Montag, 27. Juli 2009

Stadt in Weiß



Der Winter in La Paz ist nicht wirklich lang. Er ist auch nicht mit einem strengen deutschen Winter zu vergleichen. Der Wind ist ein bisschen kälter als sonst, nachts sinken die Temperaturen noch ein bisschen weiter nach unten, untertags brennt die Sonne noch ein bisschen unbarmherziger. Aber sie scheint jeden Tag. Jeder Morgen beginnt mit einem Blick in einen stahlblauen Himmel und guter Laune.
Es sei denn, es schneit. Tatsächlich wird der Pazeñer Winter in Schneefällen gemessen. Zum Zählen der Schneefälle genügt pro Winter in der Regel eine Hand. Aber wenn es oben in El Alto auf der Hochebene, 200 Meter über La Paz, schneit, dann stauen sich die Lastwagen in die Yungas kilometerlang, und es ist allen Zeitungen eine Aufmachung wert. In La Paz spürt man in der Regel nur, dass es noch kälter geworden ist.
Heute morgen aber waren auch der Prado, die Altstadt und die Dächer des Zentrums für ein paar Stunden weiß überzuckert. Das letzte Mal soll das in den achtziger Jahren passiert sein. Ich überlegte kurz, ob ich nun doch eine Heizung kaufen soll. Aber dann sagten die Metereologen für diesen Winter nur noch einen einzigen letzten Schneefall voraus - und den übersteh´ ich jetzt auch noch ohne.





Die Fotos sind diesmal nicht von mir, sondern von meiner Kollegin Sandra Martinez.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Der Hausberg


Kürzlich hat mich der Illimani auf dem Weg in die Arbeit so in den Bann gezogen, dass es mich flachlegte. Die Narbe auf dem Knie wird noch lange zu sehen sein. Wie oft ich den 6400 Meter hohen Hausberg von La Paz auch sehe, er lässt jedes Mal wieder aufs Neue mein Herz hüpfen. So sehr, dass ich neulich sogar behauptete, La Paz sei die schönste Stadt der Welt . . .


Donnerstag, 16. Juli 2009

Schrei nach Freiheit


200 Jahre alt ist der erste Schrei nach Freiheit in Lateinamerika und in Bolivien - wobei eher umstritten ist, wer auf dem Subkontinent wirklich als erster geschrien hat. Vom ersten Schrei an hat es dann auch immerhin noch 16 Jahre gedauert, bis die Unabhängigkeitsbewegung Erfolg hatte, die spanische Herrschaft abschüttelte und der Staat Bolivien geboren wurde. Freiheit allerdings bedeutete damals nur die Freiheit der in Südamerika geborenen Nachfolger der Spanier. Die anderen, die Indigenen, schreien heute noch - und haben immer noch Mühe, gehört zu werden. Irgendwelche Forderungen jedenfalls wurden zum 200. Jahrestag ordentlich übertönt: mit zwei zusätzlichen Feiertagen, einem umfangreichen Kulturprogramm, Aufmärschen und einer Sonderausgabe des Paceña-Biers - vielleicht dem greifbarsten Ergebnis von 200 Jahren Unabhängigkeit.

Montag, 6. Juli 2009

Tamiflu im Angebot

Schweinegrippe? In Deutschland ist diese Sau wahrscheinlich längst durchs Dorf getrieben, kein Mensch erinnert sich mehr, was das war. Dafür haben wir sie jetzt in Südamerika. Während im Nachbarland Argentinien die Menschen reihenweise sterben, gibt es hier in Bolivien erst einen Grippetoten - und der starb eigentlich an Chagas. In Santa Cruz natürlich, hier im kalten Hochland in La Paz fühlt sich der Virus nicht wirklich wohl.
Weil ich mich dummerweise gerade mit einer ordentlichen Nebenhöhlenentzündung herumplage, stattete mich die Abteilungsleiterin heute mit Mundschutz, Gummihandschuhen, gut gemeinten Empfehlungen und einem Tamiflu-Angebot aus. Die Frau ist Ärztin und arbeitet deshalb in der Defensoría del Pueblo, weil sie damals im Nachbarland Chile, im Kampf gegen die Diktatur, medizinische Gutachten über die Folteropfer anfertigte.
Ich lehnte das Tamiflu dankend ab. Ging stattdessen heim und legte mich ins Bett. Schlafen ist dann doch die bessere Medizin.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Auf dem Trockenen

