Montag, 20. September 2004

Esel, Schweiß und harte Arbeit

Nur drei Wochen war ich auf Reisen, und in dieser Zeit haben sich hier in Quito die schwarzen Wolkenungetüme den Himmel über der Stadt erobert, hat wieder die Regenzeit begonnen. Mit dem Sommer geht auch meine Zeit hier in Ecuador dem Ende zu, und ich blicke auf fast fünf Monate in Quito zurück wie auf eine Kurzgeschichte.

Um mich vor meiner Peru-Reise zu verabschieden, hatten alle meine Quiteñer Freunde in der Wohnung von Tancredi, einem sizilianischen Journalisten, ein Abendessen organisiert. Anschließend gingen wir bis in den Morgen aus, so dass ich leidlich lädiert in Lima ankam. Genauso lädiert kam ich zurück, doch Pause gab es nicht: Dieselben Freunde erwarteten mich mit einer Überraschungs-Begrüßungsparty in meiner Wohnung. Diese hatte ich in die Obhut von Juan-Pablo, einem chilenischem Architekt, gegeben - nicht gerade zum Blumengießen, aber vorsichtshalber. Mein Türschloss ließe sich eher als Witz bezeichnen.

Hatte ich vor meiner Reise schon mit dem Gedanken gespielt, länger oder vielleicht sogar das ganze Jahr in Quito zu bleiben, so bin ich jetzt doch zu meinen ursprünglichen Plänen zurückgekehrt. Nicht nur, weil man diesen Sommer und die vielen Glücksmomente in dieser Stadt nicht festhalten kann. Sondern auch, weil mir die Peru-Reise überraschende Möglichkeiten erschlossen hat. Doch erst einmal zur Reise.

Lima könnte man als einen der Träume meiner Jugend bezeichnen, eher Begriff für ein Gefühl denn Name für einen tatsächlich existierenden Ort. Diesen Traum entdeckte ich schon vor der Abreise in dem Buch „Los amigos que perdi“ (Die Freunde, die ich verlor) des Peruaners Jaime Bayly wieder. Und durch glückliche Fügung, die meinen gesamten Aufenthalt auf diesem Kontinent bisher begleitet, habe ich eben jenen Seelen-Zustand in der tatsächlich existierenden Stadt desselben Namens gefunden. Wie als würde in einem Puzzle das letzte fehlende Stückchen eingesetzt: am Strand, wo die dicken Kieselsteine mit den zurückrollenden Wellen Symphonien erzeugen, sich die Farben in der beginnenden Dämmerung in ein monochromes Gemälde in Blau- und Grüntönen verwandeln, sich der Pazifik an einem unbekannten Punkt mit dem Horizont vereint und sich die Hochhäuser der Küstenlinie hinter gespenstischen Nebelschwaden verstecken; in der schwülwarmen und diesigen Winterluft in den baumbestandenen ruhigen Straßen des Nobelviertels Miraflores, im geschäftigen Treiben der kolonialen Altstadt mit seinen Märkten, kleinen Geschäften, Straßenhändlern und Volksküchen, in den lauten Diskotheken des Ausgehviertels Barranco oder auf der Holzterasse eines Lokals mit Blick auf Liebespaare unter Eukalyptusbäumen an der nächtlichen Steilküste.

Obwohl ich in der Stadt niemanden kannte, begann die Reise dort wie ein Besuch bei Freunden. Schon am ersten Abend, den ich allein verbrachte, nahmen mich die Besitzer eines kleinen Lokals, wo ich zu Abend aß, wie eine Tochter in ihre Familie auf. Nachts darauf trank ich mit dem Hostal-Wirt so ausdauernd Pisco, dass sich meine Freundin Petra, die inzwischen angekommen, aber bereits ins Bett gegangen war, anderntags beschwerte, ich hätte später geschnarcht wie ein alter Säufer. Und am dritten Tag eroberte ich mit einem in Peru arbeitenden Engländer das Nachtleben dermaßen im Durchmarsch, dass mir bis zur Abfahrt des Buses in Richtung Süden nicht einmal Zeit blieb, ins Bett zu gehen. Herzlicher kann der Empfang in einem fremden Land nicht ausfallen.

Dieses unterscheidet sich von seiner Hauptstadt gewaltig. Unsere Tour führte uns von Lima über Pisco, Nasca, Arequipa und Puno nach Cusco. Wir stöberten an der Ballesta-Halbinsel Seelöwen und Tölpel auf. Durchquerten mit dem Bus das Küsten-Wüstengebirge. Betrachteten von einer Cessna aus die Linien von Nasca. Durchschritten auf einer mehrtägigen Wanderung den zweittiefsten Canyon der Welt, das Valle de Colca, das von 3500 auf 2200 Meter abfällt, kehrten daraus bei nächtlichem Mondenschein zurück und beobachteten anschließend im Morgenlicht auf einer Felsklippe aus ein paar Metern Entfernung Kondore im Flug. Klapperten mit dem Bus über 4900 Meter hohe Anden-Pässe. Schipperten auf 3800 Höhenmetern auf dem Titicacasee, besuchten dort schwimmende Schilfrohr-Inseln und übernachteten auf der Isla Amantani bei einer Indígena-Familie. Erklimmten schließlich am Ende unserer Route nach einer Zugfahrt durch das Heilige Tal am Río Urubamba den Felsen, auf dem die Inkas ihre sagenumwobene Festung Machu Picchu hinterlassen haben, die in der Realität viel imposanter ist, als es das allseits bekannte Plakatbild vermuten lässt.

