Freitag, 17. August 2007

Nach dem Beben (I)

Eindrücke aus einem Dorf in der Provinz Cañete, Region Lima, 150 Kilometer südlich der Hauptstadt.























Donnerstag, 16. August 2007

7,9 auf der Richterskala







Auf dem Schreibtisch liegen immer noch die heruntergefallenen Mauerstückchen. Der ausgeräumte Schrank steht auf den Telefonbüchern, die Bücher stapeln sich auf dem Esstisch, und der Putzeimer versperrt den Weg in die Küche. Bis in die Abstellkammer traute ich mich nur kurz vor. Dort klafft in einer Ecke ein faustgroßer Riss, eine herabgebrochene Holzverkleidung verklemmt die Tür, und auf dem Boden haben sich Wasser und Mauerbrösel zu einer kleisterartigen Masse vereint.

Es war Edbeben in Peru, 7,9 auf der Richterskala. Aber in meiner Wohnung in Lima hatte ich hauptsächlich Überschwemmung – und das ganz ohne Tsunami.

Während der zwei Minuten langen Erschütterung am Mittwochabend hatten wir uns in der Arbeit zu viert an einem Pfeiler aneinandergedrückt, unter dem grünen Schild „Sichere Zone bei Erdbeben“. Zum Glück waren alle anderen schon heimgegangen, die ganze Abteilung hätte dort nicht Platz gehabt.





Vom Pfeiler aus schauten wir auf die wackelnden Mauern und die Eingangsglasfront, die sich einen halben Meter in das Büro blähte und derentwegen wir nicht aus dem Gebäude flüchten konnten. Das Grummeln und Klirren und Schwanken hörte nicht auf. Während wir mit belegten Stimmen mutmaßten, wann die Scheiben bersten würden, holte der Kollege aus der Verwaltung seinen Stift aus der Hosentasche und sagte mit geschäftigem Blick auf die Unterlagen in seiner Hand: „Also, ich war gerade dabei, die Inventarliste zu kontrollieren. Wo habt Ihr denn die dreifächrige Metallablage stehen?“

Hinterher lachten wir darüber. Da standen wir dann wie alle in der Dunkelheit auf der Straße herum, und jeder hielt sein Handy ans Ohr. Aber die Netze waren längst zusammengebrochen. Die Kollegen erzählten vom großen Erdbeben in den Siebzigern, als in Lima die Straßen aufbrachen und in den Anden ein ganzes Dorf verschwand. Als die ersten mit dem Taxi nach Hause wollten, verlangten die Fahrer plötzlich den vierfachen Preis.

Mir zitterten noch ein bisschen die Knie, als ich mich im Auto auf den Heimweg machte. Der Radiosprecher verlas Totenmeldungen, dann stellten er einen Hörer durch. Es war ein Fischer aus Punta Hermosa im Süden Limas. Das Meer sei so komisch und draußen hätten sie Lichterscheinungen gesehen. Der Moderator kündigte Nachbeben für die gesamte Woche an. Dann plötzlich Aufregung in seiner Stimme: „Eilmeldung:Tsunamiwarnung in Peru und Ecuador.“ Ich bog prompt falsch ab, was mich wegen der Einbahnstraßen, des Staus und der ausschwärmenden Krankenwagen eine halbe Stunde kostete.

Der Parkplatz vor dem Haus war voll. Nicht mit Autos, nein, mit herabgestürzten Mauerteilen und aufgelösten Nachbarn. „Ich weiß nicht, ob sie da heute übernachten können. Schauen Sie erst mal, wie´s drinnen aussieht!“, sagte die Verwalterin mit zuckenden Schultern. Durch das Beben war die Hauptwasserleitung des Hochhauses zerborsten, Teile des Tanks vom Dach herabgebrochen.

