Donnerstag, 9. August 2007

Heilige Hallen




Dem Hauptsitz der Defensoría del Pueblo in der Altstadt von Lima fehlt es nicht an Glanz. Beim Antreten zum Nationalfeiertag, Pflichttermin für uns alle, haben sie - wegen des Niesels draußen - die Flagge in der Halle gehisst. Es hat keiner gemerkt, dass ich den Text der Nationalhymne nicht konnte, und die Rede der Chefin dauerte dann auch nur eine halbe Stunde. Anschließend gab´s für jeden ein Glas Chicha morada, ein Getränk aus schwarzem Mais, und eine Wurstsemmel.

Rechts und links der Säulen stehen die Schreibtische, wo an normalen Tagen die Kollegen arbeiten, die die Beschwerden der Bürger entgegennehmen. Die warten oft in langen Schlangen, um sich über korrupte Beamte, zu hohe Stadtrechnungen, faule Lehrer oder schlechte Behandlung in staatlichen Krankenhäusern zu beklagen. Die Defensoría del Pueblo ist nicht selten die letzte Instanz für Menschen, die sonst nicht zu ihrem Recht kommen - und in einigen entlegenen Regionen des Landes die einzige Vertreterin des Staates, die sich überhaupt mal blicken lässt.

An manchen Tagen füllt die Berichterstattung über die Erklärungen, Studien, Gesetzesvorschläge und Stellungnahmen der Defensoría del Pueblo bis zu drei Seiten des Comercio, der größten Tageszeitung Perus. Es gibt praktisch keinen Tag, an dem die Behörde nicht zumindest in irgendeinem Artikel erwähnt wird. Der monatliche Bericht über die sozialen Konflikte im Land von der Unidad de Conflictos Sociales ist dem Comercio meistens eine eigene Seite wert.

Allerdings gefällt das nicht allen, und am allerwenigsten der Regierungspartei. Vor allem in den vergangenen Wochen ist die Defensoría del Pueblo von dieser Seite noch stärker angegriffen worden als sonst. Es hat dem Präsidenten nicht gefallen, dass es Widerworte gegen seine Verschwörungstheorie gab. Alan García wollte den Peruanern glauben machen, dass die sozialen Unruhen im Land von linksextremistischen Kräften aus Bolivien und Venezuela angestachelt wurden... Über so viel Unsinn kann man nicht mal mehr lachen.

Aber so suspekt den Regierungspolitikern (und anderen natürlich auch) die Defensoría del Pueblo ist, weil sie eben nicht so spurt, wie man das gerne hätte, so suspekt ist unsere Abteilung dem Rest der Behörde. Die beschäftigt nämlich im gesamten Land ausschließlich Juristen - mit eben einer einzigen Ausnahme: der Unidad de Conflictos Sociales.

Soziologen, Ethnologen und Philosophen stehen ohnehin im Ruf, die falsche Gesinnung zu haben, und wenn sie dann auch noch von ganz bestimmten Universitäten kommen, tstststs, da weiß man doch schon, woher der Wind weht. Dummerweise ist Peru klein, also zumindest was die Zahl der Einwohner (28 Millionen) angeht, und die akademische Welt ist noch kleiner, und wer in seiner Zeit an der Uni mal in irgendeiner falschen Partei Studentenführer war, der zittert heute, dass das auffliegt. Da viele der Posten in der Defensoría quasi halbpolitisch sind, kann einem das schnell den Kopf kosten.

So führt die Unidad ein Inseldasein in jeder Hinsicht, auch geografisch. Wir sind weit weg von der Zentrale in einem Ladenlokal in einem abgetakelten Einkaufszentrum des Nobelviertels San Isidro untergebracht. Nicht ganz so glanzvoll wie am Hauptsitz. Dafür gibt´s bei uns keine Kleiderordnung - die festangestellten Kollegen besitzen ausser den grellblauen Schutzwesten sogar eine Defensoría-Uniform - und neuerdings einen Fernseher. Nun läuft statt des Radios den ganzen Tag die Glotze.


Mittwoch, 8. August 2007

Collage



Samstag, 4. August 2007

American Highway






Wer schon immer mal auf der Panamericana durch den Kontinent düsen wollte: Das ist sie. Also jedenfalls in Barranca, vier Busstunden nördlich von Lima.

Und wer schon immer mal wissen wollte, wie man in einem kleinen schwarzen VW Golf gegen psychopatische Taxifahrer, Buschauffeure mit Rambomanieren, Wochentagsausflügler ohne Führerschein und Nummernschild und suizidgefährdete Pizzalieferanten in einer Stadt voller Einbahnstraßen, Stau und Schlaglöchern, auf Wegen ohne Beschilderung, Ampeln und Vorfahrtsregeln überlebt - demnächst in diesem Kino.

Mittwoch, 1. August 2007

Daheim bei den Apus




Die Apus sind die Berggötter. Davon gibt es in Peru jede Menge. In der Cordillera Blanca wohnen die Berggötter besonders weit oben, was einem gerne Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlaflosigkeit und andere Zipperlein verursacht. Um in Huaráz, auf 3100 Metern Höhe, in mein Zimmer im dritten Stock des Hotels zu kommen, musste ich auf der Treppe zwei Pausen einlegen.


Aber die Ausblicke entschädigen für alles. Erst recht, wenn man in netter Begleitung unterwegs ist: Meine SZ-Kollegin Antje Weber und ihr Mann Joachim wohnen seit einem Jahr in Quito (Ecuador) und erkundeten mit ihrem Auto den Norden Perus. Ein wunderbares Treffen - und das entspannteste Wochenende des letzten halben Jahres.



Der Blick von meinem Hotelzimmer.



Huaráz bei Sonnenuntergang.



Die Stadt von oben mit Blick auf die Cordillera Negra - die Berge ohne Gletscher auf der anderen Seite des Tals.





