
Montag, 6. Oktober 2008
Sonntag, 5. Oktober 2008
Erste Annäherungsversuche
Als ich in der Nacht vor der Abreise den Computer abräume, schaue ich nochmal in die E-Mails. „Bitte melden Sie sich, Ihr Flug ist gekanzelt!“ Erst schmiss Boliviens sozialistischer Präsident Evo Morales den US-Botschafter raus, nun lässt er American Airlines nicht mehr bei sich auftanken. Weil sie so den Weg zurück nach Miami nicht mehr schaffen, fliegen sie also erst gar nicht mehr hin. Erstaunlich, dass sie das überhaupt noch taten, schließlich steht Bolivien auf Bushs schwarzer Liste der Schurkenstaaten.
Ich sitze einen Tag herum wie bestellt und nicht abgeholt. Gehe doch nochmal Badminton spielen und ins alte kino und schlendere an einem sonnigen Sonntag über das Oktoberfest und verstehe plötzlich, warum es den Fremden dort so gut gefällt.
„Liebe Fluggäste. Wegen eines Gewitters ist der Flughafen Miami gesperrt. Da wir nicht mehr genügend Benzin für die Warteschleife haben, werden wir in Fort Myers zum Tanken zwischenlanden.“ Ich schaue aus dem Fenster und sehe Sumpf. Als ich Stunden später versuche, mich in der Schlange vor dem Einreiseschalter der USA vorzudrängeln, scheitere ich an einer deutschen Reisegruppe. Am Check-in der bolivianischen Linie Aerosur erfahre ich, dass der Flug über Santa Cruz nach La Paz bereits geschlossen ist. Sie buchen mich ohne zu meckern auf den nächsten um. Der ist zwei Tage später.
Mein erster Tag in den Vereinigten Staaten. Ein Ort, um Angst vor der Zukunft zu bekommen. „Bus? Ich lebe seit 34 Jahren hier, aber einen Bus habe ich noch nie benutzt“, sagt die Hotelrezeptionistin, die wie alle hier aus Cuba stammt, und bestellt mir ein Taxi. Downtown hin und zurück 55 Dollar. „Du bist wohl für den Kommunismus?“, bedrängt mich der exil-cubanische Fahrer nach kurzem Smalltalk in einem unangenehmen Ton. Ich beschließe, fortan keine dummen Fragen mehr zu stellen.
Die empfohlene Sehenswürdigkeit ist eine Mall am Hafen, die den Charme eines lateinamerikanischen Marktes imitieren soll und doch nur Sterilität produziert. Ein Eis kostet fünf Dollar, der Stundenlohn liegt bei acht. Drumherum glitzern die verglasten Wolkenkratzer. Dutzende Stockwerke hoch ein Balkon über dem anderen, ohne Blumen, ohne Stühle und erst recht ohne Menschen. Gehsteige ohne Fußgänger. Eine Stadt voller Sonne, aber scheinbar ohne Seele. Und selbst Little Havana, wo sich cubanische Revolutionsgegner in den 50er Jahren ansiedelten, ist nicht mehr als ein verwaister Straßenzug mit ein paar Reklameschildern auf Spanisch.
An meinem zweiten Tag in den Vereinigten Staaten stelle ich mir den Wecker, um den Abflug nicht zu verpassen, und verziehe mich mit meinem Buch an den Swimmingpool. Dort darf man rauchen. Während ich die Recherchen zweier kolumbianischer Journalisten über die geheimen Absprachen der US-amerikanischen Behörden mit den kolumbianischen Drogenkartellen verschlinge und von den konspirativen Treffen der Kokainkönige aus dem Süden mit den Geheimagenten aus dem Norden in den Strandhotels von Miami lese, taucht plötzlich eine Menge US-Army im Kampfanzug um mich herum auf. Jetzt bin ich im Buch, äh, Film, denke ich. Dabei haben die nur Seminarpause.
Vier Stunden vor Abflug stehe ich bereits am Check-in-Schalter. Ein paar andere waren schon vor mir da. Jeder, der sich neu in die Schlange einreiht, begrüßt diese anderen mit Handschlag. Die Bolivianer kennen sich. Es gibt nur neun Millionen. Aerosur nimmt ohne zu meckern zur Kenntnis, dass ich jetzt doch schon in Santa Cruz aussteige. Eine Zwischenlandung in Panama dauert drei Stunden. Sie müssen einen kaputten Reifen wechseln. Zum Frühstück kurz vor dem Ziel bekomme ich das erste Mal etwas zum Trinken serviert.
Drei Wochen lang dichtes Einführungsprogramm in Santa Cruz, bevor es dann endgültig die Anden nach La Paz hochgehen soll. Es nieselt, die Regenzeit hat bereits begonnen. Auf der Straße geht es zu wie in der Karibik: gemächlich, freundlich, provinziell. Von den Krawallen des Tieflandes gegen das Hochland, wo die Zentralregierung sitzt, zeugen Plakate und Spruchbänder und das demolierte Büro der staatlichen Telefongesellschaft Entel am Hauptplatz. Der Taxifahrer verlangt weniger, als mir gesagt wurde. „Bist Du vielleicht für den Kommunismus?“, bedrängt der Evo-Gegner mich nach kurzem Smalltalk in halbwegs freundlichem Ton. Ich hatte gar keine dummen Fragen gestellt und schweige.
Spaziergang durch die Kolonialarkaden der Stadt. Durch die Straße mit den Spielzeugläden, durch die Straße mit den Matratzenläden, durch die Straße mit den Schusterläden. Als ich um die Ecke biege, steht ein Mann vor mir. Er nimmt die Tüte von der rechten in die linke Hand. Damit wir besser aneinander vorbeikommen, denke ich. Während ich noch denke, reißt er den rechten Arm hoch. „Ich will Dich hier nicht sehen“, brüllt er und schlägt mir mit Wucht seine Faust ins Gesicht. Wie im Film, denke ich verdutzt. Dabei ist es nur ein Irrer. Ich taumle ein bisschen, rette gerade noch meine Brille und mache mich aus dem Staub.
Als ich den Schock und den Schmerz bei einem Mittagessen verdaue, muss ich laut lachen: Scheint doch eine schwierige Annäherung zu sein.
Freitag, 11. Juli 2008
Mittwoch, 9. Juli 2008
Merkwürdigkeiten auf Jambeli