Der Weg vom Eingang in die Wohnung glich dem Pfad in einer Tropfsteinhöhle. Der Aufzug war außer Betrieb. Knöcheltief stand das Wasser im Treppenhaus, von überallher tropfte es. Die runzelige Hausangestellte von nebenan steckte den Kopf aus der Tür. „Fräulein, drehen Sie gleich die Sicherung heraus!“ Kurz darauf stand sie mit einem Besen bei mir im Wohnzimmer und half mir in der Dunkelheit, den See nach draußen zu wischen. Nach einer Stunde sahen wir Land, und sie sagte: „Jetzt suchen Sie sich besser ein Nachtquartier, Fräulein!“

Was steckt man ein in Katastrophenfällen? Ist überhaupt noch Katastrophe? Kommt wirklich ein Tsunami? Wie lange würde ich bei Freunden übernachten müssen? Ich holte Pässe, Tan-Nummern und Kreditkarten aus dem Schreibtisch, steckte Schlafanzug, frische Wäsche und meine externe Computerfestplatte ein, stopfte das Zahnputzzeug dazu und schulterte den Schlafsack.

„Tut mir leid, ich schlafe selbst bei Freunden. In meiner Wohnung im 15. Stock ist mir einfach nicht wohl“, sagte der Kollege, als ich endlich wieder ein Netz hatte und auf seinem Handy durchkam. Er hatte während des Bebens seinen Teppich ruiniert – er war gerade dabei gewesen, sich ein Glas Wein einzuschenken. „Hola, ich bin gerade im Supermarkt und kaufe Batterien für die Taschenlampe und das Radio“, sagte die Kollegin. Sie wusste, was man in Katastrophenfällen tut. Diese Nacht war ich gut aufgehoben.

Das Handy klingelte. Um ein Uhr nachts. Um zwei Uhr nachts. Um drei Uhr nachts. „Ja, ja, mir geht´s gut.“ Blöde Zeitverschiebung nach Deutschland. Um acht fuhr ich zurück zu mir. Vor dem Haus stand schon ein Lastwagen mit Kabeltrommeln, ein Dutzend Handwerker wuselte durch das Treppenhaus. Ab Mittag sollte es wieder Wasser und Strom geben. Als der Wohnungsbesitzer endlich auftauchte, amüsierte er sich. „Sie sind aber ängstlich. Wohl noch nie ein Erdbeben erlebt?“, frotzelte er. Dann hielt er einen langen Vortrag über erdbebensichere Bauweise und versprach trotzdem, noch für den selben Tag Handwerker und Statiker zu organisieren. Ich hatte mit Auszug gedroht.
In der Arbeit schickten sie uns wieder heim, die Schulen blieben zu, die Ärzte sagten ihren dreitägigen Streik ab, ein Stadtviertel in Lima wurde evakuiert, die Totenmeldungen erhöhten sich, und im Park gegenüber spielen sie schon wieder Tennis. Die Wohnung gleicht einer kalten Sauna, und das Festnetz funktioniert immer noch nicht. So sitze ich an meinem Schreibtisch mit den heruntergefallenen Mauerstückchen und schaue auf die schäumenden Pazifikwellen, die an die Steilküste donnern, und warte. Nicht auf den Tsunami, diese Warnung ist zurückgenommen. Nein, auf die Handwerker.

Dienstag, 14. August 2007

Fiesta bávara



Jetzt bin ich schon ein halbes Jahr hier, und das habe ich gefeiert - mit Sauerkraut! Weil es das erste Mal war, habe ich mindestens zweieinhalb der fünf Portionen, die angeblich in dem Glas sind, auf einmal verdrückt. Und weil wir gerade bei Heimatlichem sind: Unten mein liebstes Dekorationsstück. Ein Geschenk von Carola. Das Hemd kann man wenden, auf der anderen Seite zeigt es eine Sennerin mit Knecht vor lieblichem Alpenblick. Das Wechselbild - immer dabei, immer neu!


