Dienstag, 30. Juni 2009
Scherben bringen Glück
Donnerstag, 25. Juni 2009
Nochmal 15 sein
Es war Sankt Peter und Paul. Den beiden Heiligen ist die Kirche gewidmet gegenüber dem Büro der Defensoría del Pueblo in La Paz, am Hauptplatz des Viertels San Pedro. Schon morgens, als ich mir meine Frühstücks-Salteña in der Bäckerei „Der gute Geschmack“ an der Ecke holte, standen die Menschen bei den Yatiris Schlange, die sich angesichts des Tages der beiden Heiligen dort auf dem Gehsteig niedergelassen hatten.
Ein Yatiri ist einer von vielen Sorten Wunderheiler, Pflanzenkundiger, Scharlatan, Schamane, Weiser, für die es zig Namen gibt, die höchstens in einem anthropologischen Lexikon zu finden sind: Amautas, Kallawayas, Pacu. Sie hatten sich auf dem Gehsteig aufgebaut mit ihren Arbeitsinstrumenten: Die einen lesen aus rohen Eiern die Zukunft, die anderen aus Bier, viele aus Karten, manche hatten Vögel in Käfigen dabei oder einen kleinen Brenner und einen Topf zum Bleigießen. Junge Paare hingen an den Lippen der Zukunftsdeuter. Andere standen darum herum und lauschten neugierig den Vorhersagen für die ihnen fremden Menschen.
Bei Don Julian stand niemand an oder gar herum. Der ledrige Alte deckte die erste Karte auf und erklärte ausführlich, warum ich mir keine Gedanken um einen frühen Tod machen müsste. Dann sprach er von Reisen und Schreiben, von guten Geschäften und dass ich keine Hochzeit bräuchte, den Segen von oben hätte ich schon. Von Karte zu Karte wurden seine Erklärungen kürzer. Schließlich driftete er endgültig zu einem Themen ab, das ihm sichtlich mehr am Herzen lag als meine Zukunft: die Zukunft seines Landes.
El cambio. Der politische Umbruch in Bolivien. El campesinato. Die Bauern, die endlich auf ein besseres Leben hoffen dürften. El bono Juana Azurduy de Padilla. Das Muttergeld, das die Regierung kürzlich eingeführt hat. La Renta Dignidad. Die 300 Euro Jahresmindestrente für alle. El bono Juancito Pinto. Die Unterstützung, die Kinder aus armen Familien erhalten, um Schuluniform, Papier, Stifte und Bücher zu kaufen. Und überhaupt die Kinder. Dass die endlich zur Schule gehen können.
Don Julian erwähnte den Namen Evo Morales nicht einmal, aber die Identifikation mit Boliviens Präsidenten sprach aus jedem seiner Worte. „Ich wäre gerne nochmal 15, um den politischen Umbruch voll erleben zu können“, schloss der Yatiri euphorisch. „Aber dafür bin ich leider schon zu alt.“ Mit diesen Worten deckte er die letzte Karte auf, auch diese ein gutes Zeichen für mich. Aber schön, wenn nicht nur ich hoffnungsfroh in die Zukunft schauen kann.
Dienstag, 23. Juni 2009
Prost Neujahr!
Samstag, 6. Juni 2009
La Entrada del Gran Poder


Samstag, 30. Mai 2009
Im Berg des Teufels
Bolivianische Bergarbeiter sind ein sehr spezielles Völkchen. Sie sind gut organisiert, hart gesottern, arm, stolz auf ihre harte Arbeit und pflegen Bräuche, die europäischen Ohren sehr fremd, zart Besaiteten sogar abstoßend erscheinen mögen.
Da ist zum einen der Tío. Die Teufelsgestalt mit Hörnern am Kopf und einem großen Geschlechtsteil zwischen den Beinen findet sich in jedem Bergwerk. Auch in Candelaria Baja am Cerro Rico von Potosí, durch das mich Oscar führt, steht sie in einer Nische, die einige hundert Meter nach dem Eingang durch einen hüfthohen Gang zu erreichen ist. Wie es sich gehört, zündet ich dort eine Zigarette an und stecke sie der Tonfigur zwischen die Lippen, verstreue über ihr ein para Coca-Blätter und trinke mit meinem Führer den hiesigen Traubenschnaps Singani, hinterlasse einen Becher davon und verteile ein paar Tropfen über der Tonfigur, während Oscar mit ihr redet, als würde sie leben.