Monika mit Walfischknochen

Badende Stühle

Postfächer in Machala

Bankautomatenwerbung zwischen Puerto Bolivar und der Mangroveninsel Jambeli, wo es definitiv keine Bankautomaten gibt

Eine von zig Garnelenfarmen, für die der Mangrovenwald abgeholzt und Meerwasser mit Antibiotika kontaminiert wird

Und ein Radfahrer am Strand - na ja, eigentlich nicht sehr merkwürdig . . .
Sonntag, 29. Juni 2008
Bomben-Musik
Die Bombe ist das, was der 80-Jährige zwischen den Knien geklemmt hält: eine Trommel. Und der Mann ist einer der letzten in Ecuador, der dieses Instrument herstellt. Er kommt aus dem Valle El Chota im Norden von Ecuador - wie seine Musiker- und Tänzerkollegen, die mit ihm im Quiteñer Stadtteil Carapungo auftraten, um dort den schwarzen Migranten ihre "Música Bomba" vorzustellen.



Samstag, 21. Juni 2008
Sonnwendfeier in Cochasquí

Sonnwendfeiern gibt´s ja auch in den Anden. Da heißen sie Inti Raymi. Das wird gerne an präinkaischen heiligen Stätten gefeiert, zum Beispiel in Cochasquí, etwa eine gute Autostunde von Quito entfernt, wo man durch die überwachsenen Überreste von Pyramiden laufen kann.
Meine ecuadorianische Kollegin Valeria hatte sogar für mich ungefragt bei der Parkverwaltung angerufen, um sich zu versichern, dass in Cochasquí wirklich Inti Raymi gefeiert wird. "Ja ja", hatte der Mensch am anderen Ende des Telefons erklärt, "mittags, so um elf, halb zwölf, beginnen die Schamanen mit ihren Zeremonien". Und Valeria hatte dann noch gefragt: "Und welche ist nochmal die Pyramide für die Liebe?" Die 14, lautete die Antwort.
Da saßen wir also am 21. Juni in einem kleinen Grüppchen auf der Pyramide 14 - mutterseelenallein. Es gab in diesem Jahr kein Inti Raymi in Cochasquí. Wie wir auf eine solche Idee kämen, fragten sie am Parkeingang und schüttelten den Kopf.
Na ja, sie orderten dann noch schnell aus dem Nachbardorf eine Folkloretruppe, und wir versuchten, ganz ohne Schamanenhilfe ein bisschen was von der göttlichen Energie abzukriegen . . .



