Montag, 20. September 2004

Peru in Bildern

Lima
















Titicacasee






























































Pisco












































Nasca































Machu Pichu













Cusco











Arequipa















Valle de Colca

Esel, Schweiß und harte Arbeit

Nur drei Wochen war ich auf Reisen, und in dieser Zeit haben sich hier in Quito die schwarzen Wolkenungetüme den Himmel über der Stadt erobert, hat wieder die Regenzeit begonnen. Mit dem Sommer geht auch meine Zeit hier in Ecuador dem Ende zu, und ich blicke auf fast fünf Monate in Quito zurück wie auf eine Kurzgeschichte.

Um mich vor meiner Peru-Reise zu verabschieden, hatten alle meine Quiteñer Freunde in der Wohnung von Tancredi, einem sizilianischen Journalisten, ein Abendessen organisiert. Anschließend gingen wir bis in den Morgen aus, so dass ich leidlich lädiert in Lima ankam. Genauso lädiert kam ich zurück, doch Pause gab es nicht: Dieselben Freunde erwarteten mich mit einer Überraschungs-Begrüßungsparty in meiner Wohnung. Diese hatte ich in die Obhut von Juan-Pablo, einem chilenischem Architekt, gegeben - nicht gerade zum Blumengießen, aber vorsichtshalber. Mein Türschloss ließe sich eher als Witz bezeichnen.

Hatte ich vor meiner Reise schon mit dem Gedanken gespielt, länger oder vielleicht sogar das ganze Jahr in Quito zu bleiben, so bin ich jetzt doch zu meinen ursprünglichen Plänen zurückgekehrt. Nicht nur, weil man diesen Sommer und die vielen Glücksmomente in dieser Stadt nicht festhalten kann. Sondern auch, weil mir die Peru-Reise überraschende Möglichkeiten erschlossen hat. Doch erst einmal zur Reise.

Lima könnte man als einen der Träume meiner Jugend bezeichnen, eher Begriff für ein Gefühl denn Name für einen tatsächlich existierenden Ort. Diesen Traum entdeckte ich schon vor der Abreise in dem Buch „Los amigos que perdi“ (Die Freunde, die ich verlor) des Peruaners Jaime Bayly wieder. Und durch glückliche Fügung, die meinen gesamten Aufenthalt auf diesem Kontinent bisher begleitet, habe ich eben jenen Seelen-Zustand in der tatsächlich existierenden Stadt desselben Namens gefunden. Wie als würde in einem Puzzle das letzte fehlende Stückchen eingesetzt: am Strand, wo die dicken Kieselsteine mit den zurückrollenden Wellen Symphonien erzeugen, sich die Farben in der beginnenden Dämmerung in ein monochromes Gemälde in Blau- und Grüntönen verwandeln, sich der Pazifik an einem unbekannten Punkt mit dem Horizont vereint und sich die Hochhäuser der Küstenlinie hinter gespenstischen Nebelschwaden verstecken; in der schwülwarmen und diesigen Winterluft in den baumbestandenen ruhigen Straßen des Nobelviertels Miraflores, im geschäftigen Treiben der kolonialen Altstadt mit seinen Märkten, kleinen Geschäften, Straßenhändlern und Volksküchen, in den lauten Diskotheken des Ausgehviertels Barranco oder auf der Holzterasse eines Lokals mit Blick auf Liebespaare unter Eukalyptusbäumen an der nächtlichen Steilküste.

Obwohl ich in der Stadt niemanden kannte, begann die Reise dort wie ein Besuch bei Freunden. Schon am ersten Abend, den ich allein verbrachte, nahmen mich die Besitzer eines kleinen Lokals, wo ich zu Abend aß, wie eine Tochter in ihre Familie auf. Nachts darauf trank ich mit dem Hostal-Wirt so ausdauernd Pisco, dass sich meine Freundin Petra, die inzwischen angekommen, aber bereits ins Bett gegangen war, anderntags beschwerte, ich hätte später geschnarcht wie ein alter Säufer. Und am dritten Tag eroberte ich mit einem in Peru arbeitenden Engländer das Nachtleben dermaßen im Durchmarsch, dass mir bis zur Abfahrt des Buses in Richtung Süden nicht einmal Zeit blieb, ins Bett zu gehen. Herzlicher kann der Empfang in einem fremden Land nicht ausfallen.

Dieses unterscheidet sich von seiner Hauptstadt gewaltig. Unsere Tour führte uns von Lima über Pisco, Nasca, Arequipa und Puno nach Cusco. Wir stöberten an der Ballesta-Halbinsel Seelöwen und Tölpel auf. Durchquerten mit dem Bus das Küsten-Wüstengebirge. Betrachteten von einer Cessna aus die Linien von Nasca. Durchschritten auf einer mehrtägigen Wanderung den zweittiefsten Canyon der Welt, das Valle de Colca, das von 3500 auf 2200 Meter abfällt, kehrten daraus bei nächtlichem Mondenschein zurück und beobachteten anschließend im Morgenlicht auf einer Felsklippe aus ein paar Metern Entfernung Kondore im Flug. Klapperten mit dem Bus über 4900 Meter hohe Anden-Pässe. Schipperten auf 3800 Höhenmetern auf dem Titicacasee, besuchten dort schwimmende Schilfrohr-Inseln und übernachteten auf der Isla Amantani bei einer Indígena-Familie. Erklimmten schließlich am Ende unserer Route nach einer Zugfahrt durch das Heilige Tal am Río Urubamba den Felsen, auf dem die Inkas ihre sagenumwobene Festung Machu Picchu hinterlassen haben, die in der Realität viel imposanter ist, als es das allseits bekannte Plakatbild vermuten lässt.