Der Sitz des Alphabetisierungsprogramms von San Martin.


Antje und Joachim bei den präinkaischen Ruinen von Willkawain.







Am Gletschersee - geschafft!



Und zum Abschluss ein Sprung ins Thermalbad von Monterrey!


Ich denke übrigens gerade darüber nach, wie ich es schaffe, dass ich nach Huaráz versetzt werde - damit ich von dort jeden Tag auf die Ramsauer Alm hochlaufen kann, wo Markus und Karin im Waschzuber sitzen, Peter Geburtstagstortenkerzen ausbläst, Helmi Bratwürstel grillt, Margit unterm Hirschgeweih posiert, Alex altes-kino-Jubiläumstexte vorstellt und wo´s Apfelschorle und Flötzinger Bräu gibt und Sonne und gitarrespielende junge Männer und Kamerafachgespräche mit Oli...


Uuups? Jetzt, glaub ich, bin ich in einem anderen Film gelandet.






Schöne Grüße an die bayerischen Apus - und ich lade zum altes-kino-Stammtisch zu mir ein!

Dienstag, 31. Juli 2007

Lima im Juli

Dass mir keine Schwimmhäute wachsen, kann nur an der Kälte liegen. Ich sitze mit dem Wintermantel auf dem Sofa, den warmgelaufenen Laptop auf den Knien, die Füße auf meinem Gasofen. Dabei schaue ich den Schatten der Heizungswarmluftwirbel auf meinem Wohnzimmerfliesen zu, niese und höre „Los años maravillosos de la canzion social“, Revolutions-lieder aus einer wunderbaren Zeit, als man noch Revolution machen konnte und nicht im partizipativen Stil mit Genderansatz, Wirkungsanalysematrixen, Tranversalthemen und interkulturellen Kompetenzen in Kleinkrümelbröckchen versucht hat, gewaltlos gegen Betonkopfstrukturen und Ungerechtigkeit zu kämpfen. Manchmal brauch ich das, damit ich nicht vergesse, warum ich hier bin.

Seit Monaten gibt es regelmäßig Triumphnachrichten: Zehn Prozent Wirtschaftswachstum. Die Goldpreise steigen, die Ölpreise steigen, die Investitionen steigen, der Reichtum steigt und die Staatseinnahmen auch. Alles super. „Bacán!“, sagt man hier. Nur: Die Mehrheit der Peruaner spürt gar nichts von diesem Wirtschaftswachstum. Die Agrarpreise fallen, aber nur für die kleinen Produzenten, das Brot hingegen kostet schon wieder drei Pfennig mehr, und der Mais ist auch teurer geworden, die Benzinpreise ziehen an und die seit Ewigkeiten versprochenen Straßen-, Wasser- und Abwasserprojekte werden nicht verwirklicht. Woran liegt das? Bei einer dreitägigen Recherchereise mit meinem Kollegen Miguel über informelle Minenaktivitäten durch die abgelegenen Weiler bei Piura im Norden des Landes habe ich einige erhellende Antworten erhalten.

Im Rathaus von Las Lomas erklärten uns der Bürgermeister und die Gemeinderäte, was sie alles gegen die Probleme unternommen haben, die der handwerksartige illegale Bergbau in Ein-Mann-Unternehmen mit sich bringt. Sie haben diskutiert, wurden auf Versammlungen zitiert, haben Protestnoten unterzeichnet und Verordnungen erlassen zu Themen, die nicht in ihre Zuständigkeit fallen. Was sie nicht gemacht haben: All das, was rechtlich tatsächlich in ihrer Macht liegt. Baugenehmigungen, Firmenzulassungen, Steueranmeldungen prüfen.

Der Bürgermeister ist Mediziner, hat sein Amt im Januar angetreten. Er ist symphatisch, gebildet, bemüht, korrekt, herzlich und hat keine Ahnung von den administrativen Regeln, den Gesetzen, seinen Kompetenzen. In den anderen sechs Rathäusern, in denen wir waren, ist es nicht anders zugegangen. Las Lomas ist als Distrikt die unterste staatliche Ebene. Der Bürgermeister hat seine meuternden Bürger vor der Tür, von denen ihn für Peru sehr stolze 20 Prozent gewählt haben, und er fühlt diese Last auf seinen Schultern. Es gibt keine Raumordnung, keine Flächennutzungspläne, keine Repräsentation auf den höheren Ebenen. Der Mann weiß nicht ein noch aus, ist einfach nur hilflos.

Immerhin: Früher hatte diese kleineste lokale Einheit nicht mal ein ordentliches Budget. Das wurde alles von Lima aus geregelt. Inzwischen haben die „Dörfer“ sogar einen Haushalt. Dorf in Anführungszeichen, weil das Dörfer sind, zu denen durchschnittlich geschätzte vierundvierzig Weiler gehören, auf einer Fläche, die jeweils mindestens so groß ist wie ein deutscher Landkreis. Peru war immer das zentralistischste Land auf dem Kontinent. Jetzt wird zwar langsam ein bisschen Kompetenz von Lima auf die unteren Ebenen überwiesen. Aber die Bürgermeister, Provinzchefs und Regionspräsidenten wissen gar nicht, wie man Geld ausgibt. Deshalb kann es passieren, dass in einem Andendorf ohne fließendem Wasser ein Schwimmbad gebaut wird.

