Sonntag, 15. Juni 2008

Treueprämie

Drei Besuche in anderthalb Jahren, das ist wirklich Rekord!

Ich schleppte Wasti am ersten Tag in der Seilbahn hinauf auf über 4100 Meter, wo man einen wunderbaren Blick über Quito hat und gleichzeitig ein Gefühl dafür bekommt, dass man in den Hochanden gelandet ist. Hinterher musste er den Turm der neogotischen Basilika hochkraxeln, damit er die Altstadt von oben sieht. Dann schaukelten wir im Bus dreieinhalb Stunden in Richtung Meer nach Puerto Quito, wo uns beiden das tropisch-schwülheiße Klima zu schaffen machte. Zurück in Quito spazierten wir durch das Dorf Guapulo, wo einen die Hauptstadt-Hochhäuser oben am Steilhang beäugen, und durch den Parque Metropolitano, der nochmal einen Ausblick erlaubt auf das benachbarte Tal und die Stadt. Na ja, und dann war die Woche auch schon wieder rum. So schnell ging das.















Montag, 2. Juni 2008

Feuerspeiender Schlund



Ich musste schon wieder für eine Woche nach Puyo. Wieder Diskussionen, Arbeitsgruppen, Bier - aber keine Ausflüge diesmal. Das Beste war eindeutig der Weg dorthin: Man konnte den 5016 Meter hohen Tungurahua sehen. Übersetzt bedeutet Tungurahua feuerspeiender Schlund.

In den vergangenen Wochen machte der Vulkan seinem Namen Ehre, er grummelte ziemlich, und im Februar erst hatte er einen Asche- und Gesteinsregen losgelassen. Der letzte größere Ausbruch war im August 2006, als die Lava-Lawine fünf Dörfer verschüttete. Ich musste damals vom Münchner Schreibtisch aus darüber schreiben, ohne eine Vorstellung zu haben. Das hat sich geändert. Der Weg nach Puyo führt direkt über die erkalteten Geröllmassen.

Sonntag, 1. Juni 2008

Viva el "Comercio"




Joachim (Fotos) und Christian mussten ihre geplante Cotopaxi-Gletschertour wegen des schlechten Wetters absagen. So sind die beiden, Antje (Foto) und ich zu dem Vulkan gefahren, um stattdessen wenigstens bis zu der Berghütte zu gehen, wo der Gletscher anfängt. Ich war eindeutig nicht richtig ausgerüstet und musste mir ob der Kälte Zeitungspapier in die Hosen stopfen. Ohne den "Comercio" wäre ich wahrscheinlich auf dem Weg nach oben erforen. Der Gipfel war in Wolken gehüllt, aber den hab ich ja vor vier Jahren schon gesehen. Dafür sah man in den Paramo-Wiesen bunte Frühlingsblumen, und hinterher fuhren wir durch die Hochebene, die vier Jahre lang als Bildschirmschoner in meinem Computer gespeichert war.






Dienstag, 20. Mai 2008

Misión cumplida

Wie das ist, wenn man Sklave seines Besitzes wird, durfte ich jetzt hautnah miterleben. Yoanne und Holger sind ein Woche vor mir hier in Ecuador angekommen und sind kurz danach in eine Wohnung bei mir in der Nähe gezogen. Während ich aber von meinen Fenstern aus entweder auf unscheinbare Häuser oder auf das Stadion oder auf Wellblechdächer schaue, residieren die beiden im besseren Teil meines Viertels in einer abgeschlossenen Straße mit Blick auf die gesamte Stadt.

Unten versperrt ein Tor die Zufahrt, das immer abgeschlossen ist. Oben steht ein Wachmann an einer Schranke. Seit innerhalb einer Woche die Wohnung über Holger und Yoanne, eine im Nachbarhaus und eine im Haus gegenüber ausgeräumt wurde, hat die Mietergemeinschaft zusätzlich zum Wachmann auf der Straße und zur Alarmanlage einen 24-stündigen Sicherheitsdienst für das Gebäude engagiert.

Das wäre mir alles egal, wenn ich nicht kürzlich, als die beiden auf Reisen waren, ihre blauen Gepäcktonnen in Empfang hätte nehmen müssen.

Der ältere Herr im Anzug wuchtete die fünf Tonnen von seinem Pickup, stellte sie etwa fünf Meter vom Hauseingang ab und sagte mit einem Lächeln im Gesicht: "Misión cumplida." Da kriegte ich einen Tobsuchtsanfall und sagte zuckersüß: "Herzlichen Dank. Sie sind aber sicher so freundlich und bringen die Tonnen in die Wohnung, oder?" Ihm gefror das Lächeln. Ich passierte die Video-Gegensprechanlage, sperrte das Außentor mit dem ersten Schlüssel auf, sperrte die Haustür mit dem zweiten Schlüssel auf, beantwortete geduldig die Fragen des Gebäudewachmanns und dann des Hausmeisters und stellte mich an den Aufzug, bis der Herr im Anzug alle fünf Tonnen dorthin verfrachtet hatte.

Im Aufzug musste ich diese weiße Scheckkarte in der Handtasche suchen, denn der Lift bewegt sich nur, wenn man diese Karte dort an einen elektronischen Apparat gehalten hat und das Lämpchen grün blinkt. Auch wenn die Wohnung 5b heißt, so liegt sie doch im zweiten Stock. Das stand aber gottseidank auf meinem Zettel.

Vor der Haustür schließlich die schwierigste Aufgabe: Es gibt ein Metallgitter mit Schloss und drei Meter dahinter die Haustüre mit Schloss. Wenn man das Metallgitter aufgeschlossen hat, bleiben einem genau fünfzehn Sekunden, um die Haustüre aufzusperren und in der Wohnung den Sicherheitscode in einen Apparat einzugeben. Wer zu langsam ist, löst den Alarm aus.

