaute ich mir zwei Projekte des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) an. Ich besuchte das lokale Büro meiner Behörde und einen alten spanischen Jesuitenpfarrer, der ein vielfach prämiertes Bauernradio leitet und dessen Mitarbeiter mit den Augen rollen, wenn er spricht. In San Ignacio asistierte ich in einem viertägigen Konfliktworkshop für die lokale Elite: Gemeindeangestellte, Waldarbeiter, freiwillige Hilfspolizisten, Naturschützer, Mitglieder des Verbands gegen die Armut. Das Hauptproblem ist der Kampf um die Ressourcen: illegaler Holzeinschlag, Wasserknappheit, Bodenschätze. Dazu kommen die Korruption, Feindschaft zu den Indianergemeinden in der Nachbarschaft, Drogenhandel und organisierte Kriminalität innerhalb und außerhalb von Polizei und Justiz. Kürzlich wurde in der Gegend ein Journalist erschossen, weil er genau darüber zuviel recherchierte.

Jaén

In San Ignacio gibt es eine geteerte Straße. Die ganze Woche über watete ich mit lehmverkrusteten Schuhen und dreckbespritzter Hose von Pfütze zu Pfütze, während mir die kleinen Kinder mit großen Augen nachschauten, und schon am ersten Tag fraßen mich die Zangudos auf. Die kleinen Biester hatten meine Arme und Beine trotz langer Hosen und Ärmel mit roten Punkten übersäht. Gegen die Beulen der entzündeten Stiche trieb ich eine Salbe aus Schneckenschleim und Aloe Vera auf. Das half. Dass ich in Dengue-Gebiet saß, stellte ich zum Glück erst hinterher fest. Gegen die Krankheit kann man ohnehin nichts machen.


San Ignacio

Nachts erschlug ich die Kakerlaken, schlief dann in meinem fensterlosen Zimmer eingehüllt in den Lärm der Kneipe und einer Batterie von Fernsehern, morgens stellte ich mich mit Gänsehaut unter die kalte Dusche, aß gekochten Maniok zum Frühstück und dreimal am Tag einen Berg klebrigen Reis. Einmal gab´s dann gegrilltes Meerschweinchen. Ich hörte mir die Sorgen eines jeden einzelnen an, und nach einer Woche hatte ich auch wieder genug. Ich machte mich auf die eintägige Heimreise – mit reichem Gepäck.

Der Workshop

Ich bin einem Haufen netter Menschen begegnet, habe jede Menge dazugelernt, endlich die Struktur des peruanischen Staates verstanden, kapiert, dass die freiwilligen Hilfspolizisten nicht immer nur hemmungslose Schlägertrupps sind, dass Lima ganz weit weg ist, dass dieses Land auch als tickende Zeitbombe verstanden werden könnte.

Zwischen San Ignacio und Jaén

Bei der Heimfahrt schlug ich die Zeitung auf. Die Kokabauern aus dem Alto Huallaga riefen zum Generalstreik und zum Marsch auf Lima auf, die Minenarbeiter bereiteten einen Generalstreik im ganzen Land mit Blockade der Bergbauunternehmen vor, in der Region Ancash gibt es Generalstreik mit Straßenbarrikaden, auch in Piura kracht es seit kurzem, in Lima befinden sich seit Tagen Lehrer und Krankenhauspersonal im Ausstand, und wegen zig anderer Konflikte gibt es außerdem irgendwo immer zwischen irgendwem Verhandlungen. Irgendwas vergessen? Mit Sicherheit. Ist was? Nee. Alltag. Alles ganz normal.

Und was tu ich jetzt hier? Na ja, wenn ich das selber richtig weiß, schreib ich´s auf.

Mittwoch, 28. März 2007

Lima im März






Gerade noch rechtzeitig heimgekommen. Ich lege Susana Baca auf und setze mich mit Bier und Zigarette auf den Balkon. Am Horizont, wo das Meer die Krümmung Richtung Tahiti hinunterfließt, färbt sich die Wolkenbank in Blut, und über Steilküste, Palmen und Hochhäusern schweben Nebelfetzen in transparentem Rosa. Direkt vor mir hängen Mondsichel und Abendstern am Himmel. Bis jetzt ist mir auch zu Hause noch keinen Abend langweilig geworden.

Mein neues Zuhause: Im Geschaeftszentrum der Acht-Millionen-Stadt, zwei Blocks vom Meer entfernt an einem Einschnitt in der Steilküste mit Blick auf eben dieses abendliche Panorama. Die Wohnungsbesitzerin in der Schweiz hatte dann doch nachgegeben - und ihr Soehnchen habe
ich bereits erfolgreich neutralisiert.

Abgesehen von Balkon und Panorama habe ich ein Gästezimmer, eine Waschmaschine und einen Dienstboteneingang. Den habe ich zugesperrt. Wenn ich freitags nach Hause komme, ist die Wohnung sauber, und auf dem Tisch liegt ein Zettel von meiner Putzfrau, der allerersten ueberhaupt in meinem Leben. Graciela schreibt: „Gott möge Dich beschützen.“

Das ist hier nicht so dringend wie anderswo. Auch nachts kann ich ohne Probleme zu Fuß ausgehen, und fast überall bin ich in zehn Minuten. Auch in der Arbeit. Dahin fahre ich allerdings mit einem Minibus, der alle paar Minuten mein Haus passiert.

Unter den Fahrgaesten sitzt meistens eine hochschwangere junge Frau: Morgens stopft sie aus einem Türkenkoffer Handyhüllen und Sonnenbrillen in ein Wimmerl, in die Taschen einer Army-Weste und eines rotkarierten Männerhemdes Größe XXXXL. Abends packt sie das nicht verkaufte Zeugs in den Türkenkoffer zurück. Wahrscheinlich arbeitet sie an einer Kreuzung der Panamericana. Nur vergangenen Freitag sah ich sie nicht. Ich war spät dran - wie alle. Für mich blieb nur der Platz außen an der Tür.

