Wir saßen wie üblich zu fünft im "petit restaurant", einer üblen Mittagskneipe an der Straßenecke, wo es nur Pommes und zähes Fleisch in Lappersemmeln gibt und ich mir schon zweimal den Magen versaut habe. Die Kollegin Claudia erzählte aufgebracht von ihrem Wochenende. Ihr Mann hatte sich am Samstag das Schlüsselbein gebrochen. Er wurde noch am selben Tag operiert, am Sonntag entlassen, am Montagmorgen saß er bereits wieder in der Arbeit, mit einer Unmenge von Schmerzmitteln intus und einem mittels Schlinge ruhiggestellten Arm. Jetzt hat er Angst, dass er entlassen wird, weil er nicht ordentlich einsatzfähig ist. Er arbeitet seit vergangenem November in einem Ministerium, sie bezahlen ihn erst seit Mitte Januar, Vertrag hat er immer noch keinen. "Und obendrein kostet uns die Operation einen Monatslohn", klagte Claudia. Das sind 7000 Bolivianos, umgerechnet 800 Euro. Claudia und ihr Mann und die meisten meiner Kollegen sind scheinselbständige "Berater", keiner von ihnen krankenversichert. Auch ein Gesetz von Evo Morales` Regierung hat an dieser Realität wenig geändert. Deshalb passieren hier auch diese Dinge: Kollegin Ximena kaufte Huftensaft in der Apotheke, als ihr zweijähriger Sohn kürzlich krank war. Den Gang zum Arzt sparte sie sich. Nach einer Woche musste sie den Kleinen ins Krankenhaus bringen - er hatte inzwischen eine Lungenentzündung. Eine private Krankenversicherung würde 40 bis 60 Dollar im Monat kosten. Das können sich die Kollegen nicht leisten. Dabei sind sie relativ gut verdienende Mittelschicht. Aber das Geld reicht immer gerade so. Deshalb ist für die meisten eine Katastrophe, was dieser Tage im Defensor de Pueblo passiert. Da die neue Verfassung nicht mehr vom Defensor, sondern von der Defensoría del Pueblo spricht, müssen alle Amtsgeschäfte auf den neuen Namen geändert werden. Unter anderem die Konten. Das alte Konto wurde eingefroren, das neue noch nicht eröffnet, und so warteten die Kollegen umsonst auf den Anruf, dass sie sich ihren Monatsscheck in der Personalabteilung abholen könnten. An dem Tag, als sich das Desaster herumsprach, gab es nur ein Thema: Wie nun Miete, Strom und Telefon, Wasser, Schulgebühren, die Abschlagzahlungen und der Bus in die Arbeit bezahlt werden sollten. Und nicht zu sprechen vom Geburtstag von Don Fidel, unserem Boten. Wenn in der Abteilung jemand Geburtstag hat, wird morgens eine halbe Stunde zum Frühstück geladen. Wir sind ein Dutzen Leute und passen gerade so ins Besprechungszimmer. Es gibt für jeden einen heiße Tasse Wasser, den Teebeutel bringt man am besten selbst mit, sonst muß man ihn mit den Kollegen teilen. Daneben liegt eine Semmel. Manchmal auch nur eine halbe. Und wenn jeder das trockene Ding mit dem heißen Wasser hinuntergewürgt hat, stehen wir auf und singen das Ständchen. Mein Kollege Hector und Don Fidel saßen etwa eine halbe Stunde bei mir und Ximena im Zimmer, um das Problem des ausstehenden Gehalts und der Kosten für das Geburtstagsfrühstück zu erörtern. Sie haben es dann irgendwie geregelt, ich weiß nicht wie, und sogar eine Luxusversion hingekriegt. Es gab für jeden eine halbe Salteña und einen Becher Limo, im Zimmer der Chefin, weil das Besprechungszimmer von einer anderen Abteilung besetzt worden war. Die Chefin macht bei diesen Runden nie mit, aber das war auch an diesem Tag kein Problem - während den Kollegen jede Minute Verspätung vom Gehalt abgezogen wird, taucht die Adjunta ohnehin nie vor elf im Büro auf.
Ja, so ist das mit dem Arbeitsalltag in Bolivien.

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