Donnerstag, 9. August 2007

Heilige Hallen




Dem Hauptsitz der Defensoría del Pueblo in der Altstadt von Lima fehlt es nicht an Glanz. Beim Antreten zum Nationalfeiertag, Pflichttermin für uns alle, haben sie - wegen des Niesels draußen - die Flagge in der Halle gehisst. Es hat keiner gemerkt, dass ich den Text der Nationalhymne nicht konnte, und die Rede der Chefin dauerte dann auch nur eine halbe Stunde. Anschließend gab´s für jeden ein Glas Chicha morada, ein Getränk aus schwarzem Mais, und eine Wurstsemmel.

Rechts und links der Säulen stehen die Schreibtische, wo an normalen Tagen die Kollegen arbeiten, die die Beschwerden der Bürger entgegennehmen. Die warten oft in langen Schlangen, um sich über korrupte Beamte, zu hohe Stadtrechnungen, faule Lehrer oder schlechte Behandlung in staatlichen Krankenhäusern zu beklagen. Die Defensoría del Pueblo ist nicht selten die letzte Instanz für Menschen, die sonst nicht zu ihrem Recht kommen - und in einigen entlegenen Regionen des Landes die einzige Vertreterin des Staates, die sich überhaupt mal blicken lässt.

An manchen Tagen füllt die Berichterstattung über die Erklärungen, Studien, Gesetzesvorschläge und Stellungnahmen der Defensoría del Pueblo bis zu drei Seiten des Comercio, der größten Tageszeitung Perus. Es gibt praktisch keinen Tag, an dem die Behörde nicht zumindest in irgendeinem Artikel erwähnt wird. Der monatliche Bericht über die sozialen Konflikte im Land von der Unidad de Conflictos Sociales ist dem Comercio meistens eine eigene Seite wert.

Allerdings gefällt das nicht allen, und am allerwenigsten der Regierungspartei. Vor allem in den vergangenen Wochen ist die Defensoría del Pueblo von dieser Seite noch stärker angegriffen worden als sonst. Es hat dem Präsidenten nicht gefallen, dass es Widerworte gegen seine Verschwörungstheorie gab. Alan García wollte den Peruanern glauben machen, dass die sozialen Unruhen im Land von linksextremistischen Kräften aus Bolivien und Venezuela angestachelt wurden... Über so viel Unsinn kann man nicht mal mehr lachen.

Aber so suspekt den Regierungspolitikern (und anderen natürlich auch) die Defensoría del Pueblo ist, weil sie eben nicht so spurt, wie man das gerne hätte, so suspekt ist unsere Abteilung dem Rest der Behörde. Die beschäftigt nämlich im gesamten Land ausschließlich Juristen - mit eben einer einzigen Ausnahme: der Unidad de Conflictos Sociales.

Soziologen, Ethnologen und Philosophen stehen ohnehin im Ruf, die falsche Gesinnung zu haben, und wenn sie dann auch noch von ganz bestimmten Universitäten kommen, tstststs, da weiß man doch schon, woher der Wind weht. Dummerweise ist Peru klein, also zumindest was die Zahl der Einwohner (28 Millionen) angeht, und die akademische Welt ist noch kleiner, und wer in seiner Zeit an der Uni mal in irgendeiner falschen Partei Studentenführer war, der zittert heute, dass das auffliegt. Da viele der Posten in der Defensoría quasi halbpolitisch sind, kann einem das schnell den Kopf kosten.

So führt die Unidad ein Inseldasein in jeder Hinsicht, auch geografisch. Wir sind weit weg von der Zentrale in einem Ladenlokal in einem abgetakelten Einkaufszentrum des Nobelviertels San Isidro untergebracht. Nicht ganz so glanzvoll wie am Hauptsitz. Dafür gibt´s bei uns keine Kleiderordnung - die festangestellten Kollegen besitzen ausser den grellblauen Schutzwesten sogar eine Defensoría-Uniform - und neuerdings einen Fernseher. Nun läuft statt des Radios den ganzen Tag die Glotze.