Meine Mitbewohnerin Gudrun wollte kürzlich was aus dem Gefrierschrank auftauen. Kein Wunder, dass das nicht klappte. Für Weißwein und Bier braucht man zurzeit auch keinen Kühlschrank. Und wenn wir am Wochenende weiche Butter oder flüssigen Honig benötigen, stellen wir die Sachen mal kurz im Hof in die Sonne. Ansonsten ist es eher schattig - und ich habe immer noch keine Heizung gekauft.
Auf der Internetseite der Zeitung La Razón lässt sich täglich das Wetter ablesen. Mittags um zwölf hatte es da in La Paz kürzlich 11 Grad Celsius und 28 Prozent Luftfeuchtigkeit, nachmittags um vier 14 Grad und 14 Prozent Luftfeuchtigkeit. Um zehn Uhr nachts sinkt die Temperatur dann meist auf den Gefrierpunkt.
Angesichts der Trockenheit hilft übrigens nur eines: Jeden Tag reichlich bolivianisches Paranussöl auf der Haut und in den Haaren verteilen und hinterher jeden Zentimeter des Körpers mit importierter Harnsäure-Lotion eincremen. Dick aufgetragen? Nein, Alltag!

Dienstag, 30. Juni 2009

Scherben bringen Glück

Heute hat der Gockel sein Zeitliches gesegnet. Das kleine Keramiktier, das mir meine beiden Mitbewohnerinnen vom Alasitas-Fest (siehe Januar) mitgebracht hatten, damit ich auch noch einen Mann abkriege, ist in tausend kleine Scherben zersprungen. Ob das wohl was zu bedeuten hat?

Donnerstag, 25. Juni 2009

Nochmal 15 sein

Don Julian mischte etwas umständlich die speckigen Tarotkarten mit den andinen Zeichnungen. Der 71-Jährige murmelte ein Gebet auf Aymara zum Tataweißnichtwen und fächerte die Karten in seinen dunklen Händen auf. 15 musste ich ziehen. Ein besonderes Anliegen hingegen musste ich nicht haben. „Alles in einem: Gesundheit, Liebe, Geschäfte“, sagte Don Julian und legte die Karten auf das handgewebte Tuch über der Holzkiste.

Es war Sankt Peter und Paul. Den beiden Heiligen ist die Kirche gewidmet gegenüber dem Büro der Defensoría del Pueblo in La Paz, am Hauptplatz des Viertels San Pedro. Schon morgens, als ich mir meine Frühstücks-Salteña in der Bäckerei „Der gute Geschmack“ an der Ecke holte, standen die Menschen bei den Yatiris Schlange, die sich angesichts des Tages der beiden Heiligen dort auf dem Gehsteig niedergelassen hatten.

Ein Yatiri ist einer von vielen Sorten Wunderheiler, Pflanzenkundiger, Scharlatan, Schamane, Weiser, für die es zig Namen gibt, die höchstens in einem anthropologischen Lexikon zu finden sind: Amautas, Kallawayas, Pacu. Sie hatten sich auf dem Gehsteig aufgebaut mit ihren Arbeitsinstrumenten: Die einen lesen aus rohen Eiern die Zukunft, die anderen aus Bier, viele aus Karten, manche hatten Vögel in Käfigen dabei oder einen kleinen Brenner und einen Topf zum Bleigießen. Junge Paare hingen an den Lippen der Zukunftsdeuter. Andere standen darum herum und lauschten neugierig den Vorhersagen für die ihnen fremden Menschen.