Tatsächlich mutet das Landleben manchmal an, als lägen zwischen den Inkas und heute nicht mehrere hundert Jahre. Soziales Gefälle und Armut sind erheblich, Strom und fließend Wasser in kleinen Dörfern eher die Ausnahme. Manche treibt Angst vor einer politischen Explosion um. In den Touristenzentren im Süden des Landes ist davon allerdings wenig zu spüren. Viele Orte präsentieren sich als Ethno-Markt mit einer immer gleichen Auswahl an Wollmützen mit Ohrenschützern, Handschuhen mit und ohne Finger, Alpaca-Ponchos, Lama-Decken und Panflöten. Es gibt sie tatsächlich auch in den Anden, die Panflötenspieler aus der deutschen Fußgängerzone. Und was die Peruaner angeht: Trotz vieler Unkenrufe und Warnungen über ihre Muffigkeit und die hohe Kriminalitätsrate findet sich alle paar Meter ein Mensch, der diese Pauschalurteile widerlegt. Abgesehen davon: Die Küche schneidet eindeutig besser ab als in Ecuador, auch wenn Hammelsuppe sicher nicht mein Lieblingsgericht werden wird. Außerdem habe ich in Peru neben Pisco zwei weitere Getränke entdeckt, denen neuerdings meine ganze Leidenschaft gilt: grellgeble Inka-Cola, die schmeckt wie die Ahoy-Brause aus unserer Jugend, und Mate de Coca, der praktisch zu jeder Gelegenheit serviert wird.

Die Landschaft beeindruckt schließlich dermaßen, dass jede im Bus geschlafene Stunde im Herzen wehtut. Sie wartet mit Wüstenebenen und grünen Oasen zwischen wasserlosen Felsgiganten auf, mit schneebedeckten Bergen hinter hellgrün schimmernden Grasbuckeln, zwischen denen sich weite Ebenen strecken, auf denen Lamas weiden und über die ein eisiger Wind fegt. Überhaupt die Busfahrten: der Geruch von Esel, Schweiß und harter Arbeit in der Nase, der Hintern auf einem durchgesessenen Sitz ohne Platz für selbst kurze Beine, peruanische Volkslieder oder Hits von Shakira aus dem Lautsprecher, Stopps an jeder abgehenden, kaum sichtbaren Schotterpiste, ein angesichts des von Schlagloch zu Schlagloch wankenden Gefährts im Fenster auf- und abwippendes Bergpanorama – das sind die schönsten Momente des Unterwegs-Seins. Das für Petra noch weitere drei Wochen andauert, in meinem Fall aber in Cusco und mit einer weiteren Nacht im Limeñer Ausgehviertel endete.

Aber nicht für lange. Nach einem halben Jahr Sesshaftigkeit in Quito werde ich mich bald wieder auf den Weg machen, wenn auch nicht im Bus. Bei einem Besuch bei einer politischen Stiftung in Lima bot mir der Chef an, eine kleine Studie über die Pressearbeit der nicaraguanischen Regierung zu machen, die in Deutsch und Spanisch erscheinen soll. Dieser Tage werde ich zusagen, bis zum 15. Dezember soll ich 50 Seiten abgeben, so dass ich bereits Anfang November nach Managua wechseln werde. Und weil das Leben voller glücklicher Zufälle ist, lernte ich mitten auf dem Titicacasee eine guatemaltekische Journalistin kennen, die unter anderem für jene alternative Frauen-Zeitschrift in Guatemalteka-Ciudad arbeitet, mit der ich ohnehin Kontakt aufnehmen wollte. So dass ich also auch im Januar nicht in die Fremde aufbrechen werde, wenn ich dann noch einmal den Standort wechsle - nicht ohne vorher über Weihnachten und Neujahr drei Wochen Urlaub in einem mir noch unbekannten Land in Lateinamerika einzuschieben.

So bleiben mir in Ecuador nun nur noch sechs Wochen, in denen ich meine Arbeiten abschließen muss und mit all den liebgewordenen Menschen hier noch soviel Zeit wie möglich verbringen will. Am vergangenen Wochenenden eroberten wir ein halbes Dutzend Wasserfälle im Naturreservat von Mindo, einem kleinen Nest zweieinhalb Busstunden von Quito entfernt in einem subtropischen Talkessel. Da packte mich in manchen Momenten schon die Traurigkeit über den Abschied und die Wehmut eines zu Ende gehenden Sommers. Aber so recht kommen diese Gefühle dann doch nicht gegen die neu aufgeflammte Aufregung eines erneuten Aufbruchs an. Und schließlich heißt es: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.