Monika und Jorge morgens bei mir vor dem Haus

Jorge und die Riesen-Zitronen

Sonntag, 15. Juni 2008
Treueprämie
Drei Besuche in anderthalb Jahren, das ist wirklich Rekord!
Ich schleppte Wasti am ersten Tag in der Seilbahn hinauf auf über 4100 Meter, wo man einen wunderbaren Blick über Quito hat und gleichzeitig ein Gefühl dafür bekommt, dass man in den Hochanden gelandet ist. Hinterher musste er den Turm der neogotischen Basilika hochkraxeln, damit er die Altstadt von oben sieht. Dann schaukelten wir im Bus dreieinhalb Stunden in Richtung Meer nach Puerto Quito, wo uns beiden das tropisch-schwülheiße Klima zu schaffen machte. Zurück in Quito spazierten wir durch das Dorf Guapulo, wo einen die Hauptstadt-Hochhäuser oben am Steilhang beäugen, und durch den Parque Metropolitano, der nochmal einen Ausblick erlaubt auf das benachbarte Tal und die Stadt. Na ja, und dann war die Woche auch schon wieder rum. So schnell ging das.


Montag, 2. Juni 2008
Feuerspeiender Schlund

Ich musste schon wieder für eine Woche nach Puyo. Wieder Diskussionen, Arbeitsgruppen, Bier - aber keine Ausflüge diesmal. Das Beste war eindeutig der Weg dorthin: Man konnte den 5016 Meter hohen Tungurahua sehen. Übersetzt bedeutet Tungurahua feuerspeiender Schlund.
In den vergangenen Wochen machte der Vulkan seinem Namen Ehre, er grummelte ziemlich, und im Februar erst hatte er einen Asche- und Gesteinsregen losgelassen. Der letzte größere Ausbruch war im August 2006, als die Lava-Lawine fünf Dörfer verschüttete. Ich musste damals vom Münchner Schreibtisch aus darüber schreiben, ohne eine Vorstellung zu haben. Das hat sich geändert. Der Weg nach Puyo führt direkt über die erkalteten Geröllmassen.
Sonntag, 1. Juni 2008
Viva el "Comercio"
Dienstag, 20. Mai 2008
Misión cumplida
Unten versperrt ein Tor die Zufahrt, das immer abgeschlossen ist. Oben steht ein Wachmann an einer Schranke. Seit innerhalb einer Woche die Wohnung über Holger und Yoanne, eine im Nachbarhaus und eine im Haus gegenüber ausgeräumt wurde, hat die Mietergemeinschaft zusätzlich zum Wachmann auf der Straße und zur Alarmanlage einen 24-stündigen Sicherheitsdienst für das Gebäude engagiert.
Das wäre mir alles egal, wenn ich nicht kürzlich, als die beiden auf Reisen waren, ihre blauen Gepäcktonnen in Empfang hätte nehmen müssen.
Der ältere Herr im Anzug wuchtete die fünf Tonnen von seinem Pickup, stellte sie etwa fünf Meter vom Hauseingang ab und sagte mit einem Lächeln im Gesicht: "Misión cumplida." Da kriegte ich einen Tobsuchtsanfall und sagte zuckersüß: "Herzlichen Dank. Sie sind aber sicher so freundlich und bringen die Tonnen in die Wohnung, oder?" Ihm gefror das Lächeln. Ich passierte die Video-Gegensprechanlage, sperrte das Außentor mit dem ersten Schlüssel auf, sperrte die Haustür mit dem zweiten Schlüssel auf, beantwortete geduldig die Fragen des Gebäudewachmanns und dann des Hausmeisters und stellte mich an den Aufzug, bis der Herr im Anzug alle fünf Tonnen dorthin verfrachtet hatte.
Im Aufzug musste ich diese weiße Scheckkarte in der Handtasche suchen, denn der Lift bewegt sich nur, wenn man diese Karte dort an einen elektronischen Apparat gehalten hat und das Lämpchen grün blinkt. Auch wenn die Wohnung 5b heißt, so liegt sie doch im zweiten Stock. Das stand aber gottseidank auf meinem Zettel.