Bei Don Julian stand niemand an oder gar herum. Der ledrige Alte deckte die erste Karte auf und erklärte ausführlich, warum ich mir keine Gedanken um einen frühen Tod machen müsste. Dann sprach er von Reisen und Schreiben, von guten Geschäften und dass ich keine Hochzeit bräuchte, den Segen von oben hätte ich schon. Von Karte zu Karte wurden seine Erklärungen kürzer. Schließlich driftete er endgültig zu einem Themen ab, das ihm sichtlich mehr am Herzen lag als meine Zukunft: die Zukunft seines Landes.

El cambio. Der politische Umbruch in Bolivien. El campesinato. Die Bauern, die endlich auf ein besseres Leben hoffen dürften. El bono Juana Azurduy de Padilla. Das Muttergeld, das die Regierung kürzlich eingeführt hat. La Renta Dignidad. Die 300 Euro Jahresmindestrente für alle. El bono Juancito Pinto. Die Unterstützung, die Kinder aus armen Familien erhalten, um Schuluniform, Papier, Stifte und Bücher zu kaufen. Und überhaupt die Kinder. Dass die endlich zur Schule gehen können.

Don Julian erwähnte den Namen Evo Morales nicht einmal, aber die Identifikation mit Boliviens Präsidenten sprach aus jedem seiner Worte. „Ich wäre gerne nochmal 15, um den politischen Umbruch voll erleben zu können“, schloss der Yatiri euphorisch. „Aber dafür bin ich leider schon zu alt.“ Mit diesen Worten deckte er die letzte Karte auf, auch diese ein gutes Zeichen für mich. Aber schön, wenn nicht nur ich hoffnungsfroh in die Zukunft schauen kann.

Dienstag, 23. Juni 2009

Prost Neujahr!

An manchen Orten gehend die Uhren anders. In den Anden zum Beispiel. Am Sonntag, 21. Juni, begrüßten die Aymara den Beginn des Jahres 5517. Weil diese Nacht gleichzeitig die kälteste sein soll, verzichtete ich darauf, mit 40.000 anderen Menschen zu den Ruinen von Tiwanaku zu fahren und die ersten Sonnenstrahlen zu zelebrieren. Ich begnügte mich mit der freudigen Nachricht, dass Evo diesen Tag zum Feiertag erklärt hat.
Die christliche Version des Festes, die die Spanier eingeführt haben, stand heute an. Sie heißt San Juan und wurde nicht zum Feiertag erklärt. Weil die Stadtverwaltung außerdem das Abbrennen von Autoreifen verboten hat, um zu verhindern, dass La Paz tagelang in einer Rauchwolke versinkt, begnügen sich die Pazeñer inzwischen damit, an diesem Tag daheim Würstel zu essen.
Gudrun und ich gingen - wie immer am Dienstag und Donnerstag und machmal auch samstags - in das Fitness-Studie zu unserer Pilates-Stunde. Zur Feier des Tages begleitete uns unser Profe Luis hinterher auf ein Bier. Dabei stellten wir fest, dass wir ihn furchtbar unterschätzt hatten. Er hat nicht nur Muskeln, er hat auch Hirn und Witz: Der 29-Jährige ist Traumatologe, arbeitet im größten Kinderkrankenhaus in La Paz, hat eine eigene Praxis und gibt nebenbei Geburtsvorbereitungskurse, über die er ziemlich unterhaltsam zu erzählen weiß. Der Typ hätte glatt Kabarettist werden können...