Der Tío des Bergwerks Candelaria Baja am Cerro Rico von Potosí
Der Tío beherrscht die Welt hinter dem Eingang zum Bergwerk, in der es keinen Gott mehr gibt. Wenn ihn die Bergarbeiter achten, sorgt er dafür, dass ihnen keine Unfälle passieren und dass sie ordentliche Adern entdecken. Er gehört zur Pachamama, zur Mutter Erde, wie der Ehemann und hat mit dem Teufel eigentlich gar nichts zu tun, auch wenn er so aussieht – aber daran sind die Spanier schuld, wie Oscar sagt.
Der 33-Jährige arbeitete fünf Jahre in Candelaria Baja, bevor er begann, Leute wie mich durch die unterirdischen Gänge zu führen, die zum Teil noch aus der Kolonialzeit stammen und oft genug nur reichen, um auf dem Bauch durchzurutschen. Platzangst jedenfalls sollte man nicht haben, wenn man bis in die dritte Galerie hinabsteigt, 70 Meter in die Tiefe und weit in den Bauch des Bergs hinein, wo es richtig heiß ist. Hypochonder sollte man auch nicht sein: Der Staub und die giftigen Dämpfe sind alles andere als gesund. Nach zehn bis 15 Jahren unter Tage ist ein Bergarbeiter normalerweise todkrank.
Nicht nur die Gänge von Candelaria Baja stammen zum Teil noch aus der Kolonialzeit. Die Technik, mit der hinterher das Silber mittels Chemikalien aus dem Stein gelöst wird, wurde schon im vorigen Jahrhundert verwandt, und die Werkzeuge, mit denen die Männer unter Tage arbeiten, sind ebenfalls aus den Zeiten anderer Generationen. Auf dem Bergarbeitermarkt sind sie zu sehen: Dynamitstangen, Karbitlampen, Meißel, handbewegte Loren. Dort gibt es aber auch die Coca-Blätter und den 96-prozentigen Alkohol zu kaufen, der zum Trinken mit Wasser gemischt wird.

Chemische Behandlung des Gesteins zur Lösung des Silbers.

Silber in Pulver am Ende des Prozesses.
Alkohol und Coca-Blätter sind an diesem Samstag besonders wichtig, denn heute wird nicht gearbeitet, sondern gefeiert. Es ist der Tag, dem Tío und der Pachamama Dank zu sagen, ihren Hunger zu stillen und um Glück fürs nächste Jahr zu bitten. Schon seit dem Morgen verkaufen die Bauern aus der Umgebung auf einer Straße in der Nähe des Bergarbeitermarktes Lamas.

Auf dem Lamamarkt in Potosí.



Mitten im Ritual zu Ehren von Pachamama, das die Bergarbeiter unter Tage beschützen und ordentlich Silber bringen soll.

Nach der Lama-Opferung vor dem Eingang des Bergwerks.
Freitag, 29. Mai 2009
Schlaflos in Potosí
Die Pillen brauchte ich gar nicht, aber die erste Nacht im Hotel "Cerro Rico Velasco" war trotzdem die Hölle. Ich schaffte es nicht, die Heizung auszuschalten, und konnte wegen der Wärme die ganze Nacht nicht schlafen. Mein Kollege Héctor saß anderntags wie ich mit tiefen Augenringen am Frühstückstisch. Als wir uns auf den Weg in das lokale Büro der Defensoría del Pueblo machten, waren wir beide froh, aus der ungewohnten Hotelhitze in die kalte, klare Morgenluft zu treten und den eisigen Winterwind an den Backen zu spüren. Und ich schwor mir: Nie wieder Hotel mit Heizung!
Donnerstag, 28. Mai 2009
Der reiche Berg

