Freitag, 9. Juli 2004

Atacames













Baños







Otavalo

















Unterwegs






Frische Luft, weite Sicht, Stille und Andenleben am Ende der Welt: Am vergangenen Wochenende bin ich mit drei Kolleginnen und einem durchreisenden Franzosen aus dem Hostal der Mädels aus dem Abgaskessel Quitos in den Nationalpark des Cotopaxi geflohen - auch als Vorbereitung auf die Besteigung des fast 6000 Meter hohen Berges. Zwar mögen die jeweils mehr als fünf Stunden für Hin- und Rückfahrt für eine fünfstündige Wanderung etwas aufwendig erscheinen, aber es hat sich trotzdem gelohnt. Zum einen glaube ich jetzt: Die Höhe des höchsten freistehenden aktiven Vulkans ist zu bewältigen. Zum anderen ist die Anreise allein schon ein Abenteuer – jedenfalls für uns Gringas. Und zum dritten weiß ich nun, dass ich auf jeder noch so holprigen Strecke und in jeder Stellung und selbst mit einer Pobacke auf der Abdeckung des Busmotors, der anderen in der Luft und dem Kopf auf der Armlehne des nächsten Sitzes tief und selig schlafen kann.


Samstagnachmittag um drei haben wir uns nach einem Workshop mit Studenten auf den Weg gemacht: Nach einem Wechsel der Buslinie in der 80 Kilometer oder zwei Stunden entfernten Provinzhauptstadt Latacunga erreichten wir gegen 20 Uhr ein Dorf in den westlichen Andenkordilleren namens Zumbahua – gut durchgerüttelt, etwa als wären wir die letzten drei Stunden der Strecke auf einer schleudernden Waschmaschine gesessen. In dem Nest stiegen wir mit einigen Bauern bei absoluter Dunkelheit auf die offene Ladefläche eines Kleinlasters, von der aus wir bei Eiseskälte dick eingemummelt den Sternenhimmel und den über den Bergspitzen aufgehenden Vollmond bewunderten – wenn uns angesichts der Steigungen, Kurven und Abgründe, der rasanten Geschwindigkeit und des ausfallenden Scheinwerferlichts nicht gerade der blanke Schrecken in die Glieder fuhr.


Nach einer halben Stunde setzte uns der Fahrer auf 4500 Metern im zehn Häuser großen Quilotoa an einer einfachen Unterkunft ab: In der Mitte eines großen Raumes bullerte ein kleiner Ofen, daneben ein langer Holztisch mit Bänken, an den Wänden hingen naive Indigena-Malereien, mit denen sich der Hausherr ein Zubrot verdient und die in exakt dieser Art in Quito an jeder Straßenecke verramscht werden. Außer einer karg ausgestatteten Küche gab es noch einen Trakt mit zwei Dutzend Doppelbetten und ein Plumpsklo auf dem Hof. Nach einem Abendessen mit Gemüsesuppe, trockenem Reis und Spiegelei legten wir uns bald schlafen, während das halbe Dutzend Kinder des Hauses immer noch Rambo bewunderte. Ein Stereoturm mit Fernseher, DVD-Player, Videorekorder, CD-Spieler und allem, was sonst so dazugehört, war der einzige Luxus dieser Cabaña.


Anderntags machten wir uns früh auf den Weg. Wir wanderten am Grat eines erloschenen Vulkans entlang, von dem wir eine herrliche Aussicht auf den unter dicker Wolkendecke ständig die Farbe wechselnden Kratersee hatten. Dann stiegen wir mit Blick auf eine fast monochrom anmutende grün-braune Landschaft und weite Bergzüge viele Hunderte Meter über versandete Pfade, Wiesen und Blumenmeere, Felsschluchten und Steinkamine ab und erreichten nach einem steilen Aufstieg durch Felder und einige Ansammlungen von strohgedeckten Lehmhütten mit Horden kläffender Köter fünf Stunden später unser Ziel, das Dorf Chugchilán.


Auf dem Dorfplatz fielen wir wenig auf, dort herrschte Markttreiben. Da wir mangels Busse allerdings die Heimfahrt organisieren mussten, kümmerten wir uns wenig um die Stände mit Gemüse, Obst und Fleisch, um ratschende Bauern, zum Verkauf stehende Kühe, Schafe, Lamas und Hühner und schäkernde junge Frauen. Stattdessen füllten wir unsere leeren Mägen mit Hühnersuppe und Reis (vor dem servierten Fleischfetzelchen ungenauer Herkunft und eigentümlicher Konsistenz kapitulierten nicht nur die Messer) und wurden schnell mit dem Herbergsbesitzer über unsere Rückreise nach Latacunga einig. Er verschaffte uns eine Mitfahrgelegenheit im Wagen seines Bruders.


Der kleine Laster transportierte zwei Bullen auf der Ladefläche; ein lebendes Huhn, drei von uns und zwei Ecuadorianer auf einer kniehohen offenen Kanzel über Ladefläche und Fahrerkabine; und schließlich zwei von uns mit dem Fahrer und seinem Vater, einer Frau und ihrem Sohn sowie unsere Rucksäcke in der dreisitzigen Fahrerkabine. Die Rückfahrt in die Provinzhauptstadt dauerte mehrere Stunden, unterbrochen von einer längeren Panne und einer Durchfallattacke meiner belgischen Kollegin Claude, die den Fahrer noch am Ziel in Lachsalven ausbrechen ließ. Nach einem Wechsel in einen ordentlichen Bus landeten wir nachts um halb neun müde und zufrieden wieder am Busbahnhof in Quito.