Ich war natürlich zu langsam. Schon alleine deshalb, weil ich einen Schlüsselbund mit sieben Schlüsseln in der einen Hand und den Zettel mit den Nummern des Sicherheitscode in der anderen hatte. Und um Himmels willen: Welcher ist der Haustürschlüssel? Den richtigen sollte man bereits identifiziert haben, bevor man das Metalltor aufsperrt. Ich wusste, dass er ein eingestanztes K zeigte, aber als ich genauer hinsah, merkte ich, dass das für vier Schlüssel galt. Ich musste also ausprobieren. Und das dauerte eindeutig länger als fünfzehn Sekunden.

Als ich endlich in die Wohnung stürmte, um den Sicherheitscode einzugeben und damit dieses nervtötende Alarmgeräusch zu beenden, klingelte schon das Telefon. Ich nahm aus Versehen erst den Hörer der Gegensprechanlage ab. Als ich das Telefon gefunden hatte, meldete sich die Sicherheitsfirma.

"Alles in Ordnung bei Ihnen?"
"Äh, ja."
"Irgendwelche Vorkommnisse?"
"Äh, nein."
"Sicherheitscode?"
"Sicherheitscode?"

In letzter Sekunde fiel er mir wieder ein. Es war der Name einer deutschen Stadt.

Mir stand der Schweiß auf der Stirn. Aber Rausgehen ist leichter. Man gibt die Nummern des Sicherheitscodes ein und hat dann fünfzehn Sekunden, um rauszugehen und beide Türen abzuschließen. Aber da kann man vorher ausprobieren, welcher der Schlüssel die passenden sind. Und runter, da fährt der Aufzug auch ohne die Scheckkarte.




Gruppenbild in der Wohnung von Yoanne und Holger (links) mit Thalia und ihrem Mann (Mitte) und Monika (rechts), die bei der Wahrheitskommission arbeitet.

Sonntag, 18. Mai 2008

Üben für den Cotopaxi

Antje lebt seit zwei Jahren in Quito. Sie ist eine Kollegin aus der SZ. Im vergangenen Jahr haben waren wir ein Wochenende gemeinsam in den peruanischen Bergen wandern, als sie mit ihrem Mann Joachim dort auf Urlaub war.

Jetzt waren wir auch in Ecuador wandern. Joachim und sein Kollege Christian trainieren für den Cotopaxi. Der Vulkan ist fast 6000 Meter hoch.

So stapften Antje und ich auf 4000 Metern Höhe und bei anhaltendem Nieselregen von da, wo das Auto im Schlamm nicht mehr weiterkam, bis zu den Mojanda-Seen in erheblichem Abstand hinter den Männern her. Genau zur Brotzeit kam die Sonne durch. Und hinterher gingen wir noch ein Weißbier trinken. Eigentlich wie zu Hause.




Freitag, 16. Mai 2008

Harte Arbeit

Wer wollte nicht schon mal seinen Chef in Unterhosen sehen? Der Zivile Friedensdienst macht auch das möglich. Bei einer einwöchigen Versammlung in Puyo, an der die Chefs aus Bonn und die Kollegen aus Guatemala, Bolivien, Peru und Ecuador teilnahmen, gab es viele Arbeitsgruppen, noch mehr Diskussionen, ordentlich Bier, einen Besuch bei der Organisation der Amazonas-Indianer und einen Bootsausflug. Ein Einbaum kenterte. Es war just der mit dem Chef.


Puyo liegt auf 900 Metern in der Ceja de Selva, am Eingang zum Amazonas.
Wenn man sich nicht kennt, muß man sich vorstellen - die Kollegen aus Guatemala taten das ganz ohne Power-Point-Präsentation.
Das obligatorische Gruppenbild.
Wie man sieht: Harte Gruppenarbeit . . .
. . . die nur durch einen Ausflug unterbrochen wurde.
Und wer die Kanufahrt trocken überstanden hatte . . .
durfte sich hinterher in der heiligen Quelle erfrischen.
Bei der Confederación de las Nacionalidades Indígenas de la Amazonia Ecuatoriana (CONFENIAE) ging´s schon ein bisschen ernster zu. Die Amazonas-Indianer haben in die verfassungsgebende Versammlung die Forderung eingebracht, ihre Territorien autonom zu verwalten - inklusive der Bodenschätze. Seit klar ist, dass Präsident Rafael Correa davon nichts hält, haben sie ihm die Gefolgschaft aufgekündigt. Autonom verwalten heißt übrigens: Wer nicht zum Stamm gehört, hat kein Recht auf Mitsprache, und jeder Bewohner des Territoriums muss sich der indigenen Rechtsprechung unterwerfen. Das dürfte kein Spaß sein. Indigenas oder Stamm darf man übrigens nicht mehr sagen, da wurde ich scharf zurechtgewiesen. In Ecuador heißen die jetzt Nationen.
Außer diesem grimmig dreinblickenden Holzkerl gibt es am Sitz der Organisation nicht viel zu sehen. Die korrupten Führungsfiguren haben das Gebäude in den letzten Jahren komplett geplündert, und als keine Computer mehr da waren, haben sie die Kloarmaturen mitgenommen.
Der Besuch endete mit Fisch und Chicha de Yukka. Ich kann dieses säuerliche und je nach Gärungszustand alkoholhaltige Getränk aus Maniok, das traditionellerweise die Frauen zubereiten, indem sie die Wurzel zerkauen, nicht einmal mehr riechen, seit ich vor vier Jahren im Amazonas auf nüchternen Magen drei Kokosschalen davon trinken musste. Diesmal ließ ich den Becher einfach stehen. Meine Kollegin hingegen schüttete das Getränk in einem unbeobachteten Moment in die Wiese hinter sich. Es dauerte keine Minute, bis ihr jemand nachschenkte. "Nee, das mit den Indigenas, das liegt mir nicht so", sagte sie hinterher.