Mittwoch, 8. August 2007

Collage



Samstag, 4. August 2007

American Highway






Wer schon immer mal auf der Panamericana durch den Kontinent düsen wollte: Das ist sie. Also jedenfalls in Barranca, vier Busstunden nördlich von Lima.

Und wer schon immer mal wissen wollte, wie man in einem kleinen schwarzen VW Golf gegen psychopatische Taxifahrer, Buschauffeure mit Rambomanieren, Wochentagsausflügler ohne Führerschein und Nummernschild und suizidgefährdete Pizzalieferanten in einer Stadt voller Einbahnstraßen, Stau und Schlaglöchern, auf Wegen ohne Beschilderung, Ampeln und Vorfahrtsregeln überlebt - demnächst in diesem Kino.

Mittwoch, 1. August 2007

Daheim bei den Apus




Die Apus sind die Berggötter. Davon gibt es in Peru jede Menge. In der Cordillera Blanca wohnen die Berggötter besonders weit oben, was einem gerne Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlaflosigkeit und andere Zipperlein verursacht. Um in Huaráz, auf 3100 Metern Höhe, in mein Zimmer im dritten Stock des Hotels zu kommen, musste ich auf der Treppe zwei Pausen einlegen.


Aber die Ausblicke entschädigen für alles. Erst recht, wenn man in netter Begleitung unterwegs ist: Meine SZ-Kollegin Antje Weber und ihr Mann Joachim wohnen seit einem Jahr in Quito (Ecuador) und erkundeten mit ihrem Auto den Norden Perus. Ein wunderbares Treffen - und das entspannteste Wochenende des letzten halben Jahres.



Der Blick von meinem Hotelzimmer.



Huaráz bei Sonnenuntergang.



Die Stadt von oben mit Blick auf die Cordillera Negra - die Berge ohne Gletscher auf der anderen Seite des Tals.





Der Sitz des Alphabetisierungsprogramms von San Martin.


Antje und Joachim bei den präinkaischen Ruinen von Willkawain.







Am Gletschersee - geschafft!



Und zum Abschluss ein Sprung ins Thermalbad von Monterrey!


Ich denke übrigens gerade darüber nach, wie ich es schaffe, dass ich nach Huaráz versetzt werde - damit ich von dort jeden Tag auf die Ramsauer Alm hochlaufen kann, wo Markus und Karin im Waschzuber sitzen, Peter Geburtstagstortenkerzen ausbläst, Helmi Bratwürstel grillt, Margit unterm Hirschgeweih posiert, Alex altes-kino-Jubiläumstexte vorstellt und wo´s Apfelschorle und Flötzinger Bräu gibt und Sonne und gitarrespielende junge Männer und Kamerafachgespräche mit Oli...


Uuups? Jetzt, glaub ich, bin ich in einem anderen Film gelandet.






Schöne Grüße an die bayerischen Apus - und ich lade zum altes-kino-Stammtisch zu mir ein!

Dienstag, 31. Juli 2007

Lima im Juli

Dass mir keine Schwimmhäute wachsen, kann nur an der Kälte liegen. Ich sitze mit dem Wintermantel auf dem Sofa, den warmgelaufenen Laptop auf den Knien, die Füße auf meinem Gasofen. Dabei schaue ich den Schatten der Heizungswarmluftwirbel auf meinem Wohnzimmerfliesen zu, niese und höre „Los años maravillosos de la canzion social“, Revolutions-lieder aus einer wunderbaren Zeit, als man noch Revolution machen konnte und nicht im partizipativen Stil mit Genderansatz, Wirkungsanalysematrixen, Tranversalthemen und interkulturellen Kompetenzen in Kleinkrümelbröckchen versucht hat, gewaltlos gegen Betonkopfstrukturen und Ungerechtigkeit zu kämpfen. Manchmal brauch ich das, damit ich nicht vergesse, warum ich hier bin.