Auf unserer Wanderung waren wir nur durch eine größere Ansiedlung gekommen, ein Dorf mit etwa einem Dutzend Häuser und einem Fußballplatz. Dort im Laden versorgten wir uns mit Kokoskeksen und Wasser und konnten hautnah erleben, was Indigena-Kultur ist. Am berühmtesten sind die Otovaleñer, die auch in Quito häufig zu sehen sind. Sie gelten als stolz, arrogant und pflegen ihre Tracht. Das wertvollste Stück des Mannes sind seine langen Haare, die er zu einem Pferdeschwanz bindet. Darüber ein dunkler Hut, dazu weiße, weite Leinenhosen und ein dunkelfarbener Poncho. Die Frau trägt einen knöchellangen Rock aus zwei Stoffbahnen in schwarz und blau, eine weiße handbestickte Bluse und darüber eine weiteres Tuch, das sie an einer Schulter zum Knoten bindet. Männer wie Frauen laufen in sandalenartigen Schuhen, die früher aus einer Pflanze gefertigt wurden, heute aber aus Stoff und Gummi sind. Aber die Otovaleñer sind in der Rangordnung der Indigenas nicht deshalb ganz oben, weil sie ihre Kultur bewahren, sondern vor allem, weil sie verhältnismäßig reich und erfolgreiche Geschäftsleute sind – in Ecuador und auf der ganzen Welt.


Dort wo wir hingegen gelandet waren, lebt man von dem bisschen, was die Erde in dieser Höhe abwirft. Die Männer des Dorfes trugen alte, ausgebeulte Hosen und löchrige Pullover; die Frauen die Standardbekleidung aller traditionellen Indigena-Frauen, die keine besondere Tracht tragen: altmodische Slipper, dicke Kniestrümpfe, knielange Röcke, Blusen und Strickjacken, mitunter auch Hut. Sie standen etwas abseits in einer Gruppe beisammen und beäugten uns scheu aus der Ferne. Jeder Versuch, ein Gespräch mit ihnen zu beginnen, ist zwecklos.

In der Indigena-Kultur ist dem Mann die Initiative – auch die des Einladens – vorbehalten. Und damit dieser sich nicht am Ende dumm vorkommen könnte, sprechen die Frauen so gut wie nicht, nicht einmal auf Anfrage. Die Frau steht unter dem Mann, schleppt oft genug ein Kind im Wickeltuch auf dem Rücken und an jeder Hand ein weiteres und manchmal noch irgendwelche Lasten auf der Schulter. Früher durfte sie ihrem Mann in der Öffentlichkeit nur mit Abstand folgen – auch heute noch sieht man ältere Paare in dieser Konstellation in den Straßen Quitos. Während also jede Kontaktaufnahme mit den Frauen scheiterte, waren die Männer aufgeschlossener, als uns lieb war. Sie hatten auf dem Friedhof gerade einen der ihren unter die Erde gebracht, taten sich dort am Grab an einer hochprozentigen selbstgebrauten Flüssigkeit gütlich, die wir dankend ablehnten, und ließen uns nicht ziehen, ehe wir nicht zumindest jedem die dreckigen Hände geschüttelt hatten.

Allerdings ist Ecuador nicht überall so fremdartig, und nicht alle Ausflüge fielen so abenteuerlich aus. Auf der Busfahrt in das zwei Stunden entfernte Otavalo, das für seinen samstäglichen Ethno-Markt berühmt ist, staunte ich noch über die gigantischen Bergmassen, die Höhe und die ständig ein- und aussteigenden fliegenden Händler, die Getränke, Chips, Schokolade oder Fleischspieße anbieten und dabei manchmal einen halbstündigen Vortrag halten, der jedem Verkaufsseminar einer deutschen Versicherung zur Ehre gereichen würde. Im drei Stunden entfernten schmucken Naherholungsort Baños verzichtete ich auf ein Bad in den Schwefelbädern und radelte stattdessen mit meinem Kollegen durch eine Schlucht mit einer Reihe von tosenden Wasserfällen. Und im sieben Stunden entfernten Atacames an der Küste im Norden Ecuadors schlug ich mir mit meiner italienischen Kollegin Chiara zwei Nächte um die Ohren, ließ mir ohne Erfolg zeigen, wie man Salsa tanzt, frühstückte mittags Espresso und Pizza und schlief mich anschließend am Strand aus.

Aber nicht nur, dass der Ausflug in die Bergwelt bisher die beeindruckendste Exkursion war. Das Wochenende hinterließ auch die bleibendsten Erinnerungen. Zwar hat sich in meiner Wohnung bisher keine einzige Kakerlake blicken lassen. Dafür habe ich aus der Berghütte andere Tierchen mitgebracht. Am Montagmorgen glaubte ich noch, ich litte an Sehstörungen, als ich zwischen mir und meiner Kaffeetasse einen winzigen schwarzen Punkt Saltos in der Luft schlagen sah. Aber im Laufe des Tages mit zunehmendem Juckreiz an allen möglichen und unmöglichen Stellen verfestigte sich der Verdacht zur Gewissheit, dass ich Flöhe eingeschleppt hatte. Die chemische Keule, die ich nach stundenlangen Laufereien durch mehrere Dutzend Apotheken erwarb, hat aber inzwischen ihre Wirkung getan. Und mit meiner neuen toxischen Ausrüstung bin ich nun auch für alle anderen Ziele im Land gewappnet. Dieses Wochenende muss ich allerdings erst einmal verschnaufen: Zu viel unterwegs gewesen die vergangenen Nächte.


Dienstag, 29. Juni 2004

Appetit auf Meerschweinchen




Auf dem Feuer strecken sie alle Viere von sich, den gesamten Körper wie zum Absprung gespannt, und zeigen ihre spitzen Nagezähne. Gegrillte Meerschweinchen gelten in Südamerika im gesamten Andenhochland als Spezialität. So gut sie munden mögen – auf dem Rost sehen sie schauerlich aus. Noch schauerlicher aber ist die Krankheit, mit der sie in Ecuador neuerdings wieder in Verbindung gebracht werden.