Samstag, 6. Juni 2009

La Entrada del Gran Poder


Was 1939 als Lichterprozession mit der Statue des "Christus der großen Kraft" begann, ist heute das größte Spektakel im Veranstaltungskalender der Stadt: Dutzende Bruderschaften ziehen bei dem Festival den ganzen Tag über in Kostümen und tanzend durch die Straßen von La Paz und würdigen dem "Señor del Gran Poder". Ein weltliches Spektakel mit religiösem Hintergrund. Manche der tanzenden Cholas sind derart reich behängt mit Schmuck, dass sie dafür extra einen Bodyguard engagieren. Bier gibt es außerdem auch reichlich - was man ab Mittag etwa zu bemerken beginnt.















































Samstag, 30. Mai 2009

Im Berg des Teufels

Bolivianische Bergarbeiter sind ein sehr spezielles Völkchen. Sie sind gut organisiert, hart gesottern, arm, stolz auf ihre harte Arbeit und pflegen Bräuche, die europäischen Ohren sehr fremd, zart Besaiteten sogar abstoßend erscheinen mögen.

Da ist zum einen der Tío. Die Teufelsgestalt mit Hörnern am Kopf und einem großen Geschlechtsteil zwischen den Beinen findet sich in jedem Bergwerk. Auch in Candelaria Baja am Cerro Rico von Potosí, durch das mich Oscar führt, steht sie in einer Nische, die einige hundert Meter nach dem Eingang durch einen hüfthohen Gang zu erreichen ist. Wie es sich gehört, zündet ich dort eine Zigarette an und stecke sie der Tonfigur zwischen die Lippen, verstreue über ihr ein para Coca-Blätter und trinke mit meinem Führer den hiesigen Traubenschnaps Singani, hinterlasse einen Becher davon und verteile ein paar Tropfen über der Tonfigur, während Oscar mit ihr redet, als würde sie leben.


Der Tío des Bergwerks Candelaria Baja am Cerro Rico von Potosí

Der Tío beherrscht die Welt hinter dem Eingang zum Bergwerk, in der es keinen Gott mehr gibt. Wenn ihn die Bergarbeiter achten, sorgt er dafür, dass ihnen keine Unfälle passieren und dass sie ordentliche Adern entdecken. Er gehört zur Pachamama, zur Mutter Erde, wie der Ehemann und hat mit dem Teufel eigentlich gar nichts zu tun, auch wenn er so aussieht – aber daran sind die Spanier schuld, wie Oscar sagt.

Der 33-Jährige arbeitete fünf Jahre in Candelaria Baja, bevor er begann, Leute wie mich durch die unterirdischen Gänge zu führen, die zum Teil noch aus der Kolonialzeit stammen und oft genug nur reichen, um auf dem Bauch durchzurutschen. Platzangst jedenfalls sollte man nicht haben, wenn man bis in die dritte Galerie hinabsteigt, 70 Meter in die Tiefe und weit in den Bauch des Bergs hinein, wo es richtig heiß ist. Hypochonder sollte man auch nicht sein: Der Staub und die giftigen Dämpfe sind alles andere als gesund. Nach zehn bis 15 Jahren unter Tage ist ein Bergarbeiter normalerweise todkrank.

Nicht nur die Gänge von Candelaria Baja stammen zum Teil noch aus der Kolonialzeit. Die Technik, mit der hinterher das Silber mittels Chemikalien aus dem Stein gelöst wird, wurde schon im vorigen Jahrhundert verwandt, und die Werkzeuge, mit denen die Männer unter Tage arbeiten, sind ebenfalls aus den Zeiten anderer Generationen. Auf dem Bergarbeitermarkt sind sie zu sehen: Dynamitstangen, Karbitlampen, Meißel, handbewegte Loren. Dort gibt es aber auch die Coca-Blätter und den 96-prozentigen Alkohol zu kaufen, der zum Trinken mit Wasser gemischt wird.


Ein Modell des Cerro Rico.



Chemische Behandlung des Gesteins zur Lösung des Silbers.



Silber in Pulver am Ende des Prozesses.

Alkohol und Coca-Blätter sind an diesem Samstag besonders wichtig, denn heute wird nicht gearbeitet, sondern gefeiert. Es ist der Tag, dem Tío und der Pachamama Dank zu sagen, ihren Hunger zu stillen und um Glück fürs nächste Jahr zu bitten. Schon seit dem Morgen verkaufen die Bauern aus der Umgebung auf einer Straße in der Nähe des Bergarbeitermarktes Lamas.