Tatsächlich mutet das Landleben manchmal an, als lägen zwischen den Inkas und heute nicht mehrere hundert Jahre. Soziales Gefälle und Armut sind erheblich, Strom und fließend Wasser in kleinen Dörfern eher die Ausnahme. Manche treibt Angst vor einer politischen Explosion um. In den Touristenzentren im Süden des Landes ist davon allerdings wenig zu spüren. Viele Orte präsentieren sich als Ethno-Markt mit einer immer gleichen Auswahl an Wollmützen mit Ohrenschützern, Handschuhen mit und ohne Finger, Alpaca-Ponchos, Lama-Decken und Panflöten. Es gibt sie tatsächlich auch in den Anden, die Panflötenspieler aus der deutschen Fußgängerzone. Und was die Peruaner angeht: Trotz vieler Unkenrufe und Warnungen über ihre Muffigkeit und die hohe Kriminalitätsrate findet sich alle paar Meter ein Mensch, der diese Pauschalurteile widerlegt. Abgesehen davon: Die Küche schneidet eindeutig besser ab als in Ecuador, auch wenn Hammelsuppe sicher nicht mein Lieblingsgericht werden wird. Außerdem habe ich in Peru neben Pisco zwei weitere Getränke entdeckt, denen neuerdings meine ganze Leidenschaft gilt: grellgeble Inka-Cola, die schmeckt wie die Ahoy-Brause aus unserer Jugend, und Mate de Coca, der praktisch zu jeder Gelegenheit serviert wird.

Die Landschaft beeindruckt schließlich dermaßen, dass jede im Bus geschlafene Stunde im Herzen wehtut. Sie wartet mit Wüstenebenen und grünen Oasen zwischen wasserlosen Felsgiganten auf, mit schneebedeckten Bergen hinter hellgrün schimmernden Grasbuckeln, zwischen denen sich weite Ebenen strecken, auf denen Lamas weiden und über die ein eisiger Wind fegt. Überhaupt die Busfahrten: der Geruch von Esel, Schweiß und harter Arbeit in der Nase, der Hintern auf einem durchgesessenen Sitz ohne Platz für selbst kurze Beine, peruanische Volkslieder oder Hits von Shakira aus dem Lautsprecher, Stopps an jeder abgehenden, kaum sichtbaren Schotterpiste, ein angesichts des von Schlagloch zu Schlagloch wankenden Gefährts im Fenster auf- und abwippendes Bergpanorama – das sind die schönsten Momente des Unterwegs-Seins. Das für Petra noch weitere drei Wochen andauert, in meinem Fall aber in Cusco und mit einer weiteren Nacht im Limeñer Ausgehviertel endete.

Aber nicht für lange. Nach einem halben Jahr Sesshaftigkeit in Quito werde ich mich bald wieder auf den Weg machen, wenn auch nicht im Bus. Bei einem Besuch bei einer politischen Stiftung in Lima bot mir der Chef an, eine kleine Studie über die Pressearbeit der nicaraguanischen Regierung zu machen, die in Deutsch und Spanisch erscheinen soll. Dieser Tage werde ich zusagen, bis zum 15. Dezember soll ich 50 Seiten abgeben, so dass ich bereits Anfang November nach Managua wechseln werde. Und weil das Leben voller glücklicher Zufälle ist, lernte ich mitten auf dem Titicacasee eine guatemaltekische Journalistin kennen, die unter anderem für jene alternative Frauen-Zeitschrift in Guatemalteka-Ciudad arbeitet, mit der ich ohnehin Kontakt aufnehmen wollte. So dass ich also auch im Januar nicht in die Fremde aufbrechen werde, wenn ich dann noch einmal den Standort wechsle - nicht ohne vorher über Weihnachten und Neujahr drei Wochen Urlaub in einem mir noch unbekannten Land in Lateinamerika einzuschieben.

So bleiben mir in Ecuador nun nur noch sechs Wochen, in denen ich meine Arbeiten abschließen muss und mit all den liebgewordenen Menschen hier noch soviel Zeit wie möglich verbringen will. Am vergangenen Wochenenden eroberten wir ein halbes Dutzend Wasserfälle im Naturreservat von Mindo, einem kleinen Nest zweieinhalb Busstunden von Quito entfernt in einem subtropischen Talkessel. Da packte mich in manchen Momenten schon die Traurigkeit über den Abschied und die Wehmut eines zu Ende gehenden Sommers. Aber so recht kommen diese Gefühle dann doch nicht gegen die neu aufgeflammte Aufregung eines erneuten Aufbruchs an. Und schließlich heißt es: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.

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