Freitag, 9. Mai 2008

Lucky Lark

Im Umkreis meiner Wohnung und des Büros gibt es geschätzte vierhundert Kramerläden. Es war schwer genug, die vier zu finden, die Lucky Strike verkaufen - also theoretisch. In der Praxis bin ich auf Lark umgestiegen.

Manchmal kam ich auch schon ganz ohne Glimmstengel in der Arbeit an. Ja, in Quito kann es passieren, dass die Zigaretten ausverkauft sind. Also alle Zigaretten, gleich welcher Marke. Der generelle Engpass ist dann zwar nach ein paar Tagen vorbei, Lucky Strike gibt es aber immer noch nicht, nicht mal in den vier Läden, die sie theoretisch verkaufen.

"Die Lucky, die kommen aus Venezuela", sagte die Krämerin irgendwann. "Und weil die Venezolaner die Steuern nicht bezahlt haben, stecken die Zigaretten an der Grenze fest."

Meine Hoffnung richtet sich nun ganz auf ALBA, der Alternativa Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América. Wird Zeit, dass Ecuador endlich dieser venezolanisch-cubanisch initiierten antiimperialistischen südamerikanischen Freihandelszone beitritt.

Auf der ALBA-Internetseite ist zu lesen, dass Venezuela gerade 600 Tonnen Harnstoff an Nicaragua geschickt hat und dass Ecuadors Präsident Rafael Correa immer noch überlegt, ob er mitmachen soll. Als gäb´s da noch was zu überlegen. Also, es müsste ja nicht gerade Harnstoff sein, so ein paar Lucky täten es auch...

Dienstag, 29. April 2008

Ein Leben in der Hängematte

Der Lokalbus setzte mich um sieben auf der Dorfstraße ab und bei der Anfahrt hüllte er mich in eine Staubwolke. Ich schlenderte im samstäglichen Morgenlicht an den Holzhütten, verrammelten Kiosken und geschlossenen Bars vorbei ans Meer. Hier putzte sich eine Dicke vor der Tür die Zähne, dort streunte ein Hund, und an der Ecke stand ein Alter und wartete auf Godot. Canoa war noch gar nicht richtig wach. Ich hingegen schon.

In dieser staubigen Straße hatte ich Silvester 2004 in Badelatschen durchgetanzt und mir Blasen am großen Zeh geholt. Und nun war ich wieder da. Am Ende der Strandpromenade stand immer noch das Casa Bambu. Ich spazierte durch das Holztürchen in den Garten. Der Wachmann saß einsam an einem der Tische im Sand und las in der Bibel. Die Küche war noch geschlossen, und ich legte mich in eine Hängematte zwischen die Palmen, mit Blick auf den Zaun aus Pflanzen, auf das Meer und die Steilküste am Ende der langgestreckten Bucht.
Und sofort war es wieder da. Dieses Gefühl, ich müsste aus dieser Hängematte nie wieder aufstehen. Dass plötzlich alles gut ist.

Dabei war die Anreise gar nicht so gut gewesen. Ich hatte mich in Quito am Vorabend um neun in den Bus gesetzt und war trotz des Lärms aus der Musikanlage, der kreischenden Babys und des Motorbrummens augenblicklich eingeschlafen. Als ich wieder aufwachte, war es immer noch finster, aber die Schwüle trieb mir den Schweiß unter T-Shirt, Pullover, Jacke, Halstuch und Regenjacke hervor. 2800 Meter Höhenunterschied machen sich bemerkbar. Und als ich die Brille aufsetzte und meinen schmerzenden Hals wendete, sah ich: Der Bus war halbleer.

Verschlafen stolperte ich zum Fahrerhäuschen. Der Ticketabreißer grinste mich an. „An San Vincente sind wir schon lang vorbei.“ Ich tastete mich zu meinem Platz zurück, zog all das überflüssige Zeugs aus, stopfte es in meinen kleinen Rucksack, da winkte der Ticketabreißer vorne hektisch. Ich stolperte zurück. „Hol Dein Gepäck und setz Dich hier neben den Fahrer. Wenn der Bus aus der Gegenrichtung kommt, kannst Du wechseln.“

Da saß ich also. Mit einer Knoblauchfahne vom Vorabend, wirren Haaren, Hunger und Durst, meinem Rucksack auf dem Schoß, auf einer Liegepritsche nebem dem Fahrer. Der dirigierte mit nacktem Oberkörper, einer Zigarette im Mund und ausladenden Bewegungen das Lenkrad, um den Bus in der Dunkelheit um die Schlaglöcher herum durch die kurvige und enge Sandpiste zwischen den grünen Hügeln zu lenken. Und freute sich über Unterhaltung.
Eine halbe Stunde lang schaukelten wir an schlecht erleuchteten Baracken, Bauern auf Eseln und kleinen Grüppchen an hölzernen Haltestellen vorbei, vor denen große Säcke standen. Ich hatte schon erklärt, wer ich bin, dass ich nicht heiraten will und auch nicht meine Telefonnummer hergebe. Da kam Gegenverkehr. Endlich, der andere Bus - und nichts wie raus. Eine Stunde dauerte es bis San Vincente zurück, dann noch eine halbe Stunde im Lokalbus. Und dann lag ich in der Hängematte.




Canoa war Canoa: Hängematte, ein bisschen Strandspaziergang, Schwimmen, Camarones in Kokossoße, gegrillter Fisch, Cebiche, Happy Hour um fünf, Sternenhimmel. Und Quatschen mit Debora, die zwischen Bogota und Buenos Aires eine zehntägige Stippvisite in Ecuador eingelegt hatte und schon einen Tag früher angereist war. Was will man eigentlich mehr?