Samstag, 21. August 2004

Im Dschungel






Gerade hat mir wieder jemand die Rechnung für Strom, Abfall und Feuerwehr unter der Tür durchgeschoben, und während von draußen Verkehrslärm, die Stimme eines Verkäufers und das Klopfen eines Straßenarbeiters in meine Wohnung dringt, denke ich mit Sehnsucht an meine letzte Reise, deren Eindrücke immer noch anhalten. Wenn mich einmal in meinem Leben das Bedürfnis packen sollte, dieser Zivilisation ganz den Rücken zu kehren, dann weiß ich jetzt, wohin ich gehen werde – wenn es denn den Ort so dann noch geben sollte. Er heißt Sarayaku, liegt im Distrikt Pastaza am Rande des ecuadorianischen Amazonas-Gebietes im Südosten des Landes und ist von der nächstgrößeren Stadt namens Puyo nur mit Kanu oder Flugzeug zu erreichen: zwei Tage auf dem Rio Bobonaza oder eine halbe Stunde in einer viersitzigen Cessna.






Vor etwa 80 Jahren hat Sarayaku die evangelischen Missionare zum Teufel gehauen, seit 15 Jahren kämpfen die 200 Quechua-Familien nun dagegen, dass auf ihrem Territorium eine ausländische Firma mit der Ölausbeutung beginnt. Der Staat hat den Indiandern zwar ihr Stammesgebiet verbrieft, sich aber die Oberhoheit über die Bodenschätze vorbehalten. Die Indianer wissen, wie es im Norden des ecuadorianischen Amazonas-Gebietes aussieht, wo Texaco beträchtliche Umweltschäden angerichtet hat, die gerade vor Gericht verhandelt werden, und die Ankunft der Öl-Arbeiter in der Regel das Ende der indianischen Lebensweise und Kultur bedeutete (diese Gegend wird Ziel meiner nächsten Recherchereise in Ecuador).






In den vergangenen zwei Jahren hat sich der Kampf Sarayakus erheblich zugespitzt: Ein Shaman wurde ermordet, es gibt mehrere ungeklärte Todesfälle in der Gemeinschaft, Bedrohungen mit Schusswaffen und Morddrohungen, nicht nur gegen Mitglieder der Gemeinde, sondern auch gegen Mitarbeiter von Organisationen, die Sarayaku unterstützen. Unter anderem befasste sich Amnistía in sieben acciones urgentes mit dem Fall sowie der interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte. Die Zone ist militarisiert, der Fluss wird immer wieder von Soldaten und Ölarbeitern geperrt, und offenbar gibt es ein Ultimatum an die Indianer, das – so wird gemunkelt - nächsten Dienstag ausläuft. Weiß Gott, was dann passieren wird. Hoffentlich nicht, was ich kürzlich geträumt habe: dass Soldaten ein Massaker in der Kommune anrichten.

Die Menschen in Sarayaku sind rebellisch und verständlicherweise ziemlich misstrauisch. Als ich mit Claude aus Belgien, einer Kollegin aus dem Büro von Amnistía, Linda aus Finnland, die bei einer Indigena-Organisation arbeitet, und einem 50-Kilo-Sack mit Lebensmitteln morgens auf der Piste des Dorfes landete, wurden wir nicht unbedingt freundlich empfangen. Mario Santi, der Bruder des Gemeinde-Präsidenten und Chef des Aktionsbüros des Dorfes in Puyo, hatte vergessen, unsere Ankunft per Radio durchzusagen. Telefon gibt es im Urwald ebensowenig wie Strom, Handys funktionieren nicht.

Also nahm uns Franco Viteri, ehemaliger Gemeinde-Präsident, in seinem Haus bei einer Runde Chicha de Yuca erst einmal ins Kreuzverhör. Chicha ist ein alkoholhaltiges Gebräu. Die Frauen kauen gekochte Maniokwurzeln und spucken sie wieder aus, mischen das Zeugs mit Wasser und servieren es dann aus einem großen Ton-Behälter in einer Kokosnuss-Schale. In diesem Fall übernahm das Servieren Viteris Tante. Claude und Linda winkten nach einem Schluck ab, aber bei mir – jeweils die Letzte in der Runde - setzte die Frau trotz meiner Bitten die Schale einfach nicht ab. Ich musste sie komplett leeren. Nach drei Runden war ich nicht mehr ganz nüchtern und hatte obendrein Mühe, meinen Mageninhalt zu behalten.






Das also war der Empfang. Nach einer guten Stunde hatten wir Viteri so weit überzeugt, dass wir keine Spione sind, wurden angewiesen, unter keinen Umständen und nirgends im Ort Getränkeeinladungen zu akzeptieren, und kamen in die Obhut von Gerardo Gualinga. Im Haus seiner absolut beeindruckenden Familie verbrachten wir die drei Tage unseres Aufenthaltes. Gerardo ist 25 Jahre alt und arbeitet als einer der wenigen der Kommune richtig bezahlt. Die Sarayaku-eigene Reiseagentur beschäftigt ihn als Touristenführer im Ort und in einer Shua-Gemeinschaft etliche Kilometer weiter südlich. Ja, man kann – nicht viele tun es - als Tourist nach Sarayaku kommen – wenn man sich denn an bestimmte Dinge gewöhnt. Wäre man zynisch, würde man sagen: Das Leben im Ort ist wie Dauercampen ohne Campingplatz. Unsereiner würde nicht einmal mit einem Survival-Handbuch lange alleine überleben.