Ich fahre jeden Tag in die Arbeit. In den ersten drei Wochen habe ich allerdings nicht wirklich etwas getan. Zwei Wochen lang hatten wir einen Workshop, weil eine deutsche Organisation in Bolivien meiner Abteilung, der Einheit für soziale Konflikte in der Defensoria del Pueblo, ein Computerprogramm schenkt. Das bastelten zwei Bolivianer während der 14 Tage nach unseren Anweisungen um.


Nur für meine Kollegen wurde es plötzlich ein bisschen stressig. Dem Kongress fiel ein, dass er einen Bericht über die Umweltkonflikte im Land haben möchte. Sofort. Nachts dann erschoss das Militär bei einer Konfrontation in den Anden in einem Ort namens Huachocolpa drei Überbleibsel der maoistischen Guerrilla-Organisation Leuchtender Pfad, von der ich eigentlich dachte, dass es sie gar nicht mehr gibt. Später stellte sich heraus, dass mindestens einer der Maenner unbewaffnet und gar kein Terrorist war.

Um das herauszufinden, machte sich der Kollege Jean Carlo auf den Weg in die Provinzhauptstadt Huancavelica: 18 Stunden mit dem Bus. Am Ziel stellte er fest, dass er von dort gar nicht in das Dorf Huachocolpa kommt. Er musste mit dem Bus acht Stunden zurueckfahren, und dann brauchte er immer noch weitere sechs Stunden bis in den Ort. Dabei ist ihm dann auch noch das Geld ausgegangen.

Am Freitag kehrte Jean Carlo zurück, und er berichtete ausführlich. In der Region ist der Staat nicht präsent, sie ist „befreite Zone“. Als das Militär dort jetzt auftauchte, war es das erste Mal seit Jahren. Die Gegend ist Rückzugsort des Sendero Luminoso, der dort sein Geld damit verdient, dass er Drogenkurieren Geleitschutz gibt. Jean Carlo flog auf dem Rückweg mit einem Militärhubschrauber mit, weil vier Murenabgänge die einzige Straße in den nächsten größeren Ort versperrt hatten. Er schwört, dass er vom Landeplatz im Talkessel an den umliegenden Bergen die Senderistas ausmachen konnte. Sogar der Pilot habe beim Abheben vor Angst geschwitzt.

Die Chefriege in der Behörde

Da geht es im Buero schon gemuetlicher zu. Meine Kollegen Gustavo und Pablo haben mich in ihren Mittagskreis aufgenommen. Pablo legt Wert darauf, dass wir auch frische Luft bekommen – wir arbeiten in einem Raum ohne Fenster und Tageslicht, der ungefähr so groß ist wie bei manchen Leuten das Bad. Deshalb wandeln wir nach dem Essen in einem der Fünf-Soles-Lokale (1,25 Euro für eine substantielle Suppe und das Hauptgericht) noch eine ganze Weile durch den angrenzenden Olivenpark. Das ist dem Arbeitsklima zuträglich und sehr unterhaltsam - und außerdem ist meine Pause nun eine Stunde länger. Abgesehen davon muss ich während des Flanierens meinen Nikotinspiegel auffrischen. Im Büro ist Rauchen verboten – so wie in allen geschlossenen Räumen. Eigentlich.


Gustavo ist ein sehr junger Philosoph, der fast Mönch geworden wäre. Ein lateinamerikanischer Intellektueller, der bei den Jesuiten studierte und unter Schlaflosigkeit leidet. Sehr eigen, aber durchaus nett. Pablo ist ein lieber ruhiger Familienvater im fortgeschrittenen Alter, der immer etwas gedämpft spricht und dem der Schalk in den Augen sitzt. Miguel, Jean Carlo und Rocio, alle drei so neu wie ich, versorgen sich irgendwie anderweitig. Sandra, mit der ich am engsten zusammenarbeite, fährt mittags zum Essen nach Hause. Sie ist das Herz der Abteilung: ein kompetentes Mädel, sehr typisch in ihrer Art, Dinge zu organisieren und dann doch oft aufzuschieben. Sehr untypisch für hier in ihrer Direktheit und in ihrem Pflichtbewusstsein. Und in ihrem Alkoholkonsum.



Sandra, Gustavo und ich gingen mit den zwei Bolivianern einen heben. In der Altstadt, wohin ich ausnahmsweise mehr als zehn Minuten brauche, in einer rauen Kneipe aus einem vorvergangenen Jahrhundert. So wie ich es liebe. Wir bestellten zu fünft ein halbes Rind, und es blieb nichts übrig. Wir brauchten Nachschlag. „Media res“ ist ein Paket aus einer halben Flasche Pisco, einer Flasche Ginger Ale, einer Schüssel Eiswürfel, einer Schüssel Zitronen, einem Fläschchen Zuckersirup und einem Fläschchen Angostura. Chilcano schmeckt - es muss nicht immer Pisco Sour sein.



In der Beschreibung fehlt nun eigentlich nur noch mein Chef Rolando. Na ja, und was soll ich da sagen? Dass ich ihn schon noch weich kochen werde? Oder er mich?



Einen tieferen Eindruck von ihm erhielt ich kuerzlich, als wir die Bolivianer zum Abschied mittags zum Essen einluden. Meine Kollegen quetschten sich alle in das erste Taxi. Also blieb ich mit ihm und den zwei Bolivianern für das zweite Taxi übrig. Wir fuhren eine Minute später weg als die anderen und kamen eine halbe Stunde später an als sie.


Es war zwar ein Tisch in dem Lokal bestellt, in dem die Abteilung inklusive Chef schon immer besondere Anlässe feiert. Der Chef aber dirigierte uns ins falsche Stadtviertel, wusste nicht, wohin, und war sich zu schön, das zuzugeben. Als wir uns endlich nach langer Irrfahrt zu den Kollegen an den Tisch setzten, rief er ihnen mit hochrotem Kopf und in schneidendem Ton zu: „Ich hoffe, dass Eure Informationen in der Arbeit genauer sind.“ Für den Rest des Tages sprach er mit ihnen keinen Ton mehr.