In Las Lomas sind sie Bauern. Die Gegend ist berühmt für ihre Mangos und die Zitronen, der Ort gehört zu einem der größten landwirtschaftlichen genutzten Täler Perus. Erst vor kurzem haben sie dort in Tambogrande die Ansiedlung eines internationalen Goldminenkonzerns verhindert, dem die komplette Landwirtschaft zum Opfer gefallen wäre. Der Staat hatte die Konzession gegen seine eigenen Regeln vergeben. Aber jetzt haben sie die ganzen illegalen Ein-Mann-Bergbauunternehmer im Dorf, und es steht ein neues Megaprojekt zum Kobaltabbau in der Nachbarschaft an. Das größte Minenprojekt Lateinamerikas. Es gibt praktisch keinen Ort in Peru, für den es nicht irgendeine Lizenz zum Buddeln gäbe für irgendwelche ausländischen Unternehmen - und neuerdings haben sie auch noch Uran gefunden an mehreren Stellen.

Aber wie sieht das aus, wenn so ein großes Unternehmen anfängt zu arbeiten? In Casapalca, wo mich die Minenarbeiter kürzlich zu einer Mördertour durch die Anden zwangen, weil sie die einzige Straße vom Hochland nach Lima blockiert hatten, folgendermaßen: Es gibt ein paar wenige Dutzend Planstellen, die tausend Minenarbeiter aber werden durch Schein-Subunternehmen angeheuert. Dort kriegen sie keine oder kaputte Ausrüstung für unter Tage, ein fauliges Bett in einem Sieben-Mann-Zimmer in einem Schuppen und pro Schicht kaum zehn Dollar, von denen ihnen aber Unterkunft und Essen abgezogen werden. Urlaub? Gewerkschaft? Kündigungschutz? Da lacht die Arbeitsministerin. Das Unternehmen erklärte kategorisch, für Verhandlungen nicht zur Verfügung zu stehen. Es gehört ausnahmsweise keiner anonymen Aktiengesellschaft, sondern einem einzigen Mann und seiner Familie. Er ist Multimillionär.

Auf meiner Tour über die Anden bin ich auch durch La Oroya gekommen. Der Ort liegt auf über 4000 Metern. Es ist der kontaminierteste Ort der Welt, sagte kürzlich eine Statstik. Die Bleiwerte der Kinder liegen um ein Vielfaches über jedwedem Grenzwert. Die Bleiraffinerie gibt es seit Jahrzehnten, und wieder hat sie jetzt den Einbau von Filteranlagen verhindert mit der Drohung, die Anlage stillzulegen. Die Drohung hat unter den Oroyanern heftige Kämpfe ausgelöst. Denn die Situation ist komplex. In La Oroya sind die Bauern gegen die Mine, aber die Minenarbeiter sind dafür. In Las Lomas sind es die Tagelöhner und die armen Bauern aus dem selben Dorf, die auf der Suche nach Gold mit Pickeln Steine aus der Erde klopfen, sie mit Muskelkraft mahlen und dann mit Chemikalien mischen und dabei das Wasser kontaminieren. Und klar: Es sind die Bergwerksunternehmen, die diese zehn Prozent Wirtschaftswachstum angeschoben haben.

Und da komm dann ich daher. Mit Gewalttheorien, Konfliktkonzepten und Mediationsanleitungen.

Am letzten Tag der Recherchetour mit meinem Kollegen Miguel im Norden Perus versperrten uns etwa hundert aufgebrachte Bauern den Weg. Sie wollten erzwingen, dass die Defensoría del Pueblo jetzt und auf der Stelle mit ihnen über ihre Probleme spricht. Aber wir mussten unseren Flug nach Lima erwischen. In mir stiegen die Beschreibungen des Lynchmords eines Bürgermeisters aus den Anden im Jahr 2005 hoch, als die Meute anfing zu stänkern: Die Defensoría ist die Verteidigerin des Volkes, und wir sind das Volk, also verteidigt uns!! Und was braucht Ihr ein so großes Auto dafür? Und warum habt Ihr eine blonde Minenbesitzerin aus den USA bei Euch im Wagen sitzen? Ihr steht wohl auf der falschen Seite? Ohhh, da wurde ich ganz klein.

Als wir hier im Juli das ganze Land im Aufruhr hatten und bei den Generalstreiks und Blockaden in einer Bergregion mehrere Menschen erschossen wurden und ein ganzer Bus mitsamt Insassen in den Abgund raste und die Menschen forderten, dass der zuständige Minister für Verhandlungen kommen soll über ein Dutzend Themen, die alle etwas mit der Armut und der Nichtpräsenz des Staates zu tun hatten, da gab es darüber ein Telefonat zwischen meinem Chef und der zuständigen Vizeministerin. Da sagte diese Vizeministerin dem Sinne nach: Ach nee, was soll denn das, das sind doch nur ein paar Cholos. Cholo ist das Schimpfwort für die Peruaner indianischer Abstammung aus dem Hochland.

Na ja, wenn wir in diesen wunderbaren Zeiten dieser wunderbaren Revolutionslieder leben würden, dann wäre manche Antwort um so vieles einfacher...

Mittwoch, 25. Juli 2007

Watschimann im Mitin

Es gibt Wörter, die stehen in keinem Lexikon. Wenn man sie das erste Mal hört, denkt man: Schon wieder so ein Kechua-Ausdruck! Aber manche dieser seltsamen Ausdrücke sollte man auf Anhieb verstehen, will man sich nicht als Tölpel ohne Fremdsprachenkenntnisse abstempeln lassen. Diese Wörter haben nämlich rein gar nichts mit Kechua, der Muttersprache eines Großteils der Peruaner, geheimnisvollen Anden-Mythen oder gar irgendwelchen Amazanosindianer-Ritualen zu tun.

Mítin [´mi_tin] el n Besprechung, Versammlung. Für ganz Langsame: Das Wort kommt vom englischen "meeting".

Huachimán [´wat_schi_´mann] el n Wachmann, Aufpasser, Portier, Sicherheitsangestellter. Für ganz Langsame: Das Wort kommt vom englischen "watchman".

Noch Fragen?