Es gibt also keinen Strom, weshalb man bei Kerzenlicht zu Abend isst und dann früh ins Bett geht. Es gibt kein Bad, weswegen man zum Waschen an einen 500 Meter entfernten kleinen Bach geht, aus dem die Indígenas auch ihr Trinkwasser holen. Es gibt kein Klo, weshalb ein Ort an einem anderen kleinen Fluss für diese Bedürfnisse aufgesucht wird, was besonders nachts ein Vergnügen ist. Das Toilettenpapier bringt man wieder mit und verbrennt es in der Küche. Die Küche sind die Enden dreier großer Baumstämme, zwischen denen ein kleines Feuer glimmt – mitten im Haus. Das Haus besteht aus gestampftem Boden und einem Holzdach auf Stelzen, manchmal mit einer Art schulterhohem Holzzaun rundum. Die Straßen sind Trampelpfade durch den Urwald, die sich bei Regen in Schlammpfützen verwandeln. Weswegen die Indígenas entweder Gummistiefel oder gar keine Schuhe tragen. Das Essen: Was man im mehrere Meter breiten Rio Bobonaza fischt, mit Lanze oder Gewehr jagt, im mitunter zwei Stunden Fußmarsch entfernten Feld anbaut, hauptsächlich Yuca, Banane, Mais, und was sonst so vom Baum fällt.






Das Leben in Sarayaku sieht für unsereiner aus wie dauernder Müßiggang, besonders wenn man die Männer nach einer Runde Chicha in der Hängematte dösen sieht. Aber das Leben ist ziemlich hart, vor allem harte körperliche Arbeit - und voller Gefahren. Von allen Schlangenarten, die es dort gibt (und es gibt etliche), ist nur eine ungefährlich. Mitunter schleichen nachts Pumas um die Häuser und scheuchen die Hunde auf. Im Fluss tummeln sich Piranhas, außerdem gibt es Krokodile, giftige Riesen-Ameisen, Unmengen von Stechmücken, Malaria und Dengue-Fieber, um nur eine kleine Auswahl zu nennen.






Fast alle aus Sarayaku kennen das Leben außerhalb des Dschungels. Viele der Jungen haben in Quito oder Puyo studiert. Inzwischen gibt es sogar im Ort außer einer Schule und einem Gymnasium eine Mini-Uni, die Lehrer ausbildet. Sie wissen, was Europäer und Nordamerikaner unter Entwicklung und Zivilisation verstehen, haben ein Netzwerk über die ganze Welt gespannt, sind ziemlich gut organisiert und ziehen es doch vor, nach der Tradition ihrer Vorfahren zu leben und dieses Leben und ihre Lebensgrundlagen zu verteidigen – und damit auch unsere Lebensgrundlagen, wie sie immer wieder zu Recht betonen: der Amazonas als Lunge der Welt.






Grundlage des Lebens ist die Natur, essentiell ist Solidarität. Samstag ist Minga-Tag, da müssen alle ran zur Gemeinschaftsarbeit, entweder für die Gemeinde oder für eine einzelne Familie. Da werden dann Häuser gebaut, Wasserreservoires repariert oder die Flugzeug-Piste in Stand gesetzt. Samstag ist außerdem der Tag für Fortbildungsseminare. Gefeiert wird sonntags, solange das Chicha reicht, manchmal also bis Montag. Sonntag ist außerdem Versammlungstag – das Leben in Sarayaku ist durch und durch demokratisch organisiert. Die Versammlung fällt alle Entscheidungen. Sie wählt außer dem Gemeinde-Präsidenten Verantwortliche für Gesundheit, für Erziehung, eine Repräsentantin für die Frauen, einen Vertreter für Jugendliche sowie die Leiter der kleinen Solidaritätskasse (die örtliche Kreissparkasse) und wahrscheinlich noch einige Dirigentes mehr, von denen ich gar nichts mitgekriegt habe. Zusätzlich muss in seinem Ortsteil im jährlichen Rhythmus jeder einmal den kuraka übernehmen, das ist der Stock der lokalen Autorität.

Die großen Autoritäten im Dorf sind aber die Schamane, wie Gerardos 82-jähriger Vater. Während die 68-jährige Mutter gerne Geschichten von früher und alte Indianer-Legenden erzählte, schaltete sich Don Sabino eher selten in die Unterhaltungen ein, hörte aber immer sehr aufmerksam zu und machte den Eindruck eines Menschen, der einfach nur in sich ruht. Eines Tages stand er plötzlich mit einer Netztasche vor mir, in der etwas Kleines, eingewickelt in Bananenblätter, lag, und verabschiedete sich mit den Worten, er gehe jetzt zum Kochen in den Dschungel. Don Sabino machte sich auf den Weg, um Ayahuasca zu brauen. Das halluzigene Getränk brauchte er für die Zeremonie am Abend, in der sein Sohn Gerardo seine Seele reinigen ließ. Er hatte mich zwar eingeladen, teilzunehmen, meine Seele konnte ich allerdings nicht reinigen lassen. Sie hatten mir nicht rechtzeitig gesagt, dass man an diesem Tag nichts essen darf und sich vorher ordentlich waschen muss. Die Zeremonie selbst findet in absoluter Dunkelheit statt und beginnt mit stundenlangen Gesängen in Quetchua... Anderntags verschwand der Vater wieder im Urwald, um all die negativen Energien loszuwerden, die er in der Zeremonie auf sich geladen hatte.