Etwa 200 Kilometer von der Hauptstadt Quito entfernt sind in der Provinz Chimborazo in einem Bergdorf eine 55-Jährige und ihre 22-jährige Tochter an Beulen- und Lungenpest gestorben, nachdem sie verendete Meerschweinchen aus eigener Zucht gegessen hatten. Seither herrscht in dem kleinen Land nicht nur unter Meerschweinchen-Liebhabern Sorge. Die sonst eher klammen staatlichen Einrichtungen stellten nach den Todesfällen flugs Geld für die Region zur Verfügung: Sie verteilten Antibiotika, ließen Dörfer ausräuchern, um Ungeziefer und Ratten zu vernichten, und entwarfen rasch eine kleine Aufklärungskampagne. Unter Medizinern gilt solche Geschäftigkeit eher als Augenwischerei. Ärzte bezeichnen den neuen Ausbruch der Seuche als „Ohrfeige für Ecuadors Gesellschaft”. Die Todesfälle zeigten, dass es nach wie vor am Nötigsten fehle.


Tatsächlich gilt die Provinz Chimborazo, benannt nach dem höchsten Berg und einzigen Sechstausender Ecuadors, als ärmste des Landes: Dort bearbeiten Bergbauern mit wettergegerbten Gesichtern in Ponchos und Filzhüten ihre steilen Flächen wie vor Jahrhunderten, schleppen Lasten über windgepeitschte Hochebenen vorbei an Lamas und strohgedeckten Lehmhütten. Die Pestepidemien des vergangenen Jahrhunderts, an denen mehrere tausend Menschen starben, gingen vor allem von hier aus. Zuletzt registrierten die Behörden 1990 einen größeren Ausbruch der Seuche.

Der Erreger, das Bakterium Yersinia Pestis, wird über Flöhe von Ratten auf Menschen übertragen, eine Ansteckung ist aber auch durch infizierte Gegenstände und als Tröpfcheninfektion über die Atemwege möglich. Ohne Behandlung führt die Krankheit meist binnen Tagen zum Tod; in einigen Bergwald- und Savannengebieten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas gilt sie als endemisch. Nach Ecuador sollen den Erreger im 16. Jahrhundert der spanische Eroberer und Schweinehirt Gonzalo Pizarro und seine Begleiter eingeschleppt haben. Der Appetit auf Meerschweinchen existierte auf dem Kontinent schon vorher: Die ehemals wild lebenden Nager fanden sich auf der Speisekarte der Inkas.


Wie die Tiere am besten zu schlachten und zuzubereiten sind, darüber gibt es verschiedene Meinungen. Eine neue Methode lieferte nun das Gesundheitsministerium Ecuadors. Ein Mitarbeiter sagte, man müsse vor dem Verzehr gegrillter Meerschweinchen nur sicherstellen, dass die Tiere in kochendem Wasser geschlachtet und gehäutet worden seien. Und der Minister selbst versicherte nach den beiden Todesfällen: „Alles ist unter Kontrolle, es gibt keine Gefahr.”

Freitag, 25. Juni 2004

Umzug



Draußen vor meinem Fenster leuchten die Lichter des Mariscal und des Viertels Gasca, das sich im Westen der Stadt den Berg hochzieht, über dem jetzt gerade die schmale Mondsichel steht. Dass ich von meinem Schreibtisch aus neuerdings einen so schönen Ausblick über die moderne Innenstadt von Quito genieße, liegt daran, dass ich am Sonntag umgezogen bin. Ich wohne jetzt im sechsten Stock eines Hauses im Mariscal in einem kleinen Appartement, das ich durch eine Zeitungsanzeige gefunden habe. Während ich in der anderen Wohnung wirklich fast erfroren bin, mich prompt eine heftige Grippe erwischt und mit Fieber niedergelegt hat, ich untertags das Licht einschalten musste und nicht einmal den Himmel sehen konnte, habe ich hier neben dem wunderbaren Ausblick auch den ganzen Nachmittag Sonne – was die Wohnung ordentlich aufheizt und mich in den schweinekalten Nächten glücklich macht. Zwar regnet es tagsüber nicht mehr, aber dafür ist jetzt der Temperaturunterschied um so größer.

Meine neue Wohnung würde ich – wenn sie europäischen Baumaßstäben entspräche – auch in München sofort nehmen. Im Gegensatz zu deutschen Großstädten ist der Mietmarkt hier ziemlich entspannt. Ein Zimmer ohne Bad und Küche in einer der gefährlicheren Gegenden ist schon für 50 Dollar zu haben. Ich habe mich nach eingehender Prüfung meiner Ausgaben und Ersparnisse und tagelanger Zeitungslektüre dann doch für die Luxusvariante eines möblierten Appartements mit Sicherheitsdienst in einem halbwegs besseren Viertel entschieden: Eine amerikanische Küche in einem großen Raum, ein Schlafzimmer und ein Bad mit funktionierender Warmwasser-Dusche. Dass ich die Wohnung bekommen habe, obwohl ich nur bis Ende Oktober bleibe, liegt daran, dass ich Ausländerin bin. Weil sich die Vermieterin von mir regelmäßige Zahlungen und wenig Ärger verspricht, ist sie sogar um 20 Prozent mit dem Preis heruntergegangen. Die Oma, die bei der Wohnungsbesichtigung mit den frisch gewaschenen Gardinen auf dem Schoss auf dem Sofa saß, sagte nicht viel. Nur ein ums andere Mal: „Que linda!“ Es bedurfte einiger Ausrufe, bis ich endlich merkte, dass sie mich damit meinte. Meine blonden Haare hatten es ihr angetan (wie auch meiner Friseurin hier).


Eigentlich müsste man meinen, ein Umzug nach sechs Wochen dürfte kein Problem sein. Tatsächlich war ich dann doch froh, dass sich meine italienische Kollegin Chiara als Helferin angeboten hatte. Neben dem Reisegepäck hatte sich nämlich doch schon einiges angesammelt: außer einer gewissen Grundausstattung an Lebensmitteln und Haufen von Zeitungsausschnitten leider auch ein Berg von schriftlichen Unterlagen und Büchern, darunter ungefähr neun Gedichtsbände, wie ich am Sonntag feststellten musste. Dabei hätte ich schwören können, dass ich höchstens drei gekauft habe! Damit ist jetzt Schluss, ohnehin sind Bücher hier mehr als irgendwo anders eine Frage des Geldes: Mein Spanisch-Spanisch-Wörterbuch für 25 Dollar, das ich nach wochenlanger Suche endlich in einem Laden in einem der amerikanisch anmutenden modernen Einkaufszentren entdeckt habe, entspricht durchschnittlich etwa einem Fünftel Monatslohn. Kein Wunder also, dass Lesen hier nicht zu den Nationalsportarten zählt.