Sonntag, 10. Mai 2009
Traum vom Glück

Samstag, 18. April 2009
Traurige Tropen
In Trinidad ist es heiß und feucht, und es stinkt. Die Hauptstadt des Departaments Beni mit 86.000 Einwohnern hat kein Abwassersystem, stattdessen überall offene Kanäle am Straßenrand, die zur Regenzeit überlaufen. Taxis gibt es nur in Form von Motorrädern. Die Straßen haben entweder keinen Asphalt oder tiefe Schlaglöcher. Im Zentrum der Stadt sind sie von Arkaden gesäumt.
Hier im Tiefland von Bolivien, das zum Amazonasbecken gehört und schon Richtung Brasilien liegt, ist es tropisch in jeder Hinsicht. „Wenn sie jemanden nicht mögen, erschießen sie ihn. Wenn sie ihn nicht erschießen, dann weil sie nicht mögen“, sagt die Repräsentantin der Defensoría del Pueblo in Trinidad. Sie hießt Selva und ist eine ältere Dame im schwarzen Etuitkleid, die aus einer alteingesessenen Großgrundbesitzerfamilie stammt und sich Zeit ihres Lebens für die Rechte von Indigenen eingesetzt hat.
Dass mich meine Chefs Gonzalo und Hector mitgenommen haben zu einem 24-stündigen Ausflug in die Provinzhauptstadt, ist als Vertrauensbeweis zu betrachten. Vor anderthalb Jahren haben sie mit anderen Kollegen eine Untersuchung auf den Landgütern in der Region durchgeführt. Es gibt viele haarsträubende Abenteuergeschichten von dieser Reise. Herausgekommen aber ist eine Studie über die Menschenrechtssituation der Arbeiter, die den Großgrundbesitzern überhaupt nicht gefällt. Nun geht es darum zu überprüfen, ob die staatlichen Institutionen die Empfehlungen an sie umsetzen.
Beni ist die Viehzuchtregion Boliviens. Die Haciendas sind wegen des Regens ein halbes Jahr lang nur mit der Cessna zu erreichen. Das andere halbe Jahr über ist jeder Weg immer noch eine lange Reise. Jede Kuh hat drei Hektar, „mehr als ein Indigener“, wie Präsident Evo Morales bei Amtsantritt richtig anmerkte. Es erübrigt sich zu erklären, dass die Großgrundbesitzer des Beni nicht zu seinen Anhängern gehören.
Was die Mitarbeiter der Defensoría bei ihrer dreiwöchigen Erkundigung in den hintersten Ecken des Beni vorfanden, ist zwar nicht zu vergleichen mit den Sklavenverhältnissen im Chaco. Aber es geht doch um sklavenähnliche Verhältnisse. Die Arbeiter verdienen zuviel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Sie sind nicht kranken- oder rentenversichert, und einen Teil ihres Hungerlohns erhalten sie in Naturalien, weil es keine Geschäfte gibt auf den Gütern, genausowenig wie Schulen oder Krankenhäuser. Ihre Frauen und Kinder müssen unentgeltlich mitarbeiten. Und die Lohnvorauszahlungen verschulden die Arbeiter dermaßen, dass sie nicht die Wahl des Arbeitsplatzes haben – sie müssen ja erstmal ihre Schulden abarbeiten.
Das wäre erstmal das dürre Faktengerüst, das Selva mit kabarettreifen Erzählungen zu ergänzen vermag. Darüber, wer bei welcher der jüngsten Abstimmungen und Wahlen wo mit Waffen auftauchte und dafür sorgte, dass das Ergebnis genehm ausfällt. Dass in Trinidad die graue Eminenz im Stadtrat die zwei Kolleginnen im Gremium regelmäßig drei verschiedene Versionen des Protokolls unterzeichnen lässt. Zwei davon nimmt er an sich – und holt sie raus, wenn die Gefahr besteht, dass die Damen nicht nach seinen Anweisungen tanzen. Dass eben dieser Stadtrat, als er seine Macht schwinden sah, anonyme Briefe verteilte, in denen er die intimen Fehltritte einer ganzen Reihe von Ehefrauen und Männern denunzierte.
Klingt wie bayerisches Bauerntheater und ist doch bolivianische Realität.
Die zweite Hälfte des Tages verbrachten wir im Gefängnis von Trinidad, wo die Häftlinge gerade in Hungerstreik getreten waren: weil es kein Trinkwasser gibt und keine Medikamente, weil das Stadtkrankenhaus die Gefangenen nicht behandelt, so lange die Gefängnisverwaltung nicht die dort angehäuften Schulden begleicht. Weil es eng ist – und überhaupt.
In einem engen Kabuff mit hölzernen Schulbänken und einem lärmenden Ventilator vermittelte Gonzalo erfolgreich. Anschließend führte uns der Hälftingssprecher durch die Anlage, in der knapp 300 Männer sitzen - zusammen mit ihren mehr als hundert Kindern und etwa 200 Ehefrauen, die untertags draußen arbeiten und abends zu ihren eingesperrten Männern zurückkehren.
Das Gefängnis von außen
und innen
Der Haupthof mit den Familienschlafkabinen, die per Leiter zu erreichen sind
Die Lederwerkstatt
Die Küche
Und nochmal Selva




