Auf dem Lamamarkt in Potosí.




Die Truppe von Candelaria Baja hat vier Lamas an den Eingang ihres Stollens gebracht und ist schon ordentlich betrunken. Plötzlich stellen die Männer den Schnaps beiseite, packen eines der Tiere, legen es seitlich auf den Boden, halten Kopf und Beine fest, drücken den Körper nieder, stopfen ihm Coca-Blätter in den Mund und träufeln Alkohol hinterher. Dann sticht einer zu und schneidet.
Das Blut läuft aus der offenen Kehle in eine Schüssel. Der Chef der Truppe nimmt die Schüssel und schleudert das Lamablut gegen den Eingang des Bergwerks. Viermal geht das so, nicht gerade zielgenau, auch die Arbeiter kiegen was ab. Mit der letzten Schüssel geht der Chef durch die Reihen, taucht seine Hand ein und schmiert das Blut auf die Wangen der Männer. Auch das soll Glück bringen.
Alles ist blutbespritzt, und die vier Lamas liegen tot vor dem Stolleneingang auf der Erde. Die Männer häuten die Tiere und schneiden die Innereien heraus, trennen Kopf und Füße ab und legen sie so zurecht, als würde das Lama noch leben. Andere heben eine Grube vor dem Eingang aus, darin werden später die Reste begraben – für Pachamama und den Tío. Währenddessen haben die Frauen ein Feuer entfacht, auf dem sie das Fleisch braten. Aus der Nähe sind Dynamitexplosionen zu hören, die Erde zittert ein bisschen.
Am Cerro Rico arbeiten ein privates Unternehmen und 43 Bergarbeiterkooperativen. Die Kooperativen betreiben jeweils mehrere Stollen. Manchmal treffen sich die Arbeiter verschiedener Kooperativen unter Tage, dann gibt es Ärger. Der Berg ist nach jahrhundertelanger Ausbeutung löchriger als ein Schweizer Käse und kann jeden Moment in sich zusammenbrechen - das wäre dann das traurige Ende eines traurigen Symbols für Kolonialismus und Kapitalismus, Ausbeutung und Armut.

Mitten im Ritual zu Ehren von Pachamama, das die Bergarbeiter unter Tage beschützen und ordentlich Silber bringen soll.


Nach der Lama-Opferung vor dem Eingang des Bergwerks.



Mit soviel Lamablut im Gesicht sollte es am Glück nicht mehr fehlen...


Freitag, 29. Mai 2009

Schlaflos in Potosí

Ich hatte nicht nachgeschaut im Führer und auch nicht gefragt vor der Reise und nur die Vorstellung, Potosí müsste sehr viel höher liegen als La Paz und sehr viel kälter sein. Zum ersten Mal überhaupt kaufte ich Pillen gegen die Höhenkrankheit. Steckte alle meine Strumpfhosen und die Alpakasocken in den Koffer, zog meinen Daunenanorak und die dicken Winterschuhe an und hoffte, dass das Hotel Heizung haben würde.

Die Pillen brauchte ich gar nicht, aber die erste Nacht im Hotel "Cerro Rico Velasco" war trotzdem die Hölle. Ich schaffte es nicht, die Heizung auszuschalten, und konnte wegen der Wärme die ganze Nacht nicht schlafen. Mein Kollege Héctor saß anderntags wie ich mit tiefen Augenringen am Frühstückstisch. Als wir uns auf den Weg in das lokale Büro der Defensoría del Pueblo machten, waren wir beide froh, aus der ungewohnten Hotelhitze in die kalte, klare Morgenluft zu treten und den eisigen Winterwind an den Backen zu spüren.
Und ich schwor mir: Nie wieder Hotel mit Heizung!