Sonntag, 22. Juli 2007

Fiestas Patrias



Wer in der Woche des Nationalfeiertags nicht die Fahne an seinem Haus hisst, zahlt Strafe. Auf der Terrasse im 16. Stock über mir sieht das vergleichsweise dezent aus.


Von den Straßen und Plätzen kann man das nicht behaupten, und auch nicht von dem Umzug, der heute meine Wohnung passierte. 93 Prozent der Peruaner sind stolz, Peruaner zu sein. Dieses Umfrageergebnis ist sicher nicht getürkt (genauso wenig wie meine Collage).







Just zur gleichen Zeit feiert Präsident Alan García sein Einjähriges. Aber nur noch jeder Dritte findet seine Amtsführung okay, in manchen Gegenden ist die Zustimmung zu seiner Politik auf unter zehn Prozent gefallen. Wen wundert´s, dass es die Gegenden sind, in denen zwei Drittel der Bevölkerung arm oder sehr arm sind, bei denen von den zehn Prozent Wirtschaftswachstum nichts, aber auch gar nichts ankommt.

Rätsel (II)



"Was´n das?" Secabolas - oder der Versuch, 98 Prozent Luftfeuchtigkeit in den Griff zu kriegen. In jedem meiner Schränke stehen zwei dieser Dinge, und wenn sie unten voll sind, leere ich sie aus und fülle oben kleine weiße Salzblättchen nach.

Samstag, 21. Juli 2007

Im Büro



An der Rezeption sitzt Jorge mit der Sekretärin aus der Abteilung für die Rechte von Kindern und Jugendlichen. Jorge ist unser Mädchen für alles. Als ich ihn kürzlich nach der Arbeit ein Stück im Auto mitnahm, sagte er: "Ich wurde als Chauffeur eingestellt. Eigentlich müsste ICH am Steuer sitzen."

Jorge kommt aus Bagua Chica, Region Amazonas, im Norden des Landes, was sich, wenn er es ausspricht, anhört wie Wawa. Tatsächlich ist er Fischerei-Ingenieur, Spezialgebiet Weichtiere. Am Wochenende fährt er Taxi. Er wohnt mit seiner jüngeren Schwester zusammen und sucht dringend eine Frau. Seit er kapiert hat, dass ich nicht zur Verfügung stehe, will er, dass ich ihn mit einer Deutschen verkupple.





Die Bürowelt aus dem Blickwinkel meines Schreibtisches: Neben mir sitzt Sandra, dahinter arbeiten Pablo (Mitte) und Miguel. Hinten an der Wand sitzt außerdem noch Jean-Carlo.






Gustavo teilt sich mit Rocio, einer jungen Studentin, das Eckchen hinter der Tür, auf der anderen Seite meines Schreibtisches. Gustavo wäre fast Pfarrer geworden. Jetzt ist er Philosoph. Er entspricht so gar nicht dem Macho-Bild, das sich die Latinos gerne von sich machen. Sein Vater pflegte ihn deshalb als Schwulen zu beschimpfen.


Der Vater war ein Militär, der in der schlimmsten Terrorismus-Zeit in den Bergen in Ayacucho Dienst tat, da wo sie auf dem Kasernengelände heute noch die zu Tode Gefolterten ausgraben. Das Thema ist in der Familie tabu.




Unser Chef Rolando hat das Privileg eines eigenen Zimmers. So leger wie auf dem Bild sieht man ihn allerdings so gut wie nie.

Rätsel (I)



"Was´n das?" Wer die Standardfrage meiner Besucher beantworten kann, erhält .... (ich denk mir was aus). Seit ein Elektriker da war, tut das Ding wieder, was es soll, also es bewegt sich. Leider ist es seither inkontinent...

Donnerstag, 12. Juli 2007

Fiesta



Nur um zu zeigen, dass man einen Abend auch ganz gut ohne Konflikte übersteht.

Alles wie immer



Um eine Vorstellung zu geben, wie viele Straßen- und Flughafenblockaden, Demonstrationen, Rathausbesetzungen und Streiks hier zurzeit gleichzeitig im Land stattfinden. Unter anderem protestieren die Lehrer, die Gesundheitsbediensteten, die Minenarbeiter, die Cocabauern, die Bauern, die Indígenas, die Arbeitergewerkschaft, die Sozialisten und die Kommunisten und die Populisten - und neuerdings auch noch die Feministen ...
"No tenemos Presidente, sino delincuente!" - "Urgente, urgente, nuevo Presidente!"

Montag, 9. Juli 2007

El Che vive!


Meine neuen Lieblingsmarken...

Sonntag, 8. Juli 2007

El mundo de Sapillica



"Mit Ihrer Erlaubnis ziehen wir uns jetzt zurück", sagten die beiden jungen Damen und rauschten aus dem Gemeindehaus von Sapillica. Minería informal? Huuuuuugh.... Immerhin, sie hatten die Versammlung eine Stunde lang über sich ergehen lassen.



Der Ort ist vier Stunden von der Provinzhauptstadt Piura entfernt und liegt auf 1400 Metern. Der Weg dorthin ist weit und schlecht, und der einzige Comedor unterwegs sieht nicht so aus, als hätte es dort je etwas zu essen gegeben. Schweine, Kühe und Hühner laufen frei herum, um von einem Ort in den anderen zu kommen, steigen die Menschen auf ein Pferd, und ein paar Weiler haben sogar einen Wasseranschluss.



Oben Landwirtschaft und extreme Armut. Unter der Erde Gold. Die Menschen buddeln, wo es geht, zerkleinern die Steine und lösen das Metall mit Quecksilber oder Zyanit. Handarbeit. Genehmigung? Umweltstudie? Abwasser?



Mein Kollege Miguel, der Fahrer und der Chef aus dem Büro in Piura. Und ich vor einer Ceiba, die aussieht, als würde sie sich gleich den Hang hinunterstürzen.






