Sonntag, 29. Juni 2008

Bomben-Musik

Die Bombe ist das, was der 80-Jährige zwischen den Knien geklemmt hält: eine Trommel. Und der Mann ist einer der letzten in Ecuador, der dieses Instrument herstellt. Er kommt aus dem Valle El Chota im Norden von Ecuador - wie seine Musiker- und Tänzerkollegen, die mit ihm im Quiteñer Stadtteil Carapungo auftraten, um dort den schwarzen Migranten ihre "Música Bomba" vorzustellen.






Samstag, 21. Juni 2008

Sonnwendfeier in Cochasquí


Sonnwendfeiern gibt´s ja auch in den Anden. Da heißen sie Inti Raymi. Das wird gerne an präinkaischen heiligen Stätten gefeiert, zum Beispiel in Cochasquí, etwa eine gute Autostunde von Quito entfernt, wo man durch die überwachsenen Überreste von Pyramiden laufen kann.

Meine ecuadorianische Kollegin Valeria hatte sogar für mich ungefragt bei der Parkverwaltung angerufen, um sich zu versichern, dass in Cochasquí wirklich Inti Raymi gefeiert wird. "Ja ja", hatte der Mensch am anderen Ende des Telefons erklärt, "mittags, so um elf, halb zwölf, beginnen die Schamanen mit ihren Zeremonien". Und Valeria hatte dann noch gefragt: "Und welche ist nochmal die Pyramide für die Liebe?" Die 14, lautete die Antwort.

Da saßen wir also am 21. Juni in einem kleinen Grüppchen auf der Pyramide 14 - mutterseelenallein. Es gab in diesem Jahr kein Inti Raymi in Cochasquí. Wie wir auf eine solche Idee kämen, fragten sie am Parkeingang und schüttelten den Kopf.

Na ja, sie orderten dann noch schnell aus dem Nachbardorf eine Folkloretruppe, und wir versuchten, ganz ohne Schamanenhilfe ein bisschen was von der göttlichen Energie abzukriegen . . .









Monika und Jorge morgens bei mir vor dem Haus


Jorge und die Riesen-Zitronen



Sonntag, 15. Juni 2008

Treueprämie

Drei Besuche in anderthalb Jahren, das ist wirklich Rekord!

Ich schleppte Wasti am ersten Tag in der Seilbahn hinauf auf über 4100 Meter, wo man einen wunderbaren Blick über Quito hat und gleichzeitig ein Gefühl dafür bekommt, dass man in den Hochanden gelandet ist. Hinterher musste er den Turm der neogotischen Basilika hochkraxeln, damit er die Altstadt von oben sieht. Dann schaukelten wir im Bus dreieinhalb Stunden in Richtung Meer nach Puerto Quito, wo uns beiden das tropisch-schwülheiße Klima zu schaffen machte. Zurück in Quito spazierten wir durch das Dorf Guapulo, wo einen die Hauptstadt-Hochhäuser oben am Steilhang beäugen, und durch den Parque Metropolitano, der nochmal einen Ausblick erlaubt auf das benachbarte Tal und die Stadt. Na ja, und dann war die Woche auch schon wieder rum. So schnell ging das.















Montag, 2. Juni 2008

Feuerspeiender Schlund



Ich musste schon wieder für eine Woche nach Puyo. Wieder Diskussionen, Arbeitsgruppen, Bier - aber keine Ausflüge diesmal. Das Beste war eindeutig der Weg dorthin: Man konnte den 5016 Meter hohen Tungurahua sehen. Übersetzt bedeutet Tungurahua feuerspeiender Schlund.

In den vergangenen Wochen machte der Vulkan seinem Namen Ehre, er grummelte ziemlich, und im Februar erst hatte er einen Asche- und Gesteinsregen losgelassen. Der letzte größere Ausbruch war im August 2006, als die Lava-Lawine fünf Dörfer verschüttete. Ich musste damals vom Münchner Schreibtisch aus darüber schreiben, ohne eine Vorstellung zu haben. Das hat sich geändert. Der Weg nach Puyo führt direkt über die erkalteten Geröllmassen.