Mein neues Heim macht mich bisher ausnahmslos glücklich, und ich hoffe, dass das auch so bleibt. Eine Nachbarin aus Belgien ein Stockwerk tiefer zieht nämlich wegen der vielen Kakerlaken aus. Bis jetzt habe ich noch keines der Tierchen entdeckt, und damit das auch so bleibt, schließe ich nun immer den Klodeckel, sperre alle Lebensmittel in den Kühlschrank, spüle jeden Abend brav mein dreckiges Geschirr ab und stelle hinterher einen schweren Topf, gefüllt mit Wasser, auf den Abfluss. Erst am vergangenen Samstag, als ich mittags meine Portion Spanferkel mit Kartoffelbrei im Markt von Santa Clara hier um die Ecke vertilgt hatte, ist mir eines dieser Viecher über den leeren Teller gelaufen. Meinem Appetit konnte das Tier da zwar nichts mehr anhaben, aber Fleisch kriege ich auch hier nicht auf die Knochen. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich immerzu beschäftigt bin. Es gibt hier so viele interessante Dinge, und für alles reicht die Zeit gar nicht. Zusätzlich zu meiner ONG habe ich nämlich eine neue Beschäftigung gefunden.


Vergangenen Samstag habe ich an einem Workshop eines linken Zwei-Wochen-Blattes teilgenommen. Dieses ist vor dreieinhalb Jahren das erste Mal erschienen, als der Protest der Indigenas hier einen Höhepunkt erreichte und schließlich zu einem Wechsel der Regierung führte. Die Zeitung namens Opción versteht sich als Sprachrohr des Widerstands und ist in dieser mehr als einfältigen ecuadorianischen Zeitungslandschaft trotz ihrer Mängel eine Wohltat. Weil die Journalisten für die Internet-Berichterstattung über das amerikanische Sozialforum, das im Juli in Quito stattfindet, zusätzlich Leute brauchen, haben sie am vergangenen Samstag im Schnellverfahren ein paar junge Studenten angelernt.

Ich selbst habe leider keine Zeit, etwas über die Veranstaltung zu schreiben, weil ich an diesen fünf Tagen bereits für Amnistía arbeiten muss, und deren Zielvorgaben sind ziemlich ehrgeizig. Mindestens fünf nationale Radiosender, zwei nationale Fernsehkanäle und zwei weitere Medien sollen über uns berichten. Dies ist angesichts der schlechten Organisation und der schlechten Planung und der Größe der Veranstaltung fast nicht zu schaffen. Deshalb habe ich zum einen jetzt angefangen, selbst einen Plan für unsere Kampagne „Stoppt Gewalt gegen Frauen“ auszuarbeiten, obwohl das eigentlich gar nicht mein Aufgabengebiet ist. Und zum anderen habe ich den Journalisten von Opción angeboten, für ihre Internetausgabe etwas über die Vorbereitungen von Amnistía zu verfassen. Wenn andere nicht über einen schreiben, muss man es halt selbst tun. Prompt stiegen die darauf ein, luden mich in die Redaktion ein, wo ich inzwischen auch war, boten mir alle Hilfe bei meinen sonstigen Recherchen an und baten mich trotz meines fehlerhaften Spanisch, für die Druckausgabe etwas Größeres über die Europäische Union zu schreiben.

Weil das zeitlich alles gar nicht zu schaffen ist, musste ich nun leider meine Sportstunden aufgeben. Dabei hätte ich Euch gerne mehr über Capuera berichtet: eine Mischung aus Tanz und Kampfsport zu Trommelmusik aus Brasilien, die mich in den vergangenen Wochen an den Rand der Verzweiflung trieb. Nicht nur, dass die Bewegungsabläufe einfach eine Spur zu kompliziert für mich sind, sondern dass ich abends auch meine Füße nicht mehr sauber bekommen habe. Zum Üben musste man seine Socken ausziehen, und das kleine Kabuff im ersten Stock eines uralten Hauses hier in der Neustadt ist wohl seit seiner Erbauung nicht mehr geputzt worden. Von Umkleide, Dusche oder gar Sauna will ich gar nicht erst sprechen.


Aber nicht dass hier der Eindruck entsteht, ich würde nur arbeiten. Bereits zweimal bin ich mit dem Bus durch das Land gefahren, und vergangenen Sonntag nach dem Umzug im Taxi sind Chiara und ich über den ersten Bergzug im Osten gelaufen, an dessen Kuppe die Stadt endet, und fanden uns auf der anderen Seite prompt in einem beschaulichen, ruhigen und abgasarmen Dorf mit Wallfahrtskirche und Franziskanerkloster wieder. Auf der Terrasse eines einfachen Wochenendlokals aßen wir mit Blick auf das Tal panierten Fisch mit Pommes und tranken dazu frisch gepressten Papayasaft, atmeten tief durch und fühlten uns angesichts der Umgebung fast wie in den Schweizer Bergen.

Sonntag, 6. Juni 2004

Großmütterchen




Nach einem späten samstäglichen Frühstück mit einem Berg Obst aus Mango, Maracuja, Banane, Guave, Melone, Papaya und Ananas sowie einem Pfirsich-Joghurt sitze ich jetzt mit einem dicken Pullover und heißem Tee der Sorte Hierba Luisa in meiner Wohnung und quäle mich mit einer Presseerklärung ab.