Donnerstag, 28. Mai 2009

Der reiche Berg


Von etwas besonders Wertvollem sagt man noch heute, wenn auch in etwas veraltetem Spanisch: "Vale un Potosí." - "Das ist einen Potosí wert." Die Stadt Potosí im zentralen Hochland von Bolivien (4070 Meter) machte Geschichte wegen des "Cerro rico", des "reichen Bergs". Aus dem holten die Spanier so viel Silber heraus, dass man davon eine Brücke nach Europa hätte bauen können - und eine zweite aus den Knochen der Millionen von indigenen und schwarzen Sklaven, die in den Bergwerken des Hügels über die Jahrhunderte der spanischen Kolonialzeit den Tod fanden.
Die Kolonialzeit ist vorüber, viel Silber ist im Berg nicht mehr zu finden, und die Rohstoffpreise sind ohnehin gerade im Keller. Was immer über das heutige Potosí erzählt wird, klingt in der Regel nicht sehr heimelig. Eine arme Stadt in unwirtlichen Höhen mit kaltem Klima und einer Unzahl sozialer Konflikte. Aber wenn ich die Wahl hätte zwischen dem heißen und feuchten Santa Cruz im Tiefland und dem kalten und trockenen Potosí im Hochland - ich würde, ohne eine Sekunde zu zweifeln, nach Potosí gehen. Tatsächlich ist es nämlich eine hübsche Kleinstadt mit Kolonialarchitektur, kleinen Gassen, kolossalen Kirchen, sehr netten Bewohnern und einem wunderbaren Blick.












Sonntag, 10. Mai 2009

Traum vom Glück


Der größte Traum der Mittelklassemädels aus der Defensoría del Pueblo, mit denen ich regelmäßig mittagessen gehe, ist ein europäischer Mann. Meine Kollegin Ximena, mit der ich das fensterlose Zimmer im Erdgeschoß teile, hat schon einen Mann, einen bolivianischen. Auf den ist sie zurzeit aber nicht gut zu sprechen.
Der größter Traum ihres Ehemannes ist Spanien. Deshalb sitzt Ximena seit Januar mit ihrem zweijährigen Sohn Nicolas alleine in Bolivien, während er in Madrid ohne Erfolg Arbeit sucht und nicht daran denkt zurückzukehren. Ihren ersten Hochzeitstag vorige Woche verbrachte die Kollegin mit ihrem Papa und Nicolas und ohne Mann am Titicacasee.
Neuerdings redet Ximena deshalb von ihrem "Ex-Mann". "So lange er mir kein Geld schickt, braucht er sich gar nicht erst zu melden!", schimpfte sie kürzlich unter Tränen. Ich musste ihm am Telefon sagen, sie sei nicht da. Der Traum vom Glück kann auch sehr schmerzhaft sein.

Samstag, 18. April 2009

Traurige Tropen

In Trinidad ist es heiß und feucht, und es stinkt. Die Hauptstadt des Departaments Beni mit 86.000 Einwohnern hat kein Abwassersystem, stattdessen überall offene Kanäle am Straßenrand, die zur Regenzeit überlaufen. Taxis gibt es nur in Form von Motorrädern. Die Straßen haben entweder keinen Asphalt oder tiefe Schlaglöcher. Im Zentrum der Stadt sind sie von Arkaden gesäumt.

Hier im Tiefland von Bolivien, das zum Amazonasbecken gehört und schon Richtung Brasilien liegt, ist es tropisch in jeder Hinsicht. „Wenn sie jemanden nicht mögen, erschießen sie ihn. Wenn sie ihn nicht erschießen, dann weil sie nicht mögen“, sagt die Repräsentantin der Defensoría del Pueblo in Trinidad. Sie hießt Selva und ist eine ältere Dame im schwarzen Etuitkleid, die aus einer alteingesessenen Großgrundbesitzerfamilie stammt und sich Zeit ihres Lebens für die Rechte von Indigenen eingesetzt hat.