Sonntag, 1. Juni 2008

Viva el "Comercio"




Joachim (Fotos) und Christian mussten ihre geplante Cotopaxi-Gletschertour wegen des schlechten Wetters absagen. So sind die beiden, Antje (Foto) und ich zu dem Vulkan gefahren, um stattdessen wenigstens bis zu der Berghütte zu gehen, wo der Gletscher anfängt. Ich war eindeutig nicht richtig ausgerüstet und musste mir ob der Kälte Zeitungspapier in die Hosen stopfen. Ohne den "Comercio" wäre ich wahrscheinlich auf dem Weg nach oben erforen. Der Gipfel war in Wolken gehüllt, aber den hab ich ja vor vier Jahren schon gesehen. Dafür sah man in den Paramo-Wiesen bunte Frühlingsblumen, und hinterher fuhren wir durch die Hochebene, die vier Jahre lang als Bildschirmschoner in meinem Computer gespeichert war.






Dienstag, 20. Mai 2008

Misión cumplida

Wie das ist, wenn man Sklave seines Besitzes wird, durfte ich jetzt hautnah miterleben. Yoanne und Holger sind ein Woche vor mir hier in Ecuador angekommen und sind kurz danach in eine Wohnung bei mir in der Nähe gezogen. Während ich aber von meinen Fenstern aus entweder auf unscheinbare Häuser oder auf das Stadion oder auf Wellblechdächer schaue, residieren die beiden im besseren Teil meines Viertels in einer abgeschlossenen Straße mit Blick auf die gesamte Stadt.

Unten versperrt ein Tor die Zufahrt, das immer abgeschlossen ist. Oben steht ein Wachmann an einer Schranke. Seit innerhalb einer Woche die Wohnung über Holger und Yoanne, eine im Nachbarhaus und eine im Haus gegenüber ausgeräumt wurde, hat die Mietergemeinschaft zusätzlich zum Wachmann auf der Straße und zur Alarmanlage einen 24-stündigen Sicherheitsdienst für das Gebäude engagiert.

Das wäre mir alles egal, wenn ich nicht kürzlich, als die beiden auf Reisen waren, ihre blauen Gepäcktonnen in Empfang hätte nehmen müssen.

Der ältere Herr im Anzug wuchtete die fünf Tonnen von seinem Pickup, stellte sie etwa fünf Meter vom Hauseingang ab und sagte mit einem Lächeln im Gesicht: "Misión cumplida." Da kriegte ich einen Tobsuchtsanfall und sagte zuckersüß: "Herzlichen Dank. Sie sind aber sicher so freundlich und bringen die Tonnen in die Wohnung, oder?" Ihm gefror das Lächeln. Ich passierte die Video-Gegensprechanlage, sperrte das Außentor mit dem ersten Schlüssel auf, sperrte die Haustür mit dem zweiten Schlüssel auf, beantwortete geduldig die Fragen des Gebäudewachmanns und dann des Hausmeisters und stellte mich an den Aufzug, bis der Herr im Anzug alle fünf Tonnen dorthin verfrachtet hatte.

Im Aufzug musste ich diese weiße Scheckkarte in der Handtasche suchen, denn der Lift bewegt sich nur, wenn man diese Karte dort an einen elektronischen Apparat gehalten hat und das Lämpchen grün blinkt. Auch wenn die Wohnung 5b heißt, so liegt sie doch im zweiten Stock. Das stand aber gottseidank auf meinem Zettel.

Vor der Haustür schließlich die schwierigste Aufgabe: Es gibt ein Metallgitter mit Schloss und drei Meter dahinter die Haustüre mit Schloss. Wenn man das Metallgitter aufgeschlossen hat, bleiben einem genau fünfzehn Sekunden, um die Haustüre aufzusperren und in der Wohnung den Sicherheitscode in einen Apparat einzugeben. Wer zu langsam ist, löst den Alarm aus.

Ich war natürlich zu langsam. Schon alleine deshalb, weil ich einen Schlüsselbund mit sieben Schlüsseln in der einen Hand und den Zettel mit den Nummern des Sicherheitscode in der anderen hatte. Und um Himmels willen: Welcher ist der Haustürschlüssel? Den richtigen sollte man bereits identifiziert haben, bevor man das Metalltor aufsperrt. Ich wusste, dass er ein eingestanztes K zeigte, aber als ich genauer hinsah, merkte ich, dass das für vier Schlüssel galt. Ich musste also ausprobieren. Und das dauerte eindeutig länger als fünfzehn Sekunden.

Als ich endlich in die Wohnung stürmte, um den Sicherheitscode einzugeben und damit dieses nervtötende Alarmgeräusch zu beenden, klingelte schon das Telefon. Ich nahm aus Versehen erst den Hörer der Gegensprechanlage ab. Als ich das Telefon gefunden hatte, meldete sich die Sicherheitsfirma.