Das Lokal war übrigens eine Hähnchenbraterei. „Habt Ihr schon mal gebratenes Hähnchen gegessen?“, fragte mein Chef die zwei Bolivianer. „Das ist eine peruanische Spezialität!“ Die zwei Bolivianer schauten irritiert, sie hatten gerade Lektion Nummer eins in Landeskunde gelernt. Jedes Essen auf der Welt, das es auch in Peru gibt, ist eine peruanische Spezialität. Es gibt mehr als 4000 peruanische Spezialitäten - aber ich habe ja zwei Jahre Zeit. Und einen Supermarkt um die Ecke, der deutsches Weinsauerkraut, Vollkornbrot, Nutella und Erdinger Weißbier verkauft.



Aber soweit bin ich noch nicht. Tatsaechlich fuehle ich mich erstaunlich oft wie im Urlaub, vor allem wenn ich morgens aus dem Haus gehe: Die Sonne scheint, Himmel und Meer leuchten, die Stadt schlaeft noch, die Luft riecht feucht und salzig, und neulich tanzte auch noch ein Taxifahrer auf dem Gehsteig. Was fuer ein Gefuehl!

Samstag, 10. März 2007

Der erste Besucher










Mittwoch, 28. Februar 2007

Lima im Februar

Nach der ersten schwuelheissen Nacht stehe ich um neun Uhr morgens bereit. Das Programm sieht eine Stadtfuehrung vor. Nach fuenf Stunden sagt der junge Ethnologe: „Es ist lustig, wie die Touristen waehrend der Fuehrung immer die Farbe wechseln.“ Ich kann nicht lachen, das würde wehtun im Gesicht. Auf der Rueckfahrt schlafe ich im Auto ein.

Zweiter Tag, Antrittsbesuch beim Botschafter. Ich habe meinen Pass vergessen, sie lassen mich trotzdem rein. Der Botschafter pieckst bei jedem Wort mit seinem Stift das Blatt Papier auf dem Schreibtisch vor sich auf und verschwindet nach 15 Minuten wieder. Geruechte sagen, dass er ganz schlecht Spanisch spricht. Inzwischen weiss ich, dass die Geruechte stimmen.

Dritter Tag, Vollversammlung der deutschen Kollegen und der peruanischen Partnerorganisationen im Luxushotel ausserhalb von Lima. Ich habe praktisch noch keinen einzigen Satz Spanisch gesprochen, bin absolut desorientiert und schwitze wie ein Schwein. Als erstes laufe ich meinem zukuenftigen peruanischen Chef uebern Weg. „Wir haben ja noch viel Zeit zum Reden“, sage ich nach ein paar Hoeflichkeitsfloskeln und verdruecke mich schleunigst.

Mittags lande ich mit eben diesem Chef und sechs peruanischen Kollegen aus anderen Abteilungen der Bürgerrechtsbehörde an einem Tisch. Ich fuehle mich wie in einer Schlangengrube, weiss aber nicht recht, welche Schlange giftig ist. Nur eines weiss ich schon: Mit dem sympathischen jungen Mann neben mir sollte ich keinesfalls zuviel plaudern, das ist der Erzfeind meines Chefs.

Vier Tage spaeter ist die Vollversammlung vorbei. Ich fahre mit dem Bus in das Stadtviertel am Meer, trinke in Miraflores ueber der Steilkueste Espresso, geniesse den Sonnenuntergang und habe zum ersten Mal das Gefuehl, ich sei in Lima. Da ich nicht herausfinde, wo der Bus zurueck abfaehrt, nehme ich ein Taxi. Der Fahrer erklaert mir ungefragt an der zweiten Ampel, dass Peruaner eher auf juengere Frauen stehen.

Sonntags schnappe ich mir den Comercio mit den Wohnungsanzeigen und vereinbare Besichtigungstermine. Die meisten Appartements sind zu teuer. „Muss es unbedingt Miraflores sein?“, will der Taxifahrer wissen. Er zahlt nur 60 Dollar im Monat. Ich frage nicht, wo er wohnt, und treffe beim naechsten Termin die Maklerin von gerade eben. Mit mir wollen 20 Peruaner die Wohnung sehen. Wir passen gar nicht alle rein.

Letzter Besichtigungstermin. Appartement mit Blick aufs Meer. Innerhalb von 15 Minuten bin ich mit der Maklerin handelseinig. Die Besitzerin wohnt in der Schweiz und holt mich von diesem Tag an jeden Morgen mit einer neuen finanziellen Forderung aus der Dusche, die ich später per E-Mail zurueckweise. Abends beim Heimkommen sage ich Marie-Lu, die mein Zimmer putzt, ich sei nur noch zwei Naechte da. Morgens beim Rausgehen sage ich Señora Margerita, dass ich noch einige Tage bleibe.

Drei Tage spaeter ruft Daniel an. Der Sohn der Wohnungsbesitzerin, die in der Schweiz wohnt, fragt mich, ob ich Hockey spiele und will mit mir Toepfe kaufen gehen. Abends steht der halbe Meter mit einem Schrott-Volvo vor meiner Tuer. „Lass uns in den Club fahren!“ Er fuehrt mich durch den teuersten (Freizeit)Club der Hauptstadt wie eine Trophaee und denkt zu Recht, dass ich über ihn lache. Er laedt mich auf eine Cola ein und beginnt ohne Pause zu quatschen. Die dreckigen Bauern sollen bleiben, wo sie sind. Lima gehoert uns. Die cholos stinken, pissen ueberall hin, koennen nicht Auto fahren und produzieren nur Chaos. Ich sage, dass ich aus einer Bauernfamilie komme, bei einer Buergerrechtsbehörde arbeite, und verabschiede mich hoeflich. Der fuer den anderen Tag anberaumte Notartermin zur Unterzeichnung des Mietvertrags wird kurzfristig abgesagt.