Dass mich meine Chefs Gonzalo und Hector mitgenommen haben zu einem 24-stündigen Ausflug in die Provinzhauptstadt, ist als Vertrauensbeweis zu betrachten. Vor anderthalb Jahren haben sie mit anderen Kollegen eine Untersuchung auf den Landgütern in der Region durchgeführt. Es gibt viele haarsträubende Abenteuergeschichten von dieser Reise. Herausgekommen aber ist eine Studie über die Menschenrechtssituation der Arbeiter, die den Großgrundbesitzern überhaupt nicht gefällt. Nun geht es darum zu überprüfen, ob die staatlichen Institutionen die Empfehlungen an sie umsetzen.

Beni ist die Viehzuchtregion Boliviens. Die Haciendas sind wegen des Regens ein halbes Jahr lang nur mit der Cessna zu erreichen. Das andere halbe Jahr über ist jeder Weg immer noch eine lange Reise. Jede Kuh hat drei Hektar, „mehr als ein Indigener“, wie Präsident Evo Morales bei Amtsantritt richtig anmerkte. Es erübrigt sich zu erklären, dass die Großgrundbesitzer des Beni nicht zu seinen Anhängern gehören.

Was die Mitarbeiter der Defensoría bei ihrer dreiwöchigen Erkundigung in den hintersten Ecken des Beni vorfanden, ist zwar nicht zu vergleichen mit den Sklavenverhältnissen im Chaco. Aber es geht doch um sklavenähnliche Verhältnisse. Die Arbeiter verdienen zuviel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Sie sind nicht kranken- oder rentenversichert, und einen Teil ihres Hungerlohns erhalten sie in Naturalien, weil es keine Geschäfte gibt auf den Gütern, genausowenig wie Schulen oder Krankenhäuser. Ihre Frauen und Kinder müssen unentgeltlich mitarbeiten. Und die Lohnvorauszahlungen verschulden die Arbeiter dermaßen, dass sie nicht die Wahl des Arbeitsplatzes haben – sie müssen ja erstmal ihre Schulden abarbeiten.

Das wäre erstmal das dürre Faktengerüst, das Selva mit kabarettreifen Erzählungen zu ergänzen vermag. Darüber, wer bei welcher der jüngsten Abstimmungen und Wahlen wo mit Waffen auftauchte und dafür sorgte, dass das Ergebnis genehm ausfällt. Dass in Trinidad die graue Eminenz im Stadtrat die zwei Kolleginnen im Gremium regelmäßig drei verschiedene Versionen des Protokolls unterzeichnen lässt. Zwei davon nimmt er an sich – und holt sie raus, wenn die Gefahr besteht, dass die Damen nicht nach seinen Anweisungen tanzen. Dass eben dieser Stadtrat, als er seine Macht schwinden sah, anonyme Briefe verteilte, in denen er die intimen Fehltritte einer ganzen Reihe von Ehefrauen und Männern denunzierte.

Klingt wie bayerisches Bauerntheater und ist doch bolivianische Realität.

Die zweite Hälfte des Tages verbrachten wir im Gefängnis von Trinidad, wo die Häftlinge gerade in Hungerstreik getreten waren: weil es kein Trinkwasser gibt und keine Medikamente, weil das Stadtkrankenhaus die Gefangenen nicht behandelt, so lange die Gefängnisverwaltung nicht die dort angehäuften Schulden begleicht. Weil es eng ist – und überhaupt.

In einem engen Kabuff mit hölzernen Schulbänken und einem lärmenden Ventilator vermittelte Gonzalo erfolgreich. Anschließend führte uns der Hälftingssprecher durch die Anlage, in der knapp 300 Männer sitzen - zusammen mit ihren mehr als hundert Kindern und etwa 200 Ehefrauen, die untertags draußen arbeiten und abends zu ihren eingesperrten Männern zurückkehren.


Das Gefängnis von außen


und innen


Der Haupthof mit den Familienschlafkabinen, die per Leiter zu erreichen sind

Die Lederwerkstatt

Die Küche


Der Bunker

Die Apotheke

Selva mit einem Häftling


Der Lederwarenverkauf am Gefängniseingang



Hector



Gonzalo




Und nochmal Selva