Nur gut, dass ich mich schon vor zwei Wochen von Lima verabschiedet habe, denn bei einem solchen Umzug bleibt für Gefühlsduselei keine Zeit. Und da lassen wir die Sache mit dem Visum für Ecuador, dem Auflösungsvertrag für meinen Posten hier, der Flugbuchung, der Kontoauflösung, der Ausreisegenehmigung und allen sonstigen Kleinkram mal großzügig weg und nehmen wir doch als Beispiel einfach nur mein Gepäck. Ich hatte es unter Schmerzen und mit Mühe von drei auf zwei dieser blauen Tonnen reduziert, und die sollten nach Deutschland.
Die Probleme aber fingen schon an, bevor ich damit überhaupt am Frachtflughafen auftauchte.
Als ich Kontakt mit einer Dame von Lufthansa Cargo in Lima aufnahm, war die Antwort auf meine E-Mail relativ klar: Bis 99 Kilo Gesamtgewicht kostet das Kilo 4,85 Dollar, bei einem Gesamtgewicht über 99 Kilo kostet das Kilo 2,02 Dollar. Jede meiner Tonnen hat ein Volumengewicht von 34 Kilo, und da rechnete ich schnell aus, dass es mir billiger kam, drei Tonnen zu verschicken als zwei. Aber womit die dritte Tonne füllen? Ich ging also nochmal zum Einkaufen auf den Inkamarkt, holte aus den anderen Tonnen wieder was raus, füllte um.
Voraussetzung, dass ich meine „persönlichen Effekten“ durch den peruanischen Zoll bringe, sind laut Lufthansa Cargo: Kopie meines Dienstausweises vom Auswärtigen Amt, englische und spanische Inhaltsliste mit Wertangabe in dreifacher Ausfertigung und die Kopie meines Flugtickets.
Flugticket? A su madre, ich fliege doch gar nicht nach Deutschland! Ich rief wieder die Dame an. „Darf es auch ein Ticket nach Ecuador sein?“ – „Nein, sie müssen nach Deutschland fliegen!“ – „Hmmm. Genügt eine Reservierung?“ – „Ja, eine Reservierung genügt. Ist nur für den Zoll.“ Aufatmen. Ich ging ins nächste Reisebüro und ließ mir einen Flug nach Deutschland reservieren, den ich nie die Absicht hatte zu kaufen. Ich war gerüstet. „Montagmorgen um neun?“ – „Geht in Ordnung“, sagte die Dame von Lufthansa Cargo. „Frachtflughafen, Gebäude vier, zweiter Stock.“
Wie aber komme ich mit drei blauen Chemietonnen zum Frachtflughafen? Meine Auto hatte ich schon abgegeben. Mit so viel Gepäck konnte ich mich schwerlich auf die Straße stellen, um ein Taxi anzuhalten, das wäre geradezu eine Einladung für einen Überfall gewesen. Ich rief also die Zentrale eines sicheren Taxiunternehmens an.
„Ich brauche was mit viel Stauraum.“ – „Klar, wir schicken ihnen eine Camioneta.“ Am anderen Morgen aber stand nicht der versprochene Pick-up vor meiner Hostaltür, sondern ein gasbetriebener Kombi, dessen halber Kofferraum schon mit der Gasflasche voll war. Na ja, wir kriegten die Tonnen trotzdem irgendwie rein. Also, was heißt wir? Das war der faulste Taxifahrer, den ich je gesehen habe.
Am Eingang zum Gelände des Frachtflughafens schickten sie uns irgendwohin, im Irgendwo lud ich die Tonnen aus, zahlte den Taxifahrer, und da hatte ich das nächste Problem: Wenn ich jetzt da rauf in ein Büro muss, kann ich die drei Tonnen ja schlecht unterm Arm mitnehmen. Stehen lassen? Einem der herumlungernden Typen vertrauen?
Ich überlegte noch, da hatte einer mit Sackkarre die Tonnen schon an sich genommen und ein anderer redete auf mich ein. Ich war etwas übernächtig, genau im richtigen Zustand, um die Dinge geschehen zu lassen, ohne mich aufzuregen. „Das Büro ist gar nicht hier, Du musst da hinten hin“, sagte schließlich der Vielredner nach einem Telefonanruf.
Ich latschte also dem mit der Sackkarre ungefähr einen Kilometer lang hinterher bis zu einer großen Rampe an einem noch größeren Gebäude, wo ein Haufen Männer herumstanden und liefen, ohne dass ich darin einen Sinn erkannte. Der mit der Sackkarre deutete auf den zweiten Stock. „Ich warte hier auf Dich.“ Ich gab ihm, als hätte ich in dem Jahr hier nichts dazugelernt, das Trinkgeld, und als ich eine halbe Stunde später aus dem Fenster des Büros im zweiten Stock schaute, standen meine Tonnen einsam und unbewacht zwischen den Lieferwagen an der Rampe.
Ich war zu schläfrig, um mich zu beunruhigen und wandte mich wieder der Dame im Büro zu, die mir gerade mit vielen Fachausdrücken erklärte, was ich alles tun müsse. Gepäckführer, Airwaybill, Formulare, ich verstand nur Bahnhof, und so schaute ich wohl auch. „Wollen sie einen Tramitador?“, fragte sie schließlich mitleidig. Ich flehte: „Bitte!“ Sie machte einen Telefonanruf. Er käme gleich.
Ich nutzte die Gelegenheit für eine zaghafte Frage. „Sagen Sie, kann ich meine blauen Tonnen da unten eigentlich einfach so stehen lassen?“ – „Wie? Um Gottes willen!“, rief sie, lief aus dem Büro hinaus, begutachtete die Situation von oben und schickte mich sofort hektisch zur Rampe hinunter. Ich wartete also neben meinen blauen Tonnen auf meinen Tramitador.
Die meisten Behördengänge in Peru sind so kompliziert, dass ein 0815-Bürger, auch wenn er lesen und schreiben kann, jemanden braucht, der diese für ihn erledigt. Und tatsächlich, als der kleine dickliche Mann mit der Hornbrille auftauchte, war plötzlich alles ganz einfach, auch wenn er ununterbrochen in einem Haufen Zettel herumwühlte und ständig immer wieder neue Kopien von meinen Unterlagen machte und immer wieder ein neues Formular hervorholte und mich immer wieder an einen neuen Schalter in einem neuen Gebäude schickte. Ich tat, was er anwies, latschte mit, unterschrieb, buchstabierte, und am Schluss zahlte ich ihn, ohne zu murren.
Nur in die Gepäckkontrolle, da musste ich alleine hinein. Aber die drei Jungs in Uniform öffneten nur eine der Tonnen, und auch der Drogenhund fand nichts, und meine Gepäckliste enthielt nichts Verdächtiges, so dass auch das in Rekordzeit erledigt war. Fand der Tramitador. Ich hingegen fand, dass fast fünf Stunden doch ein bisschen viel für so ein bisschen Zoll für so ein bisschen Gepäck sind.
Es war wirklich nur ein bisschen. Ich hatte zwar 100 Kilogramm angegeben und dafür 202 Dollar berappt. Aber Volumengewicht kennt man in Peru gar nicht. Laut Zollwaage waren es tatsächlich nur 88 Kilo - aber das fiel bei Lufthansa Cargo Gottseidank niemandem auf.