"Alles in Ordnung bei Ihnen?"
"Äh, ja."
"Irgendwelche Vorkommnisse?"
"Äh, nein."
"Sicherheitscode?"
"Sicherheitscode?"

In letzter Sekunde fiel er mir wieder ein. Es war der Name einer deutschen Stadt.

Mir stand der Schweiß auf der Stirn. Aber Rausgehen ist leichter. Man gibt die Nummern des Sicherheitscodes ein und hat dann fünfzehn Sekunden, um rauszugehen und beide Türen abzuschließen. Aber da kann man vorher ausprobieren, welcher der Schlüssel die passenden sind. Und runter, da fährt der Aufzug auch ohne die Scheckkarte.




Gruppenbild in der Wohnung von Yoanne und Holger (links) mit Thalia und ihrem Mann (Mitte) und Monika (rechts), die bei der Wahrheitskommission arbeitet.

Sonntag, 18. Mai 2008

Üben für den Cotopaxi

Antje lebt seit zwei Jahren in Quito. Sie ist eine Kollegin aus der SZ. Im vergangenen Jahr haben waren wir ein Wochenende gemeinsam in den peruanischen Bergen wandern, als sie mit ihrem Mann Joachim dort auf Urlaub war.

Jetzt waren wir auch in Ecuador wandern. Joachim und sein Kollege Christian trainieren für den Cotopaxi. Der Vulkan ist fast 6000 Meter hoch.

So stapften Antje und ich auf 4000 Metern Höhe und bei anhaltendem Nieselregen von da, wo das Auto im Schlamm nicht mehr weiterkam, bis zu den Mojanda-Seen in erheblichem Abstand hinter den Männern her. Genau zur Brotzeit kam die Sonne durch. Und hinterher gingen wir noch ein Weißbier trinken. Eigentlich wie zu Hause.




Freitag, 16. Mai 2008

Harte Arbeit

Wer wollte nicht schon mal seinen Chef in Unterhosen sehen? Der Zivile Friedensdienst macht auch das möglich. Bei einer einwöchigen Versammlung in Puyo, an der die Chefs aus Bonn und die Kollegen aus Guatemala, Bolivien, Peru und Ecuador teilnahmen, gab es viele Arbeitsgruppen, noch mehr Diskussionen, ordentlich Bier, einen Besuch bei der Organisation der Amazonas-Indianer und einen Bootsausflug. Ein Einbaum kenterte. Es war just der mit dem Chef.


Puyo liegt auf 900 Metern in der Ceja de Selva, am Eingang zum Amazonas.
Wenn man sich nicht kennt, muß man sich vorstellen - die Kollegen aus Guatemala taten das ganz ohne Power-Point-Präsentation.
Das obligatorische Gruppenbild.
Wie man sieht: Harte Gruppenarbeit . . .
. . . die nur durch einen Ausflug unterbrochen wurde.
Und wer die Kanufahrt trocken überstanden hatte . . .
durfte sich hinterher in der heiligen Quelle erfrischen.
Bei der Confederación de las Nacionalidades Indígenas de la Amazonia Ecuatoriana (CONFENIAE) ging´s schon ein bisschen ernster zu. Die Amazonas-Indianer haben in die verfassungsgebende Versammlung die Forderung eingebracht, ihre Territorien autonom zu verwalten - inklusive der Bodenschätze. Seit klar ist, dass Präsident Rafael Correa davon nichts hält, haben sie ihm die Gefolgschaft aufgekündigt. Autonom verwalten heißt übrigens: Wer nicht zum Stamm gehört, hat kein Recht auf Mitsprache, und jeder Bewohner des Territoriums muss sich der indigenen Rechtsprechung unterwerfen. Das dürfte kein Spaß sein. Indigenas oder Stamm darf man übrigens nicht mehr sagen, da wurde ich scharf zurechtgewiesen. In Ecuador heißen die jetzt Nationen.
Außer diesem grimmig dreinblickenden Holzkerl gibt es am Sitz der Organisation nicht viel zu sehen. Die korrupten Führungsfiguren haben das Gebäude in den letzten Jahren komplett geplündert, und als keine Computer mehr da waren, haben sie die Kloarmaturen mitgenommen.
Der Besuch endete mit Fisch und Chicha de Yukka. Ich kann dieses säuerliche und je nach Gärungszustand alkoholhaltige Getränk aus Maniok, das traditionellerweise die Frauen zubereiten, indem sie die Wurzel zerkauen, nicht einmal mehr riechen, seit ich vor vier Jahren im Amazonas auf nüchternen Magen drei Kokosschalen davon trinken musste. Diesmal ließ ich den Becher einfach stehen. Meine Kollegin hingegen schüttete das Getränk in einem unbeobachteten Moment in die Wiese hinter sich. Es dauerte keine Minute, bis ihr jemand nachschenkte. "Nee, das mit den Indigenas, das liegt mir nicht so", sagte sie hinterher.