Hier in Quito treffen sich von Montag an die Staatschefs der „Organisation der amerikanischen Staaten“, deren Mitglieder vor zehn Jahren eine „Konvention zur Verhinderung, Bestrafung und Ausrottung von Gewalt gegen Frauen“ unterzeichnet haben, die sie bis heute nicht einhalten. Zum Jahrestag will AI Stellung nehmen, für eine Pressekonferenz reisen extra zwei Menschen aus dem Generalsekretariat in London an. Am Freitag habe ich die Einladung an Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen geschrieben, die in der zweiten Version auch abgesegnet wurde. Die erste Fassung war wieder einmal zu schnell zum Kern gekommen. In Lateinamerika überbringt man erst sämtliche Höflichkeiten, die in Deutschland gar nicht existieren, und gibt sich die Ehre... Immerhin habe ich diese Floskeln jetzt ein für alle mal in meinem Computer gespeichert.

Und nun die Erklärung für die Pressekonferenz am Mittwoch: Natürlich kämpfe ich mit der Sprache. Das eigentliche Problem ist aber, dass weder unser Director Ejecutivo Marco, also der Geschäftsführer, noch ich so genau wissen, was die Dame und der Herr aus London denn nun im Detail sagen werden. Also werde ich wieder ein paar Zitate erfinden, und hoffen, dass ich ins Schwarze treffe und sich die werten Gäste damit zufrieden geben werden.


Aber nicht, dass Ihr glaubt, der Rest der Arbeit verliefe weniger chaotisch. Fangen wir einmal bei der Einrichtung an. Wenn ich morgens um neun im Ucica-Gebäude im achten Stock an den Rechtsanwalts-Büros, die aussehen wie bessere Jugendzentrumsräume, vorbeigelaufen bin, bei Amnesty an die Tür klopfe, und Anita, die 27-jährige Sekretärin, die Sicherheitskette löst, höre ich schon das Rauschen der Dusche. Das Gebäude hat nur stundenweise Wasser, und damit das Klo nicht nur Kloake verkommt, steht unter der Dusche ein großer Plastikbottich, aus dem wir während des Tages mit einem Zwei-Liter-Messbecher Wasser zum Spülen schöpfen. Aber regelmäßig drehen die (wer immer das auch ist) den Hahn länger zu, als unser Vorrat reicht.


Das Büro besteht aus zwei Räumen, die durch Falttüren unterteilt werden können. Der Eingang, also ein Viertel des Büros, gehört Anita. Dahinter residiert Chef Marco, ein 27-jähriger Ecuadorianer. Ein halbes Zimmer beansprucht Jeremy als coordinador del staff. Der 27-jähriger Amerikaner lebt seit einigen Jahren mit einer Kolumbianerin in Ecuador, spricht nur ungern Spanisch, betreut vormittags ehrenamtlich die Voluntarios von Amnesty und verdient nachmittags sein Geld mit Englischunterricht. Das restliche Büroviertel teilt sich das Dutzend freiwilliger Helfer. Es gruppiert sich um ein Oval oder prügelt sich um den Computer aus der Vorsteinzeit an einem Katzentischchen – mancher musste auch schon mal mit dem Boden vorlieb nehmen.


Von technischem Gerät möchte ich hier nicht sprechen. Es existiert genau eine Telefonleitung, die blockiert ist, wenn Marco seine Mails abruft. Kopierer Fehlanzeige. Im Erdgeschoss am Eingang gibt es ein kleines Kabuff mit Platz für einen Kopierer und das Mädchen, das ihn bedient. Es verlangt 0,04 Cent pro Blatt und bessert sein Einkommen mit dem Verkauf von gebrannten Erdnüssen und Zigaretten auf. Über Geld für Kopien verfügt Amnesty allerdings nicht. Zum Recherchieren gehen die Voluntarios ins Internetcafé – und zahlen auch das aus eigener Tasche.

Manche der ankommenden jungen Leute aus aller Welt schreckt dieses etwas provisorische Ambiente so sehr ab, dass sie nach dem ersten Tag nicht wieder auftauchen. Aber man kann sagen: Sie bringen sich um einigen Spaß. Und außerdem: psst! Es ist natürlich streng verboten, Internas nach draußen zu tragen. Offiziell dürfen wir nicht einmal unsere Unterlagen mit nach Hause nehmen. Es gibt sehr viele schriftlich niedergelegte, aber kaum beachtete Regeln, wonach Essen am Arbeitsplatz ebenso verboten ist wie das Anbandeln zwischen den Geschlechtern. Letzteres ist angesichts eines eklatanten Frauenüberschusses allerdings auch kaum möglich.

Wie viele Voluntarios wir im Moment sind, lässt sich schwer sagen. Es kommen immer wieder neue an, andere reisen ab. Niels, ein 29-jähriger Essener, hat am Dienstag ein Vorstellungsgespräch beim Europäischen Patentamt in München. Blanka aus Prag, die unsere kleine Veranstaltung im Parque Ejido zum Weltkindertag in der vergangenen Woche organisiert hat, gönnt sich ein paar Austage und bleibt dann nicht mehr allzu lange. Sie ist schon seit November hier. Auch Sarah, eine 20-jährige Leipzigerin, hat ihre Mitarbeit beendet und sitzt gerade im Bus Richtung Kolumbien, wo sie an der Küste mit einem alternativen Leipziger Fußballclub ein Sozialprojekt aufbaut. Der 22-jährige Schotte Paul macht ohnehin nur für vier Wochen Station.


Die Französin Valery sehe ich nicht sehr oft, sie arbeitet zusätzlich bei einer Organisation, die Straßenkinder betreut. Die 24-jährige Ecuadorianerin Janette, die einen kleinen Dokumentarfilm über Gewalt gegen Frauen für Amnesty gedreht hat, taucht in der Regel nur auf Festen auf. Die anderen aus den USA, Italien, Frankreich und was weiß ich woher sind noch so neu, dass ich sie kaum mit Namen kenne.