Na ja, das nächste Mal würde ich mir gerne die Rückfahrt im Nachtbus ersparen. „Das war die schrecklichste Busfahrt, die ich je gemacht habe“, sagte Debora, als wir Montagmorgen übernächtigt am Bahnhof in Quito wieder ausstiegen. Und Debora ist hartgesottene Südamerika-Busfahrerin. Abhilfe? Fiele mir schon ein: einfach dortbleiben.



Sonntag, 20. April 2008

Ein Ort, um zu sein

„Quito, oder Kitu, war immer schon vor allem ein Platz, um zu sein, sich niederzulassen und zu leben, eine Mulde in einem Gebirgsrücken, die den Wolken nahe ist, ein immergrünes Stück Land mit fruchtbaren Weiden, mit Wäldern und Flüssen, die aus dem Pichincha hervorquellen, mit Früchten und Blumen, sanften Lagunen an beiden Muldenenden, zwei warmen Tälern in der Nähe, umgeben von sieben Wächtern des ewigen Eises, das sich mit den Wolken mischt, der Ort des ewigen Frühlings.“

Das ist eine sehr heimelige Beschreibung von Quito. Sie stammt aus dem Buch „Der Palast des Teufels“ des ecuadorianischen Schriftstellers Modesto Ponce Maldonado. Obwohl in der langgestreckten Mulde zwischen zwei Andenrücken auf 2800 Metern über dem Meer inzwischen drei Millionen Menschen leben, die Weiden zugebaut, die Wälder abgeholzt, die zwei Täler zersiedelt und die Gletscher am Schmelzen sind, so trifft diese Beschreibung doch ziemlich genau das Gefühl, das die Stadt in mir hervorruft.

Ich lebe im Nordteil in einer Einliegerwohnung, gegenüber einer Mall im US-amerikanischen Stil, in Sichtweite der deutschen Botschaft und neben dem Olympischen Stadion Atahualpa. Dieses ist benannt nach dem letzten Herrscher des Inkareiches, der 1533 in Cajamarca im Norden Perus nach mehrmonatiger Gefangenschaft von den Spaniern mit einer Würgschraube erdrosselt wurde. Von Atahualpa hat das Stadion aber ebensowenig wie von Olympia. Dafür verstärkt es einen Effekt, für den ich nun nochmal Modesto Ponce Maldonado bemühe.

„Vom zwölften Stock aus ist die Stadt wunderschön, aber es ist nicht die Stadt. Wer sie so betrachtet, tut das wie ein Gott und jene allgegenwärtigen Menschen, die in ihrer unbegrenzten Gleichgültigkeit die Welt von weitem betrachten, von ganz oben herab, und sie sehen die Stadt so, wie sie sie sehen wollen, durch die Farbe ihrer Fensterscheiben. Unten stehen die Menschen, die die Dinge sehen, wie sie sind, die sie frontal und mit offenen Augen betrachten. Im Erdgeschoss, in der Empfangshalle oder auf dem Bürgersteig beginnt die Stadt, anders zu sein.“

Das großzügige Einfamilienhaus, in dessen zweiten Stock ich wohne, gehört einem Zahnmediziner, der die Klinik im Nebenbau inzwischen seinen Kindern überschrieben hat, brav alle reklamierten Schäden repariert und mich ansonsten in Ruhe lässt. Wenn ich aber auf meine kleine Dachterasse trete oder das Metalltor unten zur Straße öffne, sehe ich direkt auf den Hintereingang des Stadions, an dem sonntags nach einer Niederlage die enttäuschten und betrunkenen Fans alle Schimpfwörter brüllen, die das Spanische hergibt - inklusive derer, die ich noch nicht kenne.

Die Wohnung bietet nicht diese fantastische Sicht auf die Mulde, in die sich Quito schmiegt, auf die Bergruecken gegenueber, an denen sich die Stadt hochzieht, auf die Vulkane. Die Moebel sind alt, der Teppichboden fleckig, der Strahl aus der Elektrodusche ein Rinnsal. Trotzdem ist sie etwas Besonderes: eigenwillig geschnitten, ruhig (außer nach Spielen) und sonnendurchflutet (wenn die Sonne scheint). Man koennte auch behaupten, diese Wohnung hat den Charme einer altmodischen Berghütte. Und in die Arbeit gehe ich zu Fuß.

Die Arbeit allerdings, die ist ein Reinfall. Ich kam an mit einem Vertrag über ganze drei Monate; einem Auftrag, der sich schon kurz nach der Ankunft als obsolet entpuppte; einem Chef, der kündigte und seinen letzten Arbeitstag hinter sich brachte am Tag, bevor ich begann; einem kommissarischen Nachfolger, der nicht da ist; einer jungen Studentin, meine einzige direkte Kollegin momentan, die ganztägig mit ihren Freundinnen chatet, im Büro ihre Universitätsarbeiten schreibt, oft mit ihrer Mama telefoniert und ansonsten nur tut, wofür sie vom kommissarischen Chef eine Anweisung bekommt. Aber der ist ja nicht da.

Die Institution, bei der ich arbeite, heisst Plasa. Es ist eine Arbeitsgemeinschaft aus 23 Organisionen, die sich in irgendeiner Form mit Umweltkonflikten beschäftigen - und seit vergangenem Oktober nicht mehr zusammengearbeitet haben. Ich spiele ein bisschen den Totengräber einer sterbenden Einrichtung und wundere mich, dass ich für so etwas tatsächlich gebraucht werde.

Wenn ich abends den Griffel fallen lasse, tue ich das, was ich in Quito schon vor vier Jahren tat: Ich pflege mein Sozialleben. Es gibt alte Freunde und neue. Sogar meine Friseuse, eine Kolumbianerin, hat mich nach vier Jahren wiedererkannt.