Ich muss noch einmal einreisen. Ich hatte statt des offiziellen Dienstreisepasses des Auswaertigen Amtes meinen eigenen benutzt, und nun bekomme ich kein Visum. Ich kriege die zweitgünstigste Variante zugebilligt und setze mich in Flugzeug und Bus und bin schlappe zwei Tage spaeter in Copacabana, Bolivien.

Abends schaffe ich es noch, mit einem Bier den Sonnenuntergang über dem Titicacasees anzuschauen. Am anderen Morgen um zehn hat es sechs Grad. Frühstück nur bis halb zehn. Ich bettel den Küchenjungen um eine Tasse Tee an. Als ich mich bedanke, drückt er mich plötzlich von hinten an sich. Wenn ich auf mein Zimmer gehe, schließe ich die Tür von nun an sofort mit dem Schlüssel ab.

Mittags fahre ich mit einem Boot zur Isla del Sol, der Wiege der Menschheit, dem heiligen Stück Erde im Titicacasee. Wir passieren eine Station der bolivianischen Marine, die mangels Meer auf dem See übt. „Das Meer gehört uns“, steht auf der Marine-Mauer.

In Copacabana wird das ganze Wochenende die Jungfrau gefeiert. Auf dem Dorfplatz tanzen hunderte, festlich gekleidete und verkleidete Hochland-Indianer, bewerfen sich mit Konfetti, behängen sich mit Luftschlangen, besprühen sich mit Schaum und betrinken sich. Und betrinken sich. Und betrinken sich. Der letzte Schluck landet immer auf dem Boden. Eine Gabe an Pachamama, Mutter Erde. Eine der Kapellen muss einmal den Film Bluesbrothers gesehen haben.

Rückreise nach Peru. In dem dunklen Schuppen lege ich dem Grenzbeamten meinen unbefleckten Dienstreisepass des Auswärtigen Amtes auf den Schreibtisch. Er schaut jede einzelne Seite dreimal durch. Ohne bolivianischen Ausreisestempel kriege ich keinen peruanischen Einreisestempel, ohne den ich kein Visum kriege. Irgendwann schaut sich Chef meinen zweiten Pass an und hat Mitleid mit mir. Ich HÜPFE in den Bus. Trotz der dreitausendachthunderundichweißnichtwievielen Höhenmeter.

Fünf Stunden später sitze ich am Flughafen von Juliaca. Noch drei Stunden bis zum Abflug, der mir 25 Stunden Bus erspart. Ich bin alleine und schaue auf die grasenden Kühe vor der Abfertigungshalle. Paris, Texas. Ich habe das Gefühl, ich sei schon seit Monaten unterwegs. Ich bin dann doch die Letzte beim Einchecken. Zwei japanische Reisegruppen tauchten plötzlich aus dem Nichts auf.

Nach vier Tagen wieder in Lima. Es ist halb zehn Uhr nachts, und im Laden um die Ecke kaufe ich Obst. „Mamita, sonst noch was?“, schreit mir die Alte ins Ohr. Seit dem Ausflug habe ich entzündete Nebenhöhlen, seit dem Flug verstopfte Ohren. Und die Gewissheit, dass ich gelandet bin.

P.S. Gerade eben sehe ich in meinen E-Mails: Ich soll die Wohnung mit Blick aufs Meer jetzt doch kriegen – wenn ich....

Donnerstag, 8. Februar 2007

Freitag, 29. Dezember 2006

Mit dem Rücken zur Wand

Roberto setzt sich noch heute niemals in einem Lokal mit dem Rücken zum Raum. Der 43-Jährige achtet immer darauf, sämtliche Ausgänge im Blick zu haben. Er wechselt alle paar Monate die Wohnung. Fragen nach seiner Biographie weicht er aus, und Roberto ist auch nicht sein richtiger Name. Bruchstücke seiner Vergangenheit gibt er höchstens in sentimentalen Momenten nächtens in Kaschemmen preis. Dort pflegt er seine Traumata mit all den Liedern der kubanischen Barden Silvio Rodriguez und Pablo Milanes oder der nicaraguanischen Revolutionssänger Luis Enrique und Carlos Mejia Godoy. So hält Roberto die Erinnerung an seinen ermordeten Vater und an die toten Freunde aufrecht. Quält sich dann mit der einen Frage: Wieso habe ich überlebt? Wozu?

Vor zehn Jahren, am 29. Dezember 1996, beendete ein Friedensvertrag zwischen linken Guerillagruppen und der regierenden Oligarchie den Bürgerkrieg im mittelamerikanischen Guatemala. Er hatte 36 Jahre gedauert und war der blutigste in Lateinamerika. Eine von den UN finanzierte Wahrheitskommission dokumentierte den Horror auf 3400 Seiten: eine Million Flüchtlinge, 200 000 Tote, 45 000 Verschwundene. Mehr als 90 Prozent der Verbrechen hatten Polizei, Angehörige des staatlichen Militärs und ihre Todesschwadronen begangen.
Die Ursachen des Gemetzels sind auch heute nicht beseitigt. Die Nachfahren der Mayas, zu denen sich eine Mehrheit der Guatemalteken zählt, sind immer noch vom politischen und sozialen Leben ausgeschlossen. In den Hochlanddörfern können die meisten weder lesen noch schreiben. Ein Großteil der 13 Millionen Menschen lebt von weniger als einem Dollar pro Tag, viele hungern. Die Wirtschaft liegt danieder. Mehr als eine Million Guatemalteken sind ausgewandert.