Seit Monaten gibt es regelmäßig Triumphnachrichten: Zehn Prozent Wirtschaftswachstum. Die Goldpreise steigen, die Ölpreise steigen, die Investitionen steigen, der Reichtum steigt und die Staatseinnahmen auch. Alles super. „Bacán!“, sagt man hier. Nur: Die Mehrheit der Peruaner spürt gar nichts von diesem Wirtschaftswachstum. Die Agrarpreise fallen, aber nur für die kleinen Produzenten, das Brot hingegen kostet schon wieder drei Pfennig mehr, und der Mais ist auch teurer geworden, die Benzinpreise ziehen an und die seit Ewigkeiten versprochenen Straßen-, Wasser- und Abwasserprojekte werden nicht verwirklicht. Woran liegt das? Bei einer dreitägigen Recherchereise mit meinem Kollegen Miguel über informelle Minenaktivitäten durch die abgelegenen Weiler bei Piura im Norden des Landes habe ich einige erhellende Antworten erhalten.

Im Rathaus von Las Lomas erklärten uns der Bürgermeister und die Gemeinderäte, was sie alles gegen die Probleme unternommen haben, die der handwerksartige illegale Bergbau in Ein-Mann-Unternehmen mit sich bringt. Sie haben diskutiert, wurden auf Versammlungen zitiert, haben Protestnoten unterzeichnet und Verordnungen erlassen zu Themen, die nicht in ihre Zuständigkeit fallen. Was sie nicht gemacht haben: All das, was rechtlich tatsächlich in ihrer Macht liegt. Baugenehmigungen, Firmenzulassungen, Steueranmeldungen prüfen.

Der Bürgermeister ist Mediziner, hat sein Amt im Januar angetreten. Er ist symphatisch, gebildet, bemüht, korrekt, herzlich und hat keine Ahnung von den administrativen Regeln, den Gesetzen, seinen Kompetenzen. In den anderen sechs Rathäusern, in denen wir waren, ist es nicht anders zugegangen. Las Lomas ist als Distrikt die unterste staatliche Ebene. Der Bürgermeister hat seine meuternden Bürger vor der Tür, von denen ihn für Peru sehr stolze 20 Prozent gewählt haben, und er fühlt diese Last auf seinen Schultern. Es gibt keine Raumordnung, keine Flächennutzungspläne, keine Repräsentation auf den höheren Ebenen. Der Mann weiß nicht ein noch aus, ist einfach nur hilflos.

Immerhin: Früher hatte diese kleineste lokale Einheit nicht mal ein ordentliches Budget. Das wurde alles von Lima aus geregelt. Inzwischen haben die „Dörfer“ sogar einen Haushalt. Dorf in Anführungszeichen, weil das Dörfer sind, zu denen durchschnittlich geschätzte vierundvierzig Weiler gehören, auf einer Fläche, die jeweils mindestens so groß ist wie ein deutscher Landkreis. Peru war immer das zentralistischste Land auf dem Kontinent. Jetzt wird zwar langsam ein bisschen Kompetenz von Lima auf die unteren Ebenen überwiesen. Aber die Bürgermeister, Provinzchefs und Regionspräsidenten wissen gar nicht, wie man Geld ausgibt. Deshalb kann es passieren, dass in einem Andendorf ohne fließendem Wasser ein Schwimmbad gebaut wird.

In Las Lomas sind sie Bauern. Die Gegend ist berühmt für ihre Mangos und die Zitronen, der Ort gehört zu einem der größten landwirtschaftlichen genutzten Täler Perus. Erst vor kurzem haben sie dort in Tambogrande die Ansiedlung eines internationalen Goldminenkonzerns verhindert, dem die komplette Landwirtschaft zum Opfer gefallen wäre. Der Staat hatte die Konzession gegen seine eigenen Regeln vergeben. Aber jetzt haben sie die ganzen illegalen Ein-Mann-Bergbauunternehmer im Dorf, und es steht ein neues Megaprojekt zum Kobaltabbau in der Nachbarschaft an. Das größte Minenprojekt Lateinamerikas. Es gibt praktisch keinen Ort in Peru, für den es nicht irgendeine Lizenz zum Buddeln gäbe für irgendwelche ausländischen Unternehmen - und neuerdings haben sie auch noch Uran gefunden an mehreren Stellen.