Freitag, 9. Mai 2008

Lucky Lark

Im Umkreis meiner Wohnung und des Büros gibt es geschätzte vierhundert Kramerläden. Es war schwer genug, die vier zu finden, die Lucky Strike verkaufen - also theoretisch. In der Praxis bin ich auf Lark umgestiegen.

Manchmal kam ich auch schon ganz ohne Glimmstengel in der Arbeit an. Ja, in Quito kann es passieren, dass die Zigaretten ausverkauft sind. Also alle Zigaretten, gleich welcher Marke. Der generelle Engpass ist dann zwar nach ein paar Tagen vorbei, Lucky Strike gibt es aber immer noch nicht, nicht mal in den vier Läden, die sie theoretisch verkaufen.

"Die Lucky, die kommen aus Venezuela", sagte die Krämerin irgendwann. "Und weil die Venezolaner die Steuern nicht bezahlt haben, stecken die Zigaretten an der Grenze fest."

Meine Hoffnung richtet sich nun ganz auf ALBA, der Alternativa Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América. Wird Zeit, dass Ecuador endlich dieser venezolanisch-cubanisch initiierten antiimperialistischen südamerikanischen Freihandelszone beitritt.

Auf der ALBA-Internetseite ist zu lesen, dass Venezuela gerade 600 Tonnen Harnstoff an Nicaragua geschickt hat und dass Ecuadors Präsident Rafael Correa immer noch überlegt, ob er mitmachen soll. Als gäb´s da noch was zu überlegen. Also, es müsste ja nicht gerade Harnstoff sein, so ein paar Lucky täten es auch...

Dienstag, 29. April 2008

Ein Leben in der Hängematte

Der Lokalbus setzte mich um sieben auf der Dorfstraße ab und bei der Anfahrt hüllte er mich in eine Staubwolke. Ich schlenderte im samstäglichen Morgenlicht an den Holzhütten, verrammelten Kiosken und geschlossenen Bars vorbei ans Meer. Hier putzte sich eine Dicke vor der Tür die Zähne, dort streunte ein Hund, und an der Ecke stand ein Alter und wartete auf Godot. Canoa war noch gar nicht richtig wach. Ich hingegen schon.

In dieser staubigen Straße hatte ich Silvester 2004 in Badelatschen durchgetanzt und mir Blasen am großen Zeh geholt. Und nun war ich wieder da. Am Ende der Strandpromenade stand immer noch das Casa Bambu. Ich spazierte durch das Holztürchen in den Garten. Der Wachmann saß einsam an einem der Tische im Sand und las in der Bibel. Die Küche war noch geschlossen, und ich legte mich in eine Hängematte zwischen die Palmen, mit Blick auf den Zaun aus Pflanzen, auf das Meer und die Steilküste am Ende der langgestreckten Bucht.
Und sofort war es wieder da. Dieses Gefühl, ich müsste aus dieser Hängematte nie wieder aufstehen. Dass plötzlich alles gut ist.

Dabei war die Anreise gar nicht so gut gewesen. Ich hatte mich in Quito am Vorabend um neun in den Bus gesetzt und war trotz des Lärms aus der Musikanlage, der kreischenden Babys und des Motorbrummens augenblicklich eingeschlafen. Als ich wieder aufwachte, war es immer noch finster, aber die Schwüle trieb mir den Schweiß unter T-Shirt, Pullover, Jacke, Halstuch und Regenjacke hervor. 2800 Meter Höhenunterschied machen sich bemerkbar. Und als ich die Brille aufsetzte und meinen schmerzenden Hals wendete, sah ich: Der Bus war halbleer.