Dabei hätte der Friedensvertrag ein Neuanfang sein können. Auch Robertos Hoffnungen waren groß. Der Guerillakämpfer war während des Bürgerkriegs aus dem Land geflohen, lebte in
Nicaragua, Kuba und im mexikanischen Chiapas. 1996 legte er die Waffen nieder und kehrte wie viele Flüchtlinge in die Heimat zurück. Damals sah er nach sechs Jahren seine Frau und seinen Sohn wieder. Seinen weiteren Kindern gab er Namen wie Victoria und Inti – Sieg und Sonne. Aber er wartete vergeblich auf Sieg und Sonne und ertränkte die Enttäuschung eine Zeitlang im Alkohol.

Die Frustration, die Roberto mit vielen seiner Landsleute teilt, kann Juan Ramón Ruiz verstehen. Der Politologe beobachtet für die guatemaltekische Menschenrechtsbehörde die Umsetzung der Friedensverträge. Ruiz zieht ein ernüchterndes Fazit: Nach zehn Jahren ist nicht einmal ein Fünftel der Vereinbarungen über den Aufbau einer gerechten und demokratischen Gesellschaft verwirklicht worden. „Es fehlt am politischen Willen zur Lösung der Probleme”, sagt er.

Dabei hatte schon einmal einer, in den fünfziger Jahren, versucht, die feudal strukturierte frühere spanische Kolonie zu erneuern. Der demokratisch gewählte Präsident Jacobo Arbenz Guzmán wurde jedoch rasch durch US-finanzierte Putschisten vertrieben, die sofort alle Reformen stoppten. So ist die Landfrage bis heute nicht gelöst: Immer noch besitzt eine reiche europäisch-stämmige Minderheit fast den gesamten fruchtbaren Boden. Aber viel Land liegt brach.

So, wie in der Umgebung der Kleinstadt Morales im Bezirk Izabal im Osten des Landes. In dem breiten Tal zwischen zwei Gebirgszügen nahe der Karibikküste kämpfen sieben Gemeinden um Grund zum Anbau von Mais und Bohnen. Die landlosen Bauern essen Tortilla mit Salz, morgens, mittags, abends. Sie sitzen mit Cowboyhut über den hageren Gesichtern auf dem Dorfplatz und berichten von den Versuchen, brachliegende Ländereien zu besetzen und mit Hilfe eines staatlichen Kreditfonds zu kaufen. Mehr als zwei Dutzend ihrer Angehörigen wurden bei diesem Kampf in den vergangenen Jahren ermordet. In den meisten Fällen gibt es Zeugen, wurde Anzeige erstattet. Es kam nicht zu einem einzigen Prozess. Gerade einmal zwei Haftbefehle wurden ausgeschrieben – und nie ausgeführt.

Während des Bürgerkriegs waren es staatliche Schergen gewesen, die ganze Dörfer auslöschten, weil sie die Einwohner verdächtigten, der Guerilla zuzuarbeiten. Ein am Tisch geplanter Genozid. „Heute geht die Gewalt nicht mehr vom Staat aus, aber der kann die persönliche Sicherheit nicht garantieren”, sagt Ruiz von der Menschenrechtsbehörde. Als jedoch die Vereinten Nationen vor wenigen Jahren eine Kommission einrichten wollten, um die illegalen Strukturen im Land, die Verbindungen zwischen dem organisierten Verbrechen, jugendlichen Banden, Menschen-, Waffen- und Drogenhändlern, früheren Geheimdienstmitarbeitern, privaten Sicherheitsdiensten und dem Militär zu untersuchen, lehnte das guatemaltekische Parlament ab.

Darin saß bis vor kurzem auch der Ex-Diktator Efrain Rios Montt. Unter seiner Herrschaft in den achtziger Jahren waren die grausamsten Bürgerkriegsverbrechen begangen worden. Wie Rios Montt blieben bisher so gut wie alle Täter unbehelligt. Zwar hat sich die heutige Regierung unter Präsident Oscar Berger für die Verbrechen während des Bürgerkriegs entschuldigt und will erstmals Entschädigungen an die Opfer zahlen. Aber die leiden weiter. Still. „Das Schweigen frisst dich von innen auf”, sagt Rosalina Tuyuc, die den nationalen Entschädigungsfonds und die Witwenorganisation des Landes leitet. Kein Wunder, dass Psychiater Edgar Vasquez Trujillo feststellt: „In unserem Land gibt es eine Epidemie von psychischen Störungen.” Ein Drittel der Guatemalteken hat Depressionen, Schätzungen zufolge benötigen 80 Prozent psychologische Hilfe.

So wie Roberto. Er war zwölf damals, als sie seinen Vater umbrachten. Der Sohn wollte ihn rächen und schloss sich noch als Halbwüchsiger dem Widerstand an. Als Studentenführer erlebte er, wie seine Kommilitonen plötzlich verschwanden und dann wieder auftauchten; tot und mit Folterspuren. Als er an der Reihe war, brachte ihn eine Menschenrechtsorganisation außer Landes.

„Drei für 25”, ruft Roberto in der Kneipe dem Barden zu und kramt in seiner Hosentasche nach den Quetzal-Scheinen für die drei bestellten Lieder. Der alte Mann rückt seine Gitarre über den krummen Schultern zurecht und zupft die ersten Töne. Roberto nickt, schließt die Augen und fängt an zu singen: „Ich werde in mein Dorf zurückkehren, wenn meine Kinder, denen ich immer von der Sonne erzählte, groß sind.” An den Nachbartischen haben sie aufgehört zu reden. Sie nicken. Roberto singt weiter: „Ich werde in mein Dorf zurückkehren, voll Hoffnung und mit großen Händen zum Arbeiten.” Als sich seine Augen wieder zu schmalen Schlitzen öffnen, glänzt auf beiden Wangen eine dünne Tränenspur.

Donnerstag, 12. Oktober 2006

Fahrt ins Unglück

Die Luft im Bus klebt. Auf den Nebensitz lässt sich ein Mann fallen, ein Baby im Arm, seine Frau quetscht sich dazu. Sie zerrt ein Kind zwischen ihre Beine, das Dritte landet auf ihrem Schoß. Zu sechst auf zwei Sitzen – verdammt eng für eine achtstündige Fahrt durch Ecuador.