Auf der Rückfahrt ist mir das Lachen allerdings ziemlich vergangen. Eine aufgebrachte Menschenmenge versperrte uns den Weg. Aber wir haben auch das unbeschadet überstanden - und dann sogar noch unseren Flug nach Lima erwischt.

Sonne im Winter




Gestern öffnete ich meine Schreibtischschublade. Ich stellte fest, dass auch mein Pass und der letzte Euro-Schein begonnen haben zu schimmeln.




Posada Ursula















Herzlich willkommen!

Samstag, 30. Juni 2007

Lima im Juni

Der Vollmond scheint ueber der Bucht, ein frischer Wind weht vom Strand, und der Sand knirscht zwischen den Zaehnen. Waehrend Ihr von Eurem Pfingsturlaub zurueck seid, habe ich mir jetzt drei Tage Auszeit gegoennt. In Máncora nahe der ecuadorianischen Grenze, wohin es der Humoldtstrom nicht schafft und deshalb auch im Winter das Meer schoen warm ist. Drei Tage Ferien, um meine mueden und wehen Knochen auszuruhen. Wie alle Monate bisher hat der Juni sehr geruhsam angefangen - und gegen Ende hin ein solches Tempo entwickelt, dass mir fast schwindlig wurde.

Was tu ich hier eigentlich, war die Frage gewesen. Ich schaue natuerlich nicht taeglich zu, wie ein 80 Hektar grosses Terrain mit Traenengas geraeumt wird, wie ich es das letzte Mal beschrieben hatte. Tatsaechlich gehe ich jeden Tag in dieses Kabuff, das sich Buero nennt, und schreibe an einem Konflikt-Handbuch fuer die ueber 400 Defensoría-Mitarbeiter. Das kriegen die im Herbst, wenn ich sie in zweitaegigen Fortbildungen zum selben Thema schule.

Das ist eine von mehreren Aufgaben, und das klingt jetzt so einfach, und tatsaechlich habe ich schon 50 Seiten geschrieben. In Wirklichkeit aber brauche ich dafuer erstmal den Defensoría-Blick. Um den zu kriegen, mache ich in meiner eigenen Abteilung zweimal die Woche einen Mini-Workshop. Der erfuellt gleichzeitig den Zweck, schon mal meine direkten Kollegen fortzubilden: wie man soziale Konflikte systematisch analysieren und Strategien fuer eine Intervention entwickeln kann, wie man interveniert, wie man die Einhaltung der ausgehandelten Vereinbarungen kontrolliert, wie man das alles dokumentiert – und zuletzt auch noch gut an die Presse verkauft.

Dass jetzt keiner denkt, das ginge alles automatisch und nach Plan. Ja, ja, es gibt einen Plan – mit Datum und Uhrzeit und Thema fuer Besprechungen bis in den August hinein. Tatsaechlich muss ich aber um jeden Termin, um jede halbe Stunde kaempfen, und wenn ich montags mit dem Chef ausmache, dass wir uns Dienstag und Freitag zusammensetzen, dann weiss ich erst in dem Moment, in dem der Chef in unser Kabuff kommt (in der Regel nach dreimaliger Aufforderung meinerseits und mit dreiviertelstuendiger Verspaetung und am Schluss meistens an einem anderen Tag als ausgemacht), dass die Besprechung auch wirklich stattfindet.

Also bis vor kurzem tat mein Chef eigentlich so, als wuerde ich den Betrieb aufhalten und als haette man mich ihm vor die Nase gesetzt und nicht er jemanden fuer seine Abteilung beantragt. Bis vor kurzem. Es hat mich verdammt viel Nerven, Gehirnschmalz und Schweiss gekostet, ihn zu knacken – und nun muss ich aufpassen, dass das Pendel nicht in das andere Extrem ausschlaegt.

Wie das kam, keine Ahnung. Bei einem unserer seltenen gemeinsamen Mittagessen zwang er mich kuerzlich in ein Gespraech ueber das Thema Loyalitaet, das unausgesprochen nur um uns ging und wie wir zueinander stehen. Also um genau zu sein: wie ich zu ihm stehe. Ich kam mir vor, als wuerde ich auf einem Nagelbrett tanzen. Und dann habe ich die Gratwanderung gewagt, diese ganzen theoretischen Analysehilfsmittel anhand eines Konflikts anwenden zu lassen, der von Seiten meines Chefs als beendet und als sein Paradestueck gilt - aber noch lange nicht ausgestanden ist. Er hat dabei nicht sein Gesicht verloren und trotzdem ploetzlich was kapiert. Er war wie elektrisiert, ist seither viel freundlicher und schickte mich ausserdem – quasi ueber Nacht - auf zwei Reisen.

Am vergangenen Montag querte ich die Anden, um auf der anderen Seite in La Merced einen Konfliktworkshop mit lokalen Autoritaeten zu halten. Als ich Mittwoch zurueck wollte, gab es nach Lima keinen Transport. Die einzige Strasse war von Minenarbeitern blockiert worden, die schon seit zwei Wochen fuer ihr gutes Recht streiken. Statt also in einem Rutsch sieben Stunden durch Steinriesen, kahle Hochflaechen und verseuchte Minensiedlungen zu tuckeln, begann eine muehevolle Reise in kleinen Schritten.


(La Merced vom Hotelzimmer aus)


In La Merced nahm ich einen Bus nach Tarma. Dort wartete ich an einem Sammeltaxi, bis genuegend Passagiere beisammen waren fuer den Weg nach La Oroya, wo ich eine Stunde spaeter in ein anderes Sammeltaxi wechselte, das mich dorthin brachte, wo der LKW-Stau anfing. Dann ging ich ein Stueck zu Fuss einen Abhang hinunter, bis mich ein Lastwagenfahrer mitnahm, der auf diesem Ziegenpfad am Stau vorbei ueber Stock und Stein hinunterschepperte bis zur eigentlichen Blockade. Dort begann der Marsch - immer in Deckung und mit Blick auf die Hoehen rechts, von denen die Minenarbeiter aus Protest gegen Blockadebrecher mit Gebruell Steinbloecke hinunterrauschen liessen.