Verschlafen stolperte ich zum Fahrerhäuschen. Der Ticketabreißer grinste mich an. „An San Vincente sind wir schon lang vorbei.“ Ich tastete mich zu meinem Platz zurück, zog all das überflüssige Zeugs aus, stopfte es in meinen kleinen Rucksack, da winkte der Ticketabreißer vorne hektisch. Ich stolperte zurück. „Hol Dein Gepäck und setz Dich hier neben den Fahrer. Wenn der Bus aus der Gegenrichtung kommt, kannst Du wechseln.“

Da saß ich also. Mit einer Knoblauchfahne vom Vorabend, wirren Haaren, Hunger und Durst, meinem Rucksack auf dem Schoß, auf einer Liegepritsche nebem dem Fahrer. Der dirigierte mit nacktem Oberkörper, einer Zigarette im Mund und ausladenden Bewegungen das Lenkrad, um den Bus in der Dunkelheit um die Schlaglöcher herum durch die kurvige und enge Sandpiste zwischen den grünen Hügeln zu lenken. Und freute sich über Unterhaltung.
Eine halbe Stunde lang schaukelten wir an schlecht erleuchteten Baracken, Bauern auf Eseln und kleinen Grüppchen an hölzernen Haltestellen vorbei, vor denen große Säcke standen. Ich hatte schon erklärt, wer ich bin, dass ich nicht heiraten will und auch nicht meine Telefonnummer hergebe. Da kam Gegenverkehr. Endlich, der andere Bus - und nichts wie raus. Eine Stunde dauerte es bis San Vincente zurück, dann noch eine halbe Stunde im Lokalbus. Und dann lag ich in der Hängematte.




Canoa war Canoa: Hängematte, ein bisschen Strandspaziergang, Schwimmen, Camarones in Kokossoße, gegrillter Fisch, Cebiche, Happy Hour um fünf, Sternenhimmel. Und Quatschen mit Debora, die zwischen Bogota und Buenos Aires eine zehntägige Stippvisite in Ecuador eingelegt hatte und schon einen Tag früher angereist war. Was will man eigentlich mehr?

Na ja, das nächste Mal würde ich mir gerne die Rückfahrt im Nachtbus ersparen. „Das war die schrecklichste Busfahrt, die ich je gemacht habe“, sagte Debora, als wir Montagmorgen übernächtigt am Bahnhof in Quito wieder ausstiegen. Und Debora ist hartgesottene Südamerika-Busfahrerin. Abhilfe? Fiele mir schon ein: einfach dortbleiben.



Sonntag, 20. April 2008

Ein Ort, um zu sein

„Quito, oder Kitu, war immer schon vor allem ein Platz, um zu sein, sich niederzulassen und zu leben, eine Mulde in einem Gebirgsrücken, die den Wolken nahe ist, ein immergrünes Stück Land mit fruchtbaren Weiden, mit Wäldern und Flüssen, die aus dem Pichincha hervorquellen, mit Früchten und Blumen, sanften Lagunen an beiden Muldenenden, zwei warmen Tälern in der Nähe, umgeben von sieben Wächtern des ewigen Eises, das sich mit den Wolken mischt, der Ort des ewigen Frühlings.“

Das ist eine sehr heimelige Beschreibung von Quito. Sie stammt aus dem Buch „Der Palast des Teufels“ des ecuadorianischen Schriftstellers Modesto Ponce Maldonado. Obwohl in der langgestreckten Mulde zwischen zwei Andenrücken auf 2800 Metern über dem Meer inzwischen drei Millionen Menschen leben, die Weiden zugebaut, die Wälder abgeholzt, die zwei Täler zersiedelt und die Gletscher am Schmelzen sind, so trifft diese Beschreibung doch ziemlich genau das Gefühl, das die Stadt in mir hervorruft.

Ich lebe im Nordteil in einer Einliegerwohnung, gegenüber einer Mall im US-amerikanischen Stil, in Sichtweite der deutschen Botschaft und neben dem Olympischen Stadion Atahualpa. Dieses ist benannt nach dem letzten Herrscher des Inkareiches, der 1533 in Cajamarca im Norden Perus nach mehrmonatiger Gefangenschaft von den Spaniern mit einer Würgschraube erdrosselt wurde. Von Atahualpa hat das Stadion aber ebensowenig wie von Olympia. Dafür verstärkt es einen Effekt, für den ich nun nochmal Modesto Ponce Maldonado bemühe.