Aus den Lautsprechern hinten dröhnt Latino-Hip-Hop, vorne aus dem Fernseher gellen Kampfschreie. Ein Kung-Fu-Film. An jeder Straßenecke ein Stopp, ein Raus- und Reindrängeln, und durch die verschwitzten Leiber zwängen sich die Händler mit Fleischspießen, Süßigkeiten und grellgelber Inca Cola.

Busfahren in Lateinamerika ist kontaktreich, unterhaltsam – und hochgefährlich. Bilder von zerquetschten Karosserien, dazu die Totenmeldungen – das gehört zur täglichen Routine der Zeitungen. Selbst in Kolumbien, so behaupten manche, kommen mehr Menschen bei Busunfällen um als durch den Bürgerkrieg. Die Totenzahlen gehen immer gleich in die Dutzende. So wie in Ecuador, wo jüngst bei einem der schwersten Busunglücke des Landes nahe der Hauptstadt Quito 47 Menschen gestorben sind – vier Familien aus demselben Dorf auf Ausflugsfahrt.

„Niemand kann die Leere verstehen, die ich in meiner Seele spüre”, klagt Rosa Suntaxi. Sie verlor ihre vier Kinder, zahlreiche Freunde und Verwandte bei dem Unfall. Das Unglück war bei Regen auf einer kurvigen Gebirgsstraße in den Anden passiert: Der Fahrer drückte zu sehr aufs Gas, verlor die Kontrolle, der Bus überschlug sich. Das Gefährt war 14 Jahre alt, das Bremssystem defekt, statt der erlaubten 30 saßen 52 Menschen darin. Damit sind auch schon die Hauptursachen für die häufigen Busunfälle in Lateinamerika genannt.

Auf dem Subkontinent, wo ein Großteil der Menschen von weniger als einem Dollar am Tag lebt und sich nur Reiche ein Auto leisten können, sind Überlandbusse das Transportmittel schlechthin, für Menschen, Hühner und jede Art von Gepäck. Die Preise sind moderat – eine politische Angelegenheit. Jede Erhöhung provoziert heftige Proteste, so wie im vergangenen Jahr in Nicaragua, wo Demonstranten Reifen anzündeten und Straßen blockierten. Im Gegenzug sparen viele Unternehmer an Komfort und Sicherheit. Und die chronisch klammen Länder verwenden ihr bisschen Geld eher ungern für den Straßenbau.

Beispiel Ecuador: Autobahnen gibt es in dem gebirgigen Zwergstaat zwischen Peru und Kolumbien praktisch keine. Nur ein Fünftel aller Straßen ist überhaupt geteert. Die altersschwachen Brummer zuckeln auf dem Weg von der Küste in die Hauptstadt die 2850 Höhenmeter in schmalen Windungen hinauf – wenn’s sein muss, auch mit platten Reifen.

Die Busfahrer wiederum arbeiten oft auf Kommission: Ihre Helfer hängen an der offenen Tür und fordern die Passanten an jeder Ecke mit hektischen Handbewegungen zum Einsteigen auf. Bedienen zwei Unternehmen die gleiche Strecke, streicht der mehr Geld ein, der schneller ist – und der Konkurrenz die Fahrgäste wegschnappt.

Und so fügt es sich, dass in einen solchen Bus immer noch einer reinpasst. Wenn nicht – auf dem Dach ist auch noch Platz. Das Problem verschärft sich an Wahltagen. In Ecuador zum Beispiel ist Wählen Pflicht. Und weil die meisten Hauptstädter in ihren Heimatdörfern gemeldet sind, setzt eine große Völkerwanderung ein – sicher auch bei der Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag. Wo sich eine fünfköpfige Familie an normalen Tagen anderthalb Sitzplätze teilt, passt an solchen Ausnahmewochenenden keine Maus mehr in den Wagen.

Die Busfahrer scheren sich da eher selten um die Gesetze. Aber um die Regelung ihrer Arbeitszeit schert sich ja auch keiner. Bei einer Untersuchung in Peru klagten die befragten Überlandfahrer über Dauermüdigkeit: Mehr als die Hälfte von ihnen schlief weniger als sechs Stunden pro Tag, Pause gab es für die meisten frühestens nach fünf Stunden Fahrt. Da wundert es nicht, dass jedem Dritten im Dienst schon mal die Augen zugefallen waren. Die Gegenmittel: Wasser ins Gesicht, Musik, Zigaretten, frische Luft, Kaffee, Cocablätter – und Alkohol. Ob es dann am Schlafmangel lag oder am Rum, lässt sich hinterher nur noch schlecht bestimmen, wenn die Reise am Betonmittelstreifen endete.

In jener Nacht stiegen die Fahrgäste morgens um halb fünf schlaftrunken aus dem havarierten Gefährt und warteten stumm am Straßenrand, bis jemand sie auflas. Aber nicht immer nehmen die Fahrgäste alles klaglos hin. Auf einer kurvigen Bergstrecke entlang der peruanischen Pazifikküste flogen erst Schimpfworte, dann bedrohten die Bauern den überholwütigen Fahrer körperlich: Der bremste notgedrungen und scherte wieder hinter einem 16-Tonner ein – Sekunden später rauschte aus der Gegenrichtung ein Lastwagen vorbei.