Nach einer Stunde Fussweg - auf 4200 Metern Hoehe und im Militaerschritt, ich hatte mich der Sicherheit halber einem sympathisch aussehenden jungen Mann angeschlossen, der, wie sich dann herausstellte, Soldat war – kam ich mit zwei riesigen Blasen an den Sohlen auf der anderen Seite der Blockade an. Dort lief ich weiter an den aufgestauten Lkws vorbei, bis ich mit sieben anderen einen Kombi fand, der uns auf Sitzen und im Kofferraum bis ins naechste Dorf fuhr. Da taten wir einen Lastwagen auf, der gerade aus dem Stau ausscherte, umdrehte und Fahrgaeste mit nach Lima nahm.

Als der Fahrer die Klappe der Ladeflaeche aufmachte, sassen da schon 30 Erwachsene mit nochmal so vielen Kindern drin, die alle heftig maulten, uns aber dann doch raufliessen. Zweieinhalb Stunden in Schweinekaelte im offenen Lastwagen – da half mir auch mein Wintermantel nichts mehr. Ich kuschelte mich in der Hocke (Platz fuer die Beine war nicht) unter die Decke zu den Hochlandindiandern, zog mir das gute Stueck bis zur Nase und die Kaputze ueber die Augen. Alle halbe Stunde stand ich auf, um die eingeschlafenen Beine zu strecken. Dann hielt ich mich notduerftig an einem Metallhaken an der wackeligen Holzwand fest, waehrend der Wucherer am Steuer ohne Ruecksicht auf Verluste die Serpentinen Richtung Lima hinunterschoss.

In einem Aussenbezirk schmiss er uns raus. Dort nahm ich einen Mikrobus in die Innenstadt. Ich schlief auf meinem Sitz ein, obwohl die fast zweistuendige Fahrt durch ein paar sehr unangenehme Bezirke fuehrte. Am Rand der Altstadt, wo ich auch bei Dunkelheit ohne Gefahr aussteigen konnte, nahm ich ein Taxi. Als ich die Tuer von meiner Wohnung aufsperrte, hatte ich den ganzen Tag noch nichts gegessen und getrunken, hatte keine Zeit gehabt, zum Pieseln zu gehen und war zwoelf Stunden unterwegs gewesen. Am anderen Tag las ich in der Zeitung, dass ein Polizist der Sondereinheiten, die gerade ankamen, als ich die Blockade passiert hatte, bei der versuchten Raeumung gestorben war – durch einen Stein.

Aber ich hatte nicht viel Zeit, darueber nachzudenken, denn da stieg ich schon in das Flugzeug nach Piura. Drei Stunden noerdlich der Stadt geniesse ich jetzt am Strand die Feiertage mit ein bisschen Sonne. Am Montag kommt mein Kollege nach, dann muessen wir hier im Hinterland in Tambogrande einen anderen Minenkonflikt recherchieren. Aber worum es bei all diesen Konflikten geht, das erzaehle ich ein andermal...

Mittwoch, 30. Mai 2007

Lima im Mai

„Du musst einen Rock anziehen“, hatte Hilde gesagt. Den Rat kapiere ich erst, als mich die junge Wachfrau in die schummrige Umkleidekabine Größe XS winkt.

Dort beginnt das Mädchen in Uniform, zaghaft in meiner Tasche zu kramen. Sie fischt ein Tampon heraus, schaut das weiße Ding auf ihrer Hand von allen Seiten an, dann mich. „Was ist das?“ Ich fühle mich veräppelt. „Na ja, wenn Du die Regel kriegst.“ Sie schaut wieder dieses Ding in ihrer Hand an. „Ach, das ist ein Tampon?“ Sie legt es zurück. Dann kommen die Anweisungen: Mantel ausziehen, Pullover hoch, T-Shirt hoch, BH hoch, Rock hoch. Sie schaut lange meine knallbunte Unterhose an. Ich muss sie nicht runterziehen. Stattdessen einmal umdrehen, fertig. Ich ziehe mich wieder ordentlich an, greife nach den fünf Plastiktüten und stürme raus. Also eigentlich rein. Ins Gefängnis Sarita Colonia in Callao. Ein Männergefängnis.

Dorthin begleitete ich Hilde. Sie lebt seit acht Jahren in Lima und war von einer Schweizerin gebeten worden, dem Bruder Winterklamotten ins Gefängnis zu bringen. Ein Wochenendausflug sozusagen, am Frauenbesuchstag.

Er begann im Staub vor der Knastmauer mit Schlangestehen. Schlüssel und Handys sind drinnen nicht erlaubt, die geben wir gegen Gebühr bei einer Marktfrau in der Nähe ab. Dann reihen Hilde und ich uns zwischen all die anderen Frauen, die wie wir Unmengen von Tüten mit Essen und Kleidung mitgebracht haben. „Und wofür sitzt Deiner ein?“, das ist so die Eröffnungsfrage für einen Plausch. Nach einer Stunde sind wir bis zum Eingang vorgerückt. Ausweis vorzeigen und Ärmel hochkrempeln – für zwei Stempel und eine Unterschrift auf dem Unterarm. Hinter dem Eingang kringelt sich die Frauenschlange in einem kleinen Raum um eine Autoreparaturgrube. Am anderen Ende: Ausweis abgeben. Wir bekommen eine Nummer neben die zwei Stempel auf den Unterarm. Noch eine Tür. Dahinter Gepäckkontrolle: fünf Wachmänner an einem Tresen. Geschrei, Gedrängel und Gekeife.