Bereits dreimal habe ich es in das kleine Programmkino Ochoymedio geschafft, in dem ich bei meinem letzten Aufenthalt schon oft saß. Den „Armen Teufel“ nebenan, eine stylische, aber gemütliche Jazzkneipe, gibt es auch noch. Im Ausgehviertel „La Mariscal“ hat sich wenig verändert - nur der Inder ist vier Haeuserblocks nach Sueden gezogen. Und im Stadtpark oben auf dem Hügel duften die Eukalyptusbäume nach dem Regen noch wie vor vier Jahren.

Vergangene Woche hoerte ich nebenan im Stadion das Konzert der mexikanischen Rockband Mana, waehrend der Vollmond auf das Fussballfeld schien und sich die Wolken wie ein Kranz um die Tribuene legten. Ich habe endlich mit Yoga angefangen. Und jetzt am Samstag gab´s die erste Party mit angenehm träge versandelten Nachfeierstunden am Sonntag.

Irgendwie fast wie daheim. Quito ist eben vor allem ein Platz, um zu sein.

Sonntag, 6. April 2008

Ein neues Zuhause















Montag, 24. März 2008

Die Hände des Protests


Vor vier und vor drei Jahren hatte ich schon mal versucht, das Museum des ecuadorianischen Malers Eswaldo Guayasamin in Quito zu besuchen, aber es hatte immer geschlossen. Beim dritten Anlauf jetzt hat es endlich geklappt - und es lohnt den mühevollen Aufstieg auf den Berg!
"Las manos de la protesta N13" sind aus dem Zyklus "Das Zeitalter der Wut" und in Ecuador an allen möglichen Hauswänden zu finden - Überbleibsel der heftigen Sozialproteste im Land, die 2005 zur Flucht des Staatschefs Lucio Gutiérrez führten und nach einem anderthalbjährigen Zwischenspiel von Alfredo Palacio zur Wahl des aktuellen Präsidenten Rafael Correa.

Donnerstag, 20. März 2008

Ein Komposthaufen im Spätherbst

Was ist eigentlich aus meinem Gepäck geworden? Wasti hat es dankenswerterweise am Münchner Zoll ausgelöst und dann folgende Mail geschrieben:

"Liebe Ursel,

so, Deine blauen Tonnen stehen im Keller. Sie auszulösen, war einfach, wenn auch etwas kurios. Der Frachtflughafen ist durchaus eindrucksvoll und sehr modern, der Zoll hingegen wie eine Behörde von ganz früher. Ein übellauniger, dicker, sehr bayerischer Beamter, den man sich hervorragend nach Feierabend im Bierstüberl "Beim Willy" vorstellen kann, wollte alles ganz genau wissen.

Eingangsabgabebefreiung? -
"Ja ham Sie denn an Eingangsabgabebefreiungsantrag g'stellt?"
"Nein, ich wusste nicht, dass es einen solchen gibt. Aber ich habe ja eine Eingangsabgabenbefreiung."

Er überlegte offenbar, wie man eine solche haben kann, wenn man keinen Eingangsabgabebefreiungsantrag gestellt hat.

"Ah so. Hmmm. Was habn'S da drin?"
"Diplomatengepäck!"
"Alles gebraucht?"
"Hausstand."
"Ah."

Dann hat er eine Zeitlang in seinen Computer geschaut und dann aber wirklich alle verschiedenen Stempel seines Stempelkarussells zum Einsatz gebracht. Aber seeeehr langsam. Derweil haben seine Kollegen im Hintergrund disktutiert, ob Kosovo jetzt noch Serbien sei, und wie man mit Waren von dort zu verfahren habe. Sie hatten davon soviel Ahnung wie von einer Eingangsabgabenbefreiung für Diplomatengepäck. Jetzt weiß ich, was Helmi manchmal mitmacht.

Zuhause habe ich dann festgestellt, dass alle Schlösser an Deinen Tonnen fachmännisch aufgebrochen waren. Sie hatten also schon einen tiefen Blick reingeworfen. Wahrscheinlich aber haben sie nicht weitergestöbert, weil es sie umgehauen hat. Einige Kleidungsstücke waren noch richtig feucht. In den Tonnen riecht es wie in einem Komposthaufen im Spätherbst, wenn die Schwammerl sprießen. Oder wie in einem Zeltsack, wenn man das Zelt im Urlaub bei Regen eingepackt und danach ein Jahr nicht aufgemacht hat.

Ich hab jetzt schon einen Schwung Deiner Sachen gewaschen, aber trotz literweise Weichspüler krieg ich den Muff nicht richtig raus. Muss ich mal alles auf den Balkon stellen, wenn es hier richtig warm und trocken ist . . ."

Meine 20 Kilo Habseligkeiten, die ich mit nach Quito genommen habe, riechen übrigens ähnlich - es hat mich schier umgehauen, als ich meinen Rucksack aufgemacht habe und mir die feuchte Luft aus Lima aus meinen Klamotten entgegenschlug . . .

Dienstag, 18. März 2008

Ministerin auf dem Müllberg




Das Heilige Tal ist eine Welt in Grau: Am Fuße der Wüstenberge säumen unverputzte Mauern aus hässlichen Betonziegeln die Sandpisten. Julia Sayán Mendoza öffnet die Tür zu ihrem Grundstück. Die 33-Jährige Slumbewohnerin hat heute ungewöhnlichen Besuch: Die deutsche Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Sie führt ihren Gast an der Hütte vorbei bis zur Außenmauer und deutet in den Nachbarhof. Dort liegt massenhaft Müll: Plastiksäcke, Schläuche, gebrauchte Kanülen und Spritzen. „Das ist Krankenhausabfall. Manchmal habe ich auch schon amputierte Arme entdeckt.” Die Ministerin aus Deutschland wendet sich entsetzt ab.