Meine Konstanten sind die 24-jährige Französin Amelie und die 31-jährige Italienerin Chiara. Sie haben in der selben Woche angefangen wie ich. Amelie, die jedes spanische „j“ durch ein „r“ ersetzt, weil sie sich mit der kehligen Aussprache so schwer tut, überlegt nach zwei Jahren an Universitäten in Australien und Neuseeland und einem Praktikum in New York, ob sie noch ein Jahr Studium dranhängen soll. Chiara lebt seit zehn Jahren in London und denkt wie alle darüber nach, was sie macht, wenn sie nicht bald einen ordentlichen Job bekommt. Wir sehen uns nicht nur im Büro. Wir essen oft zusammen Mittag, gehen abends aus, sporteln, unternehmen an den Wochenenden Ausflüge und lachen ziemlich viel. Zum Beispiel bei der immer wieder auftauchenden Frage nach dem Alter. Ich bin mit meinem 34 Jahren der Bürodinosaurier, und Amelie nennt mich manchmal spaßeshalber „la abuelita“: das Großmütterchen.

Nicht nur das Alter unterscheidet mich von den anderen, und dass ich als einzige Erfahrung im Beruf habe. Auch mein Aufgabengebiet macht aus mir einen Sonderfall. Während die anderen in kleinen Gruppen versuchen, im luftleeren Raum unter sich ständig ändernden Vorgaben Kampagnen mit Inhalt und Veranstaltungen zu füllen, habe ich in den vergangenen vier Wochen einen Zwei-Jahres-Plan für den Aufbau der Pressearbeit und eine Beschreibung meiner eigenen Funktion als „coordinador nacional de prensa“ (nicht lachen: das ist so was wie nationaler Pressechef!) ausgearbeitet: Aufbau von Büroorganisation, Presseverteiler, Internetauftritt und Archiv, Vernetzung von lokalen AI-Gruppen, Büro in Quito und Sekretariat in London sowie Anleitung für Pressearbeit bei Veranstaltungen, alles inklusive Zeitrahmen, Kosten und Verantwortlichkeiten. Auf Spanisch natürlich. Dass das so lange gedauert hat, liegt vornehmlich an Jeremy. Irgendeiner seiner Schüler, Manager einer großen Firma, hat ihm mal von einer bestimmten Sorte Planung erzählt. Jeremy ist wie ein kleiner Junge davon so begeistert, dass er alles in einer standardisierten Form einfordert, weshalb ich mich länger mit dem Tabellenprogramm in Word als mit den Inhalten beschäftigt habe. Aber nun weiß ich auch, wie dieses Ding funktioniert, und die Planung steht. Wie das aber mit der Umsetzung aussieht angesichts des latenten Geldmangels hier...

Montag, 24. Mai 2004

Maldita fábricas de melankolías




Ihr schickt Euch wahrscheinlich gerade langsam an, ins Bett zu gehen, während ich eben mit meinen Kollegen von einem späten und außerordentlich gehaltvollen Mittagessen zurückkomme: Zeitlich hinke ich Euch sieben Stunden hinterher.

Wir waren in einem der vielen kleinen Lokale, die ohne Schnickschnack wie Tischdecken oder Wandschmuck, dafür immer mit Fernseher in voller Lautstärke für wenig mehr als einen Dollar mittags ein Menü anbieten. Heute gab es Rindssuppe mit Banane, Maisknödel, Reis und Gemüse als Einlage, anschließend Reis mit gebratener Banane, Nudeln und einem Stückchen Huhn. Und hinterher wartete noch eine gezuckerte Teigtasche mit Käsefüllung auf uns. Hier in der Umgebung der Straße 10 de agosto, wo ich arbeite, gibt es eine Unmenge dieser Lokale, wo man schnell und reell was in den Magen kriegt. Wenn es mal nicht so gut schmecken sollte, steht auf dem Tisch immer eine meist hausgemachte scharfe Zwiebel-Tomaten-Paste, mit der man alles runterkriegt. Aber bisher gab es keinen Grund zu Beanstandungen.

Die 10 de agosto, in der das Büro von Amnesty liegt, ist ein Traum und ein Alptraum gleichzeitig. Wenn ich morgens aus dem Haus gehe und von der Washington, wo ich wohne, auf die sechsspurige Straße Richtung Süden einbiege, empfängt mich schon eine schwarze Abgaswolke, deren einzelne Bestandteile förmlich in der Luft zu sehen sind. Zwei der sechs Spuren sind für den Trole reserviert, einen Oberleitungsbus, mit dem man für 25 Cent die ganze Stadt durchqueren kann. Gleichzeitig drängeln sich normale Busse, Taxis und Autos. Ich muss die 10 de agosto überqueren, was trotz eines Zebrastreifens täglich eine Sache von Leben und Tod ist. Sobald sich Anzeichen erkennen lassen, dass der Fußgänger den Gehsteig verlassen will, wird er von allen Seiten und manchmal aus einer Entfernung von mehreren hundert Metern angehupt. Stehen bleibt kein Gefährt, nicht einmal wenn sich ihm ein Hindernis in den Weg stellt.

Und trotzdem ist der tägliche Fußmarsch entlang dieser 10 de agosto immer ein Vergnügen. Zwei Unterhemden für einen Dollar oder vier Batterien zum selben Preis? Gardinen, sämtliche Sorten Bohnen, Bonbons, Schnürsenkel, Lose oder eine Gemüseraspel gefällig? Oder darf es ein gebrauchtes Handy, ein Anorak oder ein Abflussrohr sein? Je nach Wetter auch ein Regenschirm? Während die Ladenbesitzer sich gerade erst anschicken, die massiven Eisengitter vor ihren Schaufenstern hochzuschieben, sich nach und nach die Sicherheitsleute vor den Geschäften positionieren und die Verkäufer langsam den Tag beginnen, herrscht auf dem eher schmalen Gehsteig schon reger Trubel: Jeder schreit unentwegt heraus, was er anbietet, und so ergibt sich ein vielstimmiger Kanon, begleitet von Salsa aus der Anlage des CD-Verkäufers.