Unsere zwei Wachmänner öffnen jede Tüte, holen alles heraus, entfalten jedes T-Shirt, jedes Paar Socken, den Schlafsack, öffnen die Kekstüten, alles, was Hilde für den Häftling eingekauft hat. Dann sehen sie die Stange Zigaretten. „Zehn Schachteln? Das ist nicht erlaubt“, erklärt der Ältere. „Aber wir sind doch zu zweit”, sagt Hilde bittend. „Nein, das ist viel zu viel“, raunzt er zurück. Schaut auf die Schachteln. „Also, vier darf jede mit reinnehmen.“ Gibt Hilde vier Schachteln, nimmt nochmal vier in die Hand für mich – und legt dann doch noch eine fünfte obendrauf. Ohne Erklärung.

Wir packen alles wieder ein und warten vor der Umkleidekabine auf die Körperkontrolle. Als ich da rausstürme, bin ich wirklich drin im Knast.

Wir marrschieren durch schmale Gänge zwischen hohen Metallgitterzäunen. Als uns die Männer im Pavillon für Ausländer und Drogendelikte sehen, herrscht sofort Aufregung unter ihnen. Wir warten am Eingang, bis der Schweizer herauskommt und uns mitten durch den Pulk hindurch in den betonierten Innenhof führt. Dort sitze ich bestimmt schon eine Viertelstunde an einem kleinen Holztischchen, als ich mich zum ersten Mal traue, den Blick vom Boden zu heben und mich umzusehen. Ich komme mir vor, als säße ich nackt da.

Hans dürfte Mitte fünfzig sein. Er ist dürr und sieht aus wie einer, der eine Drogenbiografie hat und krank ist. Sie hatten ihn mit einem Koffer voller Koks am Flughafen in Lima erwischt. „Meine Geschäftspartner hatten nicht sauber gearbeitet“, sagt er. Er war schon öfter als Kurier für einen Schweizer Drogenring unterwegs gewesen. Von dem Geld wollte er sich diesmal die Zähne reparieren lassen. Aber nun sitzt er seit einem halben Jahr ein. Sieben Jahre gab ihm der Richter, und Hans hofft, dass er in anderthalb Jahren wieder rausdarf.

Das Gefängnis Sarita Colonia ist nicht das heftigste in Peru, es ist nur zu 208 Prozent überbelegt, und die ganz schweren Fälle kommen woanders hin. Im Pavillon für Ausländer mit Drogendelikten gibt es mehr als hundert Häftlinge und exakt sechs Zellen. Für ein Bett in einer Zelle verlangen die Wächter achthundert Dollar. Hans hat das Geld nicht, er erkaufte sich einen Platz im Gang, der ist billiger. Dort schläft er auf dem Boden. Knast ist Kapitalismus. Wer Geld hat, kriegt alles: Drogen, Essen, Alkohol, Zigaretten, Fernseher, Bett, Stuhl, Klamotten, sauberes Wasser, Seife, Waffen. Wer Geld hat, kann im Innenhof eine Garküche aufmachen. Es gibt zwei davon. Die Lebensmittellieferungen übernehmen die Wachleute. Die verdienen offiziell 200 Euro pro Monat. Das reicht für eine Familie nicht mal, wenn sie nur in einer Bretterbude lebt.

Die Häftlinge kommen aus allen Ecken der Welt: Europa, China, Afrika, Lateinamerika, Nordamerika, Australien, Neuseeland. Besuch haben nur wenige. 80 Prozent konsumieren selbst Drogen. Die Männer wählen regelmäßig ein dreiköpfiges Komitee. Das ist für die Ordnung im Pavillon zuständig. Wird einer beim Klauen erwischt, muss er sich nackt ausziehen, im Innenhof auf einen Tisch klettern, und die anderen schlagen mit Stöcken zu. Die letzte Schießerei unter Häftlingen in Sarita Colonia passierte im Dezember. Es starben fünf Menschen. Eine eigene Welt. Ich bin froh, als ich nach zwei Stunden wieder rausdarf. Körper- und Gepäckkontrolle entfallen diesmal. Und die Marktfrau rückt ohne Umstände Schlüssel und Handy raus.

Das zeigt einen Anruf vom Einsatzleiter meiner Behörde an. Mir wird ganz heiß. Habe ich den Einsatz verpasst? Nein, es war nur ein Kontrollanruf. Der Einsatz beginnt zwei Tage später. Montagmorgen sechs Uhr stehe ich bei Dunkelheit mit siebzig Kollegen im Lokalbüro der Defensoria im Osten der Stadt. In einem Viertel, in das man besser nicht geht. Jeder trägt die blaue Jacke mit dem Logo der Behörde und hält einen gelben Umschlag in der Hand. Darin die Notausrüstung gegen Tränengas: zwei Flaschen Wasser, Gummihandschuhe, Gazéstreifen. Für Essig hat´s offenbar nicht mehr gereicht.

Als meine Oberchefin hereinwatschelt, gibt es Lagebesprechung. Und plötzlich überschreit einer den Nachrichtenmoderator aus dem Fernseher: „In drei Minuten stürmt die Polizei das Gelände, los, sonst kommen wir zu spät!“ Ich springe mit sechs meiner Kollegen in einen Kleinwagen, in dem schon der Chauffeur sitzt. Als wir den ersten Absperrring mit mehreren Hundertschaften hochbewaffneter schwarzgekleideter Polizisten passieren, wird mir mulmig. Wir sind die Aufpasser. Wir sollen verhindern, dass Menschenrechte verletzt werden, dass Leute ungerechtfertigt festgenommen oder gar verschleppt werden, sollen Kinder und schwangere Frauen versorgen, Verletzte zählen. Na ja, und auch die Toten.