Das Heilige Tal ist ein unwirtlicher Ort am Nordrand von Perus Hauptstadt Lima, der zweitgrößten Wüstenstadt nach Kairo. Es ist eines von 52 Elendsvierteln im Distrikt Carabayllo und ein drastisches Beispiel für die Probleme des Landes. Die Ministerin besucht Peru in der Karwoche in Vorbereitung auf den Gipfel der europäischen und lateinamerikanischen Staatschefs, der von 13. bis 17. Mai in Lima stattfindet. Dort soll es um den Klimawandel gehen und die sozialen Probleme, die er in armen Ländern hervorruft. Von denen konnte Wieczorek-Zeul sich bei ihrem Besuch in der Neun-Millionenstadt Lima überzeugen: „Die Umweltprobleme Perus sind gravierend. Der Bergbau hinterlässt große Schäden in der Natur. Außerdem ist das Land besonders von extremen Wetterereignissen in Folge des Klimawandels betroffen. Die Anden-Gletscher schmelzen mit hoher Geschwindigkeit, Wüsten breiten sich aus.”

Umweltschutz aber genießt bislang keine Priorität, weder in Peru noch in den meisten anderen lateinamerikanischen Ländern. Es fehlen gesetzliche Regeln und Grenzwerte, der Staat kontrolliert fast nichts, und es fehlt auch der politische Wille, etwas zu ändern. Am meisten trifft das die, die in Armut leben und an denen das enorme Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre spurlos vorübergegangen ist. Deutschland und anderen Staaten dringen deshalb darauf, dass Länder wie Peru Umweltministerien einrichten „Dieses habe ich immer wieder deutlich gemacht, vor allem auch im Gespräch mit Ministerpräsident Jorge Del Castillo”, erklärte Wieczorek-Zeul nach ihrem Treffen mit dem peruanischen Regierungschef.

Die Länder der Europäischen Union sind die wichtigsten Geldgeber für Entwicklungsprojekte in Lateinamerika. Im vergangenen Jahrzehnt hat allein die EU 420 Millionen Euro in soziale Projekte investiert. Auf den Müllbergen von Lima sieht man, dass das bei weitem nicht ausreicht.

In den Elendsvierteln von Carabayllo gibt es weder Wasser noch Kanalisation oder Strom. Wer geregelte Arbeit hat, verdient weniger als hundert Dollar im Monat. Die meisten Bewohner sind noch keine zehn Jahre alt, wenn sie zu arbeiten beginnen. Jedes dritte Kind leidet an chronischer Unterernährung. Viele Menschen dort sehen keine andere Chance, als mit Abfallsammeln ihr Geld zu verdienen. Die Müllhalde liegt anderthalb Kilometer vom Heiligen Tal entfernt. Sie genügt nicht einmal peruanischen Vorschriften. Nachts holen die Müllsammler dort Plastiksäcke ab. Sie sortieren den Inhalt auf ihren Grundstücken, waschen Plastikhandschuhe, Schläuche und Spritzen aus, verpacken sie neu und verkaufen sie. Was nicht zur Wiederverwertung taugt, verbrennen sie an Ort und Stelle.


Außerdem wird in der Siedlung Blei aus alten Autobatterien geschmolzen und in Platten weiterverkauft. Und als wäre das noch nicht genug, klaffen zwischen den Siedlungen 50 Meter tiefe Löcher, aus denen Tonerde abgebaut wird – natürlich ohne Genehmigung.

Die Böden in Carabayllo sind mit Blei, Cadmium und Chrom verseucht. Die Kinder haben zwei- bis sechsmal so viel Blei im Blut wie die Weltgesundheitsorganisation zulässt. Auch die zwölfjährige Tochter von Julia Sayán Mendoza ist krank. „Am Anfang wussten wir gar nicht, was es ist. Kristel klagte über extreme Kopfschmerzen, blutete ständig aus der Nase, hatte Hautekzeme”, berichtet die Mutter. „Inzwischen wissen wir, dass die erhöhten Bleiwerte die Entwicklung unserer Kinder extrem schädigen.”

Das christliche Hilfswerk Misereor und lokale Organisationen unterstützen die Menschen. Der Bürgermeister hingegen schaut weg, genau wie das Gesundheits- und das Bergbauministerium. So hoffen die Menschen im Heiligen Tal, dass die Regierung ihr Versprechen wahrmacht und bald das Umweltministerium gründet, das sich ihrer annehmen soll.

Sonntag, 16. März 2008

Lima zum Letzten

Nur gut, dass ich mich schon vor zwei Wochen von Lima verabschiedet habe, denn bei einem solchen Umzug bleibt für Gefühlsduselei keine Zeit. Und da lassen wir die Sache mit dem Visum für Ecuador, dem Auflösungsvertrag für meinen Posten hier, der Flugbuchung, der Kontoauflösung, der Ausreisegenehmigung und allen sonstigen Kleinkram mal großzügig weg und nehmen wir doch als Beispiel einfach nur mein Gepäck. Ich hatte es unter Schmerzen und mit Mühe von drei auf zwei dieser blauen Tonnen reduziert, und die sollten nach Deutschland.

Die Probleme aber fingen schon an, bevor ich damit überhaupt am Frachtflughafen auftauchte.

Als ich Kontakt mit einer Dame von Lufthansa Cargo in Lima aufnahm, war die Antwort auf meine E-Mail relativ klar: Bis 99 Kilo Gesamtgewicht kostet das Kilo 4,85 Dollar, bei einem Gesamtgewicht über 99 Kilo kostet das Kilo 2,02 Dollar. Jede meiner Tonnen hat ein Volumengewicht von 34 Kilo, und da rechnete ich schnell aus, dass es mir billiger kam, drei Tonnen zu verschicken als zwei. Aber womit die dritte Tonne füllen? Ich ging also nochmal zum Einkaufen auf den Inkamarkt, holte aus den anderen Tonnen wieder was raus, füllte um.

