Unten versperrt ein Tor die Zufahrt, das immer abgeschlossen ist. Oben steht ein Wachmann an einer Schranke. Seit innerhalb einer Woche die Wohnung über Holger und Yoanne, eine im Nachbarhaus und eine im Haus gegenüber ausgeräumt wurde, hat die Mietergemeinschaft zusätzlich zum Wachmann auf der Straße und zur Alarmanlage einen 24-stündigen Sicherheitsdienst für das Gebäude engagiert.
Das wäre mir alles egal, wenn ich nicht kürzlich, als die beiden auf Reisen waren, ihre blauen Gepäcktonnen in Empfang hätte nehmen müssen.
Der ältere Herr im Anzug wuchtete die fünf Tonnen von seinem Pickup, stellte sie etwa fünf Meter vom Hauseingang ab und sagte mit einem Lächeln im Gesicht: "Misión cumplida." Da kriegte ich einen Tobsuchtsanfall und sagte zuckersüß: "Herzlichen Dank. Sie sind aber sicher so freundlich und bringen die Tonnen in die Wohnung, oder?" Ihm gefror das Lächeln. Ich passierte die Video-Gegensprechanlage, sperrte das Außentor mit dem ersten Schlüssel auf, sperrte die Haustür mit dem zweiten Schlüssel auf, beantwortete geduldig die Fragen des Gebäudewachmanns und dann des Hausmeisters und stellte mich an den Aufzug, bis der Herr im Anzug alle fünf Tonnen dorthin verfrachtet hatte.
Im Aufzug musste ich diese weiße Scheckkarte in der Handtasche suchen, denn der Lift bewegt sich nur, wenn man diese Karte dort an einen elektronischen Apparat gehalten hat und das Lämpchen grün blinkt. Auch wenn die Wohnung 5b heißt, so liegt sie doch im zweiten Stock. Das stand aber gottseidank auf meinem Zettel.
Vor der Haustür schließlich die schwierigste Aufgabe: Es gibt ein Metallgitter mit Schloss und drei Meter dahinter die Haustüre mit Schloss. Wenn man das Metallgitter aufgeschlossen hat, bleiben einem genau fünfzehn Sekunden, um die Haustüre aufzusperren und in der Wohnung den Sicherheitscode in einen Apparat einzugeben. Wer zu langsam ist, löst den Alarm aus.
Ich war natürlich zu langsam. Schon alleine deshalb, weil ich einen Schlüsselbund mit sieben Schlüsseln in der einen Hand und den Zettel mit den Nummern des Sicherheitscode in der anderen hatte. Und um Himmels willen: Welcher ist der Haustürschlüssel? Den richtigen sollte man bereits identifiziert haben, bevor man das Metalltor aufsperrt. Ich wusste, dass er ein eingestanztes K zeigte, aber als ich genauer hinsah, merkte ich, dass das für vier Schlüssel galt. Ich musste also ausprobieren. Und das dauerte eindeutig länger als fünfzehn Sekunden.
Als ich endlich in die Wohnung stürmte, um den Sicherheitscode einzugeben und damit dieses nervtötende Alarmgeräusch zu beenden, klingelte schon das Telefon. Ich nahm aus Versehen erst den Hörer der Gegensprechanlage ab. Als ich das Telefon gefunden hatte, meldete sich die Sicherheitsfirma.
"Alles in Ordnung bei Ihnen?"
"Äh, ja."
"Irgendwelche Vorkommnisse?"
"Äh, nein."
"Sicherheitscode?"
"Sicherheitscode?"
In letzter Sekunde fiel er mir wieder ein. Es war der Name einer deutschen Stadt.
Mir stand der Schweiß auf der Stirn. Aber Rausgehen ist leichter. Man gibt die Nummern des Sicherheitscodes ein und hat dann fünfzehn Sekunden, um rauszugehen und beide Türen abzuschließen. Aber da kann man vorher ausprobieren, welcher der Schlüssel die passenden sind. Und runter, da fährt der Aufzug auch ohne die Scheckkarte.
Gruppenbild in der Wohnung von Yoanne und Holger (links) mit Thalia und ihrem Mann (Mitte) und Monika (rechts), die bei der Wahrheitskommission arbeitet.

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