Vor der Haustür schließlich die schwierigste Aufgabe: Es gibt ein Metallgitter mit Schloss und drei Meter dahinter die Haustüre mit Schloss. Wenn man das Metallgitter aufgeschlossen hat, bleiben einem genau fünfzehn Sekunden, um die Haustüre aufzusperren und in der Wohnung den Sicherheitscode in einen Apparat einzugeben. Wer zu langsam ist, löst den Alarm aus.
Ich war natürlich zu langsam. Schon alleine deshalb, weil ich einen Schlüsselbund mit sieben Schlüsseln in der einen Hand und den Zettel mit den Nummern des Sicherheitscode in der anderen hatte. Und um Himmels willen: Welcher ist der Haustürschlüssel? Den richtigen sollte man bereits identifiziert haben, bevor man das Metalltor aufsperrt. Ich wusste, dass er ein eingestanztes K zeigte, aber als ich genauer hinsah, merkte ich, dass das für vier Schlüssel galt. Ich musste also ausprobieren. Und das dauerte eindeutig länger als fünfzehn Sekunden.
Als ich endlich in die Wohnung stürmte, um den Sicherheitscode einzugeben und damit dieses nervtötende Alarmgeräusch zu beenden, klingelte schon das Telefon. Ich nahm aus Versehen erst den Hörer der Gegensprechanlage ab. Als ich das Telefon gefunden hatte, meldete sich die Sicherheitsfirma.
"Alles in Ordnung bei Ihnen?"
"Äh, ja."
"Irgendwelche Vorkommnisse?"
"Äh, nein."
"Sicherheitscode?"
"Sicherheitscode?"
In letzter Sekunde fiel er mir wieder ein. Es war der Name einer deutschen Stadt.
Mir stand der Schweiß auf der Stirn. Aber Rausgehen ist leichter. Man gibt die Nummern des Sicherheitscodes ein und hat dann fünfzehn Sekunden, um rauszugehen und beide Türen abzuschließen. Aber da kann man vorher ausprobieren, welcher der Schlüssel die passenden sind. Und runter, da fährt der Aufzug auch ohne die Scheckkarte.
Gruppenbild in der Wohnung von Yoanne und Holger (links) mit Thalia und ihrem Mann (Mitte) und Monika (rechts), die bei der Wahrheitskommission arbeitet.
Sonntag, 18. Mai 2008
Üben für den Cotopaxi
Jetzt waren wir auch in Ecuador wandern. Joachim und sein Kollege Christian trainieren für den Cotopaxi. Der Vulkan ist fast 6000 Meter hoch.
So stapften Antje und ich auf 4000 Metern Höhe und bei anhaltendem Nieselregen von da, wo das Auto im Schlamm nicht mehr weiterkam, bis zu den Mojanda-Seen in erheblichem Abstand hinter den Männern her. Genau zur Brotzeit kam die Sonne durch. Und hinterher gingen wir noch ein Weißbier trinken. Eigentlich wie zu Hause.

Freitag, 16. Mai 2008
Harte Arbeit
Freitag, 9. Mai 2008
Lucky Lark
Manchmal kam ich auch schon ganz ohne Glimmstengel in der Arbeit an. Ja, in Quito kann es passieren, dass die Zigaretten ausverkauft sind. Also alle Zigaretten, gleich welcher Marke. Der generelle Engpass ist dann zwar nach ein paar Tagen vorbei, Lucky Strike gibt es aber immer noch nicht, nicht mal in den vier Läden, die sie theoretisch verkaufen.
"Die Lucky, die kommen aus Venezuela", sagte die Krämerin irgendwann. "Und weil die Venezolaner die Steuern nicht bezahlt haben, stecken die Zigaretten an der Grenze fest."
Meine Hoffnung richtet sich nun ganz auf ALBA, der Alternativa Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América. Wird Zeit, dass Ecuador endlich dieser venezolanisch-cubanisch initiierten antiimperialistischen südamerikanischen Freihandelszone beitritt.
Auf der ALBA-Internetseite ist zu lesen, dass Venezuela gerade 600 Tonnen Harnstoff an Nicaragua geschickt hat und dass Ecuadors Präsident Rafael Correa immer noch überlegt, ob er mitmachen soll. Als gäb´s da noch was zu überlegen. Also, es müsste ja nicht gerade Harnstoff sein, so ein paar Lucky täten es auch...
