Aber wie sieht das aus, wenn so ein großes Unternehmen anfängt zu arbeiten? In Casapalca, wo mich die Minenarbeiter kürzlich zu einer Mördertour durch die Anden zwangen, weil sie die einzige Straße vom Hochland nach Lima blockiert hatten, folgendermaßen: Es gibt ein paar wenige Dutzend Planstellen, die tausend Minenarbeiter aber werden durch Schein-Subunternehmen angeheuert. Dort kriegen sie keine oder kaputte Ausrüstung für unter Tage, ein fauliges Bett in einem Sieben-Mann-Zimmer in einem Schuppen und pro Schicht kaum zehn Dollar, von denen ihnen aber Unterkunft und Essen abgezogen werden. Urlaub? Gewerkschaft? Kündigungschutz? Da lacht die Arbeitsministerin. Das Unternehmen erklärte kategorisch, für Verhandlungen nicht zur Verfügung zu stehen. Es gehört ausnahmsweise keiner anonymen Aktiengesellschaft, sondern einem einzigen Mann und seiner Familie. Er ist Multimillionär.

Auf meiner Tour über die Anden bin ich auch durch La Oroya gekommen. Der Ort liegt auf über 4000 Metern. Es ist der kontaminierteste Ort der Welt, sagte kürzlich eine Statstik. Die Bleiwerte der Kinder liegen um ein Vielfaches über jedwedem Grenzwert. Die Bleiraffinerie gibt es seit Jahrzehnten, und wieder hat sie jetzt den Einbau von Filteranlagen verhindert mit der Drohung, die Anlage stillzulegen. Die Drohung hat unter den Oroyanern heftige Kämpfe ausgelöst. Denn die Situation ist komplex. In La Oroya sind die Bauern gegen die Mine, aber die Minenarbeiter sind dafür. In Las Lomas sind es die Tagelöhner und die armen Bauern aus dem selben Dorf, die auf der Suche nach Gold mit Pickeln Steine aus der Erde klopfen, sie mit Muskelkraft mahlen und dann mit Chemikalien mischen und dabei das Wasser kontaminieren. Und klar: Es sind die Bergwerksunternehmen, die diese zehn Prozent Wirtschaftswachstum angeschoben haben.

Und da komm dann ich daher. Mit Gewalttheorien, Konfliktkonzepten und Mediationsanleitungen.

Am letzten Tag der Recherchetour mit meinem Kollegen Miguel im Norden Perus versperrten uns etwa hundert aufgebrachte Bauern den Weg. Sie wollten erzwingen, dass die Defensoría del Pueblo jetzt und auf der Stelle mit ihnen über ihre Probleme spricht. Aber wir mussten unseren Flug nach Lima erwischen. In mir stiegen die Beschreibungen des Lynchmords eines Bürgermeisters aus den Anden im Jahr 2005 hoch, als die Meute anfing zu stänkern: Die Defensoría ist die Verteidigerin des Volkes, und wir sind das Volk, also verteidigt uns!! Und was braucht Ihr ein so großes Auto dafür? Und warum habt Ihr eine blonde Minenbesitzerin aus den USA bei Euch im Wagen sitzen? Ihr steht wohl auf der falschen Seite? Ohhh, da wurde ich ganz klein.