Voraussetzung, dass ich meine „persönlichen Effekten“ durch den peruanischen Zoll bringe, sind laut Lufthansa Cargo: Kopie meines Dienstausweises vom Auswärtigen Amt, englische und spanische Inhaltsliste mit Wertangabe in dreifacher Ausfertigung und die Kopie meines Flugtickets.

Flugticket? A su madre, ich fliege doch gar nicht nach Deutschland! Ich rief wieder die Dame an. „Darf es auch ein Ticket nach Ecuador sein?“ – „Nein, sie müssen nach Deutschland fliegen!“ – „Hmmm. Genügt eine Reservierung?“ – „Ja, eine Reservierung genügt. Ist nur für den Zoll.“ Aufatmen. Ich ging ins nächste Reisebüro und ließ mir einen Flug nach Deutschland reservieren, den ich nie die Absicht hatte zu kaufen. Ich war gerüstet. „Montagmorgen um neun?“ – „Geht in Ordnung“, sagte die Dame von Lufthansa Cargo. „Frachtflughafen, Gebäude vier, zweiter Stock.“

Wie aber komme ich mit drei blauen Chemietonnen zum Frachtflughafen? Meine Auto hatte ich schon abgegeben. Mit so viel Gepäck konnte ich mich schwerlich auf die Straße stellen, um ein Taxi anzuhalten, das wäre geradezu eine Einladung für einen Überfall gewesen. Ich rief also die Zentrale eines sicheren Taxiunternehmens an.

„Ich brauche was mit viel Stauraum.“ – „Klar, wir schicken ihnen eine Camioneta.“ Am anderen Morgen aber stand nicht der versprochene Pick-up vor meiner Hostaltür, sondern ein gasbetriebener Kombi, dessen halber Kofferraum schon mit der Gasflasche voll war. Na ja, wir kriegten die Tonnen trotzdem irgendwie rein. Also, was heißt wir? Das war der faulste Taxifahrer, den ich je gesehen habe.

Am Eingang zum Gelände des Frachtflughafens schickten sie uns irgendwohin, im Irgendwo lud ich die Tonnen aus, zahlte den Taxifahrer, und da hatte ich das nächste Problem: Wenn ich jetzt da rauf in ein Büro muss, kann ich die drei Tonnen ja schlecht unterm Arm mitnehmen. Stehen lassen? Einem der herumlungernden Typen vertrauen?

Ich überlegte noch, da hatte einer mit Sackkarre die Tonnen schon an sich genommen und ein anderer redete auf mich ein. Ich war etwas übernächtig, genau im richtigen Zustand, um die Dinge geschehen zu lassen, ohne mich aufzuregen. „Das Büro ist gar nicht hier, Du musst da hinten hin“, sagte schließlich der Vielredner nach einem Telefonanruf.

Ich latschte also dem mit der Sackkarre ungefähr einen Kilometer lang hinterher bis zu einer großen Rampe an einem noch größeren Gebäude, wo ein Haufen Männer herumstanden und liefen, ohne dass ich darin einen Sinn erkannte. Der mit der Sackkarre deutete auf den zweiten Stock. „Ich warte hier auf Dich.“ Ich gab ihm, als hätte ich in dem Jahr hier nichts dazugelernt, das Trinkgeld, und als ich eine halbe Stunde später aus dem Fenster des Büros im zweiten Stock schaute, standen meine Tonnen einsam und unbewacht zwischen den Lieferwagen an der Rampe.

Ich war zu schläfrig, um mich zu beunruhigen und wandte mich wieder der Dame im Büro zu, die mir gerade mit vielen Fachausdrücken erklärte, was ich alles tun müsse. Gepäckführer, Airwaybill, Formulare, ich verstand nur Bahnhof, und so schaute ich wohl auch. „Wollen sie einen Tramitador?“, fragte sie schließlich mitleidig. Ich flehte: „Bitte!“ Sie machte einen Telefonanruf. Er käme gleich.

Ich nutzte die Gelegenheit für eine zaghafte Frage. „Sagen Sie, kann ich meine blauen Tonnen da unten eigentlich einfach so stehen lassen?“ – „Wie? Um Gottes willen!“, rief sie, lief aus dem Büro hinaus, begutachtete die Situation von oben und schickte mich sofort hektisch zur Rampe hinunter. Ich wartete also neben meinen blauen Tonnen auf meinen Tramitador.

Die meisten Behördengänge in Peru sind so kompliziert, dass ein 0815-Bürger, auch wenn er lesen und schreiben kann, jemanden braucht, der diese für ihn erledigt. Und tatsächlich, als der kleine dickliche Mann mit der Hornbrille auftauchte, war plötzlich alles ganz einfach, auch wenn er ununterbrochen in einem Haufen Zettel herumwühlte und ständig immer wieder neue Kopien von meinen Unterlagen machte und immer wieder ein neues Formular hervorholte und mich immer wieder an einen neuen Schalter in einem neuen Gebäude schickte. Ich tat, was er anwies, latschte mit, unterschrieb, buchstabierte, und am Schluss zahlte ich ihn, ohne zu murren.

Nur in die Gepäckkontrolle, da musste ich alleine hinein. Aber die drei Jungs in Uniform öffneten nur eine der Tonnen, und auch der Drogenhund fand nichts, und meine Gepäckliste enthielt nichts Verdächtiges, so dass auch das in Rekordzeit erledigt war. Fand der Tramitador. Ich hingegen fand, dass fast fünf Stunden doch ein bisschen viel für so ein bisschen Zoll für so ein bisschen Gepäck sind.

Es war wirklich nur ein bisschen. Ich hatte zwar 100 Kilogramm angegeben und dafür 202 Dollar berappt. Aber Volumengewicht kennt man in Peru gar nicht. Laut Zollwaage waren es tatsächlich nur 88 Kilo - aber das fiel bei Lufthansa Cargo Gottseidank niemandem auf.