Vielleicht sollte er bei seiner nächsten Zeremonie die Seele seines ältesten Sohnes reinigen, der sein Nachfolger als Schaman ist. Mit ihm hatte ich nicht in Sarayaku, sondern erst nach meinem Aufenthalt dort das Vergnügen. Das Zusammentreffen war rein zufällig, aber - das will ich nicht verschweigen - außerordentlich unerquicklich. Als ich bei meiner Rückreise im Hostal in Baños aufwachte, wo wir Zwischenstation gemacht hatten, blickte mich ein Paar dunkler Indianeraugen an. Der 40-jährige Juan nahm mich eine ordentliche Zeit ins Kreuzverhör und versicherte mir, dass man mich schon finden würde, wenn der Gemeinde nicht gefalle, was ich schreibe. Na ja, das darf man nicht so ernst nehmen, der Mann war offenbar betrunken und hat wohl außerdem in seinem Leben schon ein bisschen zu viel Ayahuasca zu sich genommen.

Erst heute habe ich auf einem Juristenkongress in Quito, wo anhand einiger Beispiele über die Rechte der indigenen Völker Amerikas an ihren Territorien gesprochen wurde, Franco Viteri wiedergetroffen. Er war sehr freundlich, und ich gab ihm Abzüge meiner Fotos aus seinem Dorf. Wenn mich also der Nachwuchs-Schaman doch noch verwünschen wollen sollte – Franco Viteri wird hoffentlich rechtzeitig ein gutes Wort für mich einlegen. Eine Einladung für einen erneuten Besuch habe ich ohnehin.

Freitag, 6. August 2004

Hasta la victoria siempre




Wenn durch die Fenster im achten Stock mal wieder Sprechchöre in das Büro von Amnistía dringen, reagiert inzwischen kaum mehr jemand von uns. Wir haben uns daran gewöhnt, dass an manchen Tagen drei verschiedene Demonstrationen im Abstand weniger Stunden über die 10 de Agosto in Richtung Kongress ziehen. Vor einigen Wochen war das täglich der Fall. Die Indígenas wollten wie vor zwei Jahren einen Regierungswechsel erzwingen. Im ganzen Land sperrten sie die Hauptverbindungsstraßen, organisierten Protestmärsche und Arbeitsniederlegungen – dieses Mal allerdings ohne Erfolg. Da der Präsident, dem sie 2002 ins Amt verholfen hatten, schlauerweise Vertreter der Indígenas in seine Regierung geholt hat, sind sie inzwischen so zerstritten, dass sie es nicht mehr schaffen, ihre eigenen Leute, geschweige denn das ganze Land zu mobilisieren. Und wenn nicht die Indígenas über die 10 de Agosto ziehen, fordern dort die Revolutionäre Jugend Ecuadors mit roten Che-Guevara-Fahnen einen besseren Bustransport zur Schule oder die Rentner eine Erhöhung ihrer monatlichen Zuwendung. Die Alten kämpfen inzwischen sogar mit Hungerstreik für mehr Geld, in den vergangenen zwei Wochen sind 14 von ihnen an der Aktion gestorben.

Wenn es also irgendwo Protestkultur gibt, dann hier in Ecuador und in ganz Lateinamerika. Das haben die Latinos in den vergangenen zehn Tagen in zwei Veranstaltungen noch einmal gesondert unter Beweis gestellt. Zuerst haben sich vier Tage lang Vertreter der Indígenas von Alaska bis Feuerland in Quito getroffen, ihre Einheit beschworen, obwohl sie sich im Grunde nicht ausstehen können, und ordentlich mobil gemacht für Chavez und Cuba und gegen Rassismus, Neoliberalismus, Imperialismus, Kapitalismus, die Vereinigten Staaten, Transnationale Firmen, TLC und Globalisierung. Täglich um 5.30 Uhr entzündeten sie auf dem Dach einer katholischen Mädchenschule das heilige Feuer und grüßten die Sonne, Norden und Süden, Osten und Westen, Erde und Himmel und Berge und Bäume und alles, was es sonst noch gibt – jeden Tag nach dem Ritual eines anderen Teil des Kontinents. Dann wurden gemeinsam Erbsen für das Frühstück gepult. „Wer nicht hilft, isst nicht“, schrie Organisatorin Blanka Chancoso und achtete darauf, dass sich keiner der mehreren hundert Teilnehmer und Journalisten drückte.