Als wir hier im Juli das ganze Land im Aufruhr hatten und bei den Generalstreiks und Blockaden in einer Bergregion mehrere Menschen erschossen wurden und ein ganzer Bus mitsamt Insassen in den Abgund raste und die Menschen forderten, dass der zuständige Minister für Verhandlungen kommen soll über ein Dutzend Themen, die alle etwas mit der Armut und der Nichtpräsenz des Staates zu tun hatten, da gab es darüber ein Telefonat zwischen meinem Chef und der zuständigen Vizeministerin. Da sagte diese Vizeministerin dem Sinne nach: Ach nee, was soll denn das, das sind doch nur ein paar Cholos. Cholo ist das Schimpfwort für die Peruaner indianischer Abstammung aus dem Hochland.

Na ja, wenn wir in diesen wunderbaren Zeiten dieser wunderbaren Revolutionslieder leben würden, dann wäre manche Antwort um so vieles einfacher...

Mittwoch, 25. Juli 2007

Watschimann im Mitin

Es gibt Wörter, die stehen in keinem Lexikon. Wenn man sie das erste Mal hört, denkt man: Schon wieder so ein Kechua-Ausdruck! Aber manche dieser seltsamen Ausdrücke sollte man auf Anhieb verstehen, will man sich nicht als Tölpel ohne Fremdsprachenkenntnisse abstempeln lassen. Diese Wörter haben nämlich rein gar nichts mit Kechua, der Muttersprache eines Großteils der Peruaner, geheimnisvollen Anden-Mythen oder gar irgendwelchen Amazanosindianer-Ritualen zu tun.

Mítin [´mi_tin] el n Besprechung, Versammlung. Für ganz Langsame: Das Wort kommt vom englischen "meeting".

Huachimán [´wat_schi_´mann] el n Wachmann, Aufpasser, Portier, Sicherheitsangestellter. Für ganz Langsame: Das Wort kommt vom englischen "watchman".

Noch Fragen?

Sonntag, 22. Juli 2007

Fiestas Patrias



Wer in der Woche des Nationalfeiertags nicht die Fahne an seinem Haus hisst, zahlt Strafe. Auf der Terrasse im 16. Stock über mir sieht das vergleichsweise dezent aus.


Von den Straßen und Plätzen kann man das nicht behaupten, und auch nicht von dem Umzug, der heute meine Wohnung passierte. 93 Prozent der Peruaner sind stolz, Peruaner zu sein. Dieses Umfrageergebnis ist sicher nicht getürkt (genauso wenig wie meine Collage).







Just zur gleichen Zeit feiert Präsident Alan García sein Einjähriges. Aber nur noch jeder Dritte findet seine Amtsführung okay, in manchen Gegenden ist die Zustimmung zu seiner Politik auf unter zehn Prozent gefallen. Wen wundert´s, dass es die Gegenden sind, in denen zwei Drittel der Bevölkerung arm oder sehr arm sind, bei denen von den zehn Prozent Wirtschaftswachstum nichts, aber auch gar nichts ankommt.

Rätsel (II)



"Was´n das?" Secabolas - oder der Versuch, 98 Prozent Luftfeuchtigkeit in den Griff zu kriegen. In jedem meiner Schränke stehen zwei dieser Dinge, und wenn sie unten voll sind, leere ich sie aus und fülle oben kleine weiße Salzblättchen nach.

Samstag, 21. Juli 2007

Im Büro



An der Rezeption sitzt Jorge mit der Sekretärin aus der Abteilung für die Rechte von Kindern und Jugendlichen. Jorge ist unser Mädchen für alles. Als ich ihn kürzlich nach der Arbeit ein Stück im Auto mitnahm, sagte er: "Ich wurde als Chauffeur eingestellt. Eigentlich müsste ICH am Steuer sitzen."

Jorge kommt aus Bagua Chica, Region Amazonas, im Norden des Landes, was sich, wenn er es ausspricht, anhört wie Wawa. Tatsächlich ist er Fischerei-Ingenieur, Spezialgebiet Weichtiere. Am Wochenende fährt er Taxi. Er wohnt mit seiner jüngeren Schwester zusammen und sucht dringend eine Frau. Seit er kapiert hat, dass ich nicht zur Verfügung stehe, will er, dass ich ihn mit einer Deutschen verkupple.