Samstag, 15. März 2008

Regen? Regen!!

In Lima regnet es nie. Das steht in jedem Reisefuehrer. Das erzaehlt jeder Limeñer. Das habe ich auch geglaubt. Bis zum Abends des 23. Februar, als ploetzlich dicke Tropfen vom Himmel fielen. Ich war gluecklich uber die Ausnahme von der Regel.

Ausnahme? Regel? Nichts ist, wie es sein sollte. Heute regnete es schon wieder - zum fuenften Mal in diesem Jahr. . .

Dienstag, 4. März 2008

Abschied aus Lima

Wieder einmal Abschied, Unbehaustheit, Übergang. Wieder einmal eine Zeit, in der ich fast alles, was ich mache, zum letzten Mal mache.


Ich saß zum letzten Mal auf meinem Balkon und genoß mit einem Cuzqueña-Bier den Sonnenuntergang. Ein Jahr lang hatte ich jeden Abend beobachtet, wie dieser gleißende Ball in den Pazifik sank, anfangs genau zwischen den zwei Palmen am Hochufer, dann zwischen zwei Hochhäusern und später über der Brücke an der Steilküste, bis am Ende wieder die ursprüngliche Konstellation erreicht war. Der Sonnenuntergang war ein Jahr lang jeden Abend anders, jeden Abend neu und fast immer spektakulär.


Dann packte ich wieder mal meine sieben Sachen in meine drei blauen Tonnen, trennte mich von alten Zeitungen, liebgewonnenem Kleinkram und selbst gesammelten Muscheln und räumte die Wohnung leer. Die peruanische Vermieterin in der Schweiz hatte erst großmütig getan und meinen gesamten Hausstand erwerben wollen. Kurz vor Ablauf des Jahresvetrags aber kündigte sie eine 50-prozentige Mieterhöhung an und erkärte ihr Interesse an Butterdose und Gurkenraspler. Ich nahm dankend Abstand.


So stapelte ich also Teller und Töpfe, Luftentfeuchter und Wasserfilter im Kofferraum. Inzwischen habe ich fast alles verkauft, das Geschirr an den Wirt des kleinen familiären Hostals in der Parallelstraße. Dort hatte ich vor dreieinhalb Jahren meine Limeñer Nächte verbracht und dort schlafe ich jetzt in einem Vierbettzimmer. Diesmal aber bin ich in dieser seltsamen Traveller-Welt wie ein kleiner verschreckter Urzeitvogel gelandet, der nicht weiß, was er mit der Bewunderung anfangen soll, die dort jemandem entgegenschlägt, der durch Peru nicht nur durchgefahren ist. Eine völlig neue Erfahrung.


Das Kontrastprogramm dazu war die Vollversammlung in der vergangenen Woche in einem Luxushotel außerhalb der Stadt, wo ich zum letzten Mal meine deutschen Kollegen aus der peruanischen Provinz gesehen und mir mal wieder die Flöhe geholt habe. Weil ich einen Rock anhatte, fühlen sich zur Abwechslung diesmal meine Pobacken an wie Streuselkuchen. Dummerweise kann man sich an dieser Stelle so schlecht in der Oeffentlichkeit kratzen.


Am vergangenen Sonntag dann saß ich wahrscheinlich zum letzten Mal unten am Waikiki, dem Strand von Miraflores. Dort lauschte ich der Sinfonie der in den stürmischen Wellen zurückrollenden Kieselsteine, blinzelte in das diffuse Sommersonnenlicht und machte unter der dünnen Hochnebeldecke tausende Kilometer vor mir den Horizont aus. Ich versuchte mir dieses mit Musik und Faulgeruch und Erinnerungen unterlegte Gemälde für immer einzuprägen und vergaß dabei ganz die aus dieser Perspektive geisterhaft anmutende Parallelwelt der Neunmillionenstadt oben in meinem Rücken.


Und während ich vor mich hinträumte, fraß plötzlich eine heranrollende Nebelbank den Horizont, warf eine besonders schäumende Welle eine Muschel auf die Steine, die sofort von einer Möwe ausgepickt wurde, und ich stand auf und ging und ließ sie einfach zurück: die Inselspitzen vor Callao im Norden und die Bucht und die Anhöhe von Chorillos im Süden und die hölzerne Rosa Nautica im Wasser vor mir, in der es eine Speisekarte ohne Preise für die Frauen gibt; die Tablistas, die auf dem Meer tanzten, und den Kiosk, den letzten vor Tahiti, der in Flaschen abgefülltes Leitungswasser als Mineralwasser verkauft. Ich stieg die Stufen nach Miraflores hinauf mit dem selben nostalgischen Gefühl, mit dem ich dreieinhalb Jahre zuvor mit Blick auf die Hochhäuser an der Steilküste gesagt hatte: „Dort will ich mal wohnen!“

Abschied ist manchmal wie ein Film, der rückwärts läuft.


Anderntags war ich dann zum letzten Mal im DED-Büro, um Laptop und Auto zurückzugeben und die Endabrechnung zu machen und irgendwelche Sach-, End- und Abschlussberichte abzuliefern und zu klären, wann ich nun eigentlich wohin fliege. Aber aus dem kurzfristigen Deutschlandbesuch wird nun doch nichts, und meine Karibikpläne habe ich auch nochmal verschoben. Ende Januar bekam ich unverhofft ein Angebot des DED in Ecuador für einen Dreimonatseinsatz, das ich, ohne lange zu überlegen, annahm. Ich soll in Quito in Zusammenarbeit mit einer Universität eine Fortbildungsreihe konzipieren für Hochschulabsolventen und Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen, die sich mit Umweltkonflikten beschäftigen.

Und so sind diese Tage nicht nur Abschied. Sie sind auch Vorfreude auf ein Wiedersehen. Gruendonnerstag fliege ich.