Anschließend – mit ordentlicher Verspätung von durchschnittlich zwei Stunden – wurde über Autonomie und Selbstbestimmung, Plurinationalität und nachhaltige Entwicklung, über geistiges Eigentum, die Rechte der Indígenas, ihre Teilhabe an Politik und Gesellschaft und deren Militarisierung gesprochen. Was in der Resolution zum Abschluss exakt steht, weiß ich allerdings nicht. Als sich am letzten Tag spätnachmittags die Teilnehmer zu einer Protestkundgebung sammelten, hatten sie die Pressekonferenz einfach ohne Erklärung ausfallen lassen. Auf das Mail, das mir fest versprochen wurde, warte ich bis heute. So sind sie, die Latinos – wenn man denn die Indígenas als Latinos bezeichnen kann. Dafür habe ich jetzt eine Kontaktadresse in Chiapas/Mexiko, kenne den Chef der größten Indígena-Bewegung in Ecuador und eine der indigenen Führerinnen im Kampf Venezuelas für Chavez.








Die Protestkundgebung der Indígenas am letzten Tag ihrer Zusammenkunft führte zur Plaza San Francisco in der Altstadt, wo übergangslos gerade der nächste Gipfel begann, das Foro Social de las Américas, das Weltsozialforum für den Kontinent, das unter dem Motto stand: „ein anderes Amerika ist möglich“. Nach einem eher kulturellen Auftakt trafen sich mehrere tausend Menschen von Alaska bis Feuerland täglich in drei Universitäten Quitos und im Casa de la Cultura, um dort über Demilitarisierung, Auslandsschulden, Alternativen zur neoliberalen Globalisierung, Welthandel, Menschenrechte, sexuelle Diversität, soziale Bewegungen, Plan Colombia, ALCA, Gleichberechtigung, Weltbank, Friede, Freiheit und Eierkuchen zu reden. Höhepunkt war ein mehr als dreistündiger Marsch durch die gesamte Stadt mit kommunistischen, antikapitalistischen und -imperialistischen Parolen und Sprechgesängen wie „Hu, ha, Chavez no se va“ (Chavez tritt nicht ab) oder „Coca Cola asesina“ (Coca-Cola tötet). Am Anfang gab es an der amerikanischen Botschaft ein bisschen Trubel mit der Polizei, am Ende ein bisschen Reizgas. Aber insgesamt verlief doch alles friedlich. Allerdings ist die Demo-Route nun an den Schmierereien an den Hauswänden zu erkennen.







Von den vielen interessanten Themen und ebenso vielen Sprechblasen, die in den Seminaren, Konferenzen und Workshops des Foros von sich gegeben wurden, habe ich leider nur den kleinsten Teil mitbekommen. Auch am Stand von Amnestía in der Universidad Salesiana war ich eher selten Gast, und wenn dann eher, um mir an den angrenzenden Ständen Ceviche, Empanadas oder Fisch-Kroketten und Schokoladenkuchen zum Mittagessen zu kaufen. Ich war voll und ganz damit beschäftigt, die AI-Delegation aus London, Paraguay, Uruguay, Peru und Argentinien medial zu vermarkten und die Termine zu koordinieren und kämpfte dabei unter anderem ordentlich gegen die Angewohnheit der sieben Frauen, die extra beschafften Mobiltelefone nicht einzuschalten, und ihren Unwillen, jeden Tag um sechs Uhr oder noch früher aufzustehen. Aus irgendeinem Grund machen Radios und Fernsehstationen ihre Interviews immerzu morgens zu fast nachtschlafener Zeit. So verging also kein Tag, an dem ich nicht spätestens um sieben im Hotelfoyer stand, um die Damen zu diversen Studios zu begleiten. Während ich dann untertags unzählige 10-Dollar-Karten mit meinem Handy vertelefonierte, besuchten die Delegierten eine Veranstaltungen nach der anderen, um Kontakte zu sammeln. Abends um neun gab es noch mal Besprechung. Und hinterher wollte die Gruppe natürlich etwas essen oder gar ausgehen.



So habe ich es außer zu einem Seminar und einer Videovorführung über den Plan Colombia und einer Versammlung zu dem Thema Frauen in der Indígena-Bewegung nur mit dem Chef von „Opción“ ins Nationaltheater geschafft, um am Festabend für Kuba teilzunehmen. Dort wurden vor 2000 Zuhörern Texte von Fidel und Che gelesen, Reden gehalten, die mit „hasta la victoria siempre“ endeten, rote Fahnen geschwungen, Solidaritätsadressen für die fünf inhaftierten Cubaner in den USA abgegeben, und dazwischen durften ein paar alte cubanische Barden schmonzige Lieder singen. Auch wenn eher nüchterne Zeitgenossen in Deutschland jetzt lachen mögen, aber nach all dem Zynismus in Europa ist so ein bisschen linker Idealismus in Lateinamerika doch sehr erfrischend. Ehrlich gesagt, der Abend war richtig ergreifend. Hier muss man sich nicht für sein bisschen laues Links-Sein schämen, hier muss man sich höchstens für seinen Mangel an Radikalität genieren.