Die Bürowelt aus dem Blickwinkel meines Schreibtisches: Neben mir sitzt Sandra, dahinter arbeiten Pablo (Mitte) und Miguel. Hinten an der Wand sitzt außerdem noch Jean-Carlo.






Gustavo teilt sich mit Rocio, einer jungen Studentin, das Eckchen hinter der Tür, auf der anderen Seite meines Schreibtisches. Gustavo wäre fast Pfarrer geworden. Jetzt ist er Philosoph. Er entspricht so gar nicht dem Macho-Bild, das sich die Latinos gerne von sich machen. Sein Vater pflegte ihn deshalb als Schwulen zu beschimpfen.


Der Vater war ein Militär, der in der schlimmsten Terrorismus-Zeit in den Bergen in Ayacucho Dienst tat, da wo sie auf dem Kasernengelände heute noch die zu Tode Gefolterten ausgraben. Das Thema ist in der Familie tabu.




Unser Chef Rolando hat das Privileg eines eigenen Zimmers. So leger wie auf dem Bild sieht man ihn allerdings so gut wie nie.

Rätsel (I)



"Was´n das?" Wer die Standardfrage meiner Besucher beantworten kann, erhält .... (ich denk mir was aus). Seit ein Elektriker da war, tut das Ding wieder, was es soll, also es bewegt sich. Leider ist es seither inkontinent...

Donnerstag, 12. Juli 2007

Fiesta



Nur um zu zeigen, dass man einen Abend auch ganz gut ohne Konflikte übersteht.

Alles wie immer



Um eine Vorstellung zu geben, wie viele Straßen- und Flughafenblockaden, Demonstrationen, Rathausbesetzungen und Streiks hier zurzeit gleichzeitig im Land stattfinden. Unter anderem protestieren die Lehrer, die Gesundheitsbediensteten, die Minenarbeiter, die Cocabauern, die Bauern, die Indígenas, die Arbeitergewerkschaft, die Sozialisten und die Kommunisten und die Populisten - und neuerdings auch noch die Feministen ...
"No tenemos Presidente, sino delincuente!" - "Urgente, urgente, nuevo Presidente!"

Montag, 9. Juli 2007

El Che vive!


Meine neuen Lieblingsmarken...

Sonntag, 8. Juli 2007

El mundo de Sapillica



"Mit Ihrer Erlaubnis ziehen wir uns jetzt zurück", sagten die beiden jungen Damen und rauschten aus dem Gemeindehaus von Sapillica. Minería informal? Huuuuuugh.... Immerhin, sie hatten die Versammlung eine Stunde lang über sich ergehen lassen.



Der Ort ist vier Stunden von der Provinzhauptstadt Piura entfernt und liegt auf 1400 Metern. Der Weg dorthin ist weit und schlecht, und der einzige Comedor unterwegs sieht nicht so aus, als hätte es dort je etwas zu essen gegeben. Schweine, Kühe und Hühner laufen frei herum, um von einem Ort in den anderen zu kommen, steigen die Menschen auf ein Pferd, und ein paar Weiler haben sogar einen Wasseranschluss.



Oben Landwirtschaft und extreme Armut. Unter der Erde Gold. Die Menschen buddeln, wo es geht, zerkleinern die Steine und lösen das Metall mit Quecksilber oder Zyanit. Handarbeit. Genehmigung? Umweltstudie? Abwasser?



Mein Kollege Miguel, der Fahrer und der Chef aus dem Büro in Piura. Und ich vor einer Ceiba, die aussieht, als würde sie sich gleich den Hang hinunterstürzen.






Auf der Rückfahrt ist mir das Lachen allerdings ziemlich vergangen. Eine aufgebrachte Menschenmenge versperrte uns den Weg. Aber wir haben auch das unbeschadet überstanden - und dann sogar noch unseren Flug nach Lima erwischt.