Freitag, 24. Februar 2006

Costa Rica in Bildern

San José

Fliegende Tiere






Kaffee








Strand



Abenteuer für gestresste Touristen





Donnerstag, 23. Februar 2006

Rest der Revolte

Einen Stadtplan? Die Frau blickt verstört von ihrem Waschzuber auf. Nein, damit kann sie nicht aushelfen. Sie schreit nach einem ihrer Kinder in dem zugestellten und überdachten Durchgang, der gleichzeitig als Küche, Bad, Trockenraum, Fernsehecke, Kinderzimmer und Eingang zu den fensterlosen Hotelzimmern dient. Eine Buchhandlung? Sie schaut kurz von der Waschbrühe auf, in der sie Babywindeln schrubbt. Ein verständnisloser Blick. Nein, Buchhandlung weiß sie auch keine. Auf der frisch geduschten Haut ihres Pensionsgastes beginnt sich in der schwülen Hitze schon wieder ein Schmierfilm aus Schweiß zu bilden, da ruft sie ihm in die Schmachtfetzen der morgendlichen Telenovela noch etwas hinterher: das Einkaufszentrum, das Plaza Inter, ein Häuserblock zum See, sechs nach Osten. Sie fuchtelt mit den nassen Händen in eine unbestimmte Richtung. Oh mein Gott. Wo ist der See? Wo ist Osten? Wo bin ich hier?

Für Neulinge ist Nicaraguas Hauptstadt Managua ein Albtraum. Und daraus gibt es auch mit einem Stadtplan kein Erwachen – wenn überhaupt einer aufzutreiben ist. Straßennamen existieren nicht. Von dort, wo einmal das Kino Dorado stand, sollen es drei Häuserblocks zum See, zwei nach Westen und ein halber nach Süden sein – eine normale Adressenangabe. Dumm nur, dass der Ort, an dem früher das Kino stand, im Stadtplan nicht als solcher auftaucht, genauso wenig wie andere geheimnisvolle Orientierungspunkte. Es gibt sie nicht mehr, seit das Erdbeben von 1972 die mittelamerikanische Hauptstadt verwüstete.

Und überhaupt: Wo ist der See? Neuankömmlingen bleibt bei der Adressensuche nur ein Taxi. Fahrgäste sollten sich aber nicht wundern, wenn erstens im Auto schon drei Passagiere sitzen, die zuerst abgeliefert werden. Wenn zweitens der Preis von 20 Cordoba (etwa ein Euro) vorher zu entrichten ist, damit der Fahrer tanken kann – ein paar Tropfen für exakt 20 Cordoba. Wenn dieser dann, drittens, versucht, seinen Kunden zum Protestantismus zu bekehren, während ein Radioprediger in voller Lautstärke von der Liebe Christi salbadert. Und wenn der Fahrer viertens an der übernächsten Straßenecke einem Passanten durch das Autofenster die Frage zuruft, die Orientierungslose durch die ganze Stadt verfolgt: In welcher Himmelsrichtung liegt hier der See?

Ja, wo liegt er nun, der See? Wenn Reisende endlich am Ufer stehen, am Rand des Stadtzentrums, wo früher sonntags Dienstmädchen spazierten und flirteten, beginnen sie zu verstehen, dass diese Frage – die Orientierung einmal ausgenommen – vollkommen unerheblich ist. Von der Uferpromenade ist praktisch nichts und vom Zentrum nur eine halb verfallene Kathedrale übrig; außerdem das Nationaltheater, das frühere Parlament und Brachflächen, die bis heute niemand bebaut hat – wenn man mal vom neuen Präsidentenpalast absieht. Baden kann man im Managua-See ohnehin nicht. Die Wasserqualität überleben schon die Fische nicht.

Managua ist keine Stadt zum Besichtigen von Sehenswürdigkeiten. Höchstens Linksnostalgiker dürften ihren Gefallen finden an den Überbleibseln der sandinistischen Revolution. Die bereitete vor 26 Jahren einem diktatorischen Familienclan sein Ende, wurde 1990, nach einem zermürbenden Bürgerkrieg gegen die von den USA finanzierten Contras, durch Wahlen in die Knie gezwungen und versucht seither vergeblich, auf demokratische Weise an ihre einstigen Erfolge anzuknüpfen.

Von denen zeugen ein paar Überbleibsel auf einem Hügel inmitten Managuas: Zwei verrostende Panzer und eine Statue des Namenspatrons Augusto Cesar Sandino, eines Minenarbeiters, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts den bewaffneten Aufstand gegen die nordamerikanischen Besatzer anführte und 1934 hinterhältig ermordet wurde. Vom Hügel bietet sich ein schöner Blick auf die Weitläufigkeit der Stadt, ihren See, viel Grün und einen mit Wasser gefüllten Vulkankrater, die Laguna de Tiscapa.

Managuas Schönheit ist eher herb; sie offenbart sich dem, der sich treiben lässt: zum Straßenverkäufer, der schwarz kopierte CDs mit Revolutionsliedern und dazu gleich seine eigenen Erlebnisse feilbietet; im Gewusel des größten zentralamerikanischen Marktes, des Mercado Oriental, der für sich gesehen schon ein Stadtteil ist und in dessen verrufenen Kern sich sogar manche Nicas nicht hineintrauen; an die Fritanga-Buden, die aus schwarz verkrusteten Blecheimern tatsächlich Essbares zaubern.

Oder ins Nachtleben: In eine Bar am Rande eines städtischen Kreisverkehrs, in der sich Mariachi-Musiker ein Zubrot verdienen und sich vornehmlich männliche Gäste mit Rum und Cola bis zum nächsten Morgen retten. In eine der überdachten und vergitterten Freiluft-Kneipen im Stadtteil Bolonia, wo Journalisten bei vielen Litern Bier an blanken Resopaltischen Berufstratsch weitergeben und die Tatsache feiern, dass sie sich wegen politischer Differenzen nicht mehr gleich niederschießen. In eine der Salsa-Diskotheken, natürlich, auch die gibt es.