Zum Abschluss des Foros am vergangenen Freitag habe ich es schließlich noch fertiggebracht, dass der deutsche Botschafter den Stand von Amnistía besuchte und dort seine Unterstützung für unsere Kampagne „Stoppt Gewalt gegen Frauen“ zum Ausdruck brachte, indem er unter diesem Slogan seinen Handabdruck in Farbe auf einem großen Leintuch verewigte – neben vielen anderen farbigen Handabdrucken. Und ein Gespräch mit einer der Delegierten aus London führte, das diese in den siebten Himmel versetzte. „Zum ersten Mal ist es passiert, dass jemand anbietet: Sag, was ich machen soll, und ich mache es“, schwärmte die Spanierin. Einziges Manko der Aktion: Trotz hoch und heiliger Versprechungen sämtlicher Tageszeitungen in Quito ist natürlich kein einziger Journalist erschienen. Wie auch – als Redakteurin hätte mich das auch nicht interessiert.




Aber ich war zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon nicht mehr ganz Herr meiner Sinne. Die Woche war ziemlich anstrengend gewesen. Unter anderem habe ich – außerhalb des Foros – ein Interview mit der Tochter von Che Guevara geführt. Und zu allem Überfluss war ich am Vortag bis sechs Uhr morgens unterwegs gewesen, um nach drei Stunden Schlaf aufzustehen und einen Artikel für „Opción“ zu schreiben. Als sich dann am Freitagabend in der Disko die 24-jährige Amelie schon um eins verabschiedete und ich – inzwischen wieder topfit – eine dumme Bemerkung machte, von wegen Jugend und so, antwortete die französische Kollegin frech: „Wenn Du so weitermachst, wirst Du dieses Jahr in Lateinamerika nicht überleben.“ Ich hoffe natürlich schon.

Mittwoch, 21. Juli 2004

La Mariscal

So schrecklich ich den Kern des Viertels Mariscal, an dessen Rand ich wohne, am Anfang fand, inzwischen habe ich mich mit Gringolandia angefreundet. Wie das kommt? Ich hatte in den vergangenen zwei Wochen erstmals abends nicht wirklich etwas zu tun und bin deshalb nachts so ausgiebig unterwegs gewesen, dass ich tagsüber beim Arbeiten kaum die Augen aufgebracht habe und mir beim Termin mit dem deutschen Botschafter gar vor Müdigkeit fast die Tränen gekommen sind. Der deutsche Botschafter ist in Gringolandia nachts sicher nicht zu finden. Dafür aber angetrunkene Asesores aus dem ecuadorianischen Kongress, Schwarze auf der Suche nach Gringas, die ihnen eine Zeitlang den Lebensunterhalt finanzieren, Latinos und Gringos auf der Suche nach einem Abenteuer für eine Nacht, Prostituierte, Reisende aus der ganzen Welt, Provinz-Ecuadorianer auf Hauptstadtausflug und – auch das – ganz normale Quiteñer aller Altersklassen.

Im Prinzip handelt es sich um exakt eine Straßenkreuzung und ihre Ausläufer, an der sich das Nachtleben der Neustadt ballt. Es ist die Kreuzung des Internetcafés „Papayanet“, an der sich Gott und die Welt verabredet. Während die Ecke tagsüber eher verschlafen und ausgestorben wirkt, sammeln sich dort ab sieben Uhr abends, wenn es schon dunkel ist, Gruppen und Grüppchen, stauen sich auf der Straße plötzlich die Autos, postieren sich Polizisten für den Nachtdienst, tauchen aus allen Winkeln Kinder auf, die Chiglets (Kaugummi) und rote Rosen verkaufen, und weiter unten baut einer täglich seinen Grill auf, dessen nackte Glühlampe später nicht nur die nach Fabrik aussehenden Hotdog-Würstel, sondern auch eine Schlange hungriger Nachtschwärmer in gleißendes künstliches Licht tauchen wird.

„Adonde vamos?“, ist die Standardfrage zu Anfang eines Abends. Dabei ist sie eigentlich überflüssig. An den zwei Straßen ballen sich zwar Diskotheken, Bars, Kneipen und Restaurants. Aber da wir ohne Ausnahme mit unserem Geld haushalten müssen, steht alles, was mehr als drei Dollar Eintritt kostet, praktisch nicht zur Diskussion. Wegen Überteuerung der Getränke steuern wir einige andere Orte nur selten an: Das „Bodegin“ ist ein historisches altes Haus mit gemackvollem Ambiente und Gästen meines Alters und aufwärts, wo die Kellner mitunter die weiblichen Gäste zum Tanzen auffordern und der Wirt gerne selbst zur Gitarre greift, wenn er eine Band zu Gast hat. Das „Varadero“ und „La Bodeguita de Havanna“ bieten jedes Wochenende cubanische Livemusik auf und verwandeln sich dann in dampfende Hexenkessel mit dicht an dicht tanzenden und hopsenden Gästen, die mit einer halb mit Sand gefüllten Plastikwasserflasche den Rhythmus in die Luft schlagen. Etwas gediegener geht es in einer Salsothek im Untergeschoss eines Hochhauses zu, wo sich auf der Tanzfläche die Könner treffen.

Unsere Abende beginnen meist in einer kleinen Kneipe im ersten Stock über einer Diskothek, wo am Wochenende nachts gerne eine grauenhafte Combo ihre Instrumente auspackt, die Getränke billig, die Barmänner zu späterer Stunde ordentlich betrunken und die Hamburger nicht zu empfehlen sind – die verursachen manchmal Probleme mit der Verdauung, und das hat bei mir bisher nicht einmal das Leitungswasser hier geschafft. Wo es dann auch hingeht, am Ende landen wir doch immer im „Sasha“, einer kleinen Hiphop-Diskothek mit grauenhaften Caipirinhas und einem Balkon für diejenigen, denen das alles zuviel geworden ist. Der Ort ist nebenbei auch der Treffpunkt der Schwarzen Quitos. Und wer auch immer nur einen Schwarzen in Ecuador kennen gelernt hat, kann sich sicher sein, dass alle anderen Schwarzen an allen anderen Orten des Landes diesen kennen. Ecuador ist klein, die Gemeinde der Schwarzen noch kleiner.

Wer nun nach einem Donnerstagabend im „Sasha“ anderntags mit dem Nachtbus für das Wochenende an die Küste nach Atacames fährt, wo ich nun nach drei dort verbrachten Wochenenden so schnell nicht mehr hin muss, trifft dort mitunter die gleichen Gesichter wieder. Was auch daran liegt, dass die Küste die Heimat der Schwarzen ist. Atacames ist eine Kopie des Mariscal und gleichzeitig ein bisschen wie Tollwood am Meer: eine Strandkneipe mit tropischen Cocktails und ohrenbetäubender Musik neben der anderen, dazwischen Stände mit Ethno-Artikeln, Fleischspießchen, gebratenen Maiskolben und Kokossüßigkeiten und eine Unzahl von Frauen, die Haare flechten, und Männer, die tätowieren oder piercen. Zwischen Rikscha-Taxen bummeln Unmengen urlaubender Ecuadorianer und in diesen Tagen zusätzlich Horden von Jugendlichen, die dort ihre Abschlussfahrt verbringen. Da kann es dann passieren, dass eine 34-jährige Gringa eine halbe Stunde lang mit einem halbwüchsigen Schüler tanzen muss.

Gewöhnungsbedürftig, aber nicht zu vermeiden in Lateinamerika: Der Mann fordert die Frau zum Tanzen auf, allein rumhopsen ist an vielen Orten eher nicht angesagt, oder zumindest bleibt man selten lange alleine beim Tanzen. Für einen Korb muss man schon einen triftigen Grund finden. Zu empfehlen ist, lieber mit einem Kotzbrocken ein Lied in Ehren hinter sich zu bringen, dann gibt der wenigsten Ruhe für den Rest des Abends. Aber natürlich nicht, ohne vorher die fünf W-Fragen losgeworden zu sein: Woher kommst Du, wie heißt Du, wie lange bleibst Du, was machst Du hier, hast Du einen Freund? Variationen gibt es nicht, nicht einmal in der Reihenfolge.

In Quito könnte man seine Nächte natürlich auch außerhalb des Mariscal verbringen. Allerdings kostet das zusätzlich die Taxifahrt, während ich in der Neustadt zu Fuß nach Hause gehen kann. In der Altstadt ist es hingegen nachts so gefährlich, dass jeder Meter zu Fuß das Leben kosten kann. Dort steigt man nachts sogar erst dann in ein Taxi, wenn der Fahrer den Namen der Person gesagt hat, die ihn telefonisch gerufen hat. Taxiklau ist nicht selten – nicht wegen der Autos, sondern als Mittel zum Zweck. Dabei gibt es auch in der Altstadt nette Orte, etwa das „Casa de la Peña“, ein verwinkeltes Kolonialgebäude mit Patio und langer Geschichte, das eine Gruppe junger Kolumbianer hergerichtet hat und nun betreibt. Das Lokal bietet nicht nur hervorragende Livemusik an den Wochenenden, sondern immer auch wieder so etwas wie Kabarett. Sozusagen das alte kino von Quito – allerdings mit erheblich gesalzeneren Preisen.

Wer nun allerdings meint, in Quito die Nacht durchzechen und -tanzen zu können, der irrt gewaltig. Während in München erst kürzlich die Aufhebung der Sperrstunde beschlossen wurde, muss hier in der ecuadorianischen Hauptstadt jedes Lokal punkt zwei Uhr schließen. Aber natürlich wäre das nicht Lateinamerika, wenn es nicht auch dafür eine Lösung gäbe. Die ein oder andere Bar sperrt ihre Gäste ein. Und wenn selbst dort kein Bleiben mehr ist, gibt es immer noch die „clandestinos“, die sich in der Regel hinter unscheinbaren heruntergezogenen Rolläden verbergen und die man frühestens zum Frühstücken verlässt. Zu empfehlen ist dann nach durchzechter Nacht eines der beiden Nationalgerichte: Encebollada (deftig gewürzte dunkle Fischsuppe) oder Ceviche (mit Essig, Öl und Zitronensaft marinierte und mit Tomaten, Kräutern und Zwiebelringen garnierte rohe Meeresfrüchte). So etwas schmeckt natürlich am besten an der Küste, etwa in Sua, dem etwas familiäreren und ruhigeren Nachbarort von Atacames. Ein solches Frühstück am „Volksküchen“-Tisch mitten auf der staubigen Straße mit Blick auf das Meer - und auch dieser Tag ist Dein Freund.