Insgesamt sind viertausend Polizisten im Einsatz. Sie sollen ein 82 Hektar großes Gelände räumen. Das hat die Regierung in den sechziger Jahren enteignet, um einen Großmarkt darauf zu bauen. Vor fünf Jahren, auf dem Grundstück war immer noch nichts passiert, besetzten mehr als tausend Markthändler aus allen Teilen Perus das Gelände. Es waren aber nicht die Händler, für die der neue Markt bestimmt war. Die Stadt strengte einen Prozess gegen sie an, und im April dieses Jahres bekam sie in zweiter Instanz Recht. Die Händler weigerten sich, freiwillig zu gehen und holten Verstärkung. Nach Schätzungen hielten sich zwischen 2000 und 10.000 Menschen auf dem Gelände auf. Von Kindern als menschliche Schutzschilde war die Rede. Der Anführer, der für viel Geld die Marktstände an Gutgläubige verkauft hatte, erklärte: „Nur tot verlasse ich dieses Grundstück.“ Die Stadt verweigerte jede Verhandlung. Was Recht ist, muss Recht bleiben. Da unterschrieb der Richter den Räumungsbefehl.

Alle erwarteten ein Blutbad. Deshalb gab es schon vor dem Einsatz Druck auf die Polizei. Der Innenminister verfügte schließlich, dass die meisten Einheiten keine Waffen mitnehmen durften. Eine Gruppe weiblicher Polizisten mit weißen Handschuhen war abgeordnet worden, sich um Frauen und Kinder zu kümmern. Den Leuten war schon ein paar Tage zuvor Wasser und Strom gesperrt worden, die Polizei hielt das Gelände unter Dauerbeschallung und darüber kreisten ununterbrochen Hubschrauber. Nicht wenige der Händler hielten es da schon nicht mehr aus und waren kurz vor der Räumung heimlich geflüchtet.

Der Einsatz selbst dauerte nur ein paar Stunden. Gegen Mittag kehrte ich müde in das Lokalbüro der Defensoria zurück. Ich hatte mir von weinenden alten Frauen ihre Geschichte erzählen lassen, Beschwerden über Polizisten entgegengenommen, im Auftrag meines Einsatzleiters zwei Dutzend Journalisten ein Interview über den Auftrag der Defensoria gegeben (ich war gerade die einzige an dem Fleck, an dem sich die gesamte Presse versammelt hatte), die Arbeit von Polizisten beobachtet, die Zahl der Händler notiert, die aus dem Gelände kamen. Meine Kollegen hatten Verhaftungen verhindert, Kinder aus Tränengaswolken geholt, Polizisten vom Plündern abgehalten. Die Bilanz: 18 Verhaftete, 12 Verletzte, keine Toten, kein einziger Schuss. Der Präsident und der Innenminister und die Polizei und die Zeitungen und die Defensoria feierten: ein Erfolg. So eine gewaltlose Räumung hatte es in Peru noch nie gegeben – trotz der Unmengen von Tränengas.

Für Polizei und Stadt und Zeitungen ist der Konflikt seither vorbei. Um die geräumten Menschen, die zum Teil auf dem Gelände gewohnt hatten, kümmert sich niemand mehr. Sie schlafen jetzt in einem Park. Von den Problemen, die dahinterstehen, spricht keiner. Und theoretisch ist es mein Job, dass sich das ändert – und dass es gar nicht erst zu einer polizeilichen Räumung kommt, bei der es dem Zufall überlassen ist, wie sie ausgeht.

Sonntag, 20. Mai 2007

Sonntagsausflug nach San Bartolo
















La Borrachera

Ein Floh ist etwa 1,5 bis 4,5 Millimeter groß und kommt zwei Monate ohne Essen aus. Steht in Wikipedia. Es soll 2400 verschiedene Arten geben. Meiner hat sich mir noch nicht vorgestellt, aber eines weiß ich: Er ist gefräßig.

Er überfällt mich etwa jede dritte Nacht, und damit ich mir beim Schreiben nicht die mehr als fünf Dutzend Stiche aufkratze, habe ich mich jetzt in eine dicke Decke gewickelt. Das hält praktischerweise auch warm, denn Südamerika leidet unter einer ungewöhnlich heftigen Kältewelle. Damit sich´s mein Floh nicht noch gemütlicher macht, verzichte ich mal probehalber darauf, meinen neue kleine Gasheizung anzuzünden - und dann schauen wir mal, wer länger durchhält: der Floh oder ich.


Es lag aber nicht an den Flohstichen, dass ich im Mai zur „Valentina del Munich“ gekürt wurde. Tatsächlich habe ich in der Altstadtkneipe namens Munich im fortgeschrittenen Zustand einer nächtlichen Sauftour mit zwei trinkfesten Kolleginnen zu den Rhythmen einer schwarzen Kombo einen Frauentanzwettbewerb gewonnen. Zu meiner Verteidigung möchte ich sagen, dass ich nicht freiwillig teilgenommen habe. Aber für den Preis hat sich´s dann doch gelohnt: ein Krug Bier.


Mittwoch, 16. Mai 2007

Die deutschen Kollegen



Manchmal treffen sich alle Deutschen, die mit Konflikten, Menschenrechten oder den Folgen der politischen Gewalt in Peru arbeiten, zum Austausch. In der Mitte Sabine, die Koordinatorin, die im Juli das Land verlässt, links außen ihr Nachfolger Uli. Rechts außen Teresa aus Barcelona. Die anderen drei Mädels, Annamaria, Kerstin und Cordula, arbeiten in Ayacucho in der Sierra und sind nur manchmal zu Besuch in Lima. Der junge Mann ist neu, und seinen Namen habe ich leider gerade vergessen.