Einkaufszentren im nordamerikanischen Stil schießen aus dem Boden, üblicherweise mit einer Etage Fast-Food-Restaurants, die ohnehin jede größere Kreuzung markieren. Besserverdienende heben ihr Geld am Drive-in-Schalter ab. Wer kann, verbringt die Wochenenden am Meer. Wenn der See nichts hergibt, dann wenigsten die See. Welche? Die karibische ist von der Hauptstadt aus nur durch logistische Höchstleistung oder im Flugzeug zu erreichen. Also die pazifische. Lieblingsausflugsziel der Nicas, besonders zu Ostern ist das kleine Nest San Juan del Sur.

Wer in der Hauptstadt, wie die große Masse, vom Mercado Roberto Huembes im ausrangierten US-Schulbus dorthin aufbricht, wird auf dem schmalen Bänkchen kaum den Platz finden, auch nur seinen Blick auf die draußen vorbeiziehende Landschaft zu wenden; geschweige denn in seinen Hosentaschen nach dem Fahrgeld zu kramen, das der nach hinten durch die Leiber turnende Busbegleiter verlangt. Da ist es dann doppelt schön, wenn man Freunde mit einem eigenen Auto gefunden hat. Darin genießt man die Bewegungsfreiheit und trällert die inoffizielle Nationalhymne mit. „Ay Nicaragua, kleines Nicaragua, schönste Blume meiner Liebe“, singt Carlos Mejia Godoys zu Recht.

So herb sich die Hauptstadt gibt, so lieblich präsentiert sich das Land. Auf der Strecke in das Fischerdorf San Juan del Sur im äußersten Südosten wartet es auch noch mit touristischen Höhepunkten auf: Masaya, wo der Held Sandino geboren wurde, mit dem Vulkan, dem Kratersee und dem Naturpark gleichen Namens. Oder der gemütlichen Kolonialstadt Granada am Ufer des Nicaraguasees mit seinen Inselgrüppchen und der Vulkaninsel Ometepe.

Zwischen den touristischen Stationen lohnt ein Stopp an einer Imbissbude mit gekochten oder gegrillten Maiskolben, frischem Obst oder warmen Tortillas mit Sahne-Zwiebel-Füllung. Eine schwere, feuchte Schwüle vertreibt die Klimaanlagenluft aus den Lungen, die Milch der Kokusnuss löscht den Durst. Am Straßenrand oder auf einem Dorfplatz entzündet sich schnell einmal eine Debatte über die Neugestaltung der Ortsmitte, den Sinn von Entwicklungshilfe, die Pflanzenvielfalt des Landes oder seine Probleme.

Politisch und sozial liegt vieles im Argen. Einige wenige genießen unglaublichen Reichtum, die Masse aber schlägt sich mit weniger als einem Dollar pro Tag durch. Die großen Parteien üben sich in Posten- und Pöstchengeschachere, der Politikbetrieb lebt von der Korruption, die Auslandsschulden ersticken alle Bemühungen um Besserung.

In einem der weißen Dörfer bei Masaya leuchtet das frisch gemalte Porträt von Sandino von einer Hausmauer. Ein kleiner stämmiger Mann kommt aus der Tür, holt zu einem Vortrag über die Wahlkampfstrategie der Sandinisten aus und schwärmt: „In Nicaragua muss niemand verhungern.“ Letztlich landet aber auch der Dorffunktionär bei den Realitäten. „Die Bauern“, sagt er dann, „die bekommen doch heute fast kein Geld mehr für ihren Mais, ihre Bohnen, ihren Kaffee.“

Das lässt sich ein paar Kilometer weiter beobachten. Dort wurde die Bushaltestelle vor dem Friedhof zum Kaffeemarkt umfunktioniert. Bauern verkaufen am Straßenrand ihre Ernte an Zwischenhändler. Die lassen Bohnen aus den Plastiksäcken in einen Holzkasten schütten, um Maß zu nehmen. Pro Holzkasten ein Pfund Bohnen, pro Pfund Bohnen 25 Cordoba. Auf 40 Säcke schätzt der Bauer seine Ernte in diesem Jahr. Zufrieden setzt er sich in seinen demolierten Pick-up und rumpelt über die schlaglochübersäte Straße davon. Aber die wenigsten haben wie er ihren eigenen Grund und Boden, viele schlagen sich als Tagelöhner durch.

Davon ist am Ziel der Reise, in San Juan del Sur, wenig zu merken. Der schmucke Ort mit einer Hand voll Herbergen, Geschäften, zwei Internet-Cafés und einem kleinen Markt ist gerade dabei, sich zu einem feinen Touristenziel zu mausern. An der einfachen Strandpromenade werben luftige Restaurants mit Fischgerichten, abends lädt die Bar zu einem stimmungsvollen Ron Añejo, an Wochenenden vergnügen sich Dorfjugend und Besucher aus der Hauptstadt bei Reggaeton in der Freiluftdisko. Und neuerdings legen im Ort sogar Kreuzfahrtschiffe an.

Von der Professionalität des nur wenige Kilometer entfernten Nachbarstaates Costa Rica, in jeder Beziehung der Streber des Isthmus, ist man hier im Dorf allerdings noch weit entfernt – wie in ganz Nicaragua. Auf der anderen Seite der Grenze gibt es Adventure-Parks, in denen ein ehemaliger Fleischbaron 200 000 neue Bäume pflanzen ließ, von US-Investoren organisierte Wasserfalltouren, in denen die Begegnung mit Kolibris nicht dem Zufall überlassen wird, und ein von ausländischen Partnern finanziertes Institut, das darauf hinarbeitet, dass die Ökologie nicht den ökonomischen Interessen geopfert wird.

In San Juan del Sur hingegen ist man schon stolz auf den Bau einer Öko-Lodge mit zwölf Zimmern – und speist ausländische Gäste noch nicht mit geschulter Professionalität ab. „Das Geld reicht nicht? Dann zahlst Du eben morgen“, sagt die Frau im Tante-Emma-Laden. Sie reicht eine Tüte mit Pulver über die Theke. „Und nimm das noch mit, mein selbst gemachter Kakao hat Dir doch beim letzten Mal so geschmeckt.“