„Vom zwölften Stock aus ist die Stadt wunderschön, aber es ist nicht die Stadt. Wer sie so betrachtet, tut das wie ein Gott und jene allgegenwärtigen Menschen, die in ihrer unbegrenzten Gleichgültigkeit die Welt von weitem betrachten, von ganz oben herab, und sie sehen die Stadt so, wie sie sie sehen wollen, durch die Farbe ihrer Fensterscheiben. Unten stehen die Menschen, die die Dinge sehen, wie sie sind, die sie frontal und mit offenen Augen betrachten. Im Erdgeschoss, in der Empfangshalle oder auf dem Bürgersteig beginnt die Stadt, anders zu sein.“

Das großzügige Einfamilienhaus, in dessen zweiten Stock ich wohne, gehört einem Zahnmediziner, der die Klinik im Nebenbau inzwischen seinen Kindern überschrieben hat, brav alle reklamierten Schäden repariert und mich ansonsten in Ruhe lässt. Wenn ich aber auf meine kleine Dachterasse trete oder das Metalltor unten zur Straße öffne, sehe ich direkt auf den Hintereingang des Stadions, an dem sonntags nach einer Niederlage die enttäuschten und betrunkenen Fans alle Schimpfwörter brüllen, die das Spanische hergibt - inklusive derer, die ich noch nicht kenne.

Die Wohnung bietet nicht diese fantastische Sicht auf die Mulde, in die sich Quito schmiegt, auf die Bergruecken gegenueber, an denen sich die Stadt hochzieht, auf die Vulkane. Die Moebel sind alt, der Teppichboden fleckig, der Strahl aus der Elektrodusche ein Rinnsal. Trotzdem ist sie etwas Besonderes: eigenwillig geschnitten, ruhig (außer nach Spielen) und sonnendurchflutet (wenn die Sonne scheint). Man koennte auch behaupten, diese Wohnung hat den Charme einer altmodischen Berghütte. Und in die Arbeit gehe ich zu Fuß.

Die Arbeit allerdings, die ist ein Reinfall. Ich kam an mit einem Vertrag über ganze drei Monate; einem Auftrag, der sich schon kurz nach der Ankunft als obsolet entpuppte; einem Chef, der kündigte und seinen letzten Arbeitstag hinter sich brachte am Tag, bevor ich begann; einem kommissarischen Nachfolger, der nicht da ist; einer jungen Studentin, meine einzige direkte Kollegin momentan, die ganztägig mit ihren Freundinnen chatet, im Büro ihre Universitätsarbeiten schreibt, oft mit ihrer Mama telefoniert und ansonsten nur tut, wofür sie vom kommissarischen Chef eine Anweisung bekommt. Aber der ist ja nicht da.

Die Institution, bei der ich arbeite, heisst Plasa. Es ist eine Arbeitsgemeinschaft aus 23 Organisionen, die sich in irgendeiner Form mit Umweltkonflikten beschäftigen - und seit vergangenem Oktober nicht mehr zusammengearbeitet haben. Ich spiele ein bisschen den Totengräber einer sterbenden Einrichtung und wundere mich, dass ich für so etwas tatsächlich gebraucht werde.

Wenn ich abends den Griffel fallen lasse, tue ich das, was ich in Quito schon vor vier Jahren tat: Ich pflege mein Sozialleben. Es gibt alte Freunde und neue. Sogar meine Friseuse, eine Kolumbianerin, hat mich nach vier Jahren wiedererkannt.

Bereits dreimal habe ich es in das kleine Programmkino Ochoymedio geschafft, in dem ich bei meinem letzten Aufenthalt schon oft saß. Den „Armen Teufel“ nebenan, eine stylische, aber gemütliche Jazzkneipe, gibt es auch noch. Im Ausgehviertel „La Mariscal“ hat sich wenig verändert - nur der Inder ist vier Haeuserblocks nach Sueden gezogen. Und im Stadtpark oben auf dem Hügel duften die Eukalyptusbäume nach dem Regen noch wie vor vier Jahren.

Vergangene Woche hoerte ich nebenan im Stadion das Konzert der mexikanischen Rockband Mana, waehrend der Vollmond auf das Fussballfeld schien und sich die Wolken wie ein Kranz um die Tribuene legten. Ich habe endlich mit Yoga angefangen. Und jetzt am Samstag gab´s die erste Party mit angenehm träge versandelten Nachfeierstunden am Sonntag.

Irgendwie fast wie daheim. Quito ist eben vor allem ein Platz, um zu sein.

Sonntag, 6. April 2008

Ein neues Zuhause