Ein Junge scheuert vor dem Sozialministerium verrußte Töpfe, ein paar Schritte weiter positionieren sich täglich drei Schuhputzer mit roten Holzthronen inklusive Sitzkissen für die Kunden – es sei denn, es gießt in Strömen, was in der vergangenen Woche ziemlich häufig der Fall war. Wenn nicht, dann schlängelt sich der Strom der Berufstätigen in zwei Richtungen im Slalom durch die Händler, die kein leichtes Leben haben. In Guayaquil an der Küste, Ecuadors größter Stadt, haben Polizisten vor zwei Wochen einen zwölfjährigen Jungen fast erschlagen, der Schnürsenkel verkaufte. Seither organisieren die fliegenden Händler dort Protestmärsche, Demonstrationen und Arbeitsniederlegungen. Auch auf der 10 de agosto ist wie in ganz Quito immer viel Polizei zu sehen. Samstags und sonntags wirkt sie allerdings fast wie ausgestorben.


Wenn ich mich schwer schnaufend die erste Steigung der 10 de agosto hochgekämpft habe und das Amnesty-Büro einfach rechts liegen lasse und weitergehe, lande ich nach einigem bergauf und bergab in der Altstadt. Dort lässt sich der Glanz und die Dekadenz der jahrhundertelangen spanischen Herrschaft erahnen. Verschwenderisch mit Blattgold ausgestattete Kirchen, Paläste, Klöster, Patios im kolonialen Stil. Auf den Plätzen flanieren an Wochenenden nicht nur Touristen, sondern auch Familien und Paare, finden sich die eher dunklen Gestalten der Stadt genauso ein wie Anzugträger und Indios in Tracht.


Genauso bunt ist der Kern der Neustadt, die an der 10 de agosto in Richtung Norden liegt. Am Rande davon wohne ich, mittendrin liegt meine Sprachschule. Das Viertel heißt Mariscal, aber die Quiteños nennen es „Gringolandia“. Nicht zu Unrecht. Dort reiht sich Internetcafé an Reiseveranstalter an Fotoladen an Hostal. Dazwischen einfache Bars und Schuppen, in denen das Bier für einen Dollar zu haben ist, aber genauso Kneipen im europäischen Stil, in denen ein ordentliches Essen nicht unter zehn Dollar kostet. Dort kann man Unterhaltungen in sämtlichen Sprachen verfolgen, manchmal auch in Spanisch. Regelmäßiger Treffpunkt meiner Kollegen ist ein grauenhaftes Internet-Café namens „Papayanet“. Dort darf man keine Disketten in den Computer schieben, es lässt sich wegen der lauten Musik kein klarer Gedanke fassen, die Speisekarte ist komplett amerikanisch, und obendrein ist der Ort auch vergleichsweise teuer. Ich habe mir angewohnt, vor der Tür zu warten. Mehr als ein Treffpunkt, an dem man entscheidet, wo man hingeht, ist das „Papayanet“ ohnehin nicht.


Wesentlich netter ist es am Rand des Marical und direkt bei mir in der Umgebung, auch wenn die Washington keine typische Wohnstraße ist: Hier finden sich so Kuriositäten wie der „Almacen moderno: Lo más barato para Usted“ (der moderne Laden: das Billigste für Sie). Verspielte pastellfarbene Türmchen-Villen und klassisch-koloniale zweistöckige Bauten zwängen sich zwischen hohe Beton- und Glas-Türme im Stil der 60er. Da finden sich Elektro- und Lebensmittelläden, Wäschereien und Friseure. Jede Freifläche wird zum Parkplatz umfunktioniert. Und nebenbei: Eine Straße weiter habe ich ein Hostal entdeckt, das „Rincon de Bavaria“ heißt, bayerische Ecke.

Wer nun denkt, ich würde die Stadt nach fast zwei Wochen und etlichen kilometerlangen Fußmärschen kennen, der irrt allerdings. Noch weiter jenseits des kolonialen Kerns erhebt sich ein die Stadt teilender Hügel, der Panecillo, auf dem eine überlebensgroße tanzende Madonna aus Stein thront. Sie findet sich in der Kirche Sankt Franziskus in der Altstadt wieder – angeblich die einzige Darstellung einer tanzenden Madonna auf der Welt. Auf diesem Hügel jedenfalls bietet sich ein fantastischer Rundblick, der in etwa die Ausmaße Quitos erahnen lässt. Die Häuser füllen das komplette Hochtal zwischen zwei Bergrücken in Richtung Süden und Norden und erobern langsam auch die Anhöhen im Westen und Osten. Wer es genau wissen will: Angeblich ist Quito 35 Kilometer lang und fünf Kilometer breit. Es gibt also noch einiges zu entdecken.

Dienstag, 11. Mai 2004

Ankunft in Quito




Nach einem großen Teller Spagetti zum Abendessen und zwei Bier sitze ich jetzt satt und müde und bettschwer an meinem kleinen Tisch unter einer funzeligen Lampe, und aus meinem Laptop schallt eine CD mit lateinamerikanischen Schnulzen, während von der offenen Terrassentür kalte Luft, ein Nachbarsstreit, Kindergeschrei, Fernsehgeplapper, Verkehrslärm, Sirenengeheul und Hundegebell hereindringt – morgens kräht auch gerne ein Hahn, von woher auch immer. Vier Tage bin ich nun hier und – auch wenn sich das vielleicht wieder mal ändern mag – absolut glücklich.

In den ersten drei Tagen bin ich durch die Stadt gestromert und habe mich sofort in sie verliebt – obwohl sie abgesehen von der kolonialen Altstadt wirklich nicht allzu viel bietet, was man im herkömmlichen Sinne schön nennen kann; obwohl sie an vielen Ecken Elend offenbart; und obwohl die Luft so schlecht ist, dass ich nicht weiß, ob ich manchmal wegen der Höhe oder der Abgase zum Verschnaufen stehen bleiben muss. Und trotzdem ist es das, was ich spüre und rieche und höre und natürlich sehe: Es riecht in den Straßen nach gebratenem Grillfleisch und Maiskolben, aus jedem Geschäft dringt Musik, überall tollen Kinder herum, die Menschen zeigen ziemlich viel gute Laune und legen außerdem ein Tempo vor, das mich unter anderen Umständen sicherlich zur Weißglut treiben würde, mir im Moment aber eine gewisse Leichtigkeit vermittelt. Und vielleicht ist es ja auch ein bisschen mein eigener Zustand, der mir so gefällt.

Meine neue Heimat, zumindest für die nächsten Wochen, vielleicht für das nächste halbe Jahr, ist ein kleines Appartement am Rande des Viertels Mariscal eine Straße vom Park Ejido entfernt in direkter Nachbarschaft zum Wirtschaftsministerium; es liegt also direkt im Zentrum. Ich wohne hier alleine, obwohl es außer der kleinen Küche, dem Wohnraum und meinem Zimmer noch ein zweites Schlafzimmer gibt. Aber das ist im Moment nicht besetzt, und so kann ich mich über die ganzen 50 oder 60 Quadratmeter ausbreiten, was ich auch weidlich ausnutze. Meine paar Habseligkeiten, diverse Zeitungen der vergangenen Tage und ausgerissene Artikel, Disketten, CDs, Wörter- und Grammatikbücher, Papiere sind im ganzen Wohnraum verteilt, dazwischen thront eine Rose in einem Wasserglas, die mir am Muttertag ein Mädchen auf der Straße geschenkt hat. Der Kühlschrank ist inzwischen gefüllt mit Pilsener Bier (das zu kaufen meine erste Handlung sofort nach meiner Ankunft noch am Freitagabend war), einem Berg Obst, von dem ich nur in den seltensten Fällen weiß, wie es heißt, Käse aus den Anden und was man sonst so braucht. Ich habe nach langer Suche sogar ein Haushaltswarengeschäft gefunden, das italienische Espresso-Kannen verkauft, und einen Supermarkt, der Olivenöl im Regal stehen hat – wenn auch in 0,2-Liter-Flaschen. Ich besitze inzwischen ein neues Mobiltelefon, dessen Kauf fast daran gescheitert wäre, dass ich nur einen und nicht wie hier üblich zwei Nachnamen habe, und einen Adapter-Aufsatz für mein Computerkabel. Ich bin also eingerichtet.

Dass das auch so bleibt, dafür sorgen Gitter an jedem Fenster der Wohnung und an der Eingangstür inklusive massivem Schloss sowie ein 24-Stunden-Bewachungsdienst am Eingang und eine elektronische Chipkarte, ohne die ich gar nicht in das Haus komme. Die Wohnung selbst vermittelt den Charme eines eher schattigen Souterrains. Sie liegt im Erdgeschoss eines mehr als zehnstöckigen Hauses, und es gehört eine Art zementierte kleine Terrasse dazu, die aber von einer zwei oder drei Stockwerke hohen Mauer begrenzt ist. Benutzt habe ich die Terrasse tatsächlich noch gar nicht: Wenn die Sonne scheint und dann auch in dieses Viereck reinscheint, ist es zu heiß, und verbrannt habe ich mir ohnehin schon neben der Nase die Kopfhaut, weil ich nicht daran dachte, meine Kappe aufzusetzen für jeden Meter, den ich aus dem Haus gehe. Und wenn die Sonne nicht scheint, was täglich mindestens nachmittags der Fall ist, wenn die dicken, schwarzen, hohen Wolken wie Ungeheuer über die Quito eingrenzenden Berge rutschen, ist es zu kalt. Dann ziehe ich hier meine zwei mitgebrachten Pullover übereinander an und die Jacke dazu und hoffe, dass die Elektrodusche am anderen Morgen tatsächlich so lange lauwarmes Wasser ausspuckt, wie ich drunterstehe. Das ist nicht immer der Fall. Aber was man auch sagen kann: Ich fühle mich wohl in diesen Wänden, und sie haben den Vorteil, dass sie direkt zwischen Sprachschule und Amnesty International stehen, jeweils nur zehn Minuten Fußmarsch entfernt.

Und was kann man nach einem Tag dort sagen? Ich arbeite bei Amnesty nicht in der Presseabteilung. Ich bin die Presseabteilung, sie hat sich praktisch erst durch meine Ankunft zum ersten Mal seit Bestehen der Sektion in Ecuador materialisiert. So wie sich die Sektion insgesamt erst seit drei Monaten neu zu formieren beginnt. Das heißt: Mir wurde am ersten Tag eröffnet, dass ich im nächsten halben Jahr eine Presseoffensive aus dem Hut zaubern soll, damit die Organisation hier im Land erst einmal als existent wahrgenommen wird. Ich soll Kontakte zu den Medien aufbauen und außerdem und außerdem und außerdem. Vielleicht hätte ich doch lieber für einen amtierenden Pressechef nur den Kaffee gekocht. Aber wie auch immer: Das ist praktisch ein außerordentlich kompakter Grundkurs in Medienarbeit, für den andere jahrelang auf die Uni gehen. Das kann ich mir nach dem halben Jahr hier sicher sparen.

So habe ich also nach den ersten Stunden im Amnesty-Büro auf dem Weg zur Sprachschule heute erst einmal Bier-Nachschub besorgt, den in meiner Wohnung abgestellt, schnell ein bisschen Salat in mich hineingestopft, und bin dann weiter, um vier Stunden lang Grammatikübungen zu absolvieren und Spanisch zu quatschen, hinterher hier an diesem Tisch meine Hausaufgaben zu machen, nämlich zwei Aufsätze über ein beliebiges Thema in beliebiger Länge zu schreiben, was ich fortan jeden Tag machen soll. Und weil das alles noch nicht genug ist, muss ich jetzt auch noch irgendeine Fernsehsendung für Amnesty anschauen, keine Ahnung wofür, ich weiß noch nicht einmal, ob ich den Kanal reinbekomme – und wenn, ob ich auch etwas verstehe. Und dabei wollte ich ja eigentlich endlich mal keinen Stress haben. Aber wenn irgendwo nicht so heiß gegessen wie gekocht wird, dann hoffentlich hier.

Mittwoch, 5. Mai 2004

Abschied