Ich saß zum letzten Mal auf meinem Balkon und genoß mit einem Cuzqueña-Bier den Sonnenuntergang. Ein Jahr lang hatte ich jeden Abend beobachtet, wie dieser gleißende Ball in den Pazifik sank, anfangs genau zwischen den zwei Palmen am Hochufer, dann zwischen zwei Hochhäusern und später über der Brücke an der Steilküste, bis am Ende wieder die ursprüngliche Konstellation erreicht war. Der Sonnenuntergang war ein Jahr lang jeden Abend anders, jeden Abend neu und fast immer spektakulär.
Dann packte ich wieder mal meine sieben Sachen in meine drei blauen Tonnen, trennte mich von alten Zeitungen, liebgewonnenem Kleinkram und selbst gesammelten Muscheln und räumte die Wohnung leer. Die peruanische Vermieterin in der Schweiz hatte erst großmütig getan und meinen gesamten Hausstand erwerben wollen. Kurz vor Ablauf des Jahresvetrags aber kündigte sie eine 50-prozentige Mieterhöhung an und erkärte ihr Interesse an Butterdose und Gurkenraspler. Ich nahm dankend Abstand.
So stapelte ich also Teller und Töpfe, Luftentfeuchter und Wasserfilter im Kofferraum. Inzwischen habe ich fast alles verkauft, das Geschirr an den Wirt des kleinen familiären Hostals in der Parallelstraße. Dort hatte ich vor dreieinhalb Jahren meine Limeñer Nächte verbracht und dort schlafe ich jetzt in einem Vierbettzimmer. Diesmal aber bin ich in dieser seltsamen Traveller-Welt wie ein kleiner verschreckter Urzeitvogel gelandet, der nicht weiß, was er mit der Bewunderung anfangen soll, die dort jemandem entgegenschlägt, der durch Peru nicht nur durchgefahren ist. Eine völlig neue Erfahrung.
Das Kontrastprogramm dazu war die Vollversammlung in der vergangenen Woche in einem Luxushotel außerhalb der Stadt, wo ich zum letzten Mal meine deutschen Kollegen aus der peruanischen Provinz gesehen und mir mal wieder die Flöhe geholt habe. Weil ich einen Rock anhatte, fühlen sich zur Abwechslung diesmal meine Pobacken an wie Streuselkuchen. Dummerweise kann man sich an dieser Stelle so schlecht in der Oeffentlichkeit kratzen.
Am vergangenen Sonntag dann saß ich wahrscheinlich zum letzten Mal unten am Waikiki, dem Strand von Miraflores. Dort lauschte ich der Sinfonie der in den stürmischen Wellen zurückrollenden Kieselsteine, blinzelte in das diffuse Sommersonnenlicht und machte unter der dünnen Hochnebeldecke tausende Kilometer vor mir den Horizont aus. Ich versuchte mir dieses mit Musik und Faulgeruch und Erinnerungen unterlegte Gemälde für immer einzuprägen und vergaß dabei ganz die aus dieser Perspektive geisterhaft anmutende Parallelwelt der Neunmillionenstadt oben in meinem Rücken.
Und während ich vor mich hinträumte, fraß plötzlich eine heranrollende Nebelbank den Horizont, warf eine besonders schäumende Welle eine Muschel auf die Steine, die sofort von einer Möwe ausgepickt wurde, und ich stand auf und ging und ließ sie einfach zurück: die Inselspitzen vor Callao im Norden und die Bucht und die Anhöhe von Chorillos im Süden und die hölzerne Rosa Nautica im Wasser vor mir, in der es eine Speisekarte ohne Preise für die Frauen gibt; die Tablistas, die auf dem Meer tanzten, und den Kiosk, den letzten vor Tahiti, der in Flaschen abgefülltes Leitungswasser als Mineralwasser verkauft. Ich stieg die Stufen nach Miraflores hinauf mit dem selben nostalgischen Gefühl, mit dem ich dreieinhalb Jahre zuvor mit Blick auf die Hochhäuser an der Steilküste gesagt hatte: „Dort will ich mal wohnen!“
Abschied ist manchmal wie ein Film, der rückwärts läuft.
Anderntags war ich dann zum letzten Mal im DED-Büro, um Laptop und Auto zurückzugeben und die Endabrechnung zu machen und irgendwelche Sach-, End- und Abschlussberichte abzuliefern und zu klären, wann ich nun eigentlich wohin fliege. Aber aus dem kurzfristigen Deutschlandbesuch wird nun doch nichts, und meine Karibikpläne habe ich auch nochmal verschoben. Ende Januar bekam ich unverhofft ein Angebot des DED in Ecuador für einen Dreimonatseinsatz, das ich, ohne lange zu überlegen, annahm. Ich soll in Quito in Zusammenarbeit mit einer Universität eine Fortbildungsreihe konzipieren für Hochschulabsolventen und Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen, die sich mit Umweltkonflikten beschäftigen.
Und so sind diese Tage nicht nur Abschied. Sie sind auch Vorfreude auf ein Wiedersehen. Gruendonnerstag fliege ich.

1 Kommentar:
Liebe Tante Uschi!!!
Die Sonnenuntergänge sind einfach grandios....Diese Farben einfach fabelhaft....Es war schon immer schwer, wenn man sich wo wohl gefühlt und gut eingelebt hat von dort wieder woanders hinzuziehen und wieder alles von vorne beginnen zu müssen. Ich kann mich sehr gut in dich hineinfühlen, denn so ging es mir als ich von ALthegnenberg hierher nach Winkl gezogen bin.... Wieder alles von vorne anfangen, wieder neue Frauen mit Kindern kennen lernen müssen, wieder die Wohnung neu einrichten müssen usw. Aber was bleibt sind schöne Erinnerungen und die kann einem keiner nehmen.
Wir wünschen dir auf alle Fälle einen guten Flug und einen schönen Neuanfang und weniger STreß!!
Viele liebe Grüße
Rainer. Gisela und